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Jens Michow: "Der Branche bläst noch ein recht kalter Wind entgegen"

Den BDKV-Präsidenten Jens Michow treiben derzeit viele Sorgen um - etwa jene um niedrige Ticketverkäufe oder die Fortführung der Hilfsprogramme. Im Gespräch mit MusikWoche äußert er sich zudem über seine eigene Zukunft als Verbandsfunktionär.

25.05.2022 16:15 • von Dietmar Schwenger
Sorgt sich um die deutsche Livebranche: BDKV-Präsident Jens Michow (Bild: Klaus Westermann)

Den BDKV-Präsidenten Jens Michow treiben derzeit viele Sorgen um - etwa jene um niedrige Ticketverkäufe oder die Fortführung der Hilfsprogramme. Im Gespräch mit MusikWoche äußert er sich zudem über seine eigene Zukunft als Verbandsfunktionär.

MusikWoche: Was sind die derzeit ¬größten Herausforderungen und Sorgen für die deutsche Livebranche?

Mir macht Sorge, dass der Kartenverkauf bei vielen Veranstaltungen äußerst schleppend läuft. Natürlich lassen sich Events mit den Mega-Stars des internationalen Music Business immer noch ausverkaufen. Bei Konzerten und sonstigen Veranstaltungen kleinerer bis mittlerer Größenordnung stockt der Verkauf jedoch häufig schon bei der Hälfte des verkaufbaren Kartenkontingents. Das hat sicher mehrere Gründe: Einige Menschen haben nach wie vor die Sorge, sich anzustecken. Andere warten zunächst ab, ob Veranstaltungen überhaupt wieder zuverlässig stattfinden. Da ist es natürlich äußerst kontraproduktiv, wenn unser Gesundheitsminister sich veranlasst sieht, jetzt schon vor einer möglichen "Killervariante" im Herbst zu warnen. Bei einigen Menschen hat sich während der Krise aber auch das Freizeitverhalten grundsätzlich geändert. Und dann haben wir noch ein ganz neues Problem: Aufgrund der steigenden Inflation und der sich aus dem Verlauf des Kriegs in der Ukraine ergebenden Ungewissheiten halten die Menschen ihr Geld zusammen. Leider wirkt sich das zu allererst auf Freizeitaktivitäten wie Veranstaltungsbesuche aus. Trotz der Freude, dass ein Neustart endlich möglich ist, bläst der Branche daher noch ein recht kalter Wind entgegen. Der "Heißhunger" auf die so lange entbehrten Live-Erlebnisse ist bisher also noch nicht feststellbar.

Und dann gibt es noch das große Problem, dass so viele Soloselbstständige während der Pandemie in andere Branchen abgewandert und dort zumeist in eine sichere Festanstellung gewechselt sind. Der Personalmangel in der Branche ist dramatisch. Es fehlen Fachkräfte, die man nicht einfach so ersetzen kann. Selbst Hands, also Aufbauhelfer bei Konzerten, sind derzeit nicht in ausreichender Zahl zu finden. Zudem fallen nach wie vor viele kurzfristig aufgrund einer Corona-Infektion aus. Auch hier reden wir ja nicht von Arbeitskräften, die einfach so austauschbar sind. Es handelt sich um Personen, die bei den Unternehmen, für die sie arbeiten, genau wissen, was sie wann wo zu tun haben.

Viele Veranstalter gehen angesichts der Vielzahl der aktuellen Schwierigkeiten davon aus, dass die Normalität, wie wir sie bis Ende 2019 kannten, frühestens in der zweiten Hälfte 2024 wieder erreicht werden wird - und das natürlich auch nur, sofern das Virus nicht nochmal an Fahrt aufnimmt.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht das gesamte Paket der staatlichen Hilfen?

Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass die speziellen Hilfsangebote unseres Staates für die Kulturveranstaltungswirtschaft einmalig in Europa waren. Ob es nun die Gutscheinregelung, der Sonderfonds für Kulturveranstaltungen, Neustart Kultur mit dem Förderprogramm für Konzert- und Wort-Veranstaltungen, die Erstattung von Vorlauf- und Ausfallkosten über die Überbrückungshilfe bis hin zu den Härtefallhilfen der Länder waren -

es ist diesem Strauß von branchenbezogenen Förderangeboten zu verdanken, dass fast alle Unternehmen unseres Wirtschaftszweigs die Krise doch irgendwie wirtschaftlich überlebt haben. Das hat in den vergangenen zwei Jahren enorm viel Arbeit und Nerven gekostet und brauchte viel Überzeugungskraft und Durchhaltevermögen. Aber ich denke, dass es sich gelohnt hat.

