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Aissata Hartmann-Sylla: "Der Wunsch nach Weiterbildungsmöglichkeiten ist groß"

Aissata Hartmann-Sylla, Senior Booking Director AEG Berlin, sitzt im Kuratorium der Live Entertainment Summer School. Im Interview spricht sie über neue Herausforderungen für Live-Veranstalter und warum die Vernetzung innerhalb der Branche jetzt wichtiger denn je ist.

03.05.2022 10:33 • von Jonas Kiß
Arbeitet seit vielen Jahren in der Live-Branche: Aissata Hartmann-Sylla (Bild: Anschutz Entertainment Group)

Aissata Hartmann-Sylla, Senior Booking Director Anschutz Entertainment Group Berlin, sitzt im Kuratorium der Live Entertainment Summer School. Im Interview spricht sie über neue Herausforderungen für Live-Veranstalter und warum die Vernetzung innerhalb der Branche jetzt wichtiger denn je ist.

MusikWoche: Seit der Gründung der Live Entertainment Summer School befinden Sie sich in deren Kuratorium. Nun feiert der Live-Bereich der Music Business Summer School dieses Jahr bereits das fünfjährige Bestehen. Wie hat sich das Weiterbildungsformat seitdem entwickelt?

Aissata Hartmann-Sylla: Das Format hat sich von Jahr zu Jahr an die Gegebenheiten der Branche und die Wünsche der Teilnehmer:innen angepasst, da wir immer versuchen, neben den wichtigen Grundbausteinen auch auf alle aktuellen Themen einzugehen. So hatten wir zum Beispiel im ersten Jahr zum Thema Sicherheit bei Veranstaltungen eine Expertenrunde, da dies aufgrund der tragischen Ereignisse 2017 in Manchester sehr aktuell war, und die letzten zwei Jahre waren natürlich durch Themen rund um die Pandemie geprägt. Am Feedback seit Beginn und der seither steigenden Nachfrage sehen wir erfreulicherweise, wie wichtig eine konzentrierte Weiterbildung dieser Art ist, und dass wir auf dem richtigen Weg sind.

MusikWoche: Etwa zur gleichen Zeit wurden Sie von der Anschutz Entertainment Group zum Senior Director Booking für die Mercedes-Benz Arena und die Verti Music Hall in Berlin ernannt. Wie hat sich ihr Arbeitsalltag seitdem verändert?

Aissata Hartmann-Sylla: Mit Eröffnung der Verti Music Hall haben sich für unseren Campus rund um den Mercedes Platz ganz neue Perspektiven eröffnet. Plötzlich war da noch ein Venue, das mit einer Kapazität von bis zu 4500 Besucher:innen viele Möglichkeiten bietet und schon jetzt für seinen großartigen Sound gelobt wird. Wir können nun auch Anfragen »bedienen«, die für die Arena vielleicht noch zu ­ambitioniert sind, aber für die Verti Music Hall perfekt passen. Es gibt dadurch auch die Möglichkeit für Veranstalter:innen, mit einer Show in der Verti Music Hall in den Verkauf zu gehen und bei entsprechender Nachfrage in die Arena umzuziehen, so es die Verfügbarkeit erlaubt. Mein Arbeitsalltag ist somit noch viel­seitiger geworden, und die größte ­Belohnung ist es, wenn Acts erst in der Verti Music Hall spielen und dann im Jahr darauf bereits die Arena füllen.

MusikWoche: Die Pandemie hat folgenreiche Auswirkungen auf das Geschäft mit Livemusik. War die Livebranche in irgendeiner Weise darauf vorbereitet oder kam das völlig überraschend?

Aissata Hartmann-Sylla: Auf das Ausmaß dieser Pandemie war - auch außerhalb der Event-Branche - ja niemand vorbereitet. Das ging uns natürlich genauso. Die gesamte Livemusikbranche hat sich aber schnell koordiniert und an einem Strang gezogen, um die Situation bestmöglich zu meistern.

MusikWoche: Was sind die neuen Herausforderungen für Veranstalter:innen durch die Folgen von Covid-19?

Aissata Hartmann-Sylla: Personalmangel und ein extremer Rückstau von Events, der terminlich und logistisch koordiniert werden muss. Es bleibt abzuwarten, ob die Menge der Events, die jetzt nachgeholt werden müssen, zu einer Übersättigung beim Publikum führt.

MusikWoche: Was versuchen Sie den Teilnehmer:innen der Music Business Summer School an Skills mitzugeben, um sich in diesen neuen Umständen zurechtzufinden?

Aissata Hartmann-Sylla: Das Kuratorium bespricht sich jedes Jahr nach und vor der jeweiligen Summer School, um das Programm so anzupassen, dass die Teilnehmer:innen den bestmöglichen Input von den Expert:innen erhalten und eben immer auch aktuelle Themen einfließen. Gerade jetzt ist es wichtig zu zeigen, dass die Branche trotz der Pandemie hoffnungsvoll in die Zukunft schaut, und es ein sehr guter Zeitpunkt ist, sich weiterzubilden und mit den neu gewonnen Erfahrungen die Branche zu stärken und in Teilen besser zu machen, als sie es vor der Pandemie war. Das Thema Diversität ist ja endlich auch in aller Munde, somit ist es erfreulich zu sehen, dass immer mehr Frauen teilnehmen und auch als Dozentinnen dabei sind. Die zweite Säule des Programms ist die Vernetzung der Teilnehmer:innen untereinander, mit den Dozent:innen und auch mit den parallelen Programmen in den Bereichen Label und Musikverlag - und mit den Alumni der Vorjahre. In der Pandemie ist die Vernetzung innerhalb der Branche sehr zu kurz gekommen. So intensiv wie hier kommen die Akteure sonst nicht zusammen, da entstehen viele neue, nachhaltige Arbeitsbeziehungen.

MusikWoche: Was sind die Schwierigkeiten oder auch Fragen mit denen sich die Teilnehmer:innen am häufigsten an Sie und ihre Expertise wenden?

Aissata Hartmann-Sylla: Häufig drehen sich die Fragen um steigende Kosten, die ja gerade durch die Pandemie noch mehr gestiegen sind als sie es vor der Pandemie schon waren, insbesondere auch aufgrund des Personalmangels. Aktuell ist es so, dass viele der nun endlich stattfindenden Konzerte bereits 2019 für 2020 kalkuliert wurden und auf den zu diesem Zeitpunkt geltenden Kosten basieren, jetzt haben wir 2022, und die Kosten sind um ein Vielfaches höher als ursprünglich kalkuliert. Damit ergibt sich schon automatisch ein finanzielles Loch, das in einigen Fällen dazu führt, dass Konzerte schlussendlich doch abgesagt werden, weil es eben weniger Verlust bedeutet, komplett abzusagen, statt mit weniger Einnahmen durch Ticketrückgaben und deutlich höheren Kosten zu spielen. Aber auch mit Fragen zu Themenbereichen wie den rechtlichen Rahmenbedingungen, Besteuerung, neuen Vermarktungswegen kommen die Teilnehmer:innen auf uns zu. Häufig diskutieren wir die Lösungswege oder neue Ansatzwege auch in der gesamten Gruppe - es ist ja eine berufliche Weiterbildung, das heißt auch die Teilnehmer:innen bringen in ihren Bereichen viel Erfahrung mit.

MusikWoche: Verdrängt das Pandemie-Thema das Thema Nachhaltigkeit im Live-Geschäft oder hat es das Bewusstsein zu nachhaltigeren Touren und Events sogar mehr in den Vordergrund gerückt?

Aissata Hartmann-Sylla: Natürlich wurden die letzten zwei Jahre durch die Pandemie dominiert. Aber das Thema Nachhaltigkeit wird uns noch ganz lange beschäftigen und an Bedeutung weiter zunehmen, wohingegen die Pandemie in naher Zukunft hoffentlich keine Rolle mehr spielt.

MusikWoche: Im Laufe der Jahre hat die Music Business Summer School auch immer mehr an das Reeperbahn Festival angedockt. Soll Hamburg auch weiterhin das Zentrum für Weiterbildung und Networking im Musikbusiness bleiben?

Aissata Hartmann-Sylla: Als gebürtige Hamburgerin bin ich sehr stolz darauf, dass die Summer School so eng mit dem Reeperbahn Festival verbunden ist und damit auch mit dem Herzen der Stadt. Auch wenn Berlin als Hauptstadt viele große Firmen aus der Musikbranche beheimatet, so ist das zum Einen auch in Hamburg der Fall. Zum Anderen ist die IHM als Initiatorin und Organisatorin vor Ort, genauso wie der Bildungspartner Hamburg Media School. Maßgeblich für die Music Business Summer School ist aber noch etwas anderes: Sie ist das Weiterbildungsprogramm für die gesamte deutsche Musikbranche, und damit sind Hamburg und die Tage vor dem Reeperbahn Festival der ideale Ort und Zeitpunkt. Das Reeperbahn Festival ist einzigartig in Deutschland und bringt jedes Jahr nationale und internationale Künstler:innen und Kollegen:innen aus der gesamten Branche zusammen. Viele sind zum Festival also ohnehin in Hamburg und können sich auch eine erneute Reise sparen, außerdem können wir ein optimales Rahmenprogramm beim Festival bieten. Mit den unterjährigen Alumni-Seminaren und -networkings versuchen wir dagegen, digital oder in anderen Städten Programm anzubieten.

MusikWoche: Mit der International Music Business Summer School hat die IHM das Format 2020 internationalisiert. Wie ist das Feedback der internationalen Teilnehmer:innen bisher ausgefallen?

Aissata Hartmann-Sylla: Obwohl wir das Format aufgrund der Pandemie nicht in Präsenz durchführen konnten, und es somit als digitales Format stattgefunden hat, war die Resonanz der Teilnehmer:innen sehr gut. Der Wunsch nach Weiterbildungsmöglichkeiten innerhalb der Branche ist groß, da es derartige Formate bisher nicht gab. Deshalb gebührt der IHM auch großer Dank für ihren unermüdlichen Einsatz, die Programme weiterzudenken, Partner an Bord zu holen, sich bei EU, Bund, dem Land Hamburg und Dritten für die Finanzierung einzusetzen und letztlich dann auch zur Umsetzung zu bringen.

Interview: Jonas Kiss

___zur Person

Während ihres Studiums der Romanistik, Amerikanistik und Afrikanistik war Aissata Hartmann-Sylla bereits bei der Karsten Jahnke Konzertdirektion im Ticketing tätig. Später kam Hartmann-Sylla als Assistenz von Karsten Jahnke zum Booking. Hier buchte sie überwiegend Tourneen für Jazz-Acts, unter anderem Nils Landgren, Branford Marsalis, Al Jarreau und Till Brönner, und begleitete diese teilweise auch auf Tour. 2006 wurde sie von der Münchner Booking-Agentur Triple M abgeworben, um dort im Tourneebereich zu arbeiten. 2009 wurde sie als Event-Managerin zur O2 World nach Berlin geholt, seit 2015 arbeitet sie für die Mercedes-Benz Arena. Ab 2013 ist Aissata Hartmann-Sylla dort Director Event Booking und verantwortet alle Buchungen für Konzerte und Shows in der Arena. Seit 2017 verantwortet sie zudem als Senior Director Booking das Programm der Verti Music Hall. Aissata ist Boardmitglied der Live Entertainment Summer School sowie der 2020 ins Leben gerufenen International Live Entertainment Summer School.