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Florian Drücke sieht eine "insgesamt sehr stabile Dynamik" im Musikmarkt

Am 11. August legte der BVMI seine Bilanz fürs erste Halbjahr im deutschen Musikmarkt vor. Im Gespräch mit MusikWoche analysiert Florian Drücke die Entwicklung, spricht über die aktuellen Trends, wirft einen Blick auf die Gästeliste der Musikwirtschaftskonferenz und formuliert seine Erwartungen in Hinblick auf den Dialog mit der Politik.

11.08.2022 11:41 • von
Hofft auf mehr Dialog mit der Politik: der BVMI-Vorstandsvorsitzende Florian Drücke (Bild: Christoph Soeder)

Am 11. August legte der Bundesverband Musikindustrie seine Bilanz fürs erste Halbjahr im deutschen Musikmarkt vor. Im Gespräch mit MusikWoche analysiert Florian Drücke die Entwicklung. Der Vorstandsvorsitzende des Branchenverbands spricht dabei über die aktuellen Zahlen und Trends, wirft aber auch einen Blick auf die Gästeliste der Anfang September anstehenden Musikwirtschaftskonferenz, formuliert seine Erwartungen in Hinblick auf den Dialog mit der Politik und die angekündigte Streaming-Studie.

MusikWoche: Wie steht der deutsche Musikmarkt zum Halbjahr 2022 in etwa da?

Florian Drücke: Wir liegen - nicht nur in etwa, sondern ganz konkret - bei einem Umsatzplus von 5,5 Prozent.

MusikWoche: Damit kommt die Entwicklung nach den ersten sechs Monaten aber nicht an den Vergleichszeitraum des Vorjahres oder das Gesamtjahr 2021 heran.

Florian Drücke: Stimmt, wenn die Branchenkenner:innen das mit dem Vorjahresplus vergleichen, dann fühlt sich das etwas kleiner an. Aus unserer Sicht aber haben wir es weiterhin mit einem sehr stabilen Wachstum und auch mit einer stabilen Dynamik zu tun, zumal das Vorjahr mit einem Plus von zehn Prozent schon ein Ausnahmejahr war. Schließlich darf man auch nicht außer Acht lassen, in was für einem Umfeld voller Unsicherheiten wir uns derzeit bewegen. Insofern sehen wir die Entwicklung sehr positiv. Schließlich setzen sich die Trends, die wir in den vergangenen Jahren sehen konnten, ungebrochen fort.

MusikWoche: Was bedeutet das?

Florian Drücke: Das bedeutet Wachstum im Streaming und beim Vinyl.

MusikWoche: Wie sieht denn zum Beispiel das Plus im Streaming aus?

Florian Drücke: Im Streaming allein wuchsen die Umsätze im ersten Halbjahr um 9,1 Prozent. Das ist schon ganz ordentlich. Daneben zeigt der Blick auf den Gesamtmarkt, dass wir zum Beispiel einen deutlich verlangsamten Rückgang von derzeit 6,5 Prozent bei den CDs beobachten und zum anderen das Vinyl um 12,3 Prozent wächst und damit im Ranking der Formate inzwischen auf Platz drei liegt. Insofern haben wir es insgesamt mit einer sehr stabilen Dynamik zu tun.

MusikWoche: Die Entwicklung im Streaming hierzulande scheint mir mit einem Plus von 9,1 Prozent aber doch deutlich weniger dynamisch, als sich das zum Beispiel zuletzt in den Halbjahreszahlen von Universal Music, Sony Music oder Spotify mit Zuwächsen im prozentual zweistelligen Bereich abgebildet hat. Woran liegt das?

Florian Drücke: Das liegt vor allem daran, dass diese Ergebnisse den globalen Markt abbilden, also auch die sogenannten "Emerging Markets" sprich: die Regionen in der Welt, in denen das Wachstum derzeit deutlich stärker ausgeprägt ist als in den reiferen Märkten. Deshalb ist das keine Überraschung, im Gegenteil.

MusikWoche: Wie sieht es mit Ihrer Prognose fürs Gesamtjahr aus: Zuletzt hieß es, die Umsatzmarke von mehr als zwei Milliarden Euro sei in diesem Jahr zu erreichen, ist das immer noch zu schaffen?

