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Doreen Schimk und Fabian Drebes: "Wir sind eine Artist First Company"

Seit Oktober 2021 lenken Doreen Schimk und Fabian Drebes die Geschicke von Warner Music Central Europe. Im Interview sprechen die Co-Presidents unter anderem über ihre Pionierrolle, als Doppelspitze das Unternehmen zu leiten, über laufende Veränderungsprozesse und die Positionierung von Atlantic Records Germany in Berlin.

21.09.2022 10:08 • von Norbert Schiegl
Steuern von Hamburg aus Warner Music Central Europa: Fabian Drebes und Doreen Schimk (Bild: Thomas Rabsch/Warner Music)

Seit Oktober 2021 lenken Doreen Schimk und Fabian Drebes die Geschicke von Warner Music Central Europe. Im Interview sprechen die Co-Presidents unter anderem über ihre Pionierrolle, als Doppelspitze das Unternehmen zu leiten, über laufende Veränderungsprozesse und die Positionierung von Atlantic Records Germany in Berlin.

Interview: Norbert Schiegl und Knut Schlinger

___Eine diverse besetzte Doppelspitze ist im deutschen Musikmarkt durchaus eine Besonderheit. Aber birgt das nicht auch Konfliktpotenzial? Oder anders gefragt, wie laufen Entscheidungsprozesse, wenn Sie einmal bei einem Thema ganz anderer Meinung sein sollten?

Doreen Schimk: Eine Doppelspitze fühlt sich für uns beide großartig an, weil wir gelernt haben, dass die Komplexität in der Welt immer größer wird. Die Möglichkeit, Entscheidungen auf zwei paar Schultern zu verteilen, ist fantastisch. Dass wir uns als Sparring-Partner haben, sehen wir nicht als Konflikt, sondern als Chance. Das empfinden wir als eine absolute Stärke, die sich für uns gerade als sehr erfolgreiches Modell darstellt. In dem Zusammenhang haben wir bereits eine Pionierrolle übernommen, die in unserer Konzernstruktur bei Warner Music zudem global sehr erfolgreich übernommen worden ist.

___Tatsächlich?

Fabian Drebes: Ja, wir sehen das gerade bei Warner Music Nashville. Dort wurde jetzt ebenfalls eine Doppelspitze installiert, basierend auf den Erfahrungen, die wir hier bei Warner Music Central Europe gemacht haben. Zudem sehen wir, wie gut die Doppelspitzen von Atlantic Records und Warner Records in den USA interagieren. Die Erfahrungen, die wir machen, sind sehr gut. Schließlich sind all die Services und Felder, die wir als Warner Music für unsere Künstler:innen bespielen, längst so vielfältig, dass es einfach auch gut ist, als Team zusammenzuarbeiten. In einer Zeit, die immer komplexer wird, ist das ein riesiger Vorteil.

___Sie sind jetzt rund zwölf Monate im Amt. Konnten Sie in dieser Zeit schon viele Prozesse anstoßen und viele Veränderungen vornehmen? Wo liegt jetzt der Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit?

Doreen Schimk: Wir haben im Zusammenhang mit der Doppelspitze für uns klare Aufgabenfelder definiert und unsere Rollenprofile etwas geschärft. Wir haben eine Menge an Prozessen angeschoben und befinden uns in einem stetigen Wandel. Schließlich ist es für uns als Geschäftsführung wichtig, das Unternehmen zukunftsstark aufzustellen.

___Was bedeutet das für Sie?

Doreen Schimk: Das bedeutet einerseits immer, Strategien vorzugeben, andererseits aber eben auch, sich organisatorisch und operativ den Marktanforderungen anzupassen. Das macht viel Spaß, und wir sind hochmotiviert. Wir haben hier schließlich das Privileg, für Warner Music Central Europe das nächste Kapitel zu schreiben und mit diesem veränderten Mindset neue Impulse zu setzen. Als starkes Team geben wir der Artists Community, aber auch unseren Partn:innen und natürlich der Belegschaft Gestaltungsspielraum. Das ist uns sehr wichtig.

