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Blühdorn und Voß gehen kreative Extrameile für den Metal

Vor einem Jahr erschien das erste Projekt auf dem von Benjamin Voß und Mathias Blühdorn gegründeten Label Circular Wave. Zur Veröffentlichung des ersten Albums sprechen die einstigen Sony-Music-Manager über das bisher Erreichte und ihre Ziele.

03.08.2022 09:35 • von Dietmar Schwenger
Haben sich mit Circular Wave selbständig gemacht: Mathias Blühdorn (links) und Benjamin Voß. (Bild: Circular Wave)

Vor einem Jahr erschien das erste Projekt auf dem von Benjamin Voß und Mathias Blühdorn gegründeten Label Circular Wave. Zur Veröffentlichung des ersten Albums sprechen die einstigen Sony-Music-Manager über das bisher Erreichte und ihre Ziele.

"Uns war klar, dass eine Labelneugründung mitten in der Pandemie besondere Herausforderungen mit sich bringen würde", sagt Mathias Blühdorn, Co-Geschäftsführer Circular Wave. Das gelte besonders bei Rock, Alternative und Metal - "ein Bereich, in dem selbst unter günstigen Rahmenbedingungen erfolgreicher Künstleraufbau über mehrere Jahre hinweg konsequent durchgezogen werden muss, um schließlich dort zu landen, wo man gemeinsam mit dem Künstler hin will. Live-Auftritte sind im erweiterten Bereich >Gitarre< nun mal wirklich sehr wichtig und können kaum durch andere Maßnahmen gleichwertig kompensiert werden."

Trotz dieser nicht einfachen Ausgangslage sei man zufrieden, wie sich das erste Jahr entwickelt habe, wie Benjamin Voß ausführt: "Vier Künstler haben wir bis heute unter Vertrag genommen, vier weitere sind aktuell Kunden bei unserem Artist & Label Services oder beim Consulting - darunter auch ein Schwergewicht wie Amon Amarth, für deren neues Albumprojekt wir im Auftrag von Metal Blade arbeiten. Nach gründlicher Aufbauarbeit mit etlichen digitalen Veröffentlichungen von Singles und einigen EPs steuern wir mit dem Label nun auf unsere erste Albumveröffentlichung zu."

So erscheint am 29. Juli mit "2222" ein Album der Berliner Band Chaosbay. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Performance dieses Albums auf einem ganz anderen Niveau verlaufen wird als ihre bisherigen Veröffentlichungen. Um es in Zahlen und Verhältnissen auszudrücken: Die von uns bisher veröffentlichten Titel sind innerhalb weniger Monate bereits sehr viel mehr gestreamt worden als alle vorherigen Titel in ihrer gesamten Karriere zusammengenommen", erläutert Blühdorn und verweist darauf, dass die Zahl der Monthly Listeners bei Chaosbay seit dem Beginn der Zusammenarbeit in einer Größenordnung von etwa Faktor 35 bis 40 gestiegen sei. "Hier haben sich extrem gutes Songmaterial in Verbindung mit gezielt targetierten Investitionen in den entscheidenden Bereichen von Promotion und Marketing jetzt schon zählbar ausgewirkt."

Blühdorn weiß: "Viele Marktteilnehmer versuchen, ihr Geschäft über die Ansammlung von Repertoiremasse zu skalieren. Das mag in Teilbereichen auch eine wirtschaftlich effiziente Vorgehensweise aus Sicht des Labels oder Vertriebes sein, bedeutet für den jeweiligen Künstler aber leider oft keine sehr individuelle und auch keine sehr intensive Betreuung, geschweige denn kreative Extrameilen. In unserem Genrebereich verschärft sich die Situation aus Sicht von Künstlern zusätzlich dadurch, dass die Qualität und Quantität der Aufmerksamkeit seitens größerer Labels und Vertriebe aktuell nicht der eigentlichen Marktbedeutung des Genrebereiches angemessen ausfällt." Selbst ambitionierten Künstlern mit hohem Potenzial oder teils jetzt schon sehr relevanter Umsatzbedeutung fehle es viel zu oft an Andockstationen, wo sie sich gleichermaßen gut verstanden und wertgeschätzt fühlen als auch mit ausreichend Marketingpower ausgestattet werden, so Blühdorn.

Sein Kompagnon übernimmt: "Hier setzt unser eigener Anspruch an, den wir an uns selbst stellen: Wir möchten ein Boutique-Label sein, aber keine Wald- und Wiesenklitsche, sondern ein starker Partner für unsere Künstler, der auch größere Projekte nicht nur mit viel Erfahrung und Kreativität begleitet, sondern auch mit dem dafür erforderlichen Budget."

