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Clubcommission in Sorge vor Corona-Herbst und -Winter

Die Clubcommission Berlin warnt, wenn das neue Infektionsschutzgesetz wie geplant in Kraft trete, vor einer existenzgefährdenden Situation für viele Clubs und Musikspielstätten im kommenden Herbst und Winter.

19.08.2022 14:53 • von Frank Medwedeff
Betont den Ernst der Lage: Pamela Schobeß, 1. Vorsitzende der Clubcommission (Bild: Clubcommission Berlin)

Der Eindruck, dass "die Zeit der endlosen Clubnächte, ausgelassenen Open-Airs, Konzerte und Festivals, die wir seit mehr als zwei Jahren vermisst haben, endlich zurückgekehrt" sei, ist laut der Clubcommission Berlin trügerisch. Ein Blick hinter die Kulissen mache deutlich, dass die Situation der Clubszene der Hauptstadt "so unsicher, wie schon lange nicht mehr" sei.

Während die gesamte Veranstaltungsbranche noch mit Nachwirkungen der vergangenen Lockdowns zu kämpfen habe, rücke der Herbst "mit besorgniserregenden Corona-Prognosen" immer näher. Die geplante Änderung des Infektionsschutzgesetzes sowie fehlende Förderungen und Hilfen stellen laut der Clubcommission die gesamte Branche vor "enorme Herausforderungen".

Lange Schlangen vor den Clubs, ausverkaufte Konzerte und Festivals stellen, wie der Berliner Clubverband feststellt, die Ausnahme dar. Vermehrt berichten demnach Betreiber:innen und Veranstalter:innen von Konzerten, Clubnächten und Festivals, dass sie nur einen Bruchteil ihrer Tickets verkaufen können. Die Live-Musikbranche sei nach wie vor von "abgesagten Tourneen, fehlendem Publikum, enormen finanziellen Einbußen und der Bedrohung ihrer Existenz betroffen". Die Realität der Clubkultur verdeutliche, dass die Kulturlandschaft noch Jahre brauchen werde, bevor sie zum Normalbetrieb zurückkehren kann. Gerade die weniger kommerzielle, lokal verwurzelte und communityorientierte Kultur habe zunehmend Schwierigkeiten, sich zu behaupten.

Im Rahmen der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes, das am 23. September verabschiedet und zum 1. Oktober 2022 in Kraft treten soll, stehe die Club-Kultur abermals vor enormen Herausforderungen. Nachvollziehbar ist aus Sicht der Clubcommission bei drohender Überlastung der Intensivstationen eine Wiedereinführung der Testpflicht, sofern diese erneut kostenfrei angeboten werden. Die vorgesehene Maskenpflicht in den Innenbereichen von Clubs und Musikspielstätten lasse sich jedoch nicht umsetzen. Ähnlich wie das Ende 2021 in Berlin verhängte Tanzverbot hätte dies "die zwangsläufige Schließung dieser Orte auch ohne behördliche Anordnung zur Folge".

Dabei müsse aus Sicht der Clubcommission unbedingt berücksichtigt werden, dass jede Beschränkung - auch die Antigen-Testpflicht - zu Besucher:innenrückgängen und damit "zu existenzgefährdenden finanziellen Einbußen" führe. Bislang habe die Politik jedoch keine Konzepte zu Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld bekanntgegeben. Werden diese nicht mitgedacht, lasse sich im nun dritten Corona-Herbst/Winter "ein Ausmaß an Verlusten prognostizieren, welches das der vorigen zwei Jahre übertreffen könnte". Davon bedroht seien insbesondere "weniger kommerzialisierte Orte, Bühnen für Nachwuchs und soziale Räume, die einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben und gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten".

Ohnehin sei die Berliner Clubkultur mit zahlreichen Problemen konfrontiert; wegen "der Beeinträchtigung globaler Lieferketten, der Nichtverfügbarkeit von Waren, der Inflation, der massiv gestiegenen Energiekosten, aufgrund offener Kredite, aber vor allem wegen des andauernden Personalmangels". Viele langjährige Mitarbeitende haben demnach das Vertrauen in die Veranstaltungsbranche "als zuverlässige Arbeitgeberin" verloren und seien in andere Berufsfelder abgewandert. Dass zusätzlich der ökonomische Druck vor allem in Großstädten wie Berlin weiter zunehme, führe zu Kostensteigerungen, die "unweigerlich" ans Publikum in Form höherer Eintritts- und Getränkepreise weitergegeben werden müssten. Vor allem Besucher:innen mit geringem Einkommen seien davon betroffen. Dies gefährde wiederum "die Grundwerte einer unabhängigen und inklusiven Berliner Clubkultur".

Wie auch das Clubkombinat Hamburg in einem umfangreichen Lagebericht aufführe, haben sich Clubbetreiber:innen in Hinblick auf die Coronapandemie "nicht nur kooperativ, sondern präventiv" verhalten. Um die Existenz der Branche sichern zu können, bedürfe es der Planungssicherheit und einer klaren Kommunikation bezüglich Hilfsprogrammen im Vorfeld, "die von der Politik bis jetzt vollkommen unbeachtet geblieben sind". Alternative Lösungsansätze müssten laut der Clubcommission diskutiert und "die Bedeutung der (Club-)Kultur für unsere Gesellschaft und für ein demokratisches Zusammenleben erkannt" werden. Zumindest auf Berliner Landesebene setzt die Clubcommission Hoffnungen in die Entscheidungsträger:innen, dass die Umsetzung des geplanten Infektionsschutzgesetzes "mit Rücksicht auf die Bedürfnisse und Besonderheiten der Berliner Clubkultur erfolgt".

Pamela Schobeß, 1. Vorsitzende der Clubcommission, führt aus: "Sollte das Infektionsschutzgesetz zum Oktober in der geplanten Form in Kraft treten, wird die Lage für Clubs und Musikspielstätten bundesweit noch dramatischer, als sie es jetzt schon ist. Hinzu kommt, dass die Veranstaltungsbranche in besonders schweren Zeiten der letzten zwei Jahre nur aufgrund von Förderungen und Hilfsprogrammen überleben konnte. Dass für die kommenden Monate keine Förderungen geplant sind, gefährdet die Existenz vieler Clubs und Musikspielstätten."

Lutz Leichsenring, Pressesprecher der Clubcommission, ergänzt: "Wie vor jeder nahenden Corona-Welle können wir uns jetzt nur wiederholen: Clubkultur funktioniert nur ohne Maske und Abstand. Dennoch: Sichere Veranstaltungen sind auch in Zeiten möglich, in denen sich viele Menschen mit Covid infizieren. Das beweisen zahlreiche Modellprojekte, wissenschaftliche Studien und präzise sowie kostengünstige Testkonzepte. Genau auf diese Erfahrungen sollte nun gesetzt werden, um nicht im Herbst und Winter erneut die gesamte Veranstaltungsbranche stillzulegen."