___In welchen Bereichen konnten Sie während der Pandemie neue Erfahrungen sammeln?

Fabian Drebes: Übergeordnet gibt es da zwei große Felder: Das eine ist das Kulturelle. In dem gibt es natürlich eine Veränderung. Schließlich ist vollkommen klar, dass nach der Zeit von Bernd Dopp, der hier eine großartige Kultur vorgelebt hat, von der wir sehr profitiert haben, ein Kulturwandel stattfindet. Das betrifft vor allem das kollaborative Arbeiten im Team - sowohl mit den Künstler:innen als auch im globalen Rahmen. Dafür gibt es tolle Beispiele wie Alle Farben. Wir denken im Team jetzt einfach internationaler. So konnten wir für ihn umsetzen, dass er einen Remix für die aktuelle Single von Ed Sheeran macht. Innerhalb von zwei Tagen war das bestätig. Das zeigt, was sich für Möglichkeiten eröffnen, wenn man diese ­kollaborative Kultur pflegt.

___Und das zweite große Feld?

Fabian Drebes: Dabei geht es um die Künstler:innen: Wir werden im lokalen Bereich stärker werden. Das ist die klare Aufgabe, die wir haben. Ganz klarer Fokus ist dabei die Stärkung der nationalen Künstler:innen bei gleichzeitiger Intensivierung des internationalen Netzwerkes. Daran arbeiten wir.

___Die Personalentscheidungen der neuen Spitze der Warner Music Group gingen in letzter Zeit unserer Einschätzung nach aber eher in eine andere Richtung. Nicht: Wir wollen das jeweilige lokale Geschäft stärken, sondern eher: Wir wollen das internationale Geschäft auch in den einzelnen Territorien stärken, oder?

Fabian Drebes: Ganz im Gegenteil. Absoluter Fokus ist die Stärkung der lokalen Künstler:innen in allen Regionen. Ob das in Südamerika ist, wo wir großartige Erfolge erzielen konnten, oder in Asien, wo wir stetig weiter wachsen, oder auch in Zentraleuropa. Woher dieser Eindruck, den Sie formuliert haben, kommen kann, ist, dass wir international noch enger zusammenarbeiten. Nehmen wir als Beispiel nur Robin Schulz, den erfolgreichsten deutschen Künstler im Ausland, der diesen Sommer Singles mit David Guetta, Justin Quiles oder Tom Walker veröffentlicht hat. Diese Verbindungen haben wir zusammen mit Robin und seinem Management geknüpft, und solche Kooperationen sollen weiter ausgebaut werden.

Doreen Schimk: Innerhalb der gesamten Warner Music Group hat ein Generationswechsel stattgefunden. In vielen Ländern sind neue Geschätsführer:innen implementiert worden. Das war eine globale, keine lokale Entscheidung. Dadurch ergibt sich automatisch eine ganz neue Form der Zusammenarbeit des Netzwerkes, was lokal und global ausgebaut wird.

___Im Zusammenhang mit dem Ausbau des lokalen Repertoires drängt sich gleich die Frage nach Atlantic Records Germany in Berlin auf. Wie wollen Sie diese in der Hauptstadt neu geschaffene Abteilung künftig positionieren?

Fabian Drebes: Atlantic Records Germany ist für uns das klare Eintrittstor in die HipHop-Kultur - und die wollen wir damit langfristig prägen. Atlantic Records ist eine ikonische Labelmarke aus Amerika. Sie ist dort Marktführer und hat eine lange Tradition mit vielen herausragenden Künstler:innen. Wir wollen auch hier einen Mehrwert für Künstler:innen aus diesem Bereich bieten und ihnen neues Zuhause geben.

Doreen Schimk: Das renommierte Label Atlantic Records hat international Musikgeschichte geschrieben. Mit so einer Brand im lokalen Markt aktiv zu sein, ist schon etwas Besonderes und eröffnet uns eine tolle Möglichkeit, auch hier eine Kultur mit zu prägen.

___Wie weit ist der Aufbau gediehen und ist Atlantic Records Germany in Berlin schon voll am Arbeiten?

Fabian Drebes: Wir haben mit Atlantic Records Germany bereits Fahrt aufgenommen, der Künstlerstamm wächst und wird weiter wachsen. Wir haben zum Beispiel mit Yung Hurn einen super spannenden Künstler und mit Stickle einen der meistgefragtesten Produzenten, der sein Album bei Atlantic veröffentlichen wird. Hinzu kommen herausragende neue Talente wie Flavio oder Vero, weitere werden folgen.

___Wie sieht es im Team aus, ist der Aufbau des Labels schon abgeschlossen und sind alle geplanten Stellen besetzt?

Fabian Drebes: Auch in diesem Bereich werden wir noch weiter wachsen.

___Mit Atlantic Records Germany hat Warner Music jetzt einen festen Brückenpfeiler in Berlin etabliert. Bleibt Hamburg für das Unternehmen in Deutschland dennoch der Hauptstandort?

