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Dieter Semmelmann sagt für 2023 "einen kalten Wind" voraus

Der erste Konferenztag beim Reeperbahn Festival begann jüngst mit einem vielbeachteten Keynote Interview von Dieter Semmelmann, in dem der Geschäftsführer von Semmel Concerts ankündigte, die Anzahl der für das erste Halbjahr 2023 geplanten Shows um 50 Prozent zu verringern.

07.10.2022 09:22 • von Dietmar Schwenger
Sprachen beim Reeperbahn Festival über die Perspektiven für eine krisengeschüttelte Livebranche: Moderator Dietmar Schwenger (links, MusikWoche) und Dieter Semelmann (Geschäftsführer Semmel Concerts) (Bild: MusikWoche)

Der erste Konferenztag beim Reeperbahn Festival begann am 22. September 2022 mit einem vielbeachteten Keynote Interview von Dieter Semmelmann, in dem der Geschäftsführer von Semmel Concerts ankündigte, die Anzahl der für das erste Halbjahr 2023 geplanten Shows um 50 Prozent zu verringern.

Das Schmidtchen im Klubhaus war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als am Donnerstagvormittag Dieter Semmelmann seinen ersten offiziellen Auftritt beim Reeperbahn Festival hatte. Das von MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger moderierte Gespräch ging sofort in medias res. "Wir haben uns schon immer als ein Gemischtwarenladen im Entertainment gesehen, was uns in der Krise geholfen hat, weil wir, wenn in Deutschland wegen Corona keine Konzerte mehr stattfinden dürfen, vielleicht in den USA unsere ¬Ausstellungen auf Tour schicken können." Er habe in den vergangenen beiden Jahren festgestellt, dass Deutschland sich sehr intensiv mit dem Thema Corona auseinandergesetzt habe.

____Skandinavien zeigte den Stinkefinger

"Man hat hier manche Dinge etwas enger gesehen als in anderen Ländern. Das haben wir bei der Europatour von Hans Zimmer erfahren. Denn als wir in Deutschland im Frühjahr 2021 noch mit Maske rumgelaufen sind und diese Corona-¬Regeln in anderen Ländern bei uns backstage umsetzen wollten, wurden wir in Skandinavien ziemlich ausgelacht. Die haben uns mehr oder weniger den Mittelfinger gezeigt und sagten uns: 'Das gibt es bei uns nicht, das ist bei uns nicht durchsetzbar.'"

Semmelmann betont zwar, dass dieses Verhalten nicht unbedingt besser gewesen sei, denn Deutschland sei verantwortungsvoll mit der Thematik umgegangen, fordert jedoch: "Nun aber könnten wir mit solchen Corona-Regeln aufhören, denn wir als Veranstaltungsbranche haben ebenfalls verantwortungsvoll gehandelt und haben uns jederzeit jedwelchen Regeln unterworfen."

Aber nach wie vor sei es so, dass man hierzulande das Thema Corona sehr vorsichtig und restriktiv handhabe. "Uns Veranstaltern macht das neue Infektionsschutzgesetz und die föderalen Umsetzungen davon durchaus Angst. Und wir haben einen Gesundheitsminister, der stark in der Öffentlichkeit präsent ist und immer wieder von irgendwelchen Killerviren spricht. Das sorgt bei Konzertbesuchern für eine große Unsicherheit."

Semmelmann differenziert: Junge Besuchergruppen würden sich beim Ticketkauf nur wenig zurückhalten, und auch ältere Zielgruppen seien nicht das Problem, wohl aber der Mittelbau der 29- bis 59-Jährigen. "Hier lässt die Nachfrage sehr zu wünschen übrig. Und das hat Gründe, die auch anderswo in Europa eine Rolle spielen: Inflation, Energiepreisschock, geopolitische Entwicklungen oder ganz allgemein Zukunftsängste. Insgesamt ist das ein fast schon toxischer Cocktail an Einflüssen, die uns das Leben erschweren. Vor allem nationales Produkt tut sich bei besagtem Mittelbau schwerer als zuvor."