Circular Wave wolle Acts einfach qualitativ hochwertigen Support bieten. Das umfasse eine gute Ansprechbarkeit für alle Detail¬fragen, einen kreativen Austausch auf Augenhöhe, maximal flexible und auf den jeweiligen Künstler abgestimmte Leistungspakete und eine transparente, künstlerfreundliche Gestaltung aller Businessparameter und -prozesse. "Deshalb arbeiten wir für unsere Label Signings auch mit einem Profit-Split-Modell. Und für Künstler, die ihre Master-Rechte behalten wollen und selbst über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, bieten wir unsere Arbeit auch in Form von Dienstleistungen im Bereich Artist and Label Services an."

Für ein Label Signing überlege man sich, ob sich eine Band gut in das Gesamtbild einfüge und ob man daran glaube, dauerhaft gut als Projektteam gemeinsam mit dem Artist Camp funktionieren zu können. "Neben Genre und Professionalitätsgrad zählen für uns auch Faktoren wie Innovationsfreude, Kreativität und Einzigartigkeit, zukünftiges Potenzial, Proaktivität des Künstler-Camps, internationale Ausrichtung und durchaus auch die Haltung, die über Image und Songtexte gezeigt wird. Inhalt und Aussehen sollten ein stimmiges Bild ergeben. Natürlich kann es auch mal eine vorwiegend ökonomische Abwägung sein, welche Grundlage der Zusammenarbeit gut geeignet zu sein scheint. Dies gilt natürlich nicht nur für unsere Perspektive, sondern auch für die der Künstler", betont Voß

Als Vertriebspartner arbeitet das Label digital weltweit mit Zebralution, physisch in GSA mit Tonpool und außerhalb mit SPKR. Zusätzlich legt Circular Wave einen Fokus auf D2C-Plattformen und betreibt einen eigenen Label-Webshop.

Die Majorstrukturen, unter denen Blühdorn und Voß viele Jahre bei Sony Music gearbeitet haben, bewerten die beiden ambivalent: "Sofern man innerhalb von Majorstrukturen volle Handlungsfreiheit hat und auf alle Ressourcen zugeifen kann, ist alles, was Finanzierung betrifft, dort ein vergleichsweise einfaches Thema", erklärt Voß. "Uns ist es wichtig, dass wir die Möglichkeiten haben, notwendige Investments tätigen zu können, wenn ein bestimmtes Projekt diese braucht, ohne am falschen Ende sparen zu müssen. Dies ist von der Grundausrichtung her für uns gegeben, auch als Independent. Das große Kolleg:innen-Team mit vielen spezialisierten Abteilungen bei einem Major bietet Vor- und Nachteile."

So möge es sicher oft einfacher erscheinen, ein Zimmer weitergehen und dort ganz selbstverständlich um Hilfe und Zuarbeit bitten zu können, aber im echten Leben gebe es oftmals Firmen- und Abteilungspolitik, deutlich spürbare Kapazitätsengpässe und andere kleine und mittelgroße Hürden, bei denen man dann merke, wie festgelegt und abhängig man innerhalb eines größeren Systems sei, "wenn die eigene Agenda und Priorisierung nicht zufällig deckungsgleich ist mit der der "Nachbarzelle" oder der von richtungsweisenden Hierarchieebenen über einem. Und viele Wege sind einfach länger, alles muss über (zu) viele Tische", verrät Blühdorn. Man orientiere sich nun am "Best Of Both Worlds"-Leitgedanken. "Die nötige Handlungsfähigkeit und Schlagkraft bei maximaler Flexibilität und Unabhängigkeit erscheinen uns als Idealbild. Und es macht Spaß, sich sein präferiertes Netzwerk um den Firmenkern herum aufzubauen und dieses von Projekt zu Projekt in immer wieder neuen, auf den tatsächlichen Bedarf angepassten Konstellationen zu einem Team zusammenzubringen", so Voß.

Aktuell stehe man auf drei Säulen: Label-Signings, Artist & Label Services Consulting und seit Kurzen auch eine Verlagsedition bei Bailer Music Publishing. "Perspektivisch werden vermutlich noch ein bis zwei weitere Säulen wie Management und Merchandising in einer schwer vorhersagbaren Gewichtung dazukommen, aber wir wollen das auch nicht mit der Brechstange forcieren", sagt Blühdorn, während sein Kollege anfügt: ".Wir wollen das, was wir machen, gut machen. Und wenn die Zeit und der Anlass dafür gekommen sind, werden wir uns immer neu sortieren und zusätzliche Strukturen aufbauen. Das wird früher oder später auch dazu führen, dass wir ein bis zwei Mitarbeiter:innen dazuholen. Schließlich wollen wir auch bei steigender Projektzahl immer unserem Qualitätsanspruch gerecht werden."