Unternehmen

Warum steckt so viel Penis im Pop?

Die Musikbranche hat ein Frauenproblem. In einem Gastbeitrag stellt Popakademikerin Laura Diederich die Frage: "Warum steckt so viel Penis im Pop?" Bei dem Text handelt es sich um eine stark gekürzte Zusammenfassung der gleichnamigen Masterarbeit.

04.08.2022 10:03 • von Jonas Kiß
Kann schon mal für Kopfzerbrechen sorgen: die Benachteiligung von Frauen in der Musikbranche (Bild: Imago / Hex)

Die populäre Musikbranche hat ein Frauenproblem. Und das, obwohl die Gleich­­berechtigung der Geschlechter sowie das Empowerment von Frauen als fünftes Entwicklungsziel von den United Nations festgelegt wurde und seit dem Amsterdamer Vertrag 1997 auch als rechtsverbindliche Verpflichtung anzusehen ist.

Warum ist die populäre Musikbranche in Deutschland so männerdominiert? Der Pophimmel scheint zwar durch internationale Stars wie Beyoncé, Taylor Swift oder Dua Lipa voller Künstlerinnen zu sein, aber wirklich gleichberechtigt ist die vermeintlich moderne Musikindustrie nicht, auch nicht in Deutschland. In den deutschen Top 100 Single-Jahrescharts verzeichnet LEA mit ihrem Song »Treppenhaus« auf Platz 63 die höchste Chartplatzierung als nationale Popkünstlerin in 2020. Im Kern gleicht die deutsche Musikbranche eher einem Herrenverein. Sexismus in der Musikbranche führt immer wieder zu Diskussionen, was nicht zuletzt durch das Veröffentlichen des Festival-Line-ups von Rock am Ring oder auch durch die Kritik an der Kampagne »Madonna - The Movement« von About You deutlich wurde. Durch den tief verankerten Sexismus in der Kultur können Frauen nicht sichtbar werden und sind unterrepräsentiert, sowohl als Kreativschaffende als auch im Businessbereich.

Meine Masterarbeit »Warum steckt so viel Penis im Pop?« hat sich mit den Faktoren beschäftigt, die für das männlich geprägte Bild in der Musikbranche sorgen. In diesem Artikel teile ich einige meiner Ergebnisse der wissenschaftlichen Interviews, die ich mit acht Akteur*innen der Musikbranche führen durfte. Daraus resultierten mögliche Faktoren für das männlich dominierte Bild und Handlungsempfehlungen, um Frauen sichtbarer zu machen.

__Facts

Die Annenberg Inclusion Initiative analysierte die amerikanischen Billboard Hot 100 Jahrescharts von 2012 bis 2020 und enthüllte eine eindeutige Geschlechterungleichheit. Während Frauen 2016 einen Anteil von 28,1 Prozent der Künstler*innen ausmachten, waren es 2020 nur noch 20,2 Prozent von 173 Künstler*innen. Von 51 Bands zwischen 2012 und 2020 waren zwei weiblich und 25 Prozent gemischten Geschlechts. Die Songwriting-Branche verzeichnet einen Frauenanteil von 12,9 Prozent im Jahr 2020. Dabei weisen lediglich 35 Prozent der analysierten Songs eine Mitwirkung von Frauen im Songwriting auf. Nur zwei Prozent von 198 Produzent*innen waren im Jahr 2020 Frauen. Das zieht sich bis ins Livesegment: 2018 waren auf amerikanischen Festivals nur 14 Prozent Frauen vertreten.

In Deutschland sieht's auch mau aus. BR Puls und die GEMA haben die 100 Songs analysiert, für die Urheber*innen von 2001 bis 2015 die meisten Ausschüttungen durch Radioairplays erhielten. Lediglich elf Prozent der Songs stammen von Frauen. Ferner sind seit 2000 unter den Interpret*innen der Deutschen Single-Charts durchschnittlich nur circa 25 Prozent Frauen. Im Jahr 2020 waren in den deutschen Top 100 Single-Jahrescharts gerade mal acht deutsche Interpretinnen vertreten.

Ernüchternde Zahlen, die sich auch im Paycheck von Frauen finden, denn es existiert ein Gender-Pay-Gap in der deutschen Musikbranche. Das durchschnittliche Jahresarbeitseinkommen von Frauen in der Sparte Musik, die in der Künstlersozialkasse versichert sind, beträgt 11.234 Euro, während Männer ein Jahresarbeitseinkommen von 14.174 Euro erhalten. In Major Music Companies in Europa verdienen Männer ganze 30 Prozent mehr als Frauen.

