Unternehmen

Elisabeth "Lisa" Furtwängler: "Liebe Branche, lasst uns sprechen!"

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Elisabeth »Lisa« Furtwängler, die 2016 mit Maria Furtwängler die MaLisa Stiftung gründete.

21.09.2022 13:23 • von
Hat mit der MaLisa Stiftung eine neue Studie veröffentlicht: Elisabeth Furtwängler (Bild: Sascha Radke)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Elisabeth "Lisa" Furtwängler, die 2016 mit Maria Furtwängler die MaLisa Stiftung gründete.

Ihr stellt auf dem Reeperbahn Festival eine neue Recherche vor - macht sie Dich hoffnungsvoll?

Die Ergebnisse sind eher ernüchternd. Die Musikbranche bleibt einfach entspannt ein Buddy Business. Es entsteht immer mehr Musik, aber es sind immer weniger Frauen? Wie kann das sein? Für unsere Recherche haben wir uns das Geschlecht von Urheber*innen in den Singlescharts und bei allen bei der GEMA gemeldeten Werken angesehen. Drei beispielhafte Jahre zwischen 2010 bis 2019. Außerdem wollten wir wissen, wie es bei Musiker*innen auf Festivalbühnen aussieht. Und zwar bei allen Musiker*innen, die dort auf den Bühnen standen. Bei den Charts stellten wir krasserweise fest, dass der Anteil der Urheberinnen im Zeitverlauf sogar abgenommen hat. Nur bei einigen Festivals ist ein leichter Aufwärtstrend beim Frauenanteil zu erkennen. Es stimmt mich zuversichtlich, dass wenigstens live kleine Fortschritte zu sehen sind. Initiativen wie Keychange haben hier sicher etwas bewegen können.

2021 habt ihr eine Studie zur Ge­­schlech­tergerechtigkeit der Musikpreise veröffentlicht, die klar männerdominiert war. Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen Jury & Preisträger:innen? Wurden die Jurys ähnlich von Männern dominiert?

Wir haben uns verschiedene Preise angesehen, darunter auch Preise mit Publikumsvoting, ohne Jury und mit Jury. Die Jurys waren überwiegend männlich besetzt, aber das allein war dabei wohl nicht ausschlaggebend.

Der Preis setzt am Ende der Kette an, nach einer Veröffentlichung - im Vorgespräch hast Du über den Mangel an Produzentinnen gesprochen - ist das ein Learning, das früher in der Infrastruktur umgedacht werden sollte?

Ja, auf jeden Fall! Unbedingt sollte an allen Stellen der Produktion mitgedacht werden, wer beteiligt ist und wer fehlt. Hier kann ein regelmäßiges Monitoring der eigenen Teamstrukturen helfen. Auch der bewusste Versuch, umzudenken und, da wo notwendig, auch anders zu handeln, kann schon enorm helfen. Der Weg ist das Ziel an dieser Stelle. Es beginnt schon damit, dass wir die Frage stellen »Haben alle Menschen die gleichen Möglichkeiten, Produktionstechniken zu erlernen?« Und im nächsten Schritt ist es wichtig, zu fragen »Wer nimmt auf?«, »Fühlen sich alle im Studio gleich wohl?«, »Ist das hier ein White Boys' Club, oder kann ich auch als Frau und/oder als BIPOC entspannt aufnehmen?« »Wer sitzt an der Technik?« »Wie ist die Atmosphäre im Studio?«

Wie siehst Du das für die Labels? Wo siehst Du Stellen mit Optimierungsbedarf?

Auch Labels könnten viel mehr mit eigenen Quoten arbeiten. Unsere Rechercheergebnisse zeigen sogar, dass die Charts-Dauerbrenner, also Songs, die sich länger als sechs Monate in den Singlescharts hielten, prozentual mehr Frauen als Urheber*innen hatten. Man könnte daraus durchaus ableiten, dass Musik von Frauen oder gemischten kreativen Teams sogar erfolgreicher ist. Ich frage mich, ob Labels überhaupt einen Überblick darüber haben, wie viele Frauen und nichtbinäre Personen sie veröffentlichen.

Warum ist da Deiner Meinung nach oder aus der Sicht der Stiftung noch nichts passiert?

Die Studie in Kooperation mit Keychange, die wir im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, zeigte, dass zwei der größten Hürden für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität im Musikbusiness Männerseilschaften und Vetternwirtschaft sind. Es ist in Deutschland, einem der größten Musikmärkte der Welt, immer noch gang und gäbe, dass große Produktionen ausschließlich von Männern aufgenommen, geschrieben, produziert und gemixt werden. Einer der größten deutschen Künstler produziert seine Songs zum Beispiel immer in großen Teams. Und fast nur mit Männern. Fällt das niemandem auf? Dass ihm das nicht peinlich ist, ist schon erstaunlich. Wir hoffen aber mit unseren Recherche-Ergebnissen und der Arbeit mit unseren Kooperationspartner*innen einen Anstoß zur Veränderung zu geben.

