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Roland Kaiser ist dafür "zuständig, die Leute zu unterhalten"

Zu seinem 70. Geburtstag blickt Roland Kaiser auf seine Zeit bei Hansa Records zurück und spricht darüber, wie das Musikgeschäft sich seitdem verändert hat. Ein wichtiges Anliegen sind dem Sozialdemokraten auch sein ¬gesellschaftliches Engagement und das Verhältnis von Kunst und Politik.

10.05.2022 10:53 • von Dietmar Schwenger
Wird am 10. Mai 70 Jahre alt: Roland Kaiser (Bild: Paul Schirnhofer, Sony Music)

Zu seinem 70. Geburtstag blickt Roland Kaiser auf seine Zeit bei Hansa Records zurück und spricht darüber, wie das Musikgeschäft sich seitdem verändert hat. Ein wichtiges Anliegen sind dem Sozialdemokraten auch sein ¬gesellschaftliches Engagement und das Verhältnis von Kunst und Politik.

Warum haben Sie Ihre Autobiographie trotz Erfahrungen wie einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen oder Ihrer Erkrankung "Sonnenseite" genannt?

Kein Leben ist nur Sonnenseite, aber man kann sie in allen Situationen entdecken und erkennen. Wenn mir Dinge begegnen, die vordergründig negativ sind, finde ich immer auch eine positive Betrachtungsweise. Ich nehme mir die Freiheit heraus, zu sagen, dass mein Glas immer halbvoll ist - und manchmal sogar randvoll.

Zu den positiven Erfahrungen in Ihrem Leben gehört sicherlich die Zeit bei Hansa, richtig?

Ja. Hansa war ein Haus der kurzen Wege und der Kommunikation. Man musste sich nie anmelden, sondern kam einfach. Die Türen waren immer offen, auch beim Geschäftsführer Hans Blume. Wir mussten damals keine Meetings anberaumen, man traf sich einfach - sei es im Büro oder auf dem Flur. Und dort arbeiteten großartige Typen: Thomas Meisel etwa war eine Persönlichkeit, die es vermochte, mutterseelenallein mehrheitsfähig zu sein. Wenn etwa bei einer Entscheidung viele Stimmen dagegen waren, hat er sich trotzdem dafür ausgesprochen und auch gesagt, dass er die Verantwortung dafür übernehme, egal ob die Sache gut oder schlecht ausgeht. Er hat Verantwortung nie auf mehrere Schultern verteilt, sondern immer auf seine geladen, was ich für eine sehr positive Charaktereigenschaft gehalten habe.

Sind denn heutige Labels anders?

Nein, bei Sony Music, dem Label, bei dem ich jetzt zuhause bin, ist die Kommunikationsgeschwindigkeit nicht viel anders. Ich kann dort jederzeit die geschäftsführenden Herren und all meine Partner anrufen, vom Produktmanager bis zum CEO, wir treffen uns bisweilen auch privat. Sie sprechen mit mir und ich mit ihnen, das ist genauso wie damals bei der Hansa.

Andererseits schreiben Sie in Ihrem Buch, dass heute Controller über Musikkonsum entscheiden, oder dass es ein Diktat an Umsatzvorgaben gebe.

Das bezieht sich vor allem auf die Newcomer-Arbeit. Da hat die Geduld nachgelassen, man kann es sich wahrscheinlich einfach nicht mehr leisten, einen Künstler erst drei oder vier Alben machen zu lassen, bevor der große Erfolg kommt. Die ¬heutigen Konzerne üben einen starken Druck aus und haben eine ganz andere Erwartungshaltung. ¬Anderseits ist die moderne Nutzung von Musik so umfangreich und ¬vielfältig, dass junge Talente auch ohne Major Company ihren Weg gehen können, wenn sie etwa einen Track einfach bei YouTube einstellen und auf diese Weise Clicks, sprich Aufmerksamkeit, erzeugen. Es gibt also einen alternativen Pfad zum Erfolg. Und man kann sich auch nicht in eine Ecke setzen und jammern, wie ¬schade es sei, dass es bald keine CDs mehr gebe. So kann man an das Thema doch nicht herangehen. Die Nutzung von Musik hat sich eben -verändert und dem muss man sich wie allen neuen Entwicklungen stellen.

Zwischen Hansa und Sony Music haben Sie mit Jack White gearbeitet. Wie beurteilen Sie heute diese Zeit mit ihm?

Das war in der Kommunikation auch sehr eng, nur musikalisch waren Jack und ich nicht immer einer Meinung. Meistens konnte ich mich aber durchsetzen, auch weil ich den Produzenten Peter Wagner an meiner Seite hatte, der eher meinen musikalischen Ansätzen nahestand.