__Gründe für die Benachteiligung von Frauen

Gender-Gaps: Der Begriff Gender-Gap bezeichnet den Unterschied in der Gleichstellung von Männern und Frauen. Je weniger Frauen irgendwo präsent sind, desto weniger sind sie natürlich auch sichtbar. Dieses Problem zeigt sich im Radio, wenn sieben männlich gelesene Künstler am Stück laufen und teilweise nicht einmal zwei Frauen hintereinander gespielt werden. So ein Ungleichgewicht herrscht auch im Bookingbereich, wenn überwiegend männliche Acts auf Festivals spielen, diese komplett männlich besetzt sind und größtenteils Männer als Headliner gebucht sind. Es liegt einfach keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vor.

Männer haben es in der Branche leichter, weil sie keiner strukturellen Diskriminierung unterliegen und dadurch mehr Chancen im Musikbusiness haben. Frauen müssen mehr leisten, um in der Musikbranche zu bestehen. Es gibt schlichtweg weniger Raum und Positionen für Frauen in der Branche. Das führt zu einer Konkurrenzsituation unter Frauen. Dass dies den Weg der Frau in der Musikbranche erschwert, steht außer Frage und stützt die Theorie, dass Frauen durch Gender-Gaps schlechtere Zugangschancen zum Musikmarkt als Männer haben. Die mangelnde Gleichstellung von Frau und Mann lässt sich historisch begründen. Schließlich lag der Stellenwert der Frau ganz lange gesetzlich wirklich unter dem des männlichen Geschlechtes, und Frauen durften zum Beispiel auch erst sehr viel später wählen als Männer. Hinzu kommt ein altes System, das noch in vielen Teilen der Musikbranche herrscht, denn Sexismus ist tief in unserer Menschheitsgeschichte verankert. Nicht einmal die hippe Musikbranche konnte sich bislang von den patriarchalen Strukturen lösen. Das Ausmaß existierender Gender-Gaps in der Musikbranche ist vielen Menschen nicht bewusst. Es fehlt einfach an Wissen über die mangelnde Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Auch das Gender-Data-Gap in der Sprache ist ein Ding. Das generische Maskulinum wird für alles Mögliche verwendet. In Berufsbezeichnungen der Musikindustrie werden Frauen zum Beispiel oftmals nicht inkludiert, nur mitgemeint und somit diskriminiert. Und dadurch, dass Stellenausschreibungen zumeist nicht gegendert werden, bewerben sich auch weniger Frauen auf Jobs oder Auftrittsmöglichkeiten. Hier fehlt es schlicht und einfach an der Bereitschaft zum Gendern.

__Die Branche der ­Gatekeeper

Der Begriff Gatekeeper kommt ursprünglich aus der Nachrichtenforschung, in der Journalist*innen als Schleusenwärter*innen verstanden werden, die den Zugang zu Nachrichten für die Öffentlichkeit kontrollieren. Ähnlich funktioniert das auch in der Musikbranche.

Innerhalb der Musikbranche existieren hierarchische Machtstrukturen. An den wichtigen Entscheidungspositionen dieser Strukturen sitzen mehrheitlich weiße Männer. Sei es in Labels, im Bookingbereich, im Radio, in der Presse oder in der Promotion. Der weiße Mann ist ein System, ein Typus, der weltweit alle Entscheidungen trifft. Die Gatekeeper der Branche entscheiden über Neueinstellungen, die Positionierung von Künstler*innen, die Bezahlung von Frauen, die Darstellung von Frauen in der Presse, Veränderungen zugunsten der Sichtbarkeit von Frauen, und sie haben die Macht, um Dinge zu verändern. Frauen werden von Männern durch Gatekeeping benachteiligt, etwa von Musiklabels, die Künstlerinnen hindern, sichtbar zu werden, indem sie Musikveröffentlichungen zeitlich hinauszögern, weil da schon eine andere Künstlerin ein Album rausbringt. Auch die Programmleitung des Radios entscheidet, welche Musik Gehör findet. Durch Einstellungen in Musikplanungsprogrammen werden Frauen dann gezielt benachteiligt, indem voreingestellt wird, dass maximal zwei weibliche Acts nacheinander gespielt werden dürfen. Im Gegensatz dazu laufen im gleichen Sender zum Beispiel neun Künstler am Stück. Ist ja klar, weil Frauenstimmen so nervig sind.

