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"Wer gibt hier den Ton an?" Warum Gender Imbalance nicht egal ist

In einem Gastbeitrag für MusikWoche untersucht Rike van Kleef, wie es um das Gender-Gleichgewicht in der Musikbranche steht. In Teil eins zeigt sie auf, warum sich Menschen in der Branche mit ­gender-balanced und gender-gerechtem Booking beschäftigen sollten, bevores dann im zweiten Teil um konkrete Handlungsempfehlungen gehen wird.

04.11.2022 16:30 • von Jonas Kiß
Nur 10,2 Prozent der Headline-Slots hatten einen Frauenanteil: Die 2019 am Ticketverkauf gemessen fünf größten Festivals (Bild: Rike van Kleef: "Wer gibt hier den Ton an"_Montage: MusikWoche)

In einem Gastbeitrag für MusikWoche untersucht Rike van Kleef, wie es um das Gender-Gleichgewicht in der Musikbranche steht. In Teil eins zeigt sie auf, warum sich Menschen in der Branche mit ­gender-balanced und gender-gerechtem Booking beschäftigen sollten, bevores dann im zweiten Teil um konkrete Handlungsempfehlungen gehen wird.

Triggerwarnung: In diesem Artikel wird Sexismus, Diskriminierung und unter anderem auch sexualisierte Gewalt besprochen.

Disclaimer: Der folgende Artikel bezieht sich auf Abschnitte meiner Abschlussarbeit. In der Arbeit wurde »Nicht-Binär/Genderqueer« als Überbegriff für Menschen gewählt, die sich nicht innerhalb der Binarität von Mann und Frau wiederfinden. Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl weiterer Geschlechter. Ich habe versucht, in meiner Untersuchung auch die Lebensrealitäten von und Bedingungen für nicht-binäre/genderqueere und trans Menschen einzubeziehen und darzustellen. Leider ist mir dies auf Grund von fehlenden Datensätzen nicht immer gelungen. Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf.

__TEIL 1 - WARUM GENDER IMBALANCE NICHT EGAL IST

Diesen Sommer gab es Schlagzeilen. Was FLINTA (Akronym für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und a-gender Personen) schon lange wissen, schwant so langsam auch den Feuilletons: Die Musikbranche ist durchzogen von gender-basierter Diskriminierung und Sexismus.

Ich spreche schon länger offen über Diskriminierungserfahrungen und häufig werden mir meine Erfahrungswerte, sei es im Zwiegespräch, auf Panels oder in meiner Arbeit mit fæmm, als gefühlte Wahrheiten abgesprochen. Ich solle mich mal nicht so haben. Oder ich bilde mir etwas ein. Ja, damals war das vielleicht noch ein Problem, aber heutzutage hätten ja alle die gleichen Chancen. Es ginge ja nur noch um Qualität. Summa summarum: FLINTA sind einfach selbst daran schuld, wenn sie weniger erfolgreich und sichtbar sind. Um eine Datengrundlage zu schaffen und diesem professionellen Gaslighting etwas entgegenzusetzen zu können, habe ich mich dieses Frühjahr wissenschaftlich mit der Thematik auseinandergesetzt und mir das Gender-Imbalance deutscher Festivalbühnen angeschaut. Eine sehr verknappte Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Erhebung wurde kürzlich bei Höme veröffentlicht. Zur Einordnung, hier ein paar Kennzahlen:

2019 wurden auf den am Ticketverkauf gemessen fünf größten Festivals lediglich 27,2 Prozent der Programmpunkte mit Bands/Künstler*innen besetzt, die zumindest eine Frau oder nicht-binäre/genderqueere Person innerhalb der Kernbesetzung aufweisen konnten. Nur 10,2 Prozent der Headline-Slots hatten einen Frauenanteil.

Und in absoluten Zahlen standen 15,35 Prozent Frauen, 0,89 Prozent nicht-binäre/genderqueere Künstler*innen (Anmerkung: Das Fusion-Festival war das Einzige von mir betrachtete Festival mit offen nicht-binären/genderqueeren Künstler*innen im Line-Up) und 83,76 Prozent Männer auf den Bühnen der untersuchten Festivals.