Florian Drücke: Die zwei Milliarden sollten zu schaffen sein. Das hängt zwar natürlich immer noch davon ab, was das zweite Halbjahr auch liefert, aber insgesamt gehen wir weiterhin von einer stabilen Dynamik aus.

MusikWoche: Wollen Sie sich prozentual festlegen?

Florian Drücke: Nein. Schließlich werden gerade sehr viele verschiedene gesellschaftliche Meta-Stellschrauben angefasst, die sich direkt oder indirekt auf das Konsumverhalten auswirken können, und ich bin kein Glaskugel-Leser.

MusikWoche: Kommen wir bitte einmal zur Kommunikation mit der Politik. Anfang September steht die Musikwirtschaftskonferenz des Forums Musikwirtschaft an. Hat zum Beispiel die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ihren Besuch bereits zugesagt oder rechnen Sie sogar mit einem Besuch des Bundeswirtschaftsministers?

Florian Drücke: Nein, leider hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth ihr Kommen noch nicht zugesagt, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat zwischenzeitlich abgesagt. Letzteres überrascht mich in der aktuellen Situation aus naheliegenden Gründen nicht wirklich. Zudem warten wir ja auch alle darauf, dass endlich der oder die Ansprechpartnerin der Kreativwirtschaft benannt wird. Und den oder die sehen wir bekanntermaßen im Hause des Wirtschaftsministeriums. Umso mehr hoffen wir jedoch auf die BKM, die es zuletzt schon nicht zur Kulturkonferenz des BVMI geschafft hat. Klar ist: Die Dialogangebote der Branche stehen - sei es in den einzelnen Teilbereichen oder im breiten Schulterschluss von Forum Musikwirtschaft oder k3d. Dialog ist bekanntlich aber nichts Einseitiges.

_____________"Wir fordern schlicht und ergreifend einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin, die den Dialog mit der Kreativwirtschaft aufnimmt und institutionalisiert." Florian Drücke, BVMI.

MusikWoche: Sehen Sie denn Signale, dass der oder die Ansprechpartnerin für die Kultur und Kreativwirtschaft gefunden werden will oder sogar gefunden werden kann?

Florian Drücke: Ja, die sehen wir. Aber dennoch ist es meines Erachtens schon ziemlich irritierend, dass das immer noch nicht geschehen ist. Die ersten 100 Tage sind vorbei, das erste Halbjahr ist vorbei und wenn es so weitergeht, ist bald auch das erste Jahr vorbei. So schwer sollte es doch bitte nicht sein, denn wir haben nicht die Schaffung eines neuen Ministeriums gefordert, ebenso wenig wie eine Person, die gleich alle Probleme lösen wird. Wir fordern schlicht und ergreifend einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin, die den Dialog mit der Kreativwirtschaft aufnimmt und institutionalisiert.

MusikWoche: Apropos Dialog: Was erwarten Sie von der angekündigten Streaming-Studie?

Florian Drücke: Zunächst wollen in erster Linie mitmachen und erwarten, dass diese Einbeziehung stattfindet - auch damit Klarheit bezüglich der Methodik herrscht. Schließlich ist doch zunächst einmal die Frage, was denn das konkrete Ziel sein soll. Vor allem ist entscheidend, dass die Studie in sich keinen Bias hat. Wenn man die Leute einfach nur fragt, ob sie denn genug Geld mit Streaming oder mit digitaler Musik verdienen, dann sagen doch alle "nein" - surprise. Insofern müssen wir erst einmal dafür eintreten, dass all die verschiedenen am Musik-Business-Beteiligten auch wirklich Gehör finden. Wenn das sichergestellt ist, besteht Grund zu der Hoffnung, dass diese Studie eine Möglichkeit schafft, die ganze Diskussion auf eine offene, faktisch bessere Ebene zu heben und wegzukommen vom rein Anekdotischen, wo sich das Thema leider derzeit bewegt. Das setzt aber, nochmal, den Dialog mit der Branche voraus.

Fragen: Knut Schlinger