Die männlichen Gatekeeper der Musikbranche haben die Macht, um etwas am männlichen Bild in der Industrie zu ändern. Und da zieht die Angst von Radiosendern, Hörer*innen zu verlieren und deswegen nur Songs von Ed Sheeran und Max Giesinger zu spielen, anstatt eine Newcomerin sichtbar zu machen, auch nicht mehr. Ein großes Problem scheint das Mindset der Gatekeeper darzustellen. Laut Bourdieu verstehen Gatekeeper sich selbst als Role Model und ordnen ihre ­Handlungen natürlich als richtig ein. Ich meine, wer will sich auch schon gern von einer Frau reinreden lassen?

Hinzu kommt ein fehlendes Verständnis von privilegierten Männern. Macht ja auch Sinn: Jemand, der privilegiert ist und wirklich auf gar keiner Ebene irgendwie eine Art von Diskriminierung erfährt, hat oft sehr wenig Verständnis für Menschen, die nicht privilegiert sind und die diskriminiert werden, und hat auch kein Interesse daran, Dinge zu ändern.

- Let's call it Buddy Business. Heißt: Männer unterstützen vornehmlich andere Männer, sodass Frauen nicht in der Art und Weise repräsentiert werden, wie sie repräsentiert werden könnten und sollten. Männer in Machtpositionen ziehen andere Männer hoch, supporten und fördern einander und nehmen tendenziell auch nur andere Männer ernst. Vom sogenannten Boys Club profitieren also nur Männer.

Wo sind denn die Allys? Wo sind die verbündeten Personen, die sich für diskriminierte und marginalisierte Gruppen von Menschen einsetzen? Es fehlt an Allyship der Gatekeeper. Doch warum? Wahrscheinlich weil es an Wissen über die Geschlechterungerechtigkeit fehlt oder aus Angst, sich in der Öffentlichkeit als Ally zu bekennen. Oder schlichtweg aus Ignoranz.

__Herrschaftstechniken der Musikbranche

Herrschaftstechniken sind Techniken der Diskriminierung gegen Frauen. Diese Art und Weise, wie mit Frauen umgegangen wird, beeinflusst deren Sichtbarkeit. Und eins steht fest: Frauen werden anders behandelt als Männer.

- Unsichtbar machen ... unter anderem, indem ins Wort gefallen wird, Gesagtes vom Mann wiederholt wird und erst dann Gehör findet, Ausgrenzung auf Grund eines sozialisierten Frauenbildes.

- Lächerlich machen ... unter anderem durch Stereotypisierung wie Zicke/Feminazi/hysterisch/verrückt, Frauen wird grundlegend weniger zugetraut, oftmals Degradierung (in der Livebranche ist die Frau eher die Merch-Verkäuferin als die Managerin).

- Schuld unterstellen in jeder Situation ...»be a lady they said«: Hier wird der Frau stets eine Absicht unterstellt. So zum Beispiel die Unterstellung, dass eine freizügig gekleidete Frau eher auf Grund ihrer Kleidung befördert wird als auf Grund ihrer Qualifikationen.

- Sexualisierung und Objektifizierung ... Künstlerinnen wird zumeist auf Grund ihrer Optik ein Image beigemessen wie »die deutsche Adele« oder »die Dicke«. Die Optik bestimmt oft über ein Signing.

- Weitere Herrschaftstechniken sind Informationen zurückhalten, sexuelle Belästigung, Sprache als Machtinstrument und Gaslighting. Letzteres beschreibt, wie Frauen verunsichert und eingeschüchtert werden und deren Selbstbewusstsein zerstört wird. Dies geschieht etwa durch Mansplaining, Kompetenz absprechen sowie klein machen und halten. Die ausführliche Erläuterung würde den Rahmen dieses Artikels weit überschreiten.

__Stereotype Sozialisation

Durch die Sozialisation entsteht ein klares Geschlechterbild. Männer und Frauen sind in zwei Kategorien aufgeteilt, die für verschiedene Charaktereigenschaften, Farben, Hobbies, Rollen und Berufe stehen. Die Erwartungen an das jeweilige Geschlecht gilt es zu erfüllen. Sexistische Rollenbilder werden Menschen schon in der Kindheit anerzogen und von ihnen verinnerlicht.

