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Run Run Records ist "in der Lage, ganz Europa zu beliefern"

»Das einzige Vinyl-Presswerk im Indischen Ozean«: Mit diesem Slogan bewirbt Run Run Records aus La Réunion seine Aktivitäten. Jean-Raphaël Maraninchi wohnt auf der französischen Insel, die sich mitten im Indischen Ozean befindet und erklärt im Gespräch mit MusikWoche die Pläne mit Run Run Records.

17.08.2022 14:23 • von Jonas Kiß
Präsentiert das Presswerk: Jean-Raphaël Maraninchi (Bild: Run Run Records)

»Das einzige Vinyl-Presswerk im Indischen Ozean«: Mit diesem Slogan bewirbt Run Run Records aus La Réunion seine Aktivitäten. Jean-Raphaël Maraninchi wohnt auf der französischen Insel, die sich mitten im Indischen Ozean befindet und erklärt im Gespräch mit MusikWoche die Pläne mit Run Run Records.

Die 2019 von Florence Poey und Antoine Gradel gegründete Vinyl-Fabrik Run Run Records wurde 2021 von Comptoir G übernommen. Die Holding, die einige Aktivitäten im Musikgeschäft bündelt, gehört Jérôme Galabert und veranstaltet auch die beiden größten Festivals im Indischen Ozean: das Sakifo Music Festival mit jährlich rund 35.000 Besucher:innen und Francofolies De La Reunion mit rund 18.000 Besucher:innen.

Jean-Raphaël Maraninchi fungiert als A&R bei Sakifo Talents sowie als Business- und Sales Manager bei Run Run Records. »Wir fördern, produzieren und veröffentlichen Künstler aus dem Indischen Ozean. Nicht nur auf der Insel Réunion, sondern auch in Ländern wie Südafrika, Mosambik, Tansania oder Mauritius. Und wir würden unser Geschäft gern auf Indien ausweiten«, erklärt Maraninchi.

»Ursprünglich wollten wir nur für den lokalen Markt arbeiten, aber durch die Unruhen der letzten Jahre - also erst COVID und jetzt der Krieg in der Ukraine - hatten die Produzenten viele Probleme, ihr Vinyl zu bekommen. Verzögerungen stehen an erster Stelle: Überall gibt es zwischen sechs und neun Monaten Durchlaufzeit, während wir in der Lage sind, in nur zwölf Wochen zu liefern. Folglich erhalten wir im Moment Bestellungen aus der ganzen Welt. Natürlich müssen wir eine Auswahl treffen, aber wir haben zum Beispiel gerade eine Sendung nach Argentinien geliefert. Wir sind in der Lage, ganz Europa zu beliefern.«

Doch trotzdem sei derzeit auch bei Run Run Records die Kapazität noch begrenzt. Man könne 300 hochwertige 12-Inch-Vinyls pro Tag herstellen. Ziel sei es aber, in den nächsten sechs Monaten 600 Exemplare pro Tag mit den gleichen Qualitätsstandards zu produzieren. Dafür wolle man einige neue Mitarbeiter:innen einstellen.

»Die Maschinen sind in Ordnung, aber manuell, und nicht automatisch, also brauchen wir definitiv qualifizierte Leute, die an ihnen arbeiten. Technisch muss man wissen, wie sie funktionieren, das ist nicht einfach. Die richtigen Leute für die Arbeit in der Fabrik zu finden, ist unser Hauptanliegen«, sagt Maraninchi.

Er sei vom Erfolg von Run Run Records sehr überrascht gewesen: »Am Anfang wollten wir als kleine Firma arbeiten, für unsere eigenen Künstler und den lokalen Markt. Jetzt haben wir festgestellt, dass es ein sehr gutes Geschäft ist, das wir gerne ausweiten würden. Auf jeden Fall werden wir immer die unabhängigen Musikfirmen und Produzenten und die lokalen Künstler bevorzugen.«

In der Anfangszeit entfielen 80 Prozent der Projekte auf den lokalen Markt - sprich die Insel La Réunion. Heute kommen 30 Prozent des Geschäfts aus Europa. »Am Ende des Jahres werden wir wahrscheinlich 50 zu 50 zwischen Europa und dem Indischen Ozean stehen«, prognostiziert Maraninchi: »Glücklicherweise profitieren wir von einigen Subventionen, die von der Region Reunion bereitgestellt werden, um unsere Waren nach Europa zu exportieren.« Die Hauptprobleme, mit denen Run Run Records konfrontiert war, stellten die Transportkosten dar. »Wir sind weit von der nördlichen Hemisphäre entfernt. Die Subventionen helfen uns, wettbewerbsfähig zu bleiben und die Tatsache auszugleichen, dass wir so weit von Europa entfernt sind: Unsere Kunden zahlen nur die Versandkosten vom europäischen Flughafen ihrer Wahl bis zu ihrem Geschäft.«

