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Dossier Kids MusikWoche Vol. 28/2022: Vielfalt steht an erster Stelle

Der Markt für Kindermusik ist heute vielfältiger denn je. MusikWoche sammelte aktuelle Definitionen, Einschätzungen und Sichtweisen in Bezug auf das sich ständig in Bewegung befindliche Genre.

15.07.2022 09:38 • von Norbert Schiegl
- (Bild: Oskana Kuzmina)

Der Markt für Kindermusik ist heute vielfältiger denn je. MusikWoche sammelte aktuelle Definitionen, Einschätzungen und Sichtweisen in Bezug auf das sich ständig in Bewegung befindliche Genre.

Text: Dirk Schaper

Die Vielfalt ist enorm. Kombiniert und gespielt wird, was gefällt. Aber war das wiederum nicht schon immer so? In der Literatur sind leicht unterschiedliche Definitionen zum Begriff Kinderlied zu finden. Dabei ähneln sich viele Details: Das Kinderlied ist ein einfaches Lied mit kindgemäßem, leicht fasslichem Text und eingängiger Melodie, die in ihrem Tonumfang den Stimmumfang des Kindes nicht überfordert. Die Idee ist oft, dass Kindermusik ein unterhaltsames Mittel ist, um Kinder über ihre Kultur, andere Kulturen, gutes Verhalten, Fakten und Fähigkeiten zu unterrichten. Das Genre pädagogische Kindermusik ist beliebt, auch Spiel- und Bewegungs-Lieder haben einen großen Anhängerkreis erobert.

Einer, der seit langem prägendem Macher in diesem Genre ist Detlev Jöcker, Familienentertainer und Geschäftsführer des Menschenkinder Verlags: »Kindermusik 2022 erinnert mich musikalisch an die 60er-Jahre: Bunt, gewagt, verrückt, experimentell, schräg und nicht immer kinderzimmertauglich.«

Bei Universal Music Family Entertainment liegt der Fokus auf der klar definierten Zielgruppe, erläutert Jörg Hackelbörger: »Wir verstehen Kindermusik zunächst als Musik, die für sehr junge Menschen von null bis ca. elf Jahren gemacht wird. Sie unterhält, erfreut und begleitet das tägliche Leben. Kindermusik wird von Anspruch und Komplexität her vielfach schon so produziert und gedacht, dass sie von der ganzen Familie gern gehört wird.« Sehr ähnlich und doch ein bisschen anders sieht Holger Küchler, Geschäftsführer Kiddinx Media, den Rahmen, denn er ist für eine weiter gefasste Definition: »Alles, was die Primär-Zielgruppe zwischen drei und 13 gerne hören möchte, idealerweise öfter.«

Alle Zuhörer sollen Spaß an der Musik haben, das unterstreicht Patrick Proner, Geschäftsführer von Family Screen: "Das Genre Kindermusik wurde um den Bereich 'Familienmusik' erweitert mit dem Ziel, nicht nur Kinder, sondern auch deren Eltern anzusprechen und zu unterhalten. Hinzu kommen neue, aktuelle Themen zum Beispiel bei uns das Lied 'Ne Zukunft, die was kann (Der Klima-Song)' der Künstlergruppe Lila Luftikus."

Schnell wird deutlich, dass es 2022 nicht die eine allgemein gültige Definition gibt. Genau davon ist auch Katharina Markward, Leitung Oetinger Media, überzeugt: "Kindermusik muss Kindern gefallen und sie ernst nehmen. Und idealerweise gefällt sie auch den Erwachsenen. Kindermusik ist in den letzten Jahren vielfältiger geworden. Das sieht man auch in unserem Programm. Wir haben moderne Kindermusik von Bands und Singer-Songwritern, die eigentlich Musik für Erwachsene machen. Zudem haben wir die Reihe 'Unter meinem Bett 1 bis 7' sowie dazu das neue 'Weihnachtsalbum' und die 'Präsentiert von Unter meinem Bett'-Alben von Deniz & Ove, Pauken und Planeten, Eule und Lerche oder Sven van Thom sehr erfolgreich etabliert."

Vielseitigkeit ist steht auch beim Jumbo Verlag an erster Stelle; zum Beispiel mit Marko Simsa spielerisch die klassische Musik kennenlernen oder mit Matthias Meyer-Göllner, Bettina Göschl und Robert Metcalf das Tanzbein schwingen. So kommt Musik, Bewegung und Freude ins Kinderzimmer. Kristina Fischer, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Jumbo Verlag, erklärt: "Mal klingt sie rockig bis punkig, mal klassisch, mal jazzig, oder es wird gerappt. Musik speziell für Kinder ist ebenso facettenreich wie die Musik ohne Alterszielgruppe. Ob nun ein einzelner Mensch mit Gitarre auf der Bühne steht oder eine Band - es ist für jeden Geschmack etwas dabei."

