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Forum Musikwirtschaft zieht Bilanz der Musikwirtschaftskonferenz

"Reichlich 200 Gäste" kamen am 6. September zu der vom Forum Musikwirtschaft ausgerichteten Musikwirtschaftskonferenz ins Berliner nhow-Hotel. Damit habe sich der Branchentreff nach Ansicht der Veranstalter bereits "als Austauschplattform zwischen Politik und Praxis etablieren" können.

07.09.2022 13:48 • von
Stellten sich als kulturpolitische Sprecher:innen der Bundestagsfraktionen dem Dialog mit der Musikwirtschaft (von links): die Parlamentarier:innen Erhard Grundl (MdB Bündnis 90, Die Grünen), Anikó Merten (MdB,FDP) Helge Lindh (MdB, SPD) und Christiane Schenderlein (MdB, CDU) (Bild: MusikWoche)

"Reichlich 200 Gäste" kamen am 6. September 2022 zu der vom Forum Musikwirtschaft ausgerichteten Musikwirtschaftskonferenz ins Berliner nhow-Hotel - "trotz gewichtiger Paralleltermine im bundespolitischen Kalender", wie die Veranstalter betonen. So stand unter anderem der letzte Tag des Deutschlandbesuchs von Israels Staatspräsident Izchak Herzog auf der Agenda.

Mit der stattlichen Zahl an Teilnehmer:innen habe sich der Branchentreff, der unter anderem die Sorgen und Nöte des Wirtschaftszweigs adressierte, nach Ansicht der Veranstalter:innen bereits "als Austauschplattform zwischen Politik und Praxis etablieren" können.

Zur Einordnung: Mit dieser Konferenz knüpft das erst 2020 im Zuge der Pandemie aus der Taufe gehobene Forum Musikwirtschaft an ein Kongressprojekt an, das bereits 2018 - also bereits vor Corona - erstmals versuchte, eine Plattform für die gesamte Musikwirtschaft in all ihrer Vielfalt zu bilden. Das Forum Musikwirtschaft - quasi die Antwort der Branche auf Forderungen der Politik, den vielstimmigen Chor der Forderungen in Richtung der Gesetzgeber möglichst einstimmig zu organisieren - will mit der Musikwirtschaftskonfrenz nun "sowohl den engen Austausch und Schulterschluss zwischen den Sektoren als auch den regelmäßigen Diskurs mit Politik und Öffentlichkeit" voranbringen und wohl auch verstetigen. Denn schließlich reicht das Themenspektrum längst über die zunächst virulenten Coronamaßnahmen und den Umgang mit der Pandemie hinaus.

"Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen auf allen Ebenen", zitiert das Forum Musikwirtschaft denn auch Carsten Brosda. Der Hamburger Senator für Kultur und Medien hatte in seiner Keynote zur Eröffnung angesichts einer Vielzahl an existenziellen Herausforderungen für die Branche dringenden Handlungsbedarf diagnostiziert und zugleich Hoffnung signalisiert, denn: "Wenn die Solidarität der Teilbranchen untereinander da ist und die drängenden Themen ernsthaft angegangen werden, bin ich zuversichtlich. Auch mit Blick darauf, dass es da vielleicht noch einiger zärtlicher Hinweise in Richtung des Bundesfinanzministers braucht, damit das notwendige Geld zur Verfügung steht und vielleicht auch die Möglichkeiten der Schuldenbremse mutig genutzt werden. Ich werbe dafür im Wissen darum, dass wir Lösungen finden müssen, die der Musikbranche helfen und die unverzichtbare Leidenschaft der Musik spürbar machen."

Welche Leidenschaft die im Forum zusammengeschlossenen Organisationen der Musikkonzerne und der unabhängigen Labels, der Verlage, Veranstalter:innen, Clubbetreiber:innen, Musikmanager:innen sowie der Musikinstrumenten- und Equipment-Branche tatsächlich einbringen, zeigt auch ein Blick auf die jeweiligen Statements, die die Offiziellen in ihre Bilanz der Musikwirtschaftkonferenz einfließen lassen.

"Mit der Musikwirtschaftskonferenz hat das Forum Musikwirtschaft seine Schlagkraft auch nach Corona unter Beweis gestellt", bilanziert zum Beispiel Birgit Böcher, die Geschäftsführerin des Deutscher Musikverleger-Verbands (DMV): "Aktuelle Herausforderungen zu benennen, Lösungen aufzeigen und in den öffentlichen Diskurs bringen war und ist Hauptaufgabe des Zusammenschluss der Verbände der Musikwirtschaft." Die Anwesenheit der kulturpolitischen Sprecher:innen der Bundestagsfraktionen wertet Böcher als "ein Zeichen für die Akzeptanz des Forums", ergänzt aber: "Gerne hätten wir auch mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der/dem Ansprechpartner*in für die Kreativwirtschaft diskutiert.... "

