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Serie Nachhaltigkeit: Jonas Krapf berücksichtigt auch soziale Aspekte

Die Firma NIYU hat sich auf Eventproduktion, Technik, Machbarkeitsstudien und Genehmigungen spezialisiert. Der Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann sprach mit Project Manager Jonas Krapf, wie man Nachhaltigkeit in der Praxis umsetzen kann.

20.05.2022 10:23 • von Dietmar Schwenger
Erklärt, wie man Nachhaltigkeit in der Praxis umsetzen kann: Jonas Krapf von NIYU (Bild: NIYU)

Die Firma NIYU hat sich auf Eventproduktion, Technik, Machbarkeitsstudien und Genehmigungen spezialisiert. Der Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann sprach mit Project Manager Jonas Krapf, wie man Nachhaltigkeit in der Praxis umsetzen kann.

Warum hat Nachhaltigkeit bei NIYU eine eigene Abteilung?

Unsere nachhaltige Unternehmensstrategie basiert auf zwei Grundsätzen: Zum einen ist da die intrinsische Motivation, die eigene Verantwortung wahrzunehmen und unser Handeln täglich zu optimieren, um den negativen Impact kontinuierlich zu verkleinern. Darüber hinaus verbinden wir unsere langjährige Expertise in komplexen Veranstaltungsprozessen mit den aktuellen nachhaltigen Projektmanagement-Ansätzen und technologischen Lösungen, um als unabhängiger Begleiter unsere Kunden professionell und zielgerichtet in den projektspezifischen Nachhaltigkeitsbemühungen zu unterstützen. Weil diese Leistungen weit über die reine technische Planung hinausgehen, wurde hierfür ein eigenes Department geschaffen. So ist es uns möglich, kunden- und projektspezifisch die sinnvollste Serviceleistung anzubieten und einen positiven Impact in die Branche zu bringen. Als verifiziertes Mitglied bei Leaders for Climate Action und anderen Branchenverbänden ist es uns wichtig, selbst nachhaltig zu handeln: Unsere eigens entwickelte Sustainability Roadmap, basierend auf dem Rahmenwerk der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, beinhaltet dabei ganz konkrete Schritte wie den Bezug von zertifiziertem Ökostrom, ein nachhaltiges Beschaffungswesen, beispielsweise für Büroartikel, sowie eine Train-Over-Plane-Policy und eine CO2-Bilanzierung und Kompensation der Emissionen. Gleichzeitig spielen beispielsweise wiederkehrende Spendentätigkeiten sowie interne und externe Weiterentwicklungsmöglichkeiten auf die soziale Dimension hiein.

Welche Maßnahmen sind entscheidend, um möglichst viel Energie, Treibhausgase und auch Kosten einzusparen bei Events - aber auch bei Locations, Logistik und Suppliern?