Gibt es eine prägende Erfahrung für Dich als Künstlerin?

Ich habe mit einem Produzenten gearbeitet und immer, wenn ich Ideen für die Produktion einbringen wollte, wurde ich ungläubig zurückgewiesen. Nach dem Motto 'Du bist Sängerin, bitte misch dich nicht in die technischen Sachen ein.'Daraufhin habe ich beschlossen, selber produzieren zu lernen. Immer noch glauben mir Leute oft nicht, dass ich meine Lieder komplett selber produziere. Einige meiner Künstler-Freundinnen haben unangenehme Erfahrungen gemacht mit Belästigung, Übergriffen oder Machtmissbrauch. Glücklicherweise gibt es ja jetzt die Themis, die unabhängige Vertrauensstelle für Betroffene auch für die Musikbranche. Es ist wichtig, eine Stelle zu haben, an die sie sich vertrauensvoll wenden können: https://themis-vertrauensstelle.de

Ihr habt im Filmbereich mit Netflix gemeinsam eine wegweisende Stelle für Diversity & Inklusion geschaffen. Ist solch eine Stelle ähnlich denkbar für die Musikindustrie oder vielleicht sogar geplant?

Die Stelle wird die Filmhochschulen bei ihrer Arbeit für Diversity und Inclusion unterstützen. Wir wollen dazu beitragen, dass Themen, die für die Branche wichtig sind, schon in der Ausbildung der Filmschaffenden verankert sind. Grundlage für diese Stelle ist eine Selbstverpflichtung, die die Filmhochschulen bereits 2018 veröffentlicht haben. In der Musikbranche ist eine vergleichbare Initiative, soweit ich weiß, bisher noch nicht auf den Weg gebracht worden. Vielleicht ist jetzt ja genau der richtige Zeitpunkt dafür? Liebe Branche, lasst uns dazu sprechen!

Der Fokus liegt auf Geschlechtergerechtigkeit, hier sind Daten gut zu erheben - inwiefern sind wir in der Lage trotz strikter Gesetze bei uns in Deutschland - Ethnie /Rasse dürfen anders als zum Beispiel in den USA nicht abgefragt werden - Diversität zu implementieren über die Parität hinaus?

Dass es in Deutschland eine besondere Vorsicht gibt bei der Erhebung von Daten, zum Beispiel zur ethnischen Herkunft, ist nachvollziehbar. Andererseits gilt auch hier: Was nicht gezählt wird, zählt nicht. Ohne die Daten zu haben, wissen wir nicht, ob es Schieflagen gibt, ob bestimmte Gruppen ausgegrenzt werden, und wir können entsprechend auch nichts tun, was dem entgegenwirken würde. Es gibt Wege, Diversitätskriterien ethisch und datenschutzkonform zu erheben, zum Beispiel indem es anonymisiert und freiwillig gemacht wird. Dazu kann man sich von Fachleuten beraten lassen. Wenn die Bereitschaft der Unternehmen in der Musikbranche da ist, sich dem Thema DEI (Diversity, Equity and Inclusion) zu widmen, kann auch das gelingen

Ein erster Schritt könnte sein, regelmäßig die Daten zu analysieren, die sowieso in der Personalabteilung vorliegen, also Geschlecht und Alter. Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Musikbranche in Deutschland das auch beginnen wird.

Über die MaLisa Stiftung:

Die MaLisa Stiftung wurde von Elisabeth und Maria Furtwängler 2016 gegründet. Sie setzt sich für gesellschaftliche Vielfalt und die Überwindung einschränkender Rollenbilder in Medien und Kultur ein, mit einem Schwerpunkt auf die Repräsentation der Geschlechter in den audiovisuellen Medien und in der Musik. Die Stiftung initiiert Studien, fördert die Vernetzung und Zusammenarbeit relevanter Akteur*innen sowie die Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Lösungsansätze: malisastiftung.org

Unter dem Motto "Gender in Music - Charts, Werke und Festivalbühnen" legt die MaLisa Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler in Kooperation mit der GEMA und den Music Women* Germany eine aktuelle Untersuchung zur Chancengleichheit in der Musikwirtschaft vor, für die man die Charts, die bei der GEMA gemeldeten Werke und die Festivalbühnen unter die Lupe nahm.

Interview: Stefanie Kim

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977 in Westfalen geboren. In Köln betreute sie Brand Partner-ships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC Giga. 2000 ging sie für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI. 2005 wechselte Kim vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels/Virgin/Mute. 2010 gründete sie KimKom. Neben Künstlern und Brands finden sich auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag der Agentur. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.

Text: Stefanie Kim