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Christian Baierle sieht Roba "für weitere Übernahmen bestens gerüstet"

Im Millionenpoker um Musikrechte spielten zuletzt oft Namen wie Bob Dylan, Bruce Springsteen oder aktuell Pink Floyd eine Rolle. Abseits der internationalen Schlagzeilen kam es nun aber auch im ­deutschen Musikmarkt zu einem Deal. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert Managing Director ­Christian Baierle Details zur Übernahme der Gerig Musikverlage durch Roba Music.

02.08.2022 09:43 • von
Sieht die Erfahrungen der Mitarbeiter:innen - neben den Werken - als den großen Schatz eines Musikverlags: Christian Baierle (Bild: Roba Music)

Im Millionenpoker um Musikrechte spielten zuletzt oft Namen wie Bob Dylan, Bruce Springsteen oder aktuell Pink Floyd eine Rolle. Abseits der internationalen Schlagzeilen kam es nun aber im deutschen Musikmarkt zu einem Deal: Roba Music Publishing hat dabei, wie das Unternehmen am 1. August 2022 bestätigte, mit Unterstützung eines Investors die Werke der Musikverlagsgruppe Hans Gerig übernommen. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert Managing Director ­Christian Baierle Details zur Übernahme.

MusikWoche: Roba übernimmt zusammen mit seinem Partner AP Music Funds die Gerig Musikverlagsgruppe, was macht den Gerig-Katalog für Roba so interessant?

Christian Baierle: Es ist in der Musikbranche bekannt, dass es sich bei den Gerig Musikverlagen um einen großartigen Katalog mit vielen bekannten Hits und Evergreens handelt, der über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut wurde. Schon immer gehörte die Gerig Gruppe - mit zeitweise über 80 Mitarbeiter:innen - zu den größten und erfolgreichsten Verlagen in Deutschland. Es gibt mehrere Aspekte, welche den Verlag gerade für Roba zusammen mit AP so interessant machten.

MusikWoche: Nämlich?

Christian Baierle: Zum einen wurde Roba erst Ende der 60er-Jahre gegründet. Gerig dagegen geht auf eine Geschichte seit 1947 zurück. Damit können wir unser Repertoire um die wichtige Epoche der 40er-, 50er- und 60er-Jahre erweitern. In diesen Jahren wurden viele Schlager geschrieben, die für Musikverlage eine herausragende Bedeutung haben.

MusikWoche: Und zum anderen?

Christian Baierle: Zum anderen können wir uns um spezielle lokale Kataloge erweitern. Da Gerig unter anderem einen großen Schwerpunkt im Bereich Karneval hat, sind viele bekannte Hits aus diesem Bereich dort verlegt. Weiterhin bringen wir mit der zur Gerig Gruppe gehörenden Harth Musikverlag GmbH - ehemals VEB Harth, Leipzig - den uns fehlenden Teil der Rechte der ehemaligen DDR mit dem von Roba bereits nach der Wende übernommenen Lied der Zeit Musikverlag GmbH - ehemals VEB Lied der Zeit, Berlin - zusammen. Damit sind fast 100 Prozent der Unterhaltungsmusik der ehemaligen DDR bei uns verlegt. Das gibt uns eine starke Position, wenn es etwa um Lizenzierung von Synchronisations-Rechten für Filmproduktionen aus dieser Ära geht. Hier ist unser Creative-Department bereits besonders aktiv. Schließlich können wir durch unsere moderne Verlagsadministration wie etwa dem Streaming Income Tracking, dem Music Monitoring und auch dem Metadata Enriching dafür sorgen, dass die Verlagswerke auf neue Art kontrolliert werden und in vielen Fällen dadurch den Umsatz steigern.

MusikWoche: Welche drei Hits aus dem Gerig-Katalog sollte eigentlich jeder kennen?

Christian Baierle: Ich denke, dass fast jeder die 100 wichtigsten Werke aus dem Gerig-Katalog mitsingen kann. Wenn man eine Top 3 bildet, kommt man sicherlich an diesen Werken nicht vorbei: Erstens »Skandal im Sperrbezirk« von der Spider Murphy Gang, zweitens »Über sieben Brücken musst du gehn« von Karat und ebenso sehr erfolgreich von Peter Maffay interpretiert, und drittens »Verdamp lang her« von BAP.

MusikWoche: Wie viele Werke wechseln mit der Übernahme den Besitzer?

Christian Baierle: Insgesamt sind es rund 30.000 Musikverlagsrechte und mehr als 3000 Masterrechte.

MusikWoche: Um was für eine Kaufsumme geht es hier?