Doreen Schimk: Warner Music und Hamburg, das gehört zusammen und das wird auch so bleiben. Aber natürlich wollen wir trotzdem unsere Repräsentanz in Berlin ausbauen und haben das mit Atlantic Records Germany jetzt auch schon gemacht.

___Wir hatten Gerüchte gehört, dass schon Relocation-Spezialisten aus New York in Berlin gesichtet worden sein sollen. Können Sie dazu Stellung beziehen?

Doreen Schimk: Ich kenne das Gerücht nicht und kann Gerüchte auch nicht kommentieren. Ich höre das wirklich zum ersten Mal.

___Warner Music bleibt also bis auf weiteres im Hafenspeicher in Hamburg?

Doreen Schimk: Das ist ja schließlich ein UNESCO Welterbe. Wir werden hier unsere neue, hybride Arbeitswelt in unsere künftigen Büros mit einfließen lassen. Wir wollen viele Dinge neu gestalten und genau überlegen, was das Büro der Zukunft braucht. Das ist schließlich gerade das Top-Thema schlechthin: Was haben Unternehmen aus der Pandemie gelernt? Warum braucht man noch Büros und wofür genau? Wir wollen tatsächlich der flexibelste Arbeitgeber werden und sind aktuell in einer Testphase, in der wir hybride Arbeitsmodelle bereits leben, darüber hinaus aber viele Erfahrungen der Mitarbeiter:innen mit einfließen lassen, wenn es darum geht, wie wir uns künftig die Zusammenarbeit vorstellen.

___Bei Standortfragen war unser Eindruck zuletzt, dass große Mitbewerber großen Wert darauf gelegt haben, ein eigenes Studio für die Produktion von Podcasts oder Short Form Content im Haus zu haben. Ist das bei Ihnen auch ein Thema, kann Warner Music in der Hamburger Speicherstadt zum Beispiel auch noch ein Studio anflanschen?

Doreen Schimk: Bei uns geht es zunächst einmal darum, dass wir Warner Music hier in Hamburg einen neuen Look verpassen und dazu gerade Gestaltungskonzepte in der Entwicklung haben. Da könnte ein Studio mit dazugehören. Allerdings muss man dabei immer prüfen, wie man das nutzen kann. Wir schauen uns verschiedene Modelle an, entsprechend den Wünschen unserer Belegschaft und den Anforderungen, die unser Business mit sich bringt.

Fabian Drebes: Beim Thema Studio und Podcasts muss ich immer ein bisschen schmunzeln. Podcasts kann man schließlich auch aus dem Kinderzimmer heraus produzieren. Auch bei uns am Alten Wandrahm sind bereits großartige Produktionen entstanden, die ich nur empfehlen kann, zum Beispiel »Vinyl & Wein«.

___Wie sieht Ihr Zeithorizont für die Umsetzung der Ideen am Standort Hamburg aus?

Doreen Schimk: Wir leben derzeit noch ein hybrides Arbeitsmodell, wollen aber zugleich schauen, wie wir die Räumlichkeiten hier in den kommenden Monaten neu gestalten. Das soll natürlich so schnell wie möglich gehen, aber die Auswirkungen der Coronazeit bleiben zum Beispiel in Hinblick auf Lieferketten und Materialien eine Herausforderung.

___Zurück zu den kreativen Herausforderungen: Wenn sich nun Atlantic Records in Berlin vorrangig um das HipHop-Segment kümmert, werden dann in Hamburg die anderen Bereiche des lokalen Repertoires bearbeitet?

Fabian Drebes: Der lokale Bereich hat übergeordnet wenig mit den jeweiligen Standorten zu tun. Wir wollen in jeder Szene vertreten und wirklich auch drin sein als Warner Music Central Europe. Was den HipHop-Bereich angeht, haben wir mit Atlantic eine klares Eintrittstor. Aber auch bei ADA Germany haben wir eine hohe HipHop-Expertise für Acts und Künstler:innen, die vielleicht nur nach einer Distribution-Lösung suchen. Wir sind stolz darauf, dort zum Beispiel das Signing von 01099, einer der relevantesten HipHop-Bands derzeit in Deutschland, verkünden zu können.

___Wie sieht es abseits vom HipHop aus?

Fabian Drebes: Wir wollen in jeder Szene aktiv sein und werden weitere Zellen haben, die sich um andere Musikgenres kümmern. Das A&R-Team wird weiter verstärkt und immens ausgebaut. Wir werden als Team weiter wachsen.