Zuallererst einmal ist es wichtig, zu verstehen, was beim jeweiligen Projekt passiert, und wo die sogenannten Hotspots liegen. Das klingt banal, ist jedoch ein zentraler Faktor: Eine nachhaltige Ausrichtung ist vor allem dann effektiv, kostenneutral oder sogar kostensparend möglich, wenn bereits zu Beginn der Konzeptions- und Planungsphase damit begonnen wird. Deshalb fangen wir zuerst damit an, das Projekt, die Prozesse und die verschiedenen Beteiligten zu verstehen und mit einer sogenannten Hotspot-Analyse die relevanten Treiber zu identifizieren. Hier kann es je nach Projektart und individuellen Rahmenbedingungen zu deutlichen Unterschieden kommen. In vergangenen Projekten hat sich jedoch gezeigt, dass der Transportsektor 50 bis 80 Prozent der Gesamt-Projektemissionen verantwortet, gefolgt vom Energiebereich mit zehn bis 25 Prozent. Doch gerade in diesen Bereichen gibt es auch einige sogenannte »Low Hanging Fruits« - also Maßnahmen, die relativ einfach umzusetzen sind und schon eine schnelle Verbesserung bewirken. Genannt seien dabei beispielsweise die Auswahl alternativer Fahrzeuge, die es in unterschiedlichen Größen immer mehr auf dem Mietmarkt gibt, oder der vertraglich festgelegte Bezug von zertifiziertem Ökostrom in der Location. Gerade in diesen Bereichen kann damit auch erheblich gespart werden: In Anbetracht der globalen Entwicklung und den steigenden Preisen wird in Verbrennungsmotoren - sei es zum Transport oder zur Stromerzeugung - bildlich gesprochen unmittelbar bares Geld verbrannt. Und das ist oftmals total überflüssig. Wir stellen uns bereits vor der Berechnung des Energiebedarfs die Frage, wie dieser maximal reduziert werden kann - über Synergieeffekte von Equipment, der Auswahl energieeffizienter Systeme bis hin zur Einführung einer sogenannten »Standby-Etikette« auf der Produktion. Hierbei wird sichergestellt, dass die Systeme so designt werden, dass sie in Ruhezeiten auf Produktion ausgeschaltet werden können, ohne die Betriebssicherheit zu gefährden. Dadurch kann der unnötige Energieverbrauch deutlich reduziert werden. Darüber hinaus setzen wir uns für nachhaltige Lieferketten ein, was sowohl die Locationwahl als auch die Beauftragung anderer Dienstleistungen angeht. Wichtig ist uns dabei allerdings, Nachhaltigkeit nicht nur auf die ökologische Komponente zu reduzieren. Deshalb berücksichtigen wir hier neben möglichen Energie- und Umweltmanagementsystemen ebenfalls soziale Aspekte wie Arbeitssicherheit, Inklusion und Diversität in den Unternehmen als auch ökonomische Faktoren wie eine stabile wirtschaftliche Situation und mögliche positive Einflüsse auf die regionale Entwicklung. Denn nur auf die Emissionen zu schauen, ist zu kurz gedacht.

Bei Locations sind neben dem Stromverbrauch auch die Heiz- und Kühlsysteme ein entscheidender Faktor für Treibhausgas-Emissionen. Gibt es einfache Vergleichsmöglichkeiten oder Zertifikate?

Wichtig für uns ist, dass die Location eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie hat. Da ist der Stromverbrauch ein wesentlicher Teil davon. Ob und wie darüber von den Locations kommuniziert wird, ist dabei immer unterschiedlich, weshalb zumindest ein direkter globaler Vergleich schwerfällt. Am meisten verbreitet ist sicher das GreenGlobe-Zertifikat, ein Nachhaltigkeits-Zertifikat für Eventlocations und Hotels. Umweltmanagement-Zertifikate wie ISO 14001 oder EMAS bieten da ebenfalls einen hilfreichen Vergleichsansatz, aber auch eine ISO 50001-Zertifizierung für Energiemanagement ist schon ein sehr gutes Zeichen. Daneben gibt es eine Vielzahl an regionalen Labels, die beispielsweise über Convention Bureaus vergeben werden. Wenn es sehr ins Detail gehen soll, können dann auch Labels herangezogen werden, die den gesamten Bau mit einbeziehen: DGNB, HQE, BREEAM, LEED usw. Letztlich plädiere ich aber auch dafür, mit den für die Veranstaltung interessanten Locations einmal persönlich zu sprechen und nachzufragen, ob und wie sie das Thema behandeln. Viele Locations fangen auch gerade erst damit an oder setzen Maßnahmen um, ohne den zum Teil teuren Umweg über Zertifikate zu gehen. In den persönlichen Gesprächen stellt sich dann schnell heraus, wie ernsthaft das Thema angegangen wird.

Haben Sie konkrete Fallbeispiele aus dem Livegeschäft, wie man Energie einsparen kann?