Zusammenfassend kann also bestätigt werden: Es gibt ein starkes Ungleichgewicht bezüglich der Repräsentanz und Sichtbarkeit der Geschlechter auf den untersuchten Festivalbühnen.

Nach Veröffentlichung eines Ausschnitts der Studie erreichte mich, neben den wenig überraschenden, üblichen Beleidigungen gewisser Randgruppen, auch das klassische Narrativ: Wen interessiert's? Ist doch egal. Dann sind FLINTA-Musiker*innen halt nicht gut genug. Hier geht es um Angebot und Nachfrage. Entscheidend sei die Qualität.

Ich möchte daher in diesem ersten Artikel noch einmal ausführlicher darauf eingehen, warum Gender-Balance eben doch relevant ist und warum das vermeintlich objektive Angebot-Nachfrage-Narrativ etwas zu kurz greift.

__Wir würden ja, aber es gibt halt keine FLINTA-Musiker*innen ...

Zu allererst möchte ich mit dem Mythos aufräumen, es gäbe einfach keine FLINTA-Musiker*innen. Da es keine vollständigen Erhebungen über die Anzahl der Musiker*innen in Deutschland gibt, möchte ich auf ein paar Indizien hinweisen: Durchschnittlich betrachtet wurden zwischen 1994 und 2015 an deutschen Universitäten, Musik-Hochschulen undsoweiter. sogar mehr Frauen musikalisch ausgebildet als Männer. Auch in der Künstlersozialkasse (sic!, KSK) waren im Jahr 2014 jeweils annähernd gleich viele männliche und weibliche Personen als Unterhaltungsmusik-Sänger*innen versichert. Anders sahen die Verhältnisse unter Jazz- und Rockmusiker*innen, Tanz- und Popmusiker*innen und Diskjockeys und Alleinunterhalter*innen aus. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass die KSK Hürden bereithält, um in die Versicherung aufgenommen zu werden. Hürden, die marginalisierte Personen vermutlich stärker betreffen. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass nicht alle in Deutschland lebenden Musiker*innen bei der KSK versichert sind und die tatsächliche Anzahl von Musiker*innen in Deutschland abweicht.

Ein Praxis-Beispiel bietet die »Frauen ins Line-up«-Kampagne. Gemeinsam mit der Plattform Höme - Für Festivals befragte fæmm 2020 im Zuge des »Festival für Festivals« Teilnehmer*innen dazu, welche Frauen sie in der nächsten Saison auf den Bühnen der Republik sehen wollen. Aus hunderten von Beiträgen mit Künstler*innen jeglichen Bekanntheitsgrades und Genres entstand eine Playlist, die unter dem Titel »Frauen ins Line-Up« auf Spotify gefunden werden kann.

Ferner kann meine persönliche Berufserfahrung mitnichten bestätigen, dass es einfach keine guten FLINTA-Musiker*innen gäbe. Wer heutzutage keine talentierten FLINTA-Musiker*innen »findet«, war meiner Meinung nach zu faul, zu suchen. Warum diese gegebenenfalls gefunden, aber nicht gebucht werden, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