Sie haben auch noch eine ganze Weile mit Peter Wagner gearbeitet, als die Musik und die Musikproduktion immer digitaler wurden - ein Schritt, den Thomas Meisel damals nicht mehr mitgehen wollte, richtig?

Ja, Thomas sagte damals, das sei einfach nicht mehr seine Art, Musik aufzunehmen. Er wollte einfach nicht mit anhören müssen, wie ein Programmierer versucht, an einem Keyboard acht Stunden lang einen Sound zu finden. Thomas hat vor allem die Gegenwart von Musikern im Studio vermisst - echte Gitarristen, Bassisten oder Schlagzeuger. Stattdessen gab es dann vor allem Leute, die auf Knöpfe von Maschinen drückten, die dann so klangen wie Gitarristen, Bassisten oder Schlagzeuger. Thomas hatte die Größe zuzugeben, dass das nicht mehr seine Welt war, und sich auf das Verlagsgeschäft und die Firmenleitung zurückgezogen. Ich selbst habe dann aber auch digital gearbeitet und all die modernen Produktionstechniken auch eingesetzt. Nur bei meinem letzten Album, dem Weihnachtsalbum von 2021, haben wir wieder zahlreiche echte Musiker beschäftigt, weil ihnen durch Corona so viele Einnahmen weggebrochen waren. Das war eine bewusste Entscheidung, den Kolleginnen und Kollegen zu helfen. Aber auch musikalisch hat das dem Album und seinem Klang gut getan.

Sie würden sich also nicht grundsätzlich für entweder Tradition oder Moderne entscheiden. Stimmt das?

Ja, die Mischung macht's. Es wird immer Teile geben, die man programmiert, und andere Teile, die von Musikern im Studio eingespielt werden. Letztlich ist es doch die Melodie, die entscheidet.

Ihr erstes Konzert waren die Rolling Stones 1965 auf der Waldbühne ¬Berlin, und Sie sagen, dass die Stones noch immer Ihre Band seien. Hatten Sie jemals versucht, deren Ansatz auch in Ihrer Musik aufzugreifen - so wie etwa Peter Maffay seine Musik immer rockiger gestaltet hat?

Damals gab es als junger Musikfan musikalisch ja nur zwei Möglichkeiten: die Beatles oder die Stones. Und als man damals merkte, dass die Erwachsenen anfingen, sich mit der Musik der Beatles anzufreunden, war uns natürlich klar, dass man sich für die Stones entscheiden muss. Mir gefiel auch, dass die Rolling Stones in der Zeit, als ich mich verstärkt dafür interessierte, mit Titeln wie "Street Fighting Man" mehr die Straße reflektiert haben, als die Beatles das taten. Und ich bin bis heute Fan geblieben, habe die Band vor ein paar Jahren im Olympiastadion in Berlin gesehen. Da saß ich neben Wolfgang Niedecken, das war ein wunderschöner Abend. Wir beide haben in Erinnerungen geschwelgt, und er hat erzählt, wie es war, mit BAP im Vorprogramm der Stones aufzutreten. Gleichzeitig bin ich mit meiner eigenen musikalischen Arbeit absolut zufrieden. Denn ich mache die Musik, die mir gefällt, das können die Leute nennen, wie sie wollen. Es ist einfach populäre deutschsprachige Musik, Punkt.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich die Leute bei Ihnen, aber auch Udo Jürgens oder Howard Carpendale, eher an Singles und einzelne Songs, jedoch weniger an Alben erinnern? Dabei haben Sie unter anderem mit "Frauen" (1988) oder den beiden "Grenzenlos"-Alben (1996/98) bis zu Ihren aktuellen Produktionen immer auch sehr spannende Longplayer aufgenommen.

Wir alle aus dem Genre, in dem ich mich bewege, haben in den vergangenen Jahren keine großen Singleshits gehabt. Mein letzter wirklicher Hit war 2014, "Warum hast du nicht nein gesagt". Gleichzeitig waren meine vergangenen drei Alben sehr erfolgreich, zweimal Platin, einmal Gold. Diese Alben waren also mehrheitsfähig auch ohne große Hits. Und letztlich geht es dann eh um die Frage, gehe ich in das Konzert des Künstlers oder nicht. Und es ist doch normal, dass die Leute sich zu allererst an die großen Erfolge erinnern - egal ob man Rock, Pop, Soul oder sonst etwas macht. Seien wir doch froh, dass wir all diese Hits gehabt haben. Gleichzeitig glaube ich nach wie vor an das künstlerische Konzept eines Albums, das ja auch immer ein Statement ist.