Der Weg zur Emissionsreduktion im Energiebereich ist vielschichtig: Zuerst geht es darum, durch eine sinnvolle Planung den Gesamtenergiebedarf möglichst zu reduzieren. Das bedeutet, dass beispielsweise Scheinwerfer in sinnvoller Stückzahl eingeplant werden und von diesem Typ dann die energieeffizienteste Leuchte eingesetzt wird. Wenn das System geplant ist, geht es anschließend darum, den Gesamtenergiebedarf zu ermitteln. Das ist ein entscheidender Paradigmenwechsel: Oftmals wurden einfach die einzelnen Stromverbraucher in ihrer Maximalleistung addiert. Über einen sogenannten Gleichzeitigkeitsfaktor wurde dieser Maximalwert dann etwas verringert. Daraus ergab sich dann die erforderliche Spitzenleistung des Systems. Diese Spitzenleistung war dann Ansatzpunkt der Stromplanung - wenn die örtlichen Anschlüsse nicht ausreichten, wurden eben zusätzliche mobile Aggregate hinzugezogen. Das Problem dabei: Es wird nicht überprüft, wie viel Energie eigentlich wirklich verbraucht wird. Mit dem Aufkommen von alternativen Energieversorgungsmöglichkeiten ist unser Ansatz deshalb ein anderer: Neben der Betrachtung der Spitzenleistung, die erforderlich ist für die technische Spezifikation der Anschlüsse, erarbeiten wir eine sogenannte Energieprognose. Das heißt, dass wir errechnen, wie viel Energie das Gesamtsystem über den Produktionszeitraum benötigt. Dadurch ist es möglich, hybride Energiekonzepte aufzubauen. Hierbei werden unterschiedliche Energiequellen kombiniert. Das Herzstück sind dabei ein oder mehrere große Akku-Container mit bis zu 350 kWh Kapazität: Hier werden alle Verbraucher angeschlossen und konstant mit Strom versorgt. Der Akku selbst wird dann über jeweils passende Energiequellen wiederkehrend oder konstant geladen: mit dem Festnetzanschluss, mobilen Photovoltaik-Anlagen oder auch State-Of-The-Art-Aggregaten. Durch diese Kombination ist es möglich, Lastspitzen über den Akku zu puffern, für die das eigentliche Versorgungs-System nicht ausgelegt ist. Somit können auch mit kleineren Anschlussleistungen große Produktionen umgesetzt werden. Wenn Aggregate zum Einsatz kommen, werden diese dann so geplant, dass sie im Optimalbereich der Nennleistung arbeiten. Das ist entscheidend, weil schlecht ausgelegte Aggregate bei zu niedriger Arbeitslast in einen Bereich kommen, in dem sie weniger effektiv arbeiten, deshalb mehr Kraftstoff verbrauchen und somit mehr CO2 emittieren. Zudem kommt das Gerät nicht auf Betriebstemperatur, wodurch die Rußpartikel im Filter nicht verbrennen. Um den Motor vor einer Verstopfung der Abgaswege zu schützen, öffnet dieser dann automatisch und die Rußpartikel werden freigesetzt - dann bringt diese Schutztechnik leider auch nichts.

Für ein Projekt habe ich nachträglich eine Case Study erarbeitet, bei dem ich die tatsächlich umgesetzte, hybride Lösung mit anderen Energiesystemen verglichen habe. Das Ergebnis: Mit der Kombination aus dem vorhandenen Stromanschluss und einem Akku-Container konnten wir gegenüber einer hypothetischen Verbindung aus vorhandenem Stromanschluss und Diesel-Aggregat 2,7 Tonnen beziehungsweise 75 Prozent CO2 vermeiden! Und das ohne Mehrkosten. Die Markt-Entwicklungen sind dabei auch sehr spannend, weil gerade viele alternative Produkte erarbeitet werden und zum Teil schon auf dem Mietmarkt in relevanter Stückzahl zur Verfügung stehen: kleine und große Akkus, Wasserstoffgeneratoren oder mobile Wind- und Photovoltaik-Anlagen. Da stehen uns in naher Zukunft noch spannende Entwicklungen bevor.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Einsatz von Akkus oder Hybridsystemen gemacht?