Simon Horn alias herrH steht für neue deutsche Kindermusik und hat selbst enorm viel Spaß, denn "der wunderschöne 'Kinderspielplatz' ist in den letzten zehn Jahren deutlich vielfältiger geworden. Bisherige Grenzen von Kindermusik wurden immer weiter verschoben, mit Konventionen gebrochen und viele Strukturen dabei umgedacht und neu gemacht. Im Kern ist aber eins geblieben: Es geht - zum großen Glück - immer noch um Musik. Um Musik, die Kindern ein wertvoller Begleiter beim groß werden sein und dabei das ganze Familienleben prägen kann." Ende April 2022 unterschrieb herrH einen Vertrag beim Sony-Music-Label Europa. Vom Potenzial und der Qualität des Musikers ist Arndt Seelig, Senior Director Family & Home Entertainment Sony Music, überzeugt: "Wir wollen anspruchsvolle, qualitativ hochwertige und moderne Musikproduktionen in 2022 den kleinen Hörer:innen liefern. Mit der Genreschöpfung 'Neue Deutsche Kindermusik' bringt der Kindermusiker herrH genau das auf den Punkt. Kinder werden heutzutage durch den sich verändernden Konsum immer früher an Pop-Produktionen herangeführt und fangen damit auch früher an, ein gewisses Hörverhalten zu entwickeln. Auch Eltern haben ihren Anspruch an die Kindermusik verändert und greifen immer häufiger zu Musik, die sie auch selbst anspricht. Das bedeutet für Kreative und Labels, umdenken zu müssen, um die Bedürfnisse für Klein und Groß zu bedienen."

In Zeiten der Pandemie stieg die Nachfrage nach Musik zur Kinderunterhaltung deutlich. War das ein Strohfeuer? MusikWoche wollte zudem wissen, welchen Stellenwert Kindermusik heute im deutschsprachigen Raum hat und speziell für die jeweilige Firma.

"Aufgrund der Entwicklung der Streaming-Technologie und den daraus entstandenen Plattformen haben Künstler heutzutage einen einfacheren Marktzugang", so Patrick Proner. Dieses Potenzial erkannte Proner früh, "unsere Firma baut auf dieser Entwicklung auf. Wir sind Ende 2013 mit 'Sing Kinderlieder' als einem der ersten deutschsprachigen YouTube-Kanäle an den Start gegangen und haben von dieser Entwicklung profitiert. Unsere Kinderlieder wurden mittlerweile über zwei Milliarden Mal gestreamt."

Oftmals avancieren Soundtracks zu erfolgreichen Kinoproduktionen zu echten Bestsellern. Das funktioniert auch hierzulande: "Wir haben mit unserem Verständnis von Kindermusik, also primär mit den Soundtracks zu unseren Bibi & Tina-Kinofilmen, regelmäßig die ersten Plätze der deutschen Musikcharts erobert", erläutert Holger Küchler von Kiddinx, "mit dem neuen Kinofilm 'Bibi & Tina - Einfach anders', der im Juli erscheint, möchten wir natürlich an bisherige Erfolge anknüpfen."

Bei Europa/Sony Music hat Kindermusik traditionell einen hohen Stellenwert: "Wir wollen in der Kindermusik unseren Marktanteil stetig weiter ausbauen. Der Konsum von Kindermusik hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern. Dementsprechend möchten wir als Label Europa hochwertige Produkte anbieten, die zum Singen, Bewegen und Spaß haben animieren und dabei die Förderung der Kleinen unterstützen. Dabei achten wir auch darauf, dass unsere Produkte einen spielerischen Zugang zu gesellschaftlich wichtigen Themen wie zum Beispiel Nachhaltigkeit und Diversität liefern", so fasst Arndt Seelig seine Sichtweise zusammen. Mit dem Kinderlieder-Hit "1,2,3 im Sauseschritt" begleitet Detlev Jöcker die Kids nun schon seit Jahrzehnten durch Kita, Kindergarten und Grundschule. Als Begründer der Bewegungslieder fördert und bespaßt er die Kleinen mit seinem umfangreichen Kinderlieder-Katalog sowie seinen Liederbüchern in den verschiedensten Themenbereichen: von Weihnachtsliedern und religiösen Songs bis hin zu Achtsamkeitsliedern. Detlev Jöcker weiß, welche Texte und Melodien die Kleinen wortwörtlich bewegen und bleibt dabei nach wie vor mit Leidenschaft am Ball. Auf seinem aktuellen Album "Sommer Kinderlieder (2022)" singt er gemeinsam mit seinem Enkel Moritz vom "Gute-Laune-Sonnenschein". Jöcker stellt fest, dass der Umgang mit Kindermusik immer mehr zu den Grundritualen eines Kinderalltags gehört, "das liegt auch daran, dass die Songs über Toniebox, Alexa, Tigerbox und Co. einfach kinderleicht zugänglich geworden sind. Darum war es auch richtig, dass unser Partner Europa Family Music sich schon sehr früh konsequent im digitalen Markt aufgestellt hat. Mein sieben Jahre alter Enkel hat jetzt von der Toniebox zur Tigerbox gewechselt, weil er sie 'cooler' findet. Es bleibt also spannend."

