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Alex Black sieht Authentizität bei Production ­Music "an erster Stelle"

Im Frühjahr 2021 übernahm Alex Black als CEO das Ruder bei Sonoton Music in München. Im Gespräch mit MusikWoche zieht der Brite Zwischenbilanz, spricht über die Entwicklung im Bereich der Production Music oder die Bedeutung von Netzwerken und erläutert, was ihn nach Deutschland geführt hat.

03.08.2022 10:53 • von
Übernahm 2021 die Leitung von Sonoton Music in München: der Londoner Alex Black. (Bild: Sonoton Music)

Im Frühjahr 2021 übernahm Alex Black als CEO das Ruder bei Sonoton Music in München. Im Gespräch mit MusikWoche zieht der Brite Zwischenbilanz, spricht über die Entwicklung im Bereich der Production Music oder die Bedeutung von Netzwerken und erläutert, was ihn nach Deutschland geführt hat.

»Ich bin Londoner durch und durch«, sagt Alex Black. »Ich bin dort geboren und aufgewachsen.« Dennoch ist er nun dabei, sein Haus in der Heimatstadt zu verkaufen. In München, wo er schon aus früheren Zeiten unter anderem Michael Reinboth von Compost Records und die Jazzanova-Musiker:innen kannte, möchte er sein Netzwerk im Musik- und Medienbereich derweil ausbauen:

»In diesem Geschäft geht es viel ums Networking«, sagt Black, der als studierter Grafikdesigner über die Mitarbeit im Studio von Trevor Horn und DJ-Jobs ins Musikgeschäft kam und zunächst mit einem Partner eine eigene PR-Firma führte, die sich unter anderem um die Geschicke der Formation Leftfield kümmerte, aber auch Promotion-Aufgaben für Acts wie Carl Cox, LTJ Bukem, Basement Jaxx und Radiohead übernahm.

Es folgte der Wechsel in den Verlagsbereich mit Stationen bei Imagem oder Boosey & Hawkes, bevor er ab 2013 als Global Director in Diensten von EMI Production Music stand - und zwischenzeitlich als Sub-Publisher auch schon mit Sonoton zusammenarbeitete.

»In der Production Music steht Authentizität an erster Stelle«, betont Alex Black. Schon in den 70er-Jahren hätten all die großen Session-Musiker wie selbstverständlich auch für Produktionsmusikverlage gearbeitet und den Zeitgeist für deren Kataloge eingefangen. In den Achtzigern und Neunzigern habe sich dieser Fokus allerdings verschoben. Ihm selbst sei es angesichts seiner persönlichen Geschichte im Umfeld der elektronischen Musik immer darum gegangen, Werke zu finden, die den wahren Geist dieser Szene einfangen - und nicht bloß als Nachahmung daherkommen. Ein Produktionsmusikverlag müsse schließlich »das Beste aus beiden Welten« im Katalog führen: also einerseits Produktionen, die das aktuelle Musikgeschehen perfekt abbilden, andererseits aber auch die in Film und Fernsehen immer wieder gefragten Sounds. »Dafür braucht man ein großes Netzwerk an Komponist:innen aus aller Welt«, macht Black klar.

Für so ein Netzwerk steht auch das 1965 von dem Komponisten, Arrangeur und Dirigenten Gerhard Narholz und seiner Frau Rotheide Narholz in München gegründete Unternehmen Sonoton Music.

Aber was für Unterschiede hat Black nun im Musikgeschäft hierzulande im Vergleich zu den englischsprachigen Regionen ausgemacht? »Nun, ich hatte schon zuvor das Glück, für Sony Music in aller Welt eine ganze Reihe von Teams leiten zu dürfen, darunter auch das von EMI Music Publishing in Hamburg«, sagt Black. Dabei habe er feststellen können, dass es in allen Territorien im Bereich der Produktionsmusik ähnliche Fragen und Anforderungen gebe, wenn es um die Wünsche von Kund:innen, die Lizenzierung von Musik und deren Produktion oder auch um die jeweils eingesetzten Such-Technologien gehe.

_____________ »Ich hole gern neue Leute in ein Unternehmen, da das die Chance auf frisches Denken birgt.« Alex Black, Sonoton Music.

»Darüber hinaus habe ich aber durchaus kulturelle Unterschiede festgestellt, zum Beispiel in der Art, wie die Briten und die Deutschen in der Arbeit kommunizieren.« So spiele Small Talk für die Briten eine bedeutende Rolle, unter anderem beim Ausbau ihrer Netzwerke. Die Menschen in Deutschland seien hingegen oft verbindlicher, es gebe keine Grauzonen. »Die Leute sind hier sehr direkt, und man muss sagen, was man wirklich will, ganz ähnlich wie auf dem amerikanischen Markt.« Zudem sei ihm aufgefallen, dass man in Deutschland offenbar darauf setze, sich im Berufsleben zu spezialisieren. »In Großbritannien und den USA wird viel mehr quergedacht, man wechselt die Spur und ergreift die sich dort bietenden Möglichkeiten.«

Am meisten überrascht aber habe ihn wohl das Recruiting: »Ins Musikgeschäft zu gehen, ist in Großbritannien ein Lifestyle. Daher gibt es keinen Mangel an großartigen Menschen, die Erfahrungen in der Branche sammeln oder den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen möchten.« Das mache die Suche nach Mitarbeiter:innen vergleichsweise einfach. »In München hingegen gibt es in Medien und Technik gefühlt mehr offene Stellen als Menschen.«

Hier scheine man nur selten versucht zu sein, die Stelle zu wechseln. »Jobs sind etwas fürs Leben, was eine wunderbare Vorstellung ist, aber um im Beruf zu wachsen und wichtige Erfahrungen zu sammeln, muss man manchmal ein bisschen herumziehen, um zu sehen, was da draußen ist.« Beide Ansätze hätten ihre Vor- und Nachteile, meint Black: »Ich persönlich hole gern neue Leute in ein Unternehmen, da das die Chance auf frisches Denken birgt.« Zudem gebe ihm die Entwicklung von Karrieren einen »Kick«.

_____________Investition ins neue Studio hat sich gelohnt

Dieser »Kick« hilft dann auch, die Grenzen des Heimatmarkts in Hinblick auf Partner- und Kund:innen zu überwinden: »Die Wurzeln von Sonoton Music liegen in Deutschland und Österreich«, betont Alex Black. »Gerhard und Heidi Narholz wussten aber um die Bedeutung des globalen Medienmarktes und bauten früh ein Netzwerk von Verlagspartnern auf der ganzen Welt auf.« Entsprechend würden die Kataloge von Sonoton nun seit mehr als 50 Jahren weltweit genutzt. Black schreibt das unter anderem dem Engagement der Firmengründer:innen zu: »In den letzten sechs Jahrzehnten sind Gerhard und Heidi viel gereist, um Partner, Kunden und Komponisten weltweit zu treffen. Sie sind wahre Wegbereiter für die Production-Music-Industrie. Sie werden überall geliebt und respektiert.«

Sonoton verfügt in München über ein neu aufgebautes Studio: »Ich habe meine Karriere im Studio begonnen«, erinnert Black. Seit seinem Wechsel ins Verlagsgeschäft könne er sich glücklich schätzen, bei jeder Station seiner Karriere ein neues Studio aufgebaut zu haben: »Denn persönlich glaube ich, dass ein Studio für jede Music Library von essenzieller Bedeutung ist.« Rund um die Uhr professionelle Tontechniker:innen im Studio zu haben, erlaube einem die Zusammenarbeit mit einer viel größeren Bandbreite an Komponist:innen: »Die Möglichkeit, deren unterschiedlichen Schreib- und Produktionsstile zu nutzen, sorgt für eine einheitliche Klangqualität bei jeder Veröffentlichung.« Natürlich bedeute der Aufbau eines Studios für jedes Musikunternehmen zugleich eine große finanzielle Investition: »Dieses Studio wurde kurz vor meiner Ankunft gebaut, aber ich kann Ihnen sagen, dass es sich gelohnt hat - auf jeden Fall.«

______________Streaming schafft neue Einnahmequellen

Die zu beobachtende Goldgräberstimmung rund um Verlagskataloge etablierter Künstler:innen kann Black im Bereich Production Music so nicht ausmachen: »Produktionsmusikkataloge wechseln immer mal wieder den Besitzer, aber das schafft es längst nicht immer in die Schlagzeilen.« Während die großen Musikkonzerne alle über ein gesundes Produktionsmusikgeschäft verfügten, sei indes der Trend zu beobachten, dass Rundfunk- und Medienunternehmen Production-Music-Kataloge erwerben und weiterentwickeln.

»Die Venture-Capital-Gelder haben diesen Teil des Geschäfts aber noch nicht erreicht«, macht Black klar. Das liege vor allem daran, dass Produktionsmusik schon immer aktiv vermarktet und lizenziert werden musste. »Die Großinvestoren kaufen jedoch eher Rechte ein, bei denen die harte Arbeit längst geleistet wurde - oft schon vor Jahrzehnten.« Schließlich sei das Long-Tail-Geschäft gesund und benötige bloß eine gute Administration. Dennoch rechne er damit, dass auch Produktionsmusikverlage irgendwann einmal die Aufmerksamkeit der Geldgeber auf sich ziehen: »Zwar ist jedes Production-Music-Unternehmen ein bisschen anders aufgestellt, aber in der Regel werden die Einnahmen mit den Komponist:innen fifty-fifty geteilt, während der Verleger die weltweiten Master- und Verlagsrechte besitzt - unser Rechtepaket ist also unkompliziert und profitabel.«

Das macht sich auch in seiner Einschätzung der weiteren unternehmerischen Entwicklung bemerkbar: »Ich bin ganz begeistert von den Möglichkeiten, die noch vor Sonoton Music liegen«, betont Black. Schließlich sei man bereits seit mehr als 50 Jahren fest mit dem Fernsehen verwoben und plane, auch weiterhin die Märkte für Rundfunk, Film und Werbung zu bedienen. »Aber die Aussichten und Möglichkeiten im Streaming und bei der Lizenzierung im Abonnementgeschäft sind eine hervorragende Gelegenheit, uns weiterzuentwickeln und neue Einnahmequellen zu erschließen«, sagt der Sonoton-Geschäftsführer. »Das könnte natürlich auch unsere Attraktivität für potenzielle Investoren steigern, die Medienrechte aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft erwerben wollen.«

Text: Knut Schlinger

_____________Sonoton in Zahlen

Sonoton Music wurde 1965 von dem Komponisten, Arrangeur und Dirigenten Gerhard Narholz und seiner Frau Rotheide Narholz in München gegründet. Zum Team des Verlags zählen heute 28 Mitarbeitende in Deutschland und Österreich. Das Unternehmen vertritt insgesamt mehr als 700.000 Tracks von rund 11.000 Komponist:innen, der eigene Katalog umfasst über 180.000 Titel von 3360 Komponist:innen.