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"Die c/o pop Convention war zum allerersten Mal vollständig ausverkauft"

Die c/o pop startete 2022 zurück ins echte Leben. Als Director der c/o pop Convention zieht Ralph ­Christoph im Gespräch mit MusikWoche Bilanz, spricht über gut besuchte Venues und vergriffene Kongresskarten, den anstehenden Geburtstag und das PopBoard NRW. Auch ein Sportvergleich muss her.

27.04.2022 09:22 • von Norbert Schiegl
Haben für die co pop mit dem Herbrand's in Ehrenfeld ein neues Festivalzentrum erschlossen: Norbert Oberhaus (links) und Ralph Christoph. (Bild: MusikWoche)

Die c/o pop startete 2022 zurück ins echte Leben. Als Director der c/o pop Convention zieht Ralph ­Christoph im Gespräch mit MusikWoche Bilanz, spricht über gut besuchte Venues und vergriffene Kongresskarten, den anstehenden Geburtstag und das PopBoard NRW. Auch ein Sportvergleich muss her.

Interview: Knut Schlinger

__Was ich schon immer mal fragen wollte: Wie fühlen Sie sich?

Sehr gut.

__Sie sind also zufrieden mit dem Verlauf der c/o pop 2022?

Ja, vollkommen. Zu sehen, dass unserer eigentlich schon für 2020 fertig geplantes Konzept aufgeht, freut uns alle sehr! Selbst die Zahl der doch auch weiterhin zu erwartenden kurzfristigen Absagen bei Künstler:innen und Speaker:innen hielt sich in sehr engen Grenzen.

__Lassen sich diese Ausfälle in etwa ­beziffern?

Wir hatten pro Tag meist eine, manchmal auch zwei Bands, die absagen mussten, gleiches git für die Speaker:innen. Dabei gab es neben Corona aber auch mal einen Bandscheibenvorfall. Bei den Speaker:innen liegen wir, im Vergleich zu den aktuellen Inzidenzwerten, ebenfalls eher unter dem Schnitt. Das Geschehen hat uns nicht wirklich dramatisch getroffen, was wohl zeigt, dass unsere Gäste und wir eher zum Team Vorsicht zählen.

__Am Eröffnungsabend fiel das Schlagwort "Sold out". Bezog sich das allein auf die Tincon, oder auf den ganzen Kongress?

Das galt für die gesamte Convention: Die c/o pop Convention war tatsächlich zum allerersten Mal vollständig ausverkauft. Wir hätten theoretisch noch mehr Besucher:innen in den Biergarten des Herbrand's holen können, aber der Punkt, an dem es nicht mehr gewährleistet war, auch alle Teilnehmer:innen in die Räumlichkeiten der verschiedenen Sessions zu holen, war längst erreicht.

__Was bedeutet das in Zahlen?

Wir liegen bei rund 1400 akkreditierten Professionals für die gesamte Convention. Und, das möchte ich betonen, es geht hier meist um verkaufte Tickets, und nicht um ...

... nicht um die üblichen Fälle wie "der Schlinger von MusikWoche kommt mit der Pressekarte rein"?

Genau. Es war tatsächlich so, dass es kurz vor Beginn noch viele Anfragen nach Tickets gab. Das war ebenfalls neu.

__Am Eröffnungstag hatte ich indes das Gefühl, dass die Auslastungsgrenze in den Sälen des Cinenova noch nicht erreicht war, während es in den Räumen um den Herbrand's Biergarten gut gefüllt war. Sehen Sie das auch so?

Die einzelnen Locations im Herbrand's waren immer voll, zumindest im kleinen Cine-Saal aber hatten wir tatsächlich noch ein bisschen Luft. Das erklärt sich aus dem nötigen Wechsel zwischen den Räumlichkeiten: Ich glaube, hier im Biergarten blieb man auch ganz gern einmal hängen. Aber so war das im Grund auch gedacht: Wir wollten den Besucher:innen einen Rahmen bieten, in welchem sie sich nach zwei Jahren Pandemie und Einschränkungen bestmöglich und sicher treffen und austauschen können. Aber die Infrastruktur vor Ort lässt noch Möglichkeiten für die nächsten Jahre offen.

__Wie meinen Sie das?

Nun, wir haben hier am ersten Tag der Convention den großen Saal des Herbrand's noch gar nicht bespielt. Dort fanden dann am zweiten Tag die Tincon und der Voguing Ball statt. Auch im Außenbereich gibt es eine weitere Venue, die wir noch nicht bespielt haben.

__Der Livebereich ist jetzt nicht so ganz Ihr Kerngeschäft, aber halten Sie die fürs Festival am Eröffnungsabend angepeilte Marke von rund 30.000 Zuschauer:innen für realistisch?

Unbedingt ja. Am Freitag hatten wir zum Beispiel ab 18.00 Uhr die Venloer Straße gesperrt, was zusätzlichen Auftrieb gab, gerade am Samstag sind wir dort geradezu überrannt worden, aber im positiven Sinne. Es war genau das friedliche und kreative popkulturelle Straßenfest, das wir uns vorgestellt hatten.

__Funktionieren solche Format also auch in pandemischen Zeiten weiterhin?

Nun, diese Frage konnte sich jede:r Besucher:in vor Ort selbst beantworten: ja. Der Satz, den ich am ersten Tag der Convention am häufigsten gehört habe, war "Endlich wieder echte Treffen", dicht gefolgt von "Endlich wieder Austausch" und "Endlich wieder mit Menschen reden". Das beweist auch die Tragfähigkeit unseres Konzepts. Digitale Lernkurve hin oder her: Ohne das alles könnte unsere Branche wohl kaum wirklich existieren.

__Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis 2022?

Die erste Erkenntnis ist, dass die Pandemie Themen nach oben gespült hat, die vorher vielleicht nicht so ganz "Top Notch" waren und zu einer Lernkurve geführt hat, was im Musikgeschäft plötzlich noch so alles möglich ist: Dabei geht es um Fragen der wirtschaftlichen Strukturen, um mehr Diversität, aber auch um Themen wie Mental Health, die Work-Life-Balance oder familienfreundlichere Ansätze, die nun alle im Zuge von Corona auch in dieser Branche angekommen sind. Da lassen die Leute nicht mehr locker, wie schon beim Thema Keychange. Auch das unter dem Namen c/o work neu geschaffene und erfolgreich gestartete Jobfestival im Rahmen der Convention hat zeigt, dass hier wahnsinnig viel Bewegung herrscht. Die zweite wichtige Erkenntnis betrifft den Termin- und Ortswechsel, den wir 2019 schon eingeläutet hatten, mit Publikum aber erst jetzt so richtig umsetzen konnten.

__Hat der Termin funktioniert?

Uns hat vielleicht der Verlauf der Pandemie ein wenig in die Karten gespielt, insofern, als die Leute jetzt endlich wieder raus konnten. Aber wird sind uns sicher, dass es mit der c/o pop zur Eröffnung der Saison und mit dem Reeperbahn Festival zu deren Abschluss zumindest für den GSA-Bereich sehr gut funktionieren kann. Das zeigt das Feedback schon recht deutlich. Klar ist aber auch, dass unser Ansatz des »weniger ist mehr« im Kongressbereich funktioniert hat. Möglichst alle sich auch nur irgendwie anbietenden Themen im Programm abzubilden, ist für mich ein gestriger Ansatz. Für uns war völlig klar, dass, wenn die Pandemie es zulässt und das Wetter mitspielt, der Outdoor-Bereich im Herbrand's das ist, was wirklich zählt.

__2023 geht die c/o pop in ihre 20. Runde. Bitte einmal Ihre Bilanz von den ersten Schritten, damals noch unter dem Namen mem, bis heute, in drei bis vier Sätzen?

Da muss ein Sportvergleich her: Ultramarathon oder Tour de France, mit vielen Bergetappen der Hors-Kategorie. Und zwischenzeitlich hat die Beschilderung nicht gestimmt und wir sind einmal falsch abgebogen.

__Nämlich?

2009 