Offen sprach Semmelmann auch von den Konzerten unter Corona-Bedingungen etwa mit Roland Kaiser in der Waldbühne 2020 oder ein Jahr später ebenfalls mit dem Sänger in großen Arenen: "Wir veranstalten ja nicht nur, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern tun das auch aus Leidenschaft. Wenn wir das nicht mehr machen dürfen, werden wir irgendwann ungemütlich, panisch und fangen an, Dinge zu machen, die wirtschaftlich nicht unbedingt sinnvoll sind, aber einfach zeigen sollten, dass es uns noch gibt."

Verständnis habe er dennoch für die Politiker, die auch keinen leichten Job gehabt hätten. "Auch will ich den armen Lauterbach nicht völlig verteufeln, obwohl er manchmal übers Ziel hinausschießt. Da ist bestimmt guter Wille vorhanden. Aber jetzt muss man auch einmal die Kirche im Dorf lassen, denn all diese öffentlich getätigten Aussagen zum Virus schädigen unsere Branche massiv."

Dennoch melden die großen Konzerne wie etwa CTS Eventim, die Muttergesellschaft von Semmel Concerts, zuletzt Rekordquartalszahlen, die Semmelmann auch mit den abgespielten Nachholterminen erklärt. Zudem seien im April/Mai viele eigentlich fürs Weihnachtsgeschäft 2021 geplante Vorverkaufsstarts nachgeholt worden, und die Umsätze der nachgeholten Tourneen würden nun als aktuelle Umsätze gezählt. "Semmel Concerts hat von April bis September so viele Veranstaltungen durchgeführt wie sonst in einem Jahr."

Der Veranstalter warnt aber: "Diese guten Zahlen werden sich spätestens im nächsten Jahr relativieren. Die Veranstaltungsbranche wird in breiter Form Schwierigkeiten bekommen - wegen der Kaufzurückhaltung und der Preissteigerungen. Das haben wir bereits dieses Jahr gespürt, weil viele Veranstaltungen von uns nicht mehr profitabel waren." Die Branche werde in den nächsten Jahren Probleme bekommen, die man derzeit noch gar nicht absehen könne. "Das bereitet mir Angst. Deswegen müssen wir erst einmal an unser Geschäft an sich denken. Semmel Concerts beschäftigt 150 Mitarbeiter und hat einen monatlichen Kostenfaktor, der Richtung siebenstellig geht."

Er räumt ein: "Die Planungen fürs erste Halbjahr 2023 haben wir um circa 50 Prozent im Vergleich zu 2019 ganz massiv reduziert. Wir haben uns entschieden, alle von als risikoreich eingestuften Themen nicht zu machen oder sie in den Herbst 2023 oder nach 2024 zu verschieben. Das ist ein Zeichen, dass 2023 ein ziemlich kalter Wind wehen wird. Derzeit gehen unsere Anstrengungen dahin, unsere Läden am Laufen zu halten."

Lob verteilte Semmelmann für die Branchenverbände und vor allem für Jens Michow, der Übermenschliches geleistet habe. "Auch auf Seiten der Politik haben wir offene Ohren gefunden. Die Größe und Wichtigkeit dieser Branche war vielen dort zuvor einfach nicht bekannt. Unser aktuelles Problem besteht nun darin, dass die neue Regierung uns nicht so sehr in den Fokus genommen hat. Es gibt immer noch keinen direkten Ansprechpartner, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass derzeit andere Probleme noch wichtiger sind als unsere. Aber wir haben schon das Gefühl, dass unsere Branche von der Ampel nicht mehr richtig wahrgenommen wird."

____Eine Einladung zum Essen an Claudia Roth

Entsprechend fordert er, dass die Livebranche auch künftig auf ihre Probleme hinweisen müsse. "Wir müssen unsere Systemrelevanz, die uns mal zugestanden wird und dann wieder nicht, aufrecht halten." Angesprochen auf die Rolle der Bundesstaatsministerin für Kultur und Medien in diesem (Nicht)-Dialog, antwortete Semmelmann vorsichtig, dass Claudia Roth sich im Moment nicht durch extreme Aktivitäten auszeichne. Aber unter viel Beifall aus dem Auditorium lud er die Ministerin ein: "Liebe Claudia Roth, ich kenne da noch drei Kumpels von mir, wir würden gern einmal mit Dir in Berlin abendessen gehen, Dir unsere Probleme schildern und Dich bitten, daraus etwas zu machen."

Text: Norbert Schiegl