Frauen tanzen Ballett, tragen rosafarbene Klamotten und wachsen schon als Mädchen mit der Geschlechtervorstellung auf, dass Mädchen Prinzessinnen sind, die gerne mit Puppen spielen. Von Mädchen wird erwartet, dass sie sich benehmen, ordentlich sind und bloß nicht rebellieren. Die Welt braucht anständige und süße Mädchen, brave Frauen. Diese Vorstellungen vom Geschlecht werden schon in Kinderbüchern vermittelt. Frauen bekommen die Denkart infiltriert, schwach, demütig, emotional und zurückhaltend zu sein und nicht zu viel zu wollen. Die Frau nimmt in der Musikbranche folglich nur eine Nebenrolle ein und wird in spezifische Rollen und Berufsbilder gezwängt. Vor allem das Klischee, Frauen seien nicht technikaffin, ist in der Branche weit verbreitet. Es stellen sich zwei Frauenbilder heraus: die anständige Frau und die aufreizende Frau, Mutter versus die Hure. Solche Klischees werden jeden Tag reproduziert.

__Unterrepräsentanz von Role Models

Sei es auf Bühnen, auf denen weibliche Role Models unterrepräsentiert sind, in der Schule, in der nur Komponisten im Musikunterricht behandelt werden oder im universitären Kontext, in dem nur männliche Beispiele für erfolgreiche Karrieren erwähnt werden; Frauen werden wenig bis gar nicht empowert. Es fehlt an der Sichtbarkeit von weiblichen Vorbildern, die dem Nachwuchs Möglichkeiten und Chancen für ihren Werdegang in der Musikbranche aufzeigen. Es mangelt an Identifikationsfläche für junge Frauen, um den harten Weg des Musikbusiness zu gehen und die stereotype Sozialisation zu überwinden. Klar, es kommen immer mehr junge Stimmen nach, die als weibliche Role Models agieren, jedoch sind das nicht genug, um einen nachhaltigen Wandel herbeizuführen.

Wie können Frauen in der populären Musikbranche Deutschlands sichtbarer gemacht werden?

- Reflexion: Zuallererst müssen sich Firmen innerhalb der Musikbranche, Schulen und Universitäten selbst reflektieren. Es muss die Notwendigkeit erkannt werden, Dinge verändern zu müssen. Dafür müssen die Strukturen der Musikindustrie durchleuchtet und sich überhaupt mal mit dem Gleichheitsgedanken auseinandergesetzt werden. Wo existieren Ungerechtigkeiten? Welche Rollenbilder existieren? Was kann getan werden, um das Problem zu lösen?

- Aufklärung: Alle Akteur*innen der Musikindustrie müssen grundlegend verstehen, was Sichtbarkeit von Frauen, Diversität, Gleichberechtigung, Feminismus und gendergerechte Sprache bedeuten. Dadurch wird eine Sensibilität gegenüber den Themen geschaffen, die für einen grundlegend sensibleren Umgang von Cis-Männern gegenüber Frauen sorgen könnte und die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche automatisch erhöht.

- Verhaltenskodex ... für ein respektvolles Miteinander und das Verhindern von Diskriminierung. Sei es für Meetings, das Miteinander auf Konzerten oder Regeln für den allgemeinen Umgang innerhalb einer Firma. Konkret: In Meetings werden keine Rollenbilder mehr besprochen, es wird sich nicht über das Aussehen einer Frau ausgelassen, es werden kein übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen sowie frauenfeindliche Kommentare toleriert, es besteht eine Meldepflicht für sexuelle Übergriffe, ein respektvoller Umgang wird gepflegt, und sexuelle Belästigung hat ernsthafte Folgen.

- Gleichstellungbeauftragte ... sorgen dafür, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau nachhaltig gefördert und umgesetzt wird.

- Keychange Pledge: Eine weitere Möglichkeit, um Frauen sichtbarer zu machen und eine Umstrukturierung zu realisieren, bietet das Unterschreiben der Keychange Pledge. Keychange ist ein globales Netzwerk, das sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Musikindustrie einsetzt. Unternehmen können die Keychange Pledge unterschreiben und verpflichten sich damit, alles für das Erreichen einer Gleichstellung der Geschlechter zu tun.

- Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache: Das Nutzen von gendergerechter Sprache ist relevant, und die Bedeutung in der Musikbranche noch nicht ausreichend erkannt.