Aber es ist leider immer noch nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und zu hoffen, dass die Pandemie überstanden ist. Obwohl ich nicht glaube, dass wir nochmals mit Kapazitätsbeschränkungen, Abstandsregelungen oder gar Lockdowns rechnen müssen, müssen wir für den "Fall der Fälle" gewappnet sein. Zusammen mit den übrigen Verbänden des Forums Veranstaltungswirtschaft, der Allianz der maßgeblichen Wirtschaftsverbände aller Sektoren der Branche, arbeite ich an der Schaffung eines Rettungsschirms, der den Unternehmen zur Verfügung stehen soll, "if the worst comes to the worst". Da mit weiteren Hilfen für die gesamte deutsche Wirtschaft ab 1. Juli 2022 nicht mehr zu rechnen sein wird, fordern wir dazu die Schaffung eines Sonderprogramms nur für unseren Wirtschaftszweig. Weite Teile der Wirtschaft haben bereits schon vor Monaten wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht. Wir hingegen müssen der Politik klarmachen, dass die wirtschaftliche Lage unserer "First In Last Out"-Branche ganz anders aussieht. Das ist eine Kernerarbeit - vor allem in dieser Zeit, in der mit dem Krieg in der Ukraine ganz andere Probleme im Vordergrund stehen. Aber wir machen derzeit den Politikern begreiflich, dass der sechstgrößte Wirtschaftszweig unseres Landes die Krise leider noch lange nicht überwunden hat. Dass es daher bereits per se elementar sei, dass zum Beispiel die Überbrückungshilfe für die Veranstaltungsbranche so lange fortgeführt wird, wie die Pandemie noch wirtschaftliche Auswirkungen auf unseren Wirtschaftszweig hat. Und dabei bedarf es diverser Feinjustierungen der aktuellen Überbrückungshilfe IV.

MusikWoche: Und was noch?

Daneben müssen aber auch die ¬bereits existierenden Sonderprogramme und vor allem der Sonderfonds für Kulturveranstaltungen 2023 fortgeführt werden. Der ¬weitaus größte Teil der Mittelausstattung des Fonds in Höhe von ¬insgesamt 2,5 Milliarden Euro wird bis Ende dieses Jahres voraussichtlich nicht verbraucht sein. Zwar wurden per Stand Mitte März rund 30.000 Veranstaltungen mit einem maximal möglichen Fördervolumen von zwei Milliarden Euro registriert. Aber bisher wurden erst 62 Millionen Euro für rund 3750 Anträge ausgezahlt. Da es bei dem ganz überwiegenden Teil der Registrierungen nicht zu einem "Schadensfall" kommen wird, gehe ich davon aus, dass bis zum Auslaufen des Programms allenfalls eine Milliarde Euro in Anspruch genommen werden. Damit der Restbetrag nicht in den Bundeshaushalt zurückfließt, bin ich bemüht, den Bund zu einer Umwidmung des nicht verbrauchten Betrages in einen Sonderfonds II zu bewegen. Schließlich setze ich mich dafür ein, dass es für 2023 ein Neustart Programm III für Live- Veranstaltungen gibt. Da nach der Pandemie erfolgte Neuplanungen von Shows zumeist überhaupt erst ab 2023 stattfinden, würde die Fortführung des Programms der Branche sehr helfen.

MusikWoche: Im internationalen Vergleich - vor allem mit UK und USA - war Deutschland zögerlich bei der Wiederöffnung und der Streichung der Restriktionen für Konzerte. War die deutsche Politik zu vorsichtig?

Da ich kein Mediziner bin, kann ich das nur aus der Sicht des Bürgers sehen. Als solcher kritisiere ich zwar nicht die so lange restriktive Haltung des Gesundheitsministeriums, sondern die Tatsache, dass aus meiner Sicht nicht hinreichend differenziert wurde, welche Maßnahme tatsächlich angemessen ist. Nicht nur das Forum Veranstaltungswirtschaft, sondern auch viele andere Organisationen haben bereits Anfang vergangenen Jahres detaillierte Programme vorgelegt, deren Umsetzung es erlaubt hätte, differenziertere Maßstäbe bei Verboten, Kapazitätsbeschränkungen und Abstandsregeln anzuwenden. Damit hätten viele Veranstaltungen, die nur mit erheblichen Einschränkungen oder gar nicht stattfinden durften, ohne eine Erhöhung der Gesundheitsrisiken wirtschaftlich durchgeführt werden können. Das Ministerium für Gesundheit hat sich damit nie auseinandergesetzt, geschweige denn je darauf reagiert. Nicht nur England oder Schweden haben vorgemacht, dass weniger restriktive Schließungsmaßnahmen nicht zwangsläufig zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems führten.

MusikWoche: Staatssekretär Michael Kellner vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat jüngst die Verstetigung von Gesprächen mit Branchenverbänden und die Benennung eines festen Ansprechpartners abgelehnt. Welche Lehren ziehen Sie aus den vergangenen zwei Jahren hinsichtlich der Lobbyarbeit der Livebranche? Wie könnte man diese noch verbessern?