Grundsätzlich ist der Energiebereich ein wesentlicher Sektor, um Emissionen und Kosten zu senken. Eine Energieeinsparung - unabhängig von der Energieversorgung - kann dabei ausschließlich durch eine vorgelagerte Detailplanung erfolgen. Momentan sind solche alternativen Lösungen in der Beschaffung noch teurer als etablierte Verbrennungs-systeme, was einfach an der Entwicklung liegt: Aggregate sind schon viele Jahre auf dem Markt, die alternativen Anbieter für temporäre Versorgung müssen ihre Vertriebsketten erst aufbauen. Jedoch ist hier ein erstaunliches Wachstum zu beobachten, sodass dieser Gap immer kleiner wird. In den Niederlanden gibt es einen Anbieter, der schon 60 solcher großen Container im Angebot hat. Damit lassen sich parallel schon mehrere sehr große Projekte umsetzen. Gerade in Kombination mit Akkus als Dreh- und Angelpunkt der Energieversorgung lassen sich sehr betriebssichere Systeme aufbauen: Die Ausfallwahrscheinlichkeit ist äußerst gering. Ein entscheidender Vorteil ist dabei, dass die Produktion sogar weiterlaufen kann, auch wenn der Treibstoff aus ist oder die Netzversorgung zusammenbricht: Der Akku bietet da einen wichtigen Puffer, der Zeit für das Trouble-Shooting gibt. Nachteilig ist neben der aktuellen Verfügbarkeit noch das Thema Sicherheit: Im unwahrscheinlichen Fall eines Brandes können die Rettungskräfte kaum reagieren, um diesen zu löschen. Deshalb muss hier bei der Platzierung des Akku-Con-

tainers darauf geachtet werden, einen strategisch sinnvollen Platz im Außenbereich zu wählen. Doch das lässt sich organisatorisch gut lösen. Und bis jetzt habe ich noch von keinem solchen Fall gehört. Letztlich bietet eine solche Akku-Lösung sogar die Möglichkeit, mehr Energie auf der Veranstaltung zu produzieren, als eigentlich benötigt wird - beispielsweise bei einem sonnigen Festival. Dann kann diese Energie wieder mitgenommen werden für die nächste Produktion. Ein schöner Gedanke, wenn sogar klimapositive Veranstaltungen möglich werden.

Wias kann die Veranstaltungswirtschaft beitragen, um die Klimaziele von Paris zu erreichen?

Die größte Chance sehe ich darin, die Transformation kommunikativ zu begleiten. Ob im Kreativ-, Kultur- oder Industriebereich: In der Branche arbeiten Kommunikationsprofis, und überall wird ein großes Publikum erreicht. Diese Reichweite und persönlichen Erlebnisse sollten wir nutzen, um zu zeigen, wie es anders geht. Wie bei der Energie gibt es auch in anderen Bereichen eine Vielzahl an Lösungen - alternative Baustoffe für Sets und Dekorationen, Materialfundi, neue Cateringideen und vorbildhafte Locations, um nur ein paar zu nennen. Wenn jede:r in seinem Bereich die kleinen und großen Chancen nutzt und beispielsweise Ökostrom bezieht, NGOs auf die Events einlädt und als First Mover über Nachhaltigkeit kommuniziert, kann die Veranstaltungswirtschaft einen ganz wesentlichen Teil beitragen. Es geht, wir müssen es einfach gemeinsam machen und anfangen.

Interview: Stefan Lohmann

zum Unternehmen

Die NIYU event production group ist ein Veranstaltungsplanungs- und -produktionsbüro mit fünf Service-Departments. NIYU.creation, NIYU.consulting, NIYU.engineering, NIYU.productions und NIYU.sustainability. Das Leistungsportfolio reicht dabei von Event-Design, Show Calling und Contentproduktion über Machbarkeitsstudien, Marktrecherchen und Betriebskonzepte sowie veranstaltungstechnische Fachplanung aller Gewerke, Ausschreibungsprozesse und Bauüberwachung hin zur Produktionsumsetzung als Full-Service-Leistung. Das von Jonas Krapf geleitete Nachhaltigkeits-Department kann eigenständig beauftragt werden oder in Kombination mit anderen NIYU-Services. Ziel ist dabei, den nachhaltigen Transformationsprozess der Branche kompetent, transparent und praxistauglich zu begleiten.