__Ja gut, aber ich buche halt nach Geschmack, wer da steht, ist doch eigentlich egal...

Aber zurück zu der Frage nach der Relevanz. Bevor ich auf die branchenspezifischen Argumente eingehe, möchte ich einmal auf unsere Verfassung verweisen, unseren gesellschaftspolitisch und moralisch kleinsten gemeinsamen Nenner. Unser Grundgesetz versichert das Recht auf Gleichstellung und stellt sich Diskriminierung entschieden entgegen. Ruth Sandforth und Friederike Wapler beschreiben in ihrem Text für die Studie »Kultur in Frauen und Medien. Ein Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge«, dass die Gesetzgeber*innen sogar nachjustierten, da sich die ursprüngliche Formulierung von 1949 angesichts der massiven »tatsächliche soziale und materielle Ungleichheiten« als recht zahnlos erwies. So unterliegt der Staat gemäß Art. 3 Abs. 2 GG dem Auftrag, die »tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin «. Was sich vermeintlich erstmal trocken liest, hat entscheidende Bedeutung für unser Leben. Schließlich ist die Verfassung der grundlegende Vertrag unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Einbindung marginalisierter Geschlechter in alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ist kein »nice-to-have« und keine »Almose«, sondern schlicht nichts anderes als ein Verfassungsauftrag. Auch wenn Frauen und Männer juristisch betrachtet einander gleichgestellt sind, hinkt die Umsetzung bis heute. So werden Arbeit und Einkommen, und daraus resultierend Macht und Einfluss, immer noch ungleich verteilt. Männer und Frauen unterliegen noch immer unterschiedlichen Erwartungshaltungen, Normen, Praxen. Dabei werden diese gesellschaftlichen Spielregeln nach wie vor insbesondere von Männern definiert. Auch innerhalb der Musikbranche bewegen sich marginalisierte Geschlechter in einem, wie Sandforth und Wapler es nennen, »von männlicher Dominanz geprägten Raum«. Wenn nicht repräsentative Bühnenprogramme und fehlende Repräsentanz und Sichtbarkeit von FLINTA ein Resultat von fehlender Gleichbehandlung und Gender-Diskriminierung sind, dann ist es verfassungsgegebenes Recht, dass dieser strukturellen Diskriminierung entgegengewirkt wird. Das gilt insbesondere für Institutionen und Veranstaltungen, die dem öffentlichen Vergaberecht unterliegen oder durch öffentliche Mittel gefördert werden. Neben dem Grundgesetz ergeben sich der rechtliche Schutz und die Förderung von Gleichstellung innerhalb der Privatwirtschaft aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Dieses Gesetz ist eine direkte Folge der EU-Rechtsvorgaben. Und da aktuell wieder sehr viel über Freiheit gesprochen wird. Auch das Streben nach Chancengleichheit und die Verankerung von Gleichberechtigung im Grundgesetz fußen auf einer Vorstellung von persönlicher Freiheit: Dass es jedem Individuum frei steht, sich frei zu entfalten - ohne durch Diskriminierung fabrizierte Hürden. Für die Branche direkter greifbar ist wohl das Fördermittel-Argument. Insbesondere durch die Covid-19-Pandemie und die daraus entstandene Krise in der Veranstaltungsbranche sind erhebliche Summen an Steuergeldern als Fördermittel in Kulturveranstaltungen geflossen. Bis Ende 2020 waren das für das »Neustart Kultur«- Programm der Bundesregierung allein 900 Millionen Euro. Wie im letzten Abschnitt geschildert, ist es Auftrag des Staates, aktiv auf die Gleichstellung der Geschlechter hinzuwirken. Das gilt auch für die finanzielle Förderung privatwirtschaftlicher Akteur*innen. Weiterhin könnte argumentiert werden, dass mit Erhalt öffentlicher Gelder ein gewisser Bildungs- und Kulturauftrag einher geht und dieser die gleichberechtigte Förderung und Repräsentanz aller Geschlechter beinhaltet.

__Das Sichtbarkeits-Perpetuum-Mobile

Mit einem Festival-Auftritt geht eine enorme Sichtbarkeit einher. Das gilt insbesondere für große Festivals mit hohen Besucher*innenzahlen und entsprechender medialer Präsenz. Wenn FLINTA systematisch von diesen Festivals weniger oder nicht gebucht werden, kann sich das also sogar in doppelter Hinsicht negativ auf die Karrieren dieser Personen auswirken. Denn den FLINTA fehlen nicht nur die Sichtbarkeit, Spielpraxis und Auftrittsmöglichkeiten, sondern gleichzeitig entwickeln sich die Karrieren männlicher Musiker weiter, die dann den FLINTA-Künstler*innen gegenüber wiederum bessere Voraussetzungen haben, um wieder gebucht zu werden, wodurch sich die Chancenungleichheit weiter zementiert. Auch für nachwachsende Musiker*innen und Kulturschaffende ist die Frage nach Sichtbarkeit keineswegs irrelevant. Im Englischen gibt es den Ausspruch: »If you can see it, you can be it«. Wenn gewollt ist, dass FLINTA wie von der Verfassung vorgesehen, gleichberechtigt teilhaben können, dann müssen FLINTA sehen, dass diese Möglichkeiten für sie auch gegeben sind. Dafür muss es diese Möglichkeiten zum einen auch tatsächlich geben. Dazu braucht es aber ohne Zweifel auch starke Vorbilder. Die These: Wenn junge Mädchen und nicht-binäre/genderqueere Kinder selbst selten bis nie weibliche und nicht-binäre/genderqueere Musiker*innen sehen und keine Identifikationsfiguren haben, wird dies dazu führen, dass weniger Mädchen und nicht-binäre/ genderqueere Kinder selbst ein Instrument erlernen und Musiker*in werden.