____Zwischen Europa, Indien und Südafrika

Auch die Lage der Insel La Réunion sei interessant, weil sie sehr zentral im Indischen Ozean liegt, und es dort auch den indischen Markt gibt, der für Run Run Records ein wichtiges Ziel sei. »Kürzlich besuchten einige künftige indische Partner unsere Vinyl-Fabrik. Sie sind sehr daran interessiert, ihr Vinyl hier herzustellen. Es ist ein Nischenmarkt in Indien, aber ein Nischenmarkt in Indien ist überall sonst ein großer Markt. Wahrscheinlich wird Indien in künftig der größte Markt für uns sein, auch wenn wir Südafrika nicht vergessen dürfen. Südafrika ist im Moment wirklich interessant, denn es hat beträchtliche Einnahmen und einen wichtigen Musikmarkt, der auf den gesamten afrikanischen Kontinent ausgerichtet ist.«

Comptoir G deckt mit der Übernahme von Run Run Records nun also alles ab: von der Musikaufnahme über das Livegeschäft und Booking bis hin zur Veröffentlichung. Jean-Raphaël Maraninchi hat seine Karriere bei Warner Chappell angefangen, dann bei Lusafrica gearbeitet und neun Jahre lang die Verlage Budde Music France, Curci France und Strengholt France geleitet. »Bei Sakifo Talents mache ich jetzt 360-Grad-Arbeit, darunter Publishing, Produktion, Booking und jetzt auch die Vinyl-Produktion«, so Maraninchi.

____Immer mehr Fachleute landen auf der Insel

»Wir haben hier einige brillante Musiker im Repertoire. Die Künstler werden immer professioneller, auch wenn es ein langer Weg ist, um das gleiche Niveau wie auf dem europäischen Markt zu erreichen. Der Branchentreff IOMMa (Indian Ocean Music Market) ist wahrscheinlich die beste Möglichkeit für uns, unsere Musik der Welt zu präsentieren und Verbindungen zu den Fachleuten in unserer Region und darüber hinaus zu knüpfen. In den letzten zehn Jahren sind immer mehr Fachleute auf der Insel La Réunion gelandet. Die Herausforderung, wenn man von hier weggeht, besteht darin, seine Musik zu exportieren, und wir hatten einige Erfolge. Der Künstler Dj Sebb zum Beispiel hat 350 Millionen Aufrufe auf YouTube und arbeitet jetzt mit Künstlern in Frankreich und Europa zusammen. Seine Musik wird auch in Tropenregionen wie Miami oder Kolumbien gehört.«

Die Musik aus dem Indischen Ozean, insbesondere von der Insel La Réunion, verbreitet sich also in der ganzen Welt. Und auch Maloya, die ursprüngliche Musik der Insel, wird immer beliebter. Die traditionelle Musik wird von großen Namen wie Danyel Waro oder Zanmari Baré weitergeführt. Daneben gibt es eine neue Generation von Künstler:innen, die begonnen haben, Maloya mit Urban Music und Electronica zu mischen. Dabei ensteht ein völlig neuer Markt, der Maloya den jungen Leuten näher bringt und das Interesse an Weltmusik, Elektronischer Musik und Urban Music weckt. Auch Aphex Twin hat Maloya in sein Set gemischt und Jay-Z hat ein Sample von Danyel Waro in einem seiner Songs verwendet.

»Maloya hat einen sehr speziellen Rhythmus, schwierig zu erklären, man muss es fühlen«, sagt Maraninchi: »Der Rhythmus ist wirklich besonders und hat begonnen, Menschen in der ganzen Welt zu interessieren. Man findet ihn auch in Mosambik und weiter entfernt in Brasilien, was Sinn ergibt, weil es auch ein tropisches Land ist. All diese Einflüsse kommen also zu den Künstler:innen auf der Insel La Réunion und gehen zurück in die Welt. Ich glaube, es passiert gerade etwas in der südlichen Hemisphäre. Und wenn es die nördliche Hemisphäre erreicht, wird es natürlich noch größer werden.«