Sie waren ja als TV-Produzent mit Shows wie "Schreinemakers Live" oder "RTL Samstag Nacht" erfolgreich. Wie bewerten Sie mit diesen Erfahrungen den Wandel im TV-Geschäft gerade im Hinblick auf Musikformate?

Nun, wir haben ja mit den Sendungen von Florian Silbereisen und Giovanni Zarrella zwei große Musikshows bei den Öffentlich-Rechtlichen, flankiert von einer Menge Formaten in den Dritten Programmen wie etwa dem MDR oder dem SWR, der mit Andy Borg ja eine Menge Zuschauer erreicht. Oder denken Sie an die neuen Shows von Beatrice Egli und Ross Antony bei den beiden genannten Sendern. Es gibt auch noch genügend Sendungen wie den "ZDF Fernsehgarten" oder "Immer wieder sonntags", wo junge Talente auftreten können. Was mir ein wenig fehlt, sind Formate, die in der Lage sind, gleichzeitig einen Johannes Oerding und einen Howard Carpendale zu präsentieren - wie etwa damals die "Starparade" mit Rainer Holbe. Ich selbst habe vor zwei Jahren eine eigene TV-Show in der ARD bekommen, wo ich etwa Adel Tawil, Wolfgang Niedecken und Ben Zucker eingeladen habe. Das geht durchaus, wenn der Gastgeber von beiden Seiten respektiert wird. Aber es stimmt, Bands wie Revolverheld haben kaum TV-Plattformen. Daran müssen wir arbeiten. Einen Teil können solche Bands aber sicherlich mit aufwändig produzierten Videos bei Social Media kompensieren, wodurch sie Breitenwirkung erzielen - auch ohne TV-Unterstützung.

Wie hat man sich denn Roland Kaiser als Musikhörer vorzustellen?

Vor jedem neuen Album konfrontiert man sich natürlich mit neuen Sounds, den internationalen Charts und neuen technologischen Entwicklungen. Gleichzeitig lerne ich durch meine Kinder immer auch aktuelle Popmusik kennen.

Udo Lindenberg hat mir einmal erzählt, dass er keine einzige seiner Platten hat. Er nutze da inzwischen Streaming. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Da bin ich sehr nah dran an Udo. Ich besitze kaum Platten von mir.

Anders als Udo Jürgens, der am liebsten nur an neuen Projekten arbeiten wollte, scheint Ihnen aber die Auswertung des Backkatalogs wichtig zu sein, wenn man etwa an die diversen Folgen von "Original Album Classics" oder "Alles Kaiser" denkt. Sind Sie da persönlich involviert?

Ja, das Team von Sony Music und ich stimmen uns da ab. Mir ist es wichtig, dass die alten Originale für diejenigen, die das hören wollen, auch verfügbar sind. Wir haben damals doch all diese Songs abgesegnet und für gut befunden, die muss ich heute doch nicht verstecken.

Gehen wir einmal zurück in die 70er-Jahre, die viele ja als das Goldene Jahrzehnt des Deutschen Schlagers bezeichnen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Man hat sich damals immer wieder getroffen, bei den Fernsehshows oder der Tournee der "ZDF Hitparade". Wir sind damals ein Stück unserer Wege gemeinsam gegangen, das war enger als heute. Daraus haben sich wirklich Freundschaften entwickelt, die über Jahrzehnte gehalten haben. Das ist heute etwas sachlicher geworden: Man sieht sich, man begrüßt sich freundlich - den einen mehr, den anderen weniger. Andererseits gab es dieses gemeinsame Lagerfeuer, um das sich alle zum Singen treffen, in dem Sinne eigentlich nie.

Würden Sie sagen, dass damals das Schubladendenken größer war - oder ist es heute noch schlimmer geworden?

Das war ja eher eine Sache der Medien, die es sich leicht gemacht haben und alles in Schubladen stecken mussten - der eine ist Schlagersänger, der andere ist Singer/Songwriter, jener ist Schauspieler. Die Zuschauer sind ungleich toleranter, viel mehr, als so mancher sich das vorstellen kann. Ein Freund erzählte mir jüngst von einem Ärzte-Konzert, wo sich ein Ehepaar vor ihm in der Getränkeschlange unterhielt, dass das am Vortag bei Andrea Berg besser organisiert gewesen sei. Auch meine Konzertbesucher waren vielleicht bei Elton John oder den Toten Hosen. Die sehen Konzerte doch als kollektive Erlebnisse, bei denen vor allem die Qualität stimmen muss. Darum geht es den Menschen.

