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Branchenumfrage: "Ungebrochener Run auf die Rille"

Viele Anfragen, knappe Ressourcen, steigende Kosten: MusikWoche wollte die Lage bei der Fertigung physischer Tonträger unter die Lupe nehmen und fragte bei ausgewählten Akteur:innen nach, wie sich der Markt für LPs und CDs zuletzt entwickelt hat und wie ihre Erwartungen für den Rest des Jahres aussehen?

19.08.2022 09:45 • von Norbert Schiegl
- (Bild: MaxPixel)

Viele Anfragen, knappe Ressourcen, steigende Kosten: MusikWoche wollte die Lage bei der Fertigung physischer Tonträger unter die Lupe nehmen und fragte bei ausgewählten Akteur:innen nach, wie sich der Markt für LPs und CDs zuletzt entwickelt hat und wie ihre Erwartungen für den Rest des Jahres aussehen?

Text: Knut Schlinger

"Trotz Preissteigerungen im CD- und Vinylbereich verzeichnen wir eine konstante Auftragslage, wobei Schallplattenaufträge überwiegen und CDs weniger werden", fasst Silke Maurer die Entwicklung zusammen. Für die Geschäftsführerin von handle with care manufacturing ist klar: "Aktuell könnten wir doppelt so viele Schallplatten pressen wie es unser derzeitiges Kontingent zulässt. Wir planen die Aufträge für unsere Kunden Monate im Voraus ein. Derzeit nehmen wir bereits Aufträge für 2023 entgegen!"

Das sei "insbesondere für eine Vielzahl unserer Independent-Kunden und natürlich auch für uns ein Spagat", berichtet Maurer, "weil alle Komponenten bereits weit vor Produktionsstart akribisch geplant werden müssen". Schnellschüsse seien da "aktuell überhaupt nicht möglich", ergänzt Maurer, "für Nachauflagen kalkulieren wir mit einem Puffer von unserem Kontingent."

"Sonopress ist gut durch das in vielerlei Hinsicht turbulente erste Halbjahr gekommen und hat alle selbstgesetzten Ziele erreicht", antwortet Sven Deutschmann, Geschäftsführer von Sonopress und Topac, auf die Frage nach der Entwicklung im bisherigen Jahresverlauf. "Positiv auf die Gesamtauslastung im Bereich Speichermeiden hat sich insbesondere die im vergangenen Jahr vereinbarte Zusammenarbeit mit einem großen Major aus den USA ausgewirkt. So konnten wir die regulären Mengenrückgänge, die es im physischen Musikmarkt seit vielen Jahren gibt, mehr als kompensieren."

____Sonopress will wieder Vinyl pressen

Auch die Versorgungslage bei Polycarbonat habe sich in diesem Jahr "erfreulicherweise stabilisiert", weiß Sven Deutschmann. Anders sehe das indes "bei Produktionsmaterialien auf Papierbasis aus, die weiterhin nur eingeschränkt verfügbar" seinen - bei massiv steigenden Preisen: "Gleiches gilt für die Energie, die wir für den Produktionsprozess benötigen."

Die hohe Nachfrage, die im vergangenen Jahr "insbesondere durch die Veröffentlichung von Megastars wie Ed Sheeran oder Adele getragen wurde", habe sich im ersten Halbjahr 2022 fortgesetzt: "Das gilt für LPs in noch stärkerem Maße als für CDs", sagt Deutschmann. "Bei der LP haben wir von dieser Entwicklung insbesondere im Bereich Cover-Produktion profitiert, die bei unserem Tochterunternehmen Topac erfolgt."

Der Bertelsmann-Manager kündigt an: "Aufgrund der konstant positiven Entwicklung im Vinyl-Segment haben wir uns bei Sonopress entschlossen, im zweiten Halbjahr nach knapp 30 Jahren Abstinenz wieder vollstufig in die Vinyl-Produktion einzusteigen. Spätestens im Herbst können wir dann wieder umfassende Services in diesem weiterhin wachsenden Marktbereich anbieten."

Dem zweiten Halbjahr sieht Deutschmann denn auch "in Summe optimistisch entgegen". Er gehe davon aus, auch in der schon bald beginnenden Saison gut ausgelastet zu sein. "Dementsprechend sind wir aktuell wieder auf der Suche nach ProduktionsmitarbeiterInnen. Unwägbarkeiten ergeben sich durch die unübersichtliche gesamtwirtschaftliche Situation, die weiterhin steigenden Energiepreise sowie durch die sich abzeichnenden Preissteigerungen bei den Endprodukten."