- Sichtbarkeit von Role Models erhöhen: Wenn Role Models in der Musikbranche sichtbarer werden, werden andere Frauen dadurch empowert und ziehen daraus Kraft für sich. Eine Frau traut sich mehr zu und sieht neue Möglichkeiten für sich und ihre Karriere. Außerdem erkennen Frauen durch Role Models, dass sie gewissen Rollenbildern und Klischees nicht gerecht werden müssen. Es braucht mehr Role Models im universitären Kontext als Dozent*innen, als weibliche Vorbilder in Lehrplänen, in Führungspositionen der Musikbranche und Positionen, die als frauenuntypisch verstanden werden, um einen Wandel herzuleiten.

- Frauenquoten: Ohne eine Frauenquote kann es keinen Wandel geben. Durch sie wird die Gleichberechtigung messbar gemacht. Für die Erreichung müssen aber auch klare Ziele definiert werden. Nur so kann das System umgestellt werden. Wir brauchen eine Frauenquote, um sie irgendwann nicht mehr zu benötigen. Ich empfehle Frauenquoten für Vorstandsebenen in Firmen der Musikindustrie, für den Anteil an Vertragsunterzeichnungen bei Musiklabels, Fernsehformaten, Festivals, staatlichen Förderungen, bei der Bestückung von Radio-Playlisten und bei Neueinstellungen.

- Aktive Förderung von Frauen: Damit Frauen in der Musikbranche sichtbarer werden können, müssen sie aktiv gefördert werden. Schon durch das Gender-Pay-Gap wird eine unfaire Verteilung von strukturellen Förderungen sichtbar.

- Sichtbarkeit von Empowerment-Netzwerken erhöhen: Dadurch bekommen Frauen mögliche Role Models an die Hand, mit denen sie sich identifizieren können. Innerhalb von Empowerment-Netzwerken erfahren Frauen viel über Diskriminierung, finden ihre Stimme und können gemeinschaftlich laut werden.

- Veränderung im Kleinen: Veränderung beginnt im Kleinen. Bei dir. Bei mir. Es gibt viele Möglichkeiten, sich für Geschlechtergleichstellung zu engagieren. Zunächst ist es wichtig, sich selbst zu reflektieren. Grundlegend wahrzunehmen, wie unausgeglichen das Verhältnis von Männern und Frauen in der Musikbranche ist, und sich dann gezielt über das Thema zu informieren und offen sowie kritikfähig zu sein. Spürbar wird die Veränderung, wenn einzelne Akteur*innen anfangen, laut zu werden und andere aufklären. Je mehr Menschen sich als Individuen einsetzen, desto schneller kann auch eine nachhaltige Veränderung erreicht werden.

- Sozialisation: Eine Sozialisation ohne Stereotypisierung - das wär's! Mädchen müssen mit Inhalten aufwachsen, die keine Klischees enthalten. Ihnen muss vermittelt werden, dass die Musikbranche für sie offensteht, egal, ob sie Schlagzeugerin, Produzentin oder Sängerin werden möchten. Bestimmte Assoziationen mit dem jeweiligen Geschlecht müssen aufgebrochen werden, damit Frauen auf ihrem Weg in der Musikbranche nicht gegen so krasse Stereotype oder gegen Diskriminierung ankämpfen müssen. Zukünftig müssen Frauen zu mehr Selbstbewusstsein erzogen werden, um für sich einstehen und Herrschaftstechniken abwehren zu können. Role Models im familiären Kontext liefern die Basis für einen erfolgreichen Weg in der Musikbranche. Sie können Frauen Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein vorleben. Ferner können sie Frauen ermutigen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und Dinge zu tun, die nicht dem klassischen Rollenbild der Frau entsprechen. Hier ist auch die Sozialisation der Männer zu benennen, die sich ändern muss, um Frauen nicht länger Sexismen auszusetzen. Männer müssen so sozialisiert werden, respektvoll mit einer Frau umzugehen und keine stereotypen Rollenbilder zu vertreten, um grundlegend mit einer Denkart in die Musikbranche zu kommen, die es Frauen ermöglicht, frei und gleichberechtigt ihren Weg zu gehen.