__Die ewige Frage nach der Qualität

Ich habe lange überlegt, wie ich auf dieses «Argument« nach vermeintlicher objektiver Qualität eingehe. Denn es gibt sehr wohl Vermutungen, dass divers besetzte Teams zum Beispiel besser zusammenarbeiten. Aber den Menschen, die dieses Totschlag-Argument vorbringen, geht es in der Regel darum zu verargumentieren, weswegen es total nachvollziehbar sei, dass insbesondere Männer auf Bühnen stehen. O-Ton: «Männer sind halt besser, und es gibt weniger gute FLINTA-Personen, und die müssen sich einfach ein bisschen mehr anstrengen, und dann klappt das auch mit dem Booking.« Dabei frage ich mich, was für ein Verständnis von Qualität hier angelegt wird? Das Schöne an unserer Kunstfreiheit ist, dass es keine festgelegten Messkriterien für Qualität gibt. Sehr wohl ist es aber so, dass sich der wirtschaftliche Erfolg und die Sichtbarkeit von Kunst und Kultur nicht von gesellschaftlichen Normen, Vorstellungen und Maßstäben trennen lässt. Eine Gesellschaft, in der das Männliche als die Norm gilt und das Weibliche und das Queere nach wie vor geothered, also als das Andere und Außenstehende wahrgenommen wird, wird regulär Kunst und Kultur von Männern bevorzugt und bekräftigt unterstützt. Oder anders formuliert: Frauen und andere marginalisierte Geschlechter können sich erst dann frei entfalten und die Qualität ihrer Arbeit kann erst dann tatsächlich wahrgenommen werden, wenn die Dominanz von cis Männern und das damit einhergehende Othering gebrochen wird. FLINTA können erst dann gleichberechtigt an der Gesellschaft und der Musikbranche teilnehmen, wenn sie sichtbar gemacht und dadurch als selbstverständlicher Teil der Branche wahrgenommen werden. Womit sich wiederum der Kreis zum Verfassungs-Argument schließt. Das Absurde ist, dass es wie erwähnt eine große Anzahl gut ausgebildeter Frauen innerhalb der Musikbranche gibt, sie sind nur offenbar weitaus weniger sichtbar (für andere marginalisierte Geschlechter fehlen leider wieder Daten).

__We have to talk Money

Viel besprochen, aber nach wie vor nicht überwunden: der Einkommensunterschied zwischen verschiedenen Geschlechtern, auch Gender Pay Gap genannt. Ja, es ist kompliziert. Aber Gabrielle Schulz fasst es dennoch einfach zusammen: »Frauen erzielen nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt geringere Einkommen als Männer«. Dies lässt sich in verschiedenen Studien, zum Beispiel der Studie des Deutschen Kulturrat e.V., aber auch an den Durchschnittseinkommen der KSK-Versicherten nachvollziehen. Hier ein paar konkretere Zahlen dazu:

Verdienten Männer im Jahr 2013 durchschnittlich 13.329 Euro und Frauen 10.231 Euro, so lag die Einkommens-Differenz bei 3.098 Euro (KSK - Versicherte Berufsgruppe Musik).

Im Jahr 2019 verdienten Männer durchschnittlich 16.110 Euro, während Frauen 12.091 Euro verdienten. Das macht eine Einkommens-Differenz von 4.019 Euro beziehungsweise einem Drittel des weiblichen Gehalts!

