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Veranstaltungsbranche fordert sofortige Debatte über Rettungsschirm

Das Forum Veranstaltungswirtschaft begrüßt zwar die Empfehlung des Expert:innenrats der Bundesregierung, dass die Politik rechtzeitig "effektive Vorbereitungen für den Herbst und Winter" festlegt, kritisiert aber, dass die Politik bislang auf kein Gesprächsersuchen der Verbände zur Erörterung von Hilfsmaßnahmen im Fall der Fälle reagiert habe.

13.06.2022 16:35 • von Dietmar Schwenger
Kritisiert die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Regierung: der LiveKomm-Vorsitzende Axel Ballreich (Bild: LiveKomm)

Das Forum Veranstaltungswirtschaft begrüßt zwar die Empfehlung des Expert:innenrats der Bundesregierung, dass die Politik rechtzeitig "effektive Vorbereitungen für den Herbst und Winter" festlegt, sieht es aber kritisch, dass bislang keine Hilfsprogramme angedacht sind, falls die Politik glaubt, dass Maßnahmen gegen die Pandemie wieder erforderlich sind.

"Die Allianz sechs maßgeblicher Verbände des Wirtschaftsbereichs hat der Bundesregierung seit Anfang des Jahres wiederholt dargelegt, dass und aus welchen Gründen die gesamte Veranstaltungsbranche sich noch längst nicht von den wirtschaftlichen Auswirkungen der vergangenen zwei Pandemie-Jahre erholt hat und voraussichtlich noch lange darunter leiden wird", sagt Randell Greenlee, Bereichsleiter Wirtschaft und Internationales beim VPLT, dem Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik.

Umso mehr sei es für die Unternehmen der Branche erforderlich, bereits jetzt zu erfahren, mit welchen Eindämmungsmaßnahmen sie im Worst Case rechnen müssen. "Schließlich planen Veranstalter:innen Tourneen ja nicht von heute auf morgen und müssen die Durchführbarkeit ihrer Veranstaltungen daher vorausschauend beurteilen können, um Schäden zu vermeiden", ergänzt Axel Ballreich, Vorsitzender der LiveKomm.

Außerordentlich besorgt sind die Veranstaltungs- und Messeunternehmen darüber, dass die Politik bisher auf kein Gesprächsersuchen der Verbände zur Erörterung von Hilfsmaßnahmen im Fall der Fälle reagiert hat. Sollte es im Herbst erneut zu Kapazitätseinschränkungen oder Abstandsregeln bei Veranstaltungen kommen, gäbe es für die Branche keinen Rettungsschirm. Müsste dieser dann erst zeitaufwändig verhandelt werden, wäre es zu spät.

"Nochmalige Maßnahmen, welche geplante Veranstaltungen unwirtschaftlich machen oder gar zur Absage von Veranstaltungen zwingen sollten, wird die Branche trotz aller Hilfsmaßnahmen der Vergangenheit definitiv nicht mehr verkraften", warnt Michael Kynast vom FAMA, Fachverband Messen und Ausstellungen.

"Bereits jetzt läuft der Kartenverkauf für Kulturveranstaltungen außerordentlich schlecht, da das Publikum erst einmal abwarten will, ob Veranstaltungen zuverlässig stattfinden. Hinzu kommt, dass viele das Infektionsrisiko fürchten oder aufgrund der Krise ihr Freizeitverhalten geändert haben. Auch die auf allen Gebieten erfolgten Preissteigerungen und die Unsicherheit, welche Auswirkungen der Krieg in der Ukraine in den kommenden Monaten auf Deutschland haben wird, führen dazu, dass die Menschen ihre Ausgaben für ihre Freizeitgestaltung einschränken", berichtet Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Deswegen könne in der Veranstaltungswirtschaft - anders als in den meisten anderen Wirtschaftszweigen - von einem effektiven wirtschaftlichen Neustart bisher nicht die Rede sein.

Die Branche benötige daher weiterhin dringend eine Perspektive, wie es im Fall der Fälle im Herbst für sie weitergehen kann. Dazu bedürfe es transparenter und berechenbarer Konzepte. "Eine kurzfristige Debatte mit den Wirtschaftsverbänden ist daher dringend geboten", betont Marcus Pohl von der isdv, der Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft.

Die Veranstaltungswirtschaft habe in der Vergangenheit jede nachvollziehbare Maßnahme zur Eindämmung des Infektionsgeschehens - größtenteils auch mit erheblichem Kostenaufwand - unterstützt. Das wird sie auch zukünftig tun. "Das Forum Veranstaltungswirtschaft hat bereits im Februar 2021 das von Sicherheitsexpert:innen erarbeitete 'Manifest Restart' vorgelegt, welches ein 'Konzept für bundeseinheitliche Bewertungskriterien zur Durchführung von Veranstaltungen' enthält. Es biete der Bundesregierung und der Ministerpräsidentenkonferenz Lösungen an, um dringend notwendige Begegnungen in 'sicheren Zonen' zu ermöglichen. Diese können von den Veranstalter:innen durch die Umsetzung differenzierter Infektionsschutzkonzepte und Teststrategien gewährleistet werden", sagt Randell Greenlee vom VPLT.

Leider habe die Bundesregierung bisher niemals zu diesem Konzept Stellung genommen oder war bereit, darüber eine Diskussion zu führen. "Das passt in das Bild, dass die neue Regierung bisher auf ganzer Ebene jedem Gesprächsangebot mit Branchenverbänden offenbar aus allen Bereichen der Kultur- und Kreativwirtschaft aus dem Wege geht, diese sogar immer wieder auch ausdrücklich ablehnt", berichtet Karsten Schölermann von der LiveKomm verärgert.

Das Forum Veranstaltungswirtschaft würde es daher sehr begrüßen, wenn nunmehr die vom ExpertenInnenrat vorgeschlagene "Zentrale Koordinationsstelle der Pandemiemaßnahmen zwischen Bund und Ländern" das Gesprächsersuchen der Veranstalterverbände annehmen würde. Ziel des erbetenen Gespräches soll es sein, gemeinsam ein bundeseinheitliches Konzept für Eindämmungsmaßnahmen im Veranstaltungsbereich zu entwickeln.

"Kapazitätsbeschränkungen und Tanzverbote dürfen dabei nur das allerletzte Mittel sein, um den erforderlichen Infektionsschutz zu gewährleisten", sagt Timo Feuerbach, Geschäftsführer des Europäischen Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC). Für den Fall, dass im Herbst/Winter 2022 tatsächlich erneut Eindämmungsmaßnahmen mit Abstandsregeln und Kapazitätsbeschränkungen bei Veranstaltungen erforderlich werden, müsse ein Sonderprogramm für alle Teilmärkte der Veranstaltungswirtschaft bereits vorliegen.

"Das bedeutet, dass ein solches Konzept zwangsläufig bereits jetzt schon erarbeitet werden muss", weiß der Jurist Jens Michow. "Dringend erforderlich ist vor allem auch die Verhandlung der dafür erforderlichen Freigabe von rechtskonformen Hilfszahlungen durch die EU. Diese kann nämlich nicht kurzfristig erwirkt werden. Daher müssen die Verhandlungen sofort aufgenommen werden."

"Wir wären alle froh, wenn wir keine erneuten Hilfen benötigen. Es ist aber inakzeptabel, mit der klaren Ankündigung und Ausgestaltung erneuter Hilfsprogramme seitens der Bundesregierung solange zu warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist", empört sich Marcus Pohl. "Die Weichen müssen jetzt gestellt werden, damit der sechstgrößte Wirtschaftszweig mit 248.000 Unternehmen nicht doch noch auf den hoffentlich letzten Metern an die Wand fährt und die bisherigen Hilfen damit das Ziel des Erhaltens von Unternehmen und Arbeitsplätzen verfehlen", fügt er hinzu.