Neben der Digitalisierung von Musik, um diese stets überall verfügbar zu haben, bleibt der Wunsch und die Nachfrage nach live gespielten Konzerten und Auftritten auch im Kinderbereich ein integraler Bestandteil. Dazu zählen große Kindermusik-Live-Events für die ganze Familie. Bei manchen Konzerten von Acts wie zum Beispiel Deine Freunde haben Kinder ihren eigenen Bereich vor der Bühne und es gibt eigene Kinderbühnen auf Musikfestivals. »Kindermusiker vernetzen sich vermehrt untereinander, kollaborieren aber auch mit und bauen Brücken zu Stars der Erwachsenen; und auch Popstars wirken gern an Kindermusikkonzepten mit oder entwickeln eigene - Stichwort Giraffenaffen, Nebenprojekte wie Deichkind-Ableger Zuckerblitz Band oder über Duette mit Künstlern wie Dikka«, so Jörg Hackelbörger. »Auch gesellschaftlich ist ein Großteil der Kindermusik Familienmusik, die den Zusammenhalt zwischen den Generationen stärkt und viele Musikgeschmäcker bedient. Zudem kann die Kindermusik der Vermittlung kultureller Werte, der Bildung und Förderung, etwa im sprachlichen Bereich, dienen. Universal Music legt seit vielen Jahrzehnten schon ein besonderes Augenmerk auf die musikalische Kinder- und Familienunterhaltung, sei es über die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Rolf Zuckowski und Volker Rosin, Soundtracks, Musikkonzepte zu Kinder-TV-Formaten oder auch Klassik für Kinder.«

Vieles ist in den letzten Jahrzehnten schnelllebiger geworden; selbst in der Kinderunterhaltung. Ursächlich sind meistens neue technische Möglichkeiten, die das Konsumverhalten beeinflussen. Heutige Eltern sind größtenteils selbst mit Kinderunterhaltungsmusik aufgewachsen. Diese Entwicklung brachte ein sehr breites Kindermusik-Spektrum während der letzten 50 Jahre hervor. Wie geht das weiter? Welche Entwicklung ist in den kommenden Jahren im Segment Kindermusik zu erwarten? Dazu herrschen bei den Befragten zu einer Reihe von Aspekten sehr ähnliche Ansichten.

"Die Angebotsvielfalt an Kinder- und Familienmusik und ihren Rezeptionsmöglichkeiten wird auf jeden Fall qualitativ wie quantitativ kontinuierlich mit der technischen Entwicklung wachsen und noch bunter werden", betont Jörg Hackelbörger. Eine sehr ähnliche Sichtweise hat auch Holger Küchler: "Neue Trends oder Künstler werden durch Streaming und zum Beispiel hybride Produkte schneller im Markt sichtbar. Sie können aber auch genauso schnell wieder verschwinden. Der Markt wird in jedem Fall dynamischer." Neben Quantität und Vielfalt wird die Qualität weiterhin ein entscheidender Kauf- und Hörfaktor sein. Darauf setzt der Jumbo Verlag mit seinen Musikproduktionen seit Jahren: "Wir glauben, dass der Anspruch, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, sie ernst zu nehmen und mit qualitativ hochwertiger Musik stark zu machen, beständig ist", erklärt Kristina Fischer. "Wir stimmen Rolf Zuckowski zu, der kürzlich gesagt hat, dass sich zwar der Medienkonsum der Kinder geändert habe, Kinder mit der richtigen Musik aber immer noch erreicht werden können. So sind beispielsweise die Abendlieder auf der CD 'Kommt ein Traum zu dir' zeitlos und werden sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen immer wieder neu entdeckt."

Im Hause Oetinger ist Katharina Markward überzeugt, dass weiterhin viele unterschiedliche Künstler:innen und Richtungen nebeneinander gut bestehen können: »Natürlich verlassen Kinder irgendwann den Kindermusikbereich und wenden sich den >erwachsenenKindermusik< spezialisierte Marktteilnehmer entwickeln. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine signifikante Reichweite auf einzelnen Plattformen wie zum Beispiel YouTube haben, sich mit Online-Marketing auskennen und dem Künstler dadurch viel Arbeit abnehmen. Hier sehe ich mein Unternehmen in einer guten Ausgangslage.«

Die Veränderungsgeschwindigkeit ist in den letzten Jahren höher geworden. Detlev Jöcker kann sich vieles vorstellen, das den Kids-Bereich noch deutlich beeinflussen könnte: »Hier setze ich auf den Erfindergeist digitaler Zauberer und bin gespannt, was da alles noch an innovativen Ideen für die Kindermusik auf den Markt kommt. Ich befürchte, dass in Zukunft das Komponieren von Songs von Algorithmen übernommen wird.«

Generell stellt sich die Frage: Was benötigen die Kleinen wirklich? Immer mehr Vielfalt, immer mehr von allem zu jeder Zeit an jedem Ort? Dem Kinderliedermacher Fredrik Vahle ist das Einbeziehen der Kinder wichtig - in jeder Hinsicht: »Ich würde mich freuen, wenn analoge Kommunikationen ihren Platz behaupten könnten, die teilweise stiefmütterliche Behandlung des Musikunterrichts weniger werden und das musikalische Angebot für den kreativen Umgang mit Musik zunehmen würde.«

___Geschichte der Kinderlieder

Im deutschsprachigen Musikmarkt wuchs die Sparte »Musik für junge Menschen« in den letzten fünf Jahrzehnten kontinuierlich. Zwischen Mutter und Kind gibt es seit Urzeiten melodische Kommunikation, aus der sich oftmals so genannte Volkslieder entwickelten, die über Generationen gesungen und weitergegeben wurden. Erst im 19. Jahrhundert entstanden viele der heute im deutschsprachigen Raum bekannten Kinderlieder. Vor allem Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) prägte das Genre nachhaltig, indem er über 500 Kinderlieder und -reime verfasste. Dazu gehören Stücke wie »Alle Vögel sind schon da«, »Der Kuckuck und der Esel«, »Ein Männlein steht im Walde«, »Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald«, »Morgen kommt der Weihnachtsmann« oder »Summ, summ, summ«. 1824 schrieb Ernst Anschütz »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«, und der Pädagoge Friedrich Fröbel dichtete 1840 »Häschen in der Grube«.

Die ersten jemals aufgenommen Worte waren der erste Vers des französischen Volks- und Kinderliedes »Au Clair de la Lune« im Jahre 1866 durch Édouard-Léon Scott de Martinville. Ab etwa 1888 gab es Platten mit Kinderreimen und -liedern zu kaufen. 1930 erschien der erste Mickey-Mouse-Cartoon mit dem »Minnie's Yoo Hoo« von Disney. Ab diesem Zeitpunkt kamen viele erfolgreiche für Kinder konzipierte Songs in den Disney-Filmen vor. Das erste Disney-Abenteuer in Spielfilmlänge, »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, enthielt 1937 Songs wie »Eines Tages wird mein Prinz kommen« und »Heigh-Ho«. In den ersten Nachkriegsjahren gab es zwar einige populäre neue und alte Kinderlieder, jedoch noch keine ausgeprägte Kindermusiksparte. Erst Ende der 60er Jahre wandelte sich das Angebot, und neue dem Zeitgeist entsprechende Themen flossen in die Musik für jüngere Menschen ein.

Ein Wegbereiter dieser neuzeitlichen Entwicklung war unter anderem Fredrik Vahle, der 1973 mit Christiane »Die Rübe«, ihre erste gemeinsame Kinder-Langspielplatte veröffentlichte. Rolf Zuckowski erreichte 1977 mit der LP »Die Vogelhochzeit« ein Mainstreampublikum, die Schallplatte wurde zum Millionenseller. Dann folgten stetig weitere junge Musiker mit selbst geschriebenen Liedern, auch motiviert durch eigenen Nachwuchs, unter anderem Detlev Jöcker und Volker Rosin genauso wie Gerhard Schöne oder Reinhard Lakomy. Die Nachfrage und das Angebot an zeitgemäßer neuer Kindermusik wuchsen bis heute stetig.