Hat sich die Publikumzusammensetzung bei Ihren Konzerten im Laufe der Jahre geändert?

Auf jeden Fall. Der Anteil der männlichen Besucher ist größer geworden, generell ist das Alter gesunken. Inzwischen kommen auch viele junge Leute, das fängt an bei 18 und geht bis 80 oder älter. Das ist eine Queerbeet-Mischung und für mich ein schönes Zeichen, dass da eine Generation mitwächst, zugleich aber auch eine junge Generation nachrückt. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass wir eine Arbeit machen, die den Menschen gefällt.

Sie waren mit Ihrem Konzert auf der Waldbühne 2020 und dann mit der Arenentour ein Jahr später einer der ersten Künstler, der live wieder ein Lebenszeichen gegeben hat. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung?

Mein Veranstalter Dieter Semmelmann hat jüngst ja auch mit den Tourneen von Hans Zimmer und Sarah Connor bewiesen, dass man das machen kann - auch wenn das sicherlich sehr schwer war. Der Sommer wird nun ganz bestimmt leichter, aber es geht um den Herbst. Wir müssen darauf setzen, dass die Menschen so klug sind, sich impfen zu lassen, damit wir auch im Herbst und Winter wieder spielen können, und damit diese Branche nicht endgültig in die Knie geht.

Ist das Problem nicht auch, dass die Politik noch immer nicht verstanden hat, wie die Livebranche funktioniert - etwa bei Planung und Vorläufen?

Mit meinen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten habe ich immer das Gespräch gesucht. Dieter Semmelmann und ich haben mit vielen, vielen Politikern gesprochen, und diese haben uns wirklich geholfen. Aber man muss sich bemühen, immer wieder mit ihnen sprechen - und man kann mit ihnen auch reden. Auch Politiker sind doch vernunftbegabte Menschen.

Sie haben oft gesagt, dass es mit Ihrer Kindheit im Berliner Wedding unmöglich gewesen sei, nicht politisch sozialisiert zu werden. Später haben sie zwar ab und an auch gesellschaftskritische Lieder wie "Hier kriegt jeder sein Fett" gesungen, aber meistens doch darauf geachtet, Ihr politisches Engagement von der künstlerischen Arbeit zu trennen.

Ich werde oft gefragt, ob ich bei meinen Konzerten auch politische Statements gebe, worauf ich immer antworte: "Nein, natürlich nicht". Mir geht es darum, meinem Publikum einen schönen Abend zu schenken, bei dem es für ein paar Stunden Sorgen, Probleme und Kummer vergisst. Denn ich bin dafür zuständig, die Leute zu unterhalten. Politische Aussagen tätige ich nur im richtigen Umfeld, bei Interviews oder auf Demonstrationen. Die Bühne ist dafür der falsche Ort, es sei denn wie zuletzt vor dem Brandenburger Tor, wo viele Künstler aufgetreten sind, um Spenden für die Ukraine zu sammeln.

Wenn Sie sich politisch äußern, beziehen Sie klar Stellung, wenn Sie etwa die immer weiter auseinandergehende soziale Schere als eine Folge von Politikversagen bezeichnen. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung - auch wenn man bedenkt, dass Sie als Sänger, der Mitte der 70er zugleich ein Angebot im Management von Ford hatte, einen sozialen Aufstieg geschafft haben, während das heute immer weniger Menschen gelingt.

Ich sehe eher, dass sich unser Bildungssystem positiv weiterentwickelt hat, und würde auch sagen, dass wir in Richtung Chancengleichheit kommen. Auch wenn wir das Ziel zu 100 Prozent sicherlich noch nicht erreicht haben, so sind wir doch auf dem besten Weg dahin. Und sehen Sie, in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, waren alle Arbeiter, alle SPD-Leute. Das ist meine Geschichte, dazu stehe ich und dabei bleibe ich auch. Ich bin überzeugter Sozialdemokrat und glaube fest daran, dass die soziale Demokratie im Verbund mit der sozialen Marktwirtschaft die ideale Lebensform ist. Und in meinen Augen hat sich diese Staatsform auch bewährt.

Anderseits haben Sie selbst Themen wie Grundrente oder Vermögenssteuer in Spiel gebracht. Man könnte also schon noch etwas tun.

Es gibt immer Stellschrauben, an denen man drehen kann. Aber zugleich muss alles auch finanziert werden. Und der Teufel der Demokratie ist die Mehrheitsfindung. Gerade in Koalitionen muss man mehrheits-, konsens- und kompromissfähig sein. Ein "Ich will" gibt es in der Politik nicht.