Auch die Einkommensentwicklungen unterscheiden sich. Während die Einkommen der Männer durchschnittlich zwischen 2013 und 2019 um 2.781 Euro gestiegen sind (20,86 Prozent des männlichen Gehalts von 2013), waren es bei den Frauen nur 1.860 Euro (15,38 Prozent des weiblichen Gehalts von 2013).

2014 lag die Einkommensdifferenz zwischen weiblichen und männlichen Versicherten innerhalb der KSK in der Berufsgruppe Musik bei durchschnittlich 29 Prozent. Hier war sogar ein zweiprozentiger Anstieg im Vergleich zum Jahr 2010 zu verzeichnen.

Die männlichen Sänger der Sparte Pop, Rock, Jazz, Unterhaltung verdienten 2019 durchschnittlich 20.086 Euro, während die Frauen 13.048 Euro verdienten. Das ist eine gravierende Diskrepanz von 7.038 Euro. Oder anders: Die ­männlichen Sänger dieser Sparte verdienten 2019 53,94 Prozent mehr als Frauen!

Ich vermute, dass die großen Unterschiede in den durchschnittlichen Jahreseinkommen zwischen den Geschlechtern auch etwas mit der Besetzung der Bühnenprogramme zu tun haben. Denn wenn Musiker*innen, insbesondere FLINTA-Musiker*innen, weniger häufig gebucht werden und somit weniger oder keine Auftritte spielen, dann verdienen sie auch weniger oder kein Geld mit Auftritten. Wenn die Auftritte strukturell schlechter bezahlt werden oder die Personen auf Positionen gebucht werden, die schlechter bezahlt werden (etwa weil sie keine sogenannten Headline-Programmpunkte besetzen), dann verdienen sie weniger Geld. Eine solche Ungleichbehandlung könnte ein Faktor sein, der ein Gender Pay Gap unter Musiker*innen begünstigt. Dieses Phänomen, also dass Frauen unter anderem weniger gebucht werden, wird auch als Gender Show Gap bezeichnet.

Das geringere Einkommen führt wiederum dazu, dass Frauen (und vermutlich andere marginalisierte Geschlechter, für deren Einkommen hier leider keine Daten vorlagen) weniger Ressourcen haben, um sich um ihre musikalische Weiterentwicklung und Karriere zu kümmern. Etwa weil Zeit in einen weiteren Job investiert werden muss, um die eigenen Lebenshaltungskosten zu decken, oder weil Geld für Investitionsmaßnahmen in die eigene Karriere fehlt. Auch dies könnte wiederum in geringeren Aufstiegschancen resultieren, was dazu führen könnte, dass es für Frauen (und gegebenenfalls andere marginalisierte Geschlechter) schwieriger wird, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen und besser bezahlt zu werden, woraus sich wiederum geringere Einkommen ergeben. Es bleibt ein Teufelskreis, der Frauen (und gegebenenfalls andere marginalisierte Geschlechter) dazu zwingt, unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben.

__Der (Noten-)Schlüssel zwischen den ­Fingerknöcheln

Was haben dunkle Heimwege, cis-männlich dominierte Bühnen-Line-up's und Kameras auf Dixi-Toiletten gemeinsam? Richtig, 1. pauschal betrachtet sind diese Tatsachen auf Männer zurückzuführen und 2. sie führen dazu, dass öffentliche Räume unsicherer für FLINTA werden. Auch wenn Festivals manchmal wie utopische Möglichkeitsräume anmuten, sind sie dadurch nicht automatisch ein sicherer Raum. So wurde 2020 beispielsweise bekannt, dass ein Mitarbeiter des Festivals »Monis Rache« Kameras auf Toiletten installiert hatte und die Aufnahmen anschließend über eine Pornografie-Plattform verbreitete. Kurz nach Bekanntwerden des Falles »Monis Rache«, mussten ähnliche Vorwürfe gegen einen Täter auf dem Fusion-Festival erhoben werden: Er hatte heimlich in den Duschen gefilmt.

