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US-Markt zum Halbjahr im Plus, Katalog und frisches Vinyl im Trend

Der weltgrößte Musikmarkt liegt weiter auf Wachstumskurs. Das zeigt die Zwischenbilanz der US-Chartsermittler. Vor allem der Katalog treibt das Geschäft an: Auf diesen Bereich entfielen im ersten Halbjahr 72 Prozent des Musikkonsums.

15.07.2022 11:23 • von
Übergreifend im Plus: die Kennzahlen von Luminate zur Entwicklung im US-Musikmarkt im ersten Halbjahr 2022 (Bild: Luminate Midyear Report US 2022, Screenshot)

Der weltgrößte Musikmarkt liegt weiter auf Wachstumskurs. Das zeigt die Halbjahresbilanz der einst noch als Nielsen Music, zuletzt als MRC Data und seit dem Frühjahr 2022 nun unter dem erhellenden Namen Luminate firmierenden US-Chartsermittler für den Zeitraum vom 31. Dezember 2021 bis zum 30. Juni 2022. Demnach wuchs der US-Musikkonsum, formatübergreifend auf Album-Äquivalente umgerechnet, von noch 435 Millionen Exemplaren im ersten Halbjahr des vorherigen Jahres um 9,3 Prozent auf nunmehr 475,4 Millionen in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres.

Damit kommt die Entwicklung allerdings nicht ganz an das Plus vom Jahreswechsel heran, als die Chartsermittler beim Musikkonsum über alles noch von Zuwächsen in Höhe von 11,3 Prozent berichten konnten. Interessant dürfte zudem der Vergleich bei der Entwicklung nach Umsätzen werden, schließlich hatte der RIAA-Branchenverband hier fürs Gesamtjahr 2021 noch ein Umsatzplus in Höhe von 23 Prozent melden können.

Im ersten Halbjahr 2022 schob erneut vor allem das Streaming den US-Musikmarkt an: Die Zahl der on-demand über Audio- und Videoplattformen abgerufenen Songs kletterte um 11.6 Prozent auf 620,2 Milliarden. Audio wuchs dabei mit einem Plus von 12,4 Prozent auf 543,2 Milliarden dynamischer als der Videobereich, wo es um 6,3 Prozent auf 77 Milliarden ging.

Richtet man den Fokus aufs Albumgeschäft, so ging die Zahl der digitalen und physischen Verkäufe hier um 8,4 Prozent zurück auf noch 46,9 Millionen Exemplare. Bei den digitalen Bundles lag das Absatzminus erneut bei fast 20 Prozent, im physischen Bereich fiel ein Minus von 4,7 Prozent an. Daran konnte unterm Strich auch ein knappes Plus beim Vinyl nichts ändern: Hier wuchs die Zahl der abgesetzten Schallplatten um rund ein Prozent auf nunmehr 19,4 Millionen.

_________________Der Kate-Bush-Effekt

Der Blick auf die Details der Halbjahresbilanz zeigt dann, dass vor allem Katalogware das Geschäft befeuert hat: Auf diesen Bereich entfielen laut Luminate im ersten Halbjahr 72,4 Prozent des gesamten Musikkonsums im US-Markt. Umgerechnet in Albumeinheiten legte das Kataloggeschäft um 14 Prozent auf gut 344 Millionen zu, bei den aktuellen Werken, zu denen alle Veröffentlichungen der vergangenen 18 Monate zählen, ging es hingegen um 1,4 Prozent abwärts auf 131,3 Millionen.

Bei Luminate sieht man den Grund dafür unter anderem in einer anhaltenden Schwäche bei Alben, die die US-Chartsermittler als "high impacting new releases" bezeichnen, und damit solche Schwerpunktveröffentlichungen meinen, die bereits in der ersten Woche in die Billboard 200 einsteigen. Gelang das im Vorjahreszeitraum noch bei 126 Alben, so waren es bis zum Ende des zweiten Quartals des laufenden Jahres gerade einmal 102.

Abseits der Neuentdeckung von Hits aus früheren Jahrzehnten durch jüngere Hörerschichten aber entfiel im ersten Halbjahr 2022 immerhin ein Drittel aller Streamingabrufe, die Luminate dem Katalogbereich zuschlägt, auf Veröffentlichungen aus den Jahren 2017 bis 2019.

___________Der Harry-Styles-Effekt

Während also im Streamingbereich die bereits abgehangene oder länger gereifte Ware einen Lauf hat, lag beim Vinyl im ersten Halbjahr 2022 die Frischetheke im Trend - und das lag vor allem an Harry Styles, der bei der Veröffentlichung seines aktuellen Albums, "Harry's House", allein in den ersten drei Tagen 146.000 Einheiten verkaufen konnte, damit einen US-Vinyl-Rekord aufstellte und nun zum Halbjahr auf 182.000 abgesetzte LPs kommt. Bei den Anteilen im Vinylgeschäft sorgte das für ein Plus von von 27,8 Prozent bei den aktuellen Albumverkäufen, während die Zahl der abgesetzten LPs aus dem Katalogbereich um 8,4 Prozent sank. Das schlägt sich laut Luminate auch in der Demographie der Käufer:innen nieder: Bei den Frauen, die die Marktforscher als Vinyl-Käuferinnen identifiziert haben, entstammten rund 34 Prozent der sogenannten Gen Z, bei den Männern entfielen je rund 31 Prozent auf Millenials und die Gen X, der Rest war älter.

Diese Entwicklung sorgte auch bei den Marktanteilen der Einkaufsstätten im Vinylgeschäft für eine Verschiebung: Zwar dominierten unabhängige Fachhändler mit rund 52 Prozent aller abgesetzten LPs im ersten Halbjahr 2022 den Bereich, gefolgt von Onlineversendern mit 31 Prozent, doch die von Luminate sogenannten Mass Merchants, zu denen die Marktforscher unter anderem SB-Handelsketten wie Target oder Walmart rechnen, konnten ihren LP-Marktanteil im Vergleich zum vorpandemischen 2019 auf nunmehr zwölf Prozent verdoppeln.

In den Halbjahrescharts hat schließlich bei den Alben formatübergreifend und inklusive eingerechneter Streamingabrufe der Disney-Soundtrack "Encanto" die Nase vorn, gefolgt von Bad Bunny mit "Un Verano Sin Ti", Morgan Wallen mit "Dangerous - The Double Album", Harry Styles und Gunna. Ginge es bloß um tatsächliche Verkäufe, läge indes Harry Stlyes an der Spitze, gefolgt von BTS mit dem CD-Absatz-Spiztzenwert des ersten Halbjahres und Olivia Rodrigo.

Bei den Singles dominiert "We Don't Talk About Bruno" aus dem "Encanto"-Film, gefolgt von den Glass Animals mit "Heat Wave" und Kodak Black mit "Super Gremlin".

Text: Knut Schlinger