Doreen Schimk: Wir haben ein großes, kompetentes Marketing-Team, was nicht mehr nur für klassische lokale Belange zuständig ist. Wir haben alle Expertisen und die fachlichen Bereiche soweithin zusammengebracht, dass wir ein starkes Powerhouse haben und auch die Funktionen nicht mehr an bestimmte Standorte gebunden sind. Es ist ganz wichtig, dass wir da jetzt, egal ob in Berlin oder Hamburg, keine Trennung mehr machen.

___Es gibt also im Konsum von Musik praktisch keine Grenzen mehr. Haben Sie dafür ein Beispiel?

Fabian Drebes: Nehmen wir das Beispiel Ricky Rich. Das ist ein schwedischer Künstler, der dank der Nordics von Zentraleuropa gesignt wurde. Aus dem Norden kam der Hinweis, das in der Region etwas mit Ricky Rich und seinem Song "Habibi" passiert. Daraufhin haben wir ihn im letzten Sommer bei uns mit dem Song unter Vertrag genommen und zusammen mit den Kollegen von Warner Chappell Music ein Rework des Tracks mit deutschen Rappern gemacht.

___Und?

Fabian Drebes: Wir waren unfassbar erfolgreich. Der Track reiste, weil »Habibi« schließlich ein international bekanntes Wort ist, in die ganze Welt. Vor wenigen Wochen erreichten wir zum Beispiel Platin-Status in Indien. "Habibi" hatte dort innerhalb von einer Woche mehr als 500 Millionen Abrufe bei YouTube-Shorts. Das war damit dass erfolgreichste Content-Piece bei der globalen Warner Music Group. In Indien wurde inzwischen auch eine lokale Version veröffentlicht mit dem indischen Superstar King, der bei Warner Music India unter Vertrag steht. Als nächster Markt sollen nun die USA folgen, wo wir ein Feature mit dem Platin-Rapper A Boogie Wit Da Hoodie, einem Idol von Ricky Rich, realisiert haben. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, was wir als Warner Music global bewegen können.

Doreen Schimk: Das betrifft aber nicht allein das Marketing: Vielmehr verschmelzen mittlerweile all die unterschiedlichen Fachbereiche mit ihren jeweiligen Expertisen miteinander - und dafür ist eben eine offene Teamkultur nötig. Das wollen wir leben und dafür stehen wir.

___Bringt diese Entwicklung auch interne Umschichtungen mit sich, zum Beispiel, weil man datenbasierten Entscheidungen mehr Gewicht beimisst oder Plattformen wie TikTok oder Switch an Bedeutung gewinnen?

Doreen Schimk: Das machen wir kontinuierlich und nicht erst seit den vergangenen beiden Jahren. Es wird aber längst nicht alles von den Daten her entschieden. Vielmehr ist es für uns weiterhin ganz entscheidend, als Partner zu unseren Künstler:innen ein wirklich gutes und vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und zu pflegen. Wir stellen sicher, dass Künstler:innen bei Warner Music ein Zuhause haben, weil sie hier die Expertise und die Beratung finden, die sie auf ihrem Karriereweg benötigen.

Fabian Drebes: Wie das gehen kann, zeigt das Beispiel Provinz: Die Band berichtete kürzlich im Gespräch, wie toll sie es finden würden, nun in einer WhatsApp-Gruppe direkt mit unseren Manager:innen aus dem Bereich Content Strategy vernetzt zu sein. Früher hat man es oft den Künstler:innen selbst überlassen, sich um ihre Profile auf all den verschiedenen Plattformen zu kümmern, und viele wollen oder wollten das auch so. Heute aber ist man miteinander vernetzt, kann Ideen so schnell untereinander austauschen und umsetzen. So bieten wir heute ganz andere Services an als noch vor einiger Zeit. Und in zwölf Monaten gibt es vielleicht schon wieder neue Services, von denen wir heute noch gar nicht wissen, zum Beispiel aus der Welt des Web3, wo wir als Warner Music meiner Meinung nach eine Pionierrolle einnehmen.

___Welcher A&R-Bereich soll in Zukunft bei Warner Music noch ausgebaut werden? Geht es eher darum, den neuen Udo Lindenberg oder den neuen Robin Schulz zu finden?