Zugleich engagieren Sie sich persönlich stark für soziale Zwecke. Nach welchen Kriterien gehen Sie da vor?

Da man nicht alles tun kann, muss man versuchen, Schwerpunkte zu setzen. Ich setze mich vor allem für Jugendliche, Kinder, Kranke und Arme ein. So unterstütze ich die Tafeln. Es kann doch nicht sein, dass eine alleinerziehende Mutter oder ein Rentner, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, zu wenig Geld hat, um einen Zoo- oder Theaterbesuch zu bezahlen. Das ist menschenunwürdig. Auch bin ich engagiert bei den Albert Schweitzer Kinderdörfern und Familienwerken und bin im Kuratoriumsvorstand der Solidarfonds Stiftung NRW, wo wir uns darum kümmern, junge Menschen in Arbeit zu bringen oder straffällig gewordenen Menschen zu helfen, indem wir ihnen einen Sozial-Coach an die Seite stellen.

Finden Sie es richtig, dass plötzlich Milliardenausgaben für das Militär möglich sind, während die von Ihnen genannten Probleme fortbestehen?

Demokratie ist auch ein kostspieliger Prozess. Wenn wir sehen, dass der Staat nun 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr stecken will, fehlt das natürlich an allen Ecken und Enden. Aber die aktuelle Situation verlangt solche Reaktionen der Politik. Wenn jemand vor drei Jahren gesagt hätte, er sei dafür, die Bundeswehr aufzurüsten, hätte man ihn sicher für verrückt gehalten. Heute sagen sie alle, das hätten sie schon immer gewusst. Die Entwicklung in der Ukraine konnte keiner voraussagen, und es werden immer wieder neue Dinge geschehen, die unsere Staatskasse belasten. Letztlich können wir nur das ausgeben, was wir haben.

Sie haben in Berlin früh Willy Brandt reden gehört, der als Bundeskanzler genauso wie später Helmut Schmidt engen Kontakt zur Kulturszene hielt. Fehlt in der heutigen Politik so ein Austausch mit der Kunst?

Für mich war Willy Brandt ein einmaliges Phänomen. Ich habe nie wieder erlebt, dass ein Politiker so sehr die Jugend begeistern konnte, wie er es konnte. Ich erinnere mich, als ich vormittags mit ein paar Freunden in einer Kneipe stand, wo das Misstrauensvotum gegen ihn live übertragen wurde. Als das nicht zustande kam, lagen wir uns alle in den Armen. Ich habe nie wieder erlebt, wie ein Politiker die Menschen so euphorisieren konnte. Mit seinen Ideen wie "Mehr Demokratie wagen" oder dem Kniefall in Warschau hat er mich und die Menschen in meinem Umfeld einfach begeistert - genauso Angela Merkel viele Jahre später, als sie sagte "Wir schaffen das" und die Türen aufgemacht hat für Menschen, die auf der Flucht waren und um ihr Leben gefürchtet haben. Und der Dialog zwischen Politik und Kunst ist zweifellos wichtig, auch wenn ich da nur von mir sprechen kann. Ich habe sehr oft und lange mit Franz Müntefering oder Sigmar Gabriel zusammengesessen, auch mit anderen Künstlern, die die SPD in die Parteizentrale eingeladen hatte. Die Politik sucht durchaus den Kontakt zu Kunst und Kultur, und viele Künstler lassen sich auch gern darauf ein. Deswegen bin ich mit der Art und Weise, wie meine Partei diese Verbindungen pflegt, sehr zufrieden.

Gleichzeitig wird dem Künstler ja immer auch die Rolle des Rebellen zugewiesen, der nicht automatisch ein positives Vorbild sein muss. So haben Sie sich auf dem Cover des Albums "Ich will" mit Zigarette abbilden lassen ...Das ist lange her. Aber es stimmt schon, man muss sich gegen bestimmte Entwicklungen zur Wehr setzen, das habe ich mehrfach gemacht - etwa als ich jene Rede in Dresden für mehr Weltoffenheit und Toleranz gehalten und mich dabei auch mit Anhängern der Pegida-Bewegung auseinandergesetzt habe. Das mache ich gern und suche dabei auch nicht den leichtesten Weg. Als Künstler kann jeder das tun, was er möchte. Und in der jüngst vom Bund gegründeten Akademie für Popmusik, wo ich Gründungsmitglied bin, diskutieren wir viel über unsere politischen Ambitionen, Diversität, Fremdenfeindlichkeit und alle gesellschaftlich relevanten Themen - übrigens auch wieder im Austausch mit der Politik. Da bewegt sich schon etwas.