Neue Kapazitäten entstehen auch am neuen Standort von Austrovinyl in der Nähe des Flughafens Graz: "Die Auslastung auf Seiten der Vinyl-Produktion ist weiterhin sehr hoch, wir sind, trotz einer Kapazitätserweiterung, die ab September in Betrieb genommen wird, praktisch für den Rest des Jahres schon ausverkauft", kann Geschäftsführer Peter Wendler melden. "Der Betrieb läuft das ganze Jahr über im Zwei-Schicht-Betrieb und auch am Samstag." Problematisch bleibe jedoch weiter die Versorgungslage. So seien die Preise beim Vinyl-Compound "weiterhin sehr hoch": "Auch Karton zur Fertigung der LP-Cover ist weiterhin knapp zu bekommen, ebenso bei anhaltend hohen Kosten."

Auch die Energiefrage sei "eine große Belastung", mit "extrem steigenden Kosten für Strom und auch Gas" und dem "großen Fragezeichen" bei der Verfügbarkeit von Gas: "Alles in allem kann alles produziert werden, aber mit hohem logistischen Aufwand, dass alle notwendigen Zulieferungen rechtzeitig ankommen."

"Auch 2022 ist die Nachfrage nach Vinyl ungebremst", weiß Christiane Wakulat, die bei MPO als Country Manager für die DACH-Region fungiert. "Wir sehen derzeit keinen Rückgang und gehen davon aus, dass dies auch in den kommenden Monaten so bleibt - und dass trotz neuer und zusätzlicher Produktionsmöglichkeiten auf dem Markt, das ist schon beachtlich." Anders sehe es indes bei der CD-Fertigung aus, beichtet Wakulat: "Hier sollte kein Engpass wie in 2021 zu befürchten sein."

____Rohstoffe und Energie treiben die Kosten

Positiv sei zudem zu erwähnen, "dass sich die generelle Lage der Verfügbarkeit von Rohstoffen etwas entspannt hat. Allerdings sehen wir uns nun mit inflationären Preisentwicklungen konfrontiert."

"Die Entwicklungen sowohl im Rohstoffbereich als auch im Energiesektor schlagen sich mit ihrer geballten Wucht auf die Herstellung von CDs und LPs nieder", bestätigt auch Michael Hosp, CEO kdg mediatech. "Damit mussten die Hertellungspreise nach oben angepasst werden. Ein Ende dieser Teuerungsspirale ist da nicht in Sicht." Man stelle fest, dass viele Projekte dadurch "deutlich kleiner ausfallen", sagt Hosp: "Die Absätze der Musik-CD liegen hinter den Erwartungen unserer Kund:innen." Im Vinylbereich sehen man derzeit noch keine wirklich Entspannung, was die Kapazitäten betrifft: "Das dürfte vermutlich in einem Jahr der Fall sein, wenn all die neu installierte Vinyl-Kapazität auf den Markt drängt. Unsere Erwartungen für die CD für das zweite Halbjahr liegt daher auf Vorjahresniveau und für die LP über dem Vorjahr."

"Wir haben bereits frühzeitig mit ausreichend Rohstoffen vorgesorgt um eine Produktionssicherheit für unsere Partner und Kunden zu gewährleisten", kann Ingo Kleimann berichten, der als CEO inzwischen auch Gesellschafter der Pallas Group ist, und dort im laufenden Jahr "insgesamt eine sehr positive Entwicklung der Stückzahlen" beobachtet - "mit weiterhin steigender Tendenz". Angespannt bleibe hingegen die Lage bei Ersatzteilen in allen Bereichen: "Die Situation rund um das Thema Erdgas ist bei vielen Lieferanten, aber auch bei uns beunruhigend", konstatiert Kleimann. "Wir haben hier vorgesorgt, um künftig unabhängig zu werden."

"Der Run auf die Rille ist nach wie vor ungebrochen und die Pressmaschinen freuen sich, dass sie nach all den Jahren immer noch Hits pressen dürfen", bilanziert Carsten Haupt. Allerdings schränkt der Managing Director von Celebrate Records seine launige Ansage gleich ein: "Aber im Herstellungsprozess ist das einzige, was ich heute noch stabil bestätigen kann, dass sich jede Platte mit 33 oder 45 Umdrehungen pro Minute dreht und sich auf jeder Seite eine Rille befindet. Alles andere richtet sich nach der Tagesform der Strom- und Gasbörse, Papier- und Rohstoffverfügbarkeit, der allgemeinen Stimmung der Zulieferindustrie und den Corona-Ausfällen der Mitarbeiter."