Fabian Drebes: Für uns ist alles relevant. Wir wollen den Konsumenten:innen mit unseren Künstlern:innen die bestmögliche Zeit bereiten. Wir sind im EDM-Bereich sehr stark und werden da auch dank Partnerschaften und Allianzen noch stärker werden, aber auch dank der Internationalisierung. Im Alternative-Bereich freuen wir uns dieses Jahr auf die Releases von Provinz und Wilhelmine. Wir wollen aber auch in bestimmten Mikrogenres, zum Beispiel Hyper-Pop, unterwegs sein. Und wir wollen natürlich bei Social-Media-Trends genauso am Start sein und schauen, was da vielleicht auch für uns Sinn ergibt. Sind da Talente vorhanden, die wir zu großartigen Künstler:innen entwickeln können? Dazu sind wir längst auch viel im Datenbereich unterwegs. Aber wir hören uns immer auch wirklich an, was wir da entdecken und entscheiden nicht ausschließlich auf Grundlage von Daten aus dem Social-Media-Bereich, wen wir vielleicht unter Vertrag nehmen.

Doreen Schimk: Wir versuchen die Diversität aller Genres abzubilden und dafür ein Zuhause in der Künstlercommunity zu schaffen.

___Würde nach dieser Definition auch ein Genre wie Partyschlager für Warner Music in Frage kommen?

Fabian Drebes: Ganz klar, ja. Partyschlager hat schon immer gut funktioniert und in diesem Jahr eben immens gut im Streamingbereich. Auch da wollen wir Ansprechpartner sein. Doreen und ich, aber auch alle Teams, wollen das nach Außen signalisieren: Wir sind da, auch für totale Newcomer. Wenn wir mit Newcomern sprechen, stellen wir oft fest, dass oft ein riesiger Respekt vor den großen Musikfirmen herrscht. Da fallen dann Sätze wie »ihr seid doch das Label von Ed Sheeran und von Robin Schulz, oder?«.

Doreen Schimk: Wir sind aber auch im Klassik- und Jazzbereich aktiv. Genau diese Diversität der Genres wird von den Majorlabels in all ihren Facetten abgebildet. Egal, ob es nun um Afrobeats, EDM oder Mallorca-Hits geht.

Fabian Drebes: Wir wollen die Kultur mitprägen, wie wir das gerade eben bei Atlantic Records sagten. Genauso wollen wir auch andere Bereiche mitgestalten.

___Wie sieht es, abseits von nationalen Signings wie Wilhelmine oder Provinz, mit weiteren Schwerpunkten für die zweite Jahreshälfte aus?

Fabian Drebes: Da gibt es zum Beispiel die junge Künstlerin Svea, die als ein Aushängeschild für die internationale Zusammenarbeit bei Warner Music steht. Wir haben Svea in einem Co-Signing mit Warner Nordics unter Vertrag genommen, haben alle Tochtergesellschaften mit im Team und planen die Karriere der Künstlerin von Beginn an international. Denn die Nordics und Central Europe sind, was den Aufbau von Karrieren angeht, durchaus ähnlich, und können dabei ein bedeutender Treiber sein.

___Apropos Schwerpunkt: Gibt es so etwas wie den großen Megaseller zum Saisongeschäft eigentlich noch, oder hat sich das alles weiter aufgefächert?

Fabian Drebes: Das hat sich - natürlich - weiter aufgefächert, aber dennoch gibt es auch diese Schwerpunkte noch, diese ikonischen Veröffentlichungen von Megastars wie Ed Sheeran, Lizzo, David Guetta oder Coldplay auf internationaler Ebene oder von Künstlern wie Udo Lindenberg und vielen anderen im lokalen Bereich. Gleichzeitig ist alles viel dynamischer geworden, keine Frage.

___Woran machen Sie das fest?

Fabian Drebes: Hätten wir das Gespräch noch vor einem Jahr geführt, und Sie hätten mich nach der größten Single für 2022 gefragt, dann hätte ich kaum auf Gayle und "abcdefu" getippt. Gleichzeitig muss man aber auch hier darauf hinweisen, dass dieser Erfolg nicht einfach so passiert ist: Die Künstlerin stand schon seit drei Jahren bei Atlantic Records in den USA unter Vertrag und man hat sie sukzessive entwickelt und gemeinsam wachsen lassen. Das resultierte dann darin, was mit "abcdefu" passiert ist, einem der weltweit erfolgreichsten Songs des Jahres.

Doreen Schimk: Grundsätzlich ist es schon so, dass es nicht mehr so viele Album-Zyklen gibt, während das Track Business enorm gewachsen ist. Aber trotz der Vielzahl an Veröffentlichungen und dem enormen Impact, den manche Trends entwickeln, hat zum Beispiel das Weihnachtsgeschäft noch eine Bedeutung, die man für Kampagnen nutzt.