"Es ist ein fataler Irrtum, angesichts weniger ausverkaufter Spitzenfestivals sowie der Besucherzahlen von Konzerten mit Superstars Rückschlüsse auf die aktuelle Lage der Kulturveranstaltungsbranche zu ziehen", mahnt darüber hinaus Jens Michow als Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV): "Die Realität ist, dass immer mehr Konzerte, Tourneen und Festivals abgesagt werden, da der Kartenverkauf verheerend ist. Und selbst ausverkaufte Events sind verlustreich, da sich mit den überwiegend bereits 2019 verkauften Tickets die aktuellen Veranstaltungskosten nicht annähernd finanzieren lassen." Die Hoffnung auf eine Erholung nach der Pandemie sei geplatzt, klagt Michow. "Damit stehen nicht nur Existenzen sondern auch die Vielfalt unseres Kulturangebots auf dem Spiel."

Beim Bundesverband Musikindustrie (BVMI) wertet derweil der Vorstandsvorsitzende Florian Drücke die Konferenz als "ein Zeichen der gemeinsamen Schlagkraft der verschiedenen und doch eng verwobenen Teilbranchen der Musikwirtschaft. Gemeinsame thematische Schwerpunkte zu setzen, die wir naturgemäß zum Teil aus durchaus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen, unterstreicht das!" In der Diskussion ums Streaming verwies Drücke unter anderem auf eine Studie der britischen Wettbewerbshüter der Competition and Markets Authority: "Vor diesem Hintergrund hoffen wir nun auf die von der BKM in Aussicht gestellte Studie und vor allem auf einen Dialog mit allen Akteur*innen bereits bei der Vorbereitung."

"Der Tag in Berlin hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Vermittlung der Probleme aber auch der Chancen unseres Wirtschaftszweiges im Zusammenspiel der Verbände mit der Politik ist", ergänzt Patrick Oginski als stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbands Musikmanager und Consultants (IMUC): "Die Musikwirtschaft ist gerade nach Corona fast noch enger zusammen gewachsen." Für Oginski war "die Musikwirtschaftskonferenz jedenfalls ein toller erster Schritt, der nach Fortsetzung ruft".

Laut Axel Ballreich, erster Vorsitzender der LiveMusikKommission (Livekomm), ist die Gefahr eines Kollapses im Veranstaltungsgeschäft "gegenwärtig höher als während der verordneten Schließung der Clubs", gerade angesichts von explodierenden Kosten, Fachkräftemangel oder einem veränderten Konsumverhalten: "Wenn Kulturveranstaltende berichten, dass es für ihre gegenwärtig wirtschaftliche Existenz besser sei, die Shows zu stornieren und die gebuchten Künstler*innen auszuzahlen, als die Konzerte stattfinden zu lassen, dann zeigt das doch, wie hart die Veranstaltungsbranche aktuell angeschlagen ist." Ballreich macht deutlich: "Eine Perspektive für die Kultur- und Veranstaltungsbranche scheint ohne Unterstützung von Bund und Ländern nicht in Sicht."

Laut Daniel Knöll, Geschäftsführer der Society Of Music Merchants (SOMM) habe die Musikwirtschaft mit der ersten Musikwirtschaftskonferenz unter Beweis stellen können, dass sie mehr sei "als die Summe ihrer Teile": "Es wurde sehr deutlich und pointiert ausgearbeitet, was die Musikwirtschaft im Innersten Zusammenhält und mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hat. Ich wünsche mir, dass in Zukunft genau dieses Bild einer komplexen, miteinander verzahnten, hochemotionalen, kreativen, positiv besetzen, zukunftsgerichteten und effizienten Branche bei der Politik und der Öffentlichkeit hängen bleibt." Das Forum habe daran gearbeitet, dieses Bild zu schärfen: "Jetzt liegt es an der Politik sich der geeinten Branche endlich anzunehmen, um zügig an so den notwendigen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Musikwirtschaft zu arbeiten."

Für Birte Wiemann, Vorstandsvorsitzende des Verbands unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT), bescherte die Musikwirtschaftskonferenz "die besondere Gelegenheit, die Herausforderungen der Musikbranche im aktiven Austausch zwischen Praktiker*innen, Politik und Öffentlichkeit aufzuzeigen und Lösungswege zu entwerfen. Dass es einen gangbaren Weg für die Zukunft des digitalen Musikstreamings nicht nur im Kontext der existierenden Streamingplattformen, sondern auch im Hinblick auf digitale Musiknutzungen, die wir heute nur erahnen können, geben muss, ist ebenso entscheidend für die Zukunft der Musikbranche wie im stetigen Austausch mit der Praxis entwickelte Förderprogramme für Künstler*innen, Labels und Verlage." In Hinblick auf die aktuelle Situation macht Wiemann aber auch klar: "Zentral ist und bleibt die Forderung nach eine*r zentralen politischen Ansprechpartner*in für unsere Branche über die Ressortgrenzen hinweg, mit dem*der auch zukünftig so konstruktive Dialogformate wie die Musikwirtschaftskonferenz verstetigt werden könn(t)en."

Text: Knut Schlinger