Die Auftragsbücher seien "trotz erheblicher Energiezuschläge gut gefüllt", berichtet Haupt. "Farbige Vinyls sind dabei angesagter denn je - eventuell pressen wir nächstes Jahr auch mal wieder schwarzes Vinyl?" Die Kunst werde es in den kommenden Monaten sein, Energie und Ressourcen einzusparen, um das Vinyl preislich für den Kunden weiter attraktiv gestalten zu können. "Wir sehen die Zukunft trotzdem positiv und werden neue Wege finden, um diese Zeiten zu überstehen."

____Entspannung bei LPs kaum vor Ende 2023

"LPs werden weiter für knappe Produktionskapazitäten sorgen", weiß auch Christoph Diekmann als Geschäftsführer von addvalue solutions. "Eine Entspannung sehe ich da nicht vor Ende 2023, wenn neue Kapazitäten etabliert sind." Die CD werde hingegen weiter leicht zurückgehen, "aber die Blu-ray wird als Musikmedium zunehmen", zeigt sich Diekmann zuversichtlich: ­"Gerade in der Coronapandemie sehen wir einen starken Zuwachs im Home Entertainment. Bei qualitativ hochwertiger Hardware ist die Nachfrage größer als das Angebot." Das betreffe Stereo ebenso wie Mehrkanalton. "Die immersiven Tonformate, allen voran Dolby Atmos, sind im Streaming angekommen, können aber nur über Lautsprecher eine realistische Wirkung erreichen. Die Blu-ray als Speichermedium für diese Tonformate ist durch den Film etabliert und kann nun von der Musik­industrie ­genutzt werden." Tonqualität bezeichnet er denn auch als "eine gute und perspektivisch interessante Nische".

"Die unsicheren Lieferketten der letzten Monate haben sich weitestgehend stabilisiert, Lieferengpässe gibt es momentan nur noch bei Karton", bilanziert Gunnar Heuschkel, Geschäftsführer R.A.N.D. Muzik. "Dramatisch sind die Verteuerungen von Energie und PVC, um mehr als 200 Prozent. Die Kostensteigerungen spiegeln sich vor allem im Presspreis nieder, die Kosten zur Herstellung der Presswerkzeuge sind im Verhältnis nicht so stark gestiegen." Trotz aller Risiken beobachte man, "dass viele neue Presswerke entstehen und insgesamt stark investiert wird", sagt Heuschkel. "Unsere Bemühungen gehen hauptsächlich in Optimierungen bezüglich der Durchlaufzeit, sowie Kostensenkung durch effizientere Nutzung von Energie und Material." So habe man bei R.A.N.D. Muzik bereits 2016 das Produkt Ökovinyl eingeführt, um Material im Kreislauf zu halten: "Da es schwer ist, bei Vinylpressungen Kompromisse bei der Qualität einzugehen, wird dieses Produkt von den Kunden nach wie vor seltener gewählt. Die Kunden können aber gern unsere langjährige Erfahrung nutzen, und werden bei der Pressung mit Ökovinyl keinen akustischen Unterschied zum Virgin-Vinyl erkennen."

____Angespannte Lage bei Hüllen und Kartonagen

Als Geschäftsführerin und CEO von My45 kann Helge Sudau schließlich von einer gewissen Entspannung der Lage berichten: "Wir haben bereits seit Anfang letzten Jahres in den Ausbau unserer Produktionskapazitäten investiert und unser Personal aufgestockt. Die Lieferzeiten liegen bei uns durchschnittlich wieder bei rund sechs bis acht Wochen für 7-Inch-Singles und bei rund zwölf bis 16 Wochen für LPs."

Allerdings bleibe die Lage an den Rohstoffmärkten angespannt, "was wir insbesondere bei Hüllen, Covern, Kartonagen und chemischen Grundstoffen für die Galvanik merken", fasst Sudau zusammen. "Im Moment lässt sich das aber noch sehr gut durch vorausschauende Planung und ausreichende Lagerhaltung managen."

Aufgrund der gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten habe man aber die eigenen Preise anpassen müssen: "Es bleibt abzuwarten, wie sich dies und die insgesamt anziehende Inflation am Ende im Absatz bemerkbar machen wird", sagt Sudau. "Im Moment merken wir, dass weniger Aufträge hereinkommen, was aber saisonal durch die Sommerferien und eine Vielzahl an Festivals bedingt ist. Gegenüber dem Vorjahr verzeichnen wir in diesem Jahr eine Umsatzsteigerung von rund 20 Prozent. Wir rechnen damit, dass die Auftragseingänge zum Weihnachtsgeschäft spätestens ab Ende August wieder kräftig anziehen werden."