Fabian Drebes: Das Beispiel des Albums "Stadtaffe" von Peter Fox, das Mitte August in den Offiziellen Deutschen Charts noch einmal bis auf Platz 26 kletterte, zeigt aber auch, dass immer neue Hörer:innen auch weiterhin großartige Musik neu für sich entdecken können. Denn die Menschen, die zuletzt Peter Fox gehört haben, werden längst nicht alle dieselben sein, die das schon vor zehn Jahren getan haben. Das ist eine wirklich spannende Entwicklung, denn die Charts sollen schließlich die Nutzung von Musik abbilden.

___Spiegelt sich das nicht auch in der Frage, was eigentlich heute Katalogware ist, oder im Erfolg von Kate Bush?

Fabian Drebes: Ja, und das ist großartig. Denn als wir noch jung waren, hatten wir doch ein begrenztes Budget, das wir in Musik investieren konnten: Das Taschengeld war nun einmal limitiert. Heute aber kann im Grunde jeder alles hören, was es gibt. Und so kann großartige Musik von großartigen Künstler:innen jederzeit neu entdeckt und genutzt werden, weil sie verfügbar ist und Menschen sich über Musik neu identifizieren können. Der Erfolg von Kate Bush wundert mich deshalb nicht, künftig werden wir noch viel mehr solcher Beispiele sehen. Auch deshalb sind wir natürlich unterm Strich stolz auf all die großartige Musik, die die Warner Music Group mit all ihren tollen Künstler:innen und Partner:innen geschaffen hat.

___Zum Thema Partnerschaften: Mit Telamo ist kürzlich eine erfolgreiche Kreativzelle durch eine Übernahme vom Markt genommen worden. Warner Music ist aktuell Vertriebspartner von Telamo. Hat die Tatsache, dass dort nun mit BMG der vierte Major Herr im Hause ist, irgendwelche Auswirkungen auf die Zusammenarbeit?

Doreen Schimk: Nein. Wir schätzen die Kollegen sehr und wünschen uns eine auch weiterhin gute Zusammenarbeit.

Fabian Drebes: Im Endeffekt aber haben nicht wir das zu entscheiden. Wir feiern die Telamo-Kollegen, schätzen sie sehr und aktuell vertreiben wir ihre Veröffentlichungen.

___Kommen wir noch zu den Zahlen: Die Warner Music Group stand weltweit laut der jüngsten Zwischenbilanz ganz ordentlich da. Deckt sich das mit der Entwicklung im heimischen Markt beziehungsweise im europäischen Kernmarkt?

Fabian Drebes: Absolut. Denn Central Europe ist nun einmal als drittgrößte Region ein großer Contributor zu den globalen Zahlen. Auch bei uns ist alles auf Kurs Wachstum, auch gegenüber dem Vorjahr. Darauf sind wir stolz, dass unsere Teams und Künstler:innen dazu beitragen, diese Wachstumsgeschichte weiter fortzuschreiben.

Das gilt für die Umsatzseite ebenso wie für die Ertragsseite?

Doreen Schimk: Wir blicken auf zehn sehr erfolgreiche Monate zurück und schließen damit an die Entwicklung der Vorjahre an. Wir liegen, wie Fabian schon sagte, voll auf Kurs.

___Richten wir den Blick in die Glaskugel: Lässt sich heute noch abschätzen, wo man mit seinem Unternehmen in fünf Jahren steht, oder ist die Entwicklung zu dynamisch für mittelfristige Prognosen?

Doreen Schimk: Das Tolle ist: Musik wird es immer geben, egal, welche Technologien in der Welt weiter entwickelt werden. Menschen können einfach nicht ohne sie leben und ich finde zudem, Musik ist die beste Medizin der Welt. Daher bleibt die Zukunft für die Musik- und Entertainment-Industrie sehr spannend. Wir freuen uns auf die Zukunft und die vielen Möglichkeiten, mit Musik tolle Kooperationen und Kampagnen zu bauen und Menschen immer wieder mit neuen Trends glücklich zu machen.

Fabian Drebes: Dafür braucht man als Firma oder Organisation in der heutigen Zeit eine klare Strategie.

___Wie sieht die bei Warner Music aus?

Fabian Drebes: Wir sind eine Artist First Company. Dazu muss man Dinge ständig überprüfen und anpassen, das haben wir gelernt - lokal wie global. Daher sind wir bestens aufgestellt auch großartige internationale Ziele für unsere lokalen Artists zu erreichen.