- Allyship der Gatekeeper: Ein Wandel kann nur durch die Unterstützung von Gatekeepern funktionieren. Schließlich sitzen die an den entscheidenden Positionen, um Türen zu öffnen und Raum für Frauen zu schaffen. Die männlichen Gatekeeper finden mehr Gehör und können sehr viel schneller, sehr viel mehr verändern. Dafür muss ein Wandel aber auch gewollt werden und die Bereitschaft, sich einzusetzen, vorhanden sein. Du bist ein privilegierter Mann? Dann setz' dich für strukturell benachteiligte Personen ein, werd' laut und gib Frauen eine Stimme. Und zwar so lange bis der Zeitpunkt erreicht ist, an dem Frauen selbst für sich laut werden können und dann auch wirklich gehört werden.

__Fazit & Ausblick

Insgesamt zeichnen sich unterschiedliche Faktoren ab, die das männliche Bild in der populären Musikbranche Deutschlands begründen können. Es gibt keinen Hauptgrund für die Problematik, sondern die Mischung macht's. Die einzelnen Faktoren bedingen sich und sind eng miteinander verbunden. So beeinflussen die Gatekeeper der Branche Gender-Gaps und sind die ausführende Instanz von Herrschaftstechniken. Frauen fehlt wegen ihrer Sozialisation das Selbstbewusstsein, um sich gegen diese Sexismen zu wehren. Außerdem schaffen es Frauen nur selten, mit stereotypen Rollenklischees zu brechen, aus Angst, mit Herrschaftstechniken konfrontiert zu werden. Aufgrund von Sozialisation sehen sich Gatekeeper als Role Models an, was sich in ihrem Verhalten spiegelt. Die Unterrepräsentanz von Role Models lässt sich auf den fehlenden Allyship und das Buddy Business zurückführen. Die Role Models, die existieren, sind mehrheitlich von männlichen Gatekeepern eingesetzt, was als kritisch zu bewerten ist. Stereotype Sozialisation hat einen Einfluss auf alle ausgeführten Sexismen gegen Frauen. Es herrscht hier ein größerer Zusammenhang, der einem Teufelskreis ähnelt und aus dem nur schwer auszubrechen ist. Lösungsansätze sind da, jedoch lässt sich nicht pauschal festlegen, wo genau angefangen werden muss, um die Geschlechtergerechtigkeit effektiv zu erreichen. Meine Ergebnisse stellen eine stark vereinfachte Momentaufnahme dar, die nahelegt, wie facettenreich und mehrdeutig die Diskriminierung von Frauen in der deutschen Musikbranche ist.

Dieser Artikel lädt dazu ein, die aktuelle Lebensrealität und Zukunft der Frau in der Musikbranche zu betrachten. Ich gehe gezielt auf meine Master Thesis ein, welche leider nur über die Diskriminierung der Frau berichtet. Allen Menschen muss bewusst sein, dass es auch noch weit mehr und stärker diskriminierte Gruppen gibt, welche in der nationalen und internationalen Musikbranche unterrepräsentiert sind.Der Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter ist noch lang und der Kampf nicht zu Ende. Bleibt das aktuelle gesellschaftliche Tempo gleich, dauert es laut dem Bericht des World Economic Forums im weltweiten Durchschnitt noch 136 Jahre, bis die Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht wird. Gemeinschaftlich kann ein Wandel geschehen, und sobald Frauen und Männer auf Augenhöhe in der populären Musikbranche Deutschlands stehen, steht ihnen die Welt offener als je zuvor. Geschlechtergleichstellung ist dann kein weit entfernter Traum mehr, sondern die Realität einer jeden Frau der Musikindustrie.

Text: Laura Diederich

____Zur Autorin:

Laura Diederich alias LORI ist eine Pop-Künstlerin, die für autobiografische Texte und internationale Beats à la Dua Lipa steht. Auf ihrer Agenda stehen Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, Empowerment, Optimismus und Feminismus. Ihre Masterarbeit - "Warum steckt so viel Penis im Pop?" - widmete sie der Unsichtbarkeit der Frauen in der Musikbranche. Kompromisslos erkämpft sie sich eine Karriere, die bereits mehr als einmal von Männern blockiert wurde. Songs wie "42 Millionen", "Astronautinnen" und "Links rein, rechts raus" ermutigen Frauen und Mädchen ihren Weg zu gehen. LORI ist eine Bossin mit perfektem Make Up. Eine Macherin in Sneakers. Eine Moscow Mule trinkende Fashionista.

Instagram: https://www.instagram.com/lori.wav/

Facebook: https://www.facebook.com/loriforpresident

Tiktok: https://www.tiktok.com/@lori.wav

YouTube: https://www.youtube.com/channel/UCbxVb4ITh-i8Pa4VLgMHk_A