Im letzten Jahr hat die Festivalplattform Höme - Für Festivals die Ergebnisse der bisher größten europäischen Festivalumfrage, bei der 37.000 Besucher*innen befragt wurden, vorgestellt. Dabei kam unter anderem heraus, dass sich eine von zehn Personen nicht sicher fühlt. Um das in Relation zu setzen: Hochgerechnet bedeutet das, dass sich von den 120.000 Besucher*innen des in meiner Arbeit betrachteten BigCityBeat World Club Dome-Festivals gegebenfalls 12.000 Personen nicht sicher gefühlt haben. Aber das Thema Sicherheit betrifft nicht nur Besucher*innen. Eine Studie zum Thema Diversität und Inklusion in der elektronischen Musikindustrie, die 2020 auf dem Amsterdam Dance Event vorgestellt wurde, hat ergeben, dass 61 Prozent der Frauen, die sich als Minderheit in der Industrie fühlen, über Mobbing und Belästigung im Arbeitskontext berichten. Nur 43 Prozent der befragten Frauen fühlten sich ernst genommen (unter den Männern fühlten sich 100 Prozent der Befragten ernst genommen). 76 Prozent der befragten Frauen hatten das Gefühl, wie «einer der Jungs« auftreten zu müssen. Sarah Hildering, CEO von Ledo Music, kommentiert dazu: »The relationship between diversity and inclusion, and sexual harassment within a company and within the industry that a company operates in, is well-known and has been broadly researched. The two really can't be looked at and discussed as if they are independent variables of one another«.

Immer wieder berichten insbesondere FLINTA von sexistischen An- und Übergriffen und sexualisierter Gewalt. Einen guten Einblick bietet beispielsweise die Instagram-Seite @iam_a_dj, die Berichte sexistischer Angriffe und sexualisierter Gewalt gegenüber FLINTA-DJs sammelt und anonymisiert veröffentlicht.

Wenn die Einbindung und Sichtbarkeit von FLINTA in der Musikindustrie auf und hinter der Bühne in direktem Zusammenhang mit der Anzahl von An- und Übergriffen in eben jener Szene steht, dann ist es also auch eine Frage von Sicherheit, die Repräsentanz und Sichtbarkeit marginalisierter Geschlechter zur erhöhen.

Über die hier genannten Argumente hinaus gibt es noch einige andere. Beispielsweise, dass fehlende Chancengleichheit potenzielles ökonomisches Wachstum und andere Ressourcen verschenkt oder dass sich der Höme-Festivalumfrage nach das Publikum zunehmend diversere Line-up's wünscht. Darüber hinaus ist es absolut möglich, gendergerechter zu booken.

Es gibt also viele Argumente, die für Gender-Gerechtigkeit sprechen. Ein weiterer persönlicher Grund? Ich bin ungeduldig. Ich bin nicht bereit, noch 132 Jahre zu warten. Es ist nicht gerechtfertigt, dass FLINTA-­Personen 2022 immer noch Türen verschlossen werden. The future is now.

Text: Rike van Kleef

_zur Autorin

Popkultur, Queerfeminismus, Musikbranche, Politik. In dieser Gemengelage bewegt sich Rike van Kleef. Ihre Herzensthemen bearbeitet sie in unterschiedlichen Formaten und auf vielfältige Art und Weise. Ob frei als On- und Off-Air-Moderatorin und Speakerin, als Aktivistin oder als Stage- oder Tourmanagerin, Produktionerin und Veranstalterin. Fest ist sie bei Audiolith Booking und als Mitgründerin und Co-Vorständin von fæmm anzutreffen. Der gemeinsame Nenner? Die Leidenschaft und das Engagement für eine gendergerechte, diverse Kulturbranche. 2022 hat sie außerdem ihr Studium mit der Abschlussarbeit »Wer gibt hier den Ton an? Über die Repräsentanz von Geschlecht auf deutschen Unterhaltungsmusik-Festivalbühnen« im Fach Kulturarbeit abgeschlossen. Die Abschlussarbeit wurde für den Gender-Preis der Fachhochschule Potsdam nominiert. Seit dem Wintersemester widmet sie sich im Master Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin weiter der Intersektion Queerfeminismus, Diskriminierung und Popkultur beziehungsweise Musikbranche. Rike van Kleef lebt in Berlin.

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