Christian Baierle: Ich kann nur so viel mitteilen, dass es sich um einen zweistelligen Millionenbetrag gehandelt hat. Das ist unter Marktteilnehmern bekannt.

MusikWoche: Roba in Hamburg, Gerig in Bergisch-Gladbach, bleibt das so, oder kommt es zu einem Umzug?

Christian Baierle: Der Geschäftssitz des Verlags wird nach Hamburg verlegt. Ebenso werden wir das Vertragslager digital verschlagworten und dann nach Hamburg umziehen. Roba ist ein Verlag, der seine Geschäftsabläufe komplett in die Cloud verlegt hat. Zudem haben wir eine umfangreiche »Work from Home«- und »Work from Anywhere«-Strategie erarbeitet. Daher können die ehemaligen Gerig-Mitarbeiter:innen auch digital von Bergisch-Gladbach aus arbeiten und sind trotzdem nahtlos in unsere IT-Infrastruktur integriert.

MusikWoche: Wie sieht es auf Seiten der Mitarbeiter:innen aus, wie viele waren es bei Gerig vor der Übernahme, wie viele Kräfte bleiben nun auch weiterhin an Bord?

Christian Baierle: Wir werden einen Großteil der ehemaligen Mitarbeiter:innen übernehmen. Dies tun wir vor allem, um eine Kontinuität des Verlags bestmöglich zu erreichen; und natürlich sind die Erfahrungen dieser Mitarbeiter:innen - neben den Werken - der große Schatz eines Musikverlages.

_____________»Wir sind sehr stolz, dass wir das Rennen um diese Perle deutscher Musikverlage für uns entscheiden konnten.« Christian Baierle, Roba Music.

MusikWoche: Das Rennen um Musikrechte hat in den vergangenen Monaten und Jahren international an Fahrt aufgenommen, gab es auch in Sachen Gerig Mitbieter?

Christian Baierle: Am Ende hatte jeder, der Musikverlagsrechte akquiriert, seinen Hut bei Gerig in den Ring geworfen. Wir sind sehr stolz, dass wir hier das Rennen um diese Perle deutscher Musikverlage für uns entscheiden konnten.

MusikWoche: Was gab Ihrer Meinung nach den Ausschlag für Roba?

Christian Baierle: Ich denke, es waren folgende Dinge, die den Ausschlag gegeben haben. Zum einen waren unser Partner AP und wir in allen Bereichen sehr flexibel und haben uns eng an den Wünschen der Inhaberfamilie Ilgner orientiert. Unser Set-up mit AP ermöglicht es uns zudem, hier und auch künftig sogenannte Share Deals zu tätigen, also komplette Firmenübernahmen. Das ist für viele Musikfonds - vor allem aus dem angloamerikanischen Markt - ein schwieriger Bereich, da sie sich mit solchen Deals nicht so gut auskennen und lieber einen einfachen sogenannten Asset Deal umsetzen, der sich rein auf die Rechte und nicht die Firmen bezieht.

_____________»Die Ilgner-Familie wollte an einen echten Verleger verkaufen.« Christian Baierle, Roba Music.

MusikWoche: Gab es weitere Gründe?

Christian Baierle: Ein weiterer wichtiger Grund war es, dass die Ilgner-Familie an einen echten Verleger verkaufen wollte. Denn natürlich sind vielen Autor:innen über die Jahre zu Freunden geworden, und es sollte sichergestellt werden, dass es weiterhin eine kontinuierliche persönliche Betreuung derselben und ihrer Werke gibt. Für die Autoren ist es ein großer Vorteil, einen Ansprechpartner in Deutschland und nicht etwa in Palo Alto in den USA zu haben. Denn die Urhebererlöse hängen ja untrennbar mit der Performance des Verlages zusammen. Schließlich hat es sich auch als richtig erwiesen, dass wir Musikverlage uns gegenseitig helfen. So hatte Roba vor sieben Jahren Gerig beim Umstieg auf die marktführende Software für Musikverlage geholfen und eigens dafür Mitarbeiter nach Bergisch-Gladbach entsandt. Diesen Umstand hat die Inhaberfamilie nie vergessen.

MusikWoche: Gibt es im Hause Roba weitere Pläne?

Christian Baierle: Wir sehen uns bestens für weitere Übernahmen gerüstet und stehen bereits mit weiteren Verlagen im Gespräch, die eine persönliche Weiterführung ihrer Kataloge durch ein inhabergeführtes Unternehmen suchen, und die eine sinnvolle Ergänzung zu unserem Verlag darstellen. Wir konzentrieren uns hierbei vor allem auf Festlandeuropa.

Fragen: Knut Schlinger