Das sind zwei Themen auf einmal: Staatssekretär Kellner hat in einem Gespräch mit dem Forum Veranstaltungswirtschaft erklärt, dass er nichts davon halte, sich mit den diversen Wirtschaftsverbänden unserer Branche zu regelmäßigen Gesprächen zu treffen. Er halte es für effektiver, Gespräche in und mit Unternehmen oder Gespräche auf Messen zu führen. Leider erlebe ich diese Verweigerungshaltung der neuen Koalition, uns zur Erörterung insbesondere auch der vielfältigen Herausforderungen der Zukunft eine/n ständige/n Ansprechpartner:in zu benennen, die beziehungsweise der in einem Ministerium verortet ist und dort unsere Interessen kanalisiert, um sie in die entscheidenden Gremien einzubringen, nicht zum ersten Mal. Nicht nur das Forum Veranstaltungswirtschaft sondern auch zum Beispiel K3D, die Koalition für Kultur und Kreativwirtschaft, muss derzeit darum ringen, dass für den Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft die beziehungsweise der im Koalitionsvertrag vorgesehene Ansprechpartnerin beziehungsweise Ansprechpartner endlich benannt wird.

Eine solche Selbstbindung der Koalition gibt es zwar für die Veranstaltungswirtschaft nicht. Aber es sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, dass man für den sechstgrößten Wirtschaftszweig des Landes, der so außerordentlich unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gelitten hat und noch lange weiter leiden wird, eine zentrale Zuständigkeit schafft, anstatt zu erwarten, dass wir kleinteilig jedes Einzelproblem mit den diversen Ressorts und Fachebenen besprechen.

Zum Thema Lobbyarbeit wünschte ich mir konkretere Hinweise auf die Defizite der aktuellen Arbeit. Vielleicht bewerte ich die in den vergangenen zwei Jahren erzielten Ergebnisse ja falsch. Aber ich gebe zu, ganz zufrieden -ja sogar etwas stolz - auf das Erreichte zu sein. Wir haben gleich am Anfang der Krise eine Gutscheinregelung durchgesetzt, durch welche immerhin das geltende Zivilrecht bei der Nichterfüllung von Verträgen vorübergehend außer Kraft gesetzt wurde. Es ist mir gelungen, mit der damaligen Staatsministerin für Kultur beim Programm Neustart Kultur anstatt vorgesehener 20 Millionen Euro mittlerweile zum zweiten Mal 80 Millionen Euro für die Förderung von Musikveranstaltungen und 20 Millionen für nicht musikalische Kulturveranstaltungen wie z.B. Kabarett oder Varieté auszuhandeln. Letzteres war im Programm der Staatsministerin noch nicht einmal vorgesehen. Es ist gelungen, den Eigenbehalt der Veranstalter beim Sonderfonds von ursprünglich 20 auf 10% runterzuhandeln. Zusammen mit den Verbänden des Forums Veranstaltungswirtschaft ist es uns 2020 gelungen, die Antrags¬berechtigung der November-/Dezemberhilfe auch indirekt über Dritte betroffenen Unternehmen zu ermöglichen. Damit konnten dann zum Beispiel auch Künstleragenturen, die im Auftrag eines Künstlers Verträge mit Veranstaltern geschlossen haben, die November-/Dezemberhilfe beantragen. Das wäre ohne unsere Intervention nicht möglich gewesen. Gleiches gilt für die Erstattung der Vorlauf- und Ausfallkosten im Rahmen der Überbrückungshilfen. Und das sind ja nur einige Beispiele. Verbessern kann man selbstverständlich alles - aber ich wüsste so gern, in¬ welchen Bereichen die Branche aktuelle Lobby-Defizite sieht. Vielleicht hätte man die Arbeit der letzten zwei Jahre dann anders ausrichten können.

MusikWoche: Sie haben angekündigt, demnächst nicht mehr als BDKV-Präsident zur Verfügung zu stehen. Wie wird die Nachfolge geregelt?

Wir haben zum Zeitpunkt der Fusion des bdv mit dem VDKD vereinbart, dass ich mein Amt als Geschäftsführer des fusionierten Verbandes nach dem Ende der dreijährigen Legislaturperiode an einen Nachfolger abgebe. Das war für die Zukunftssicherung des Verbandes eine wichtige und richtige Entscheidung. Auf Wunsch der Mehrheit der Mitglieder habe ich die vereinbarte Zeit noch um ein weiteres Jahr verlängert, da ich es für verantwortungslos gehalten hätte, während der Pandemie einen Geschäftsführerwechsel vorzunehmen. Das Ausschreibungsverfahren für einen Nachfolger läuft derzeit. Meine Tätigkeit als Geschäftsführer des Verbandes werde ich also zum 31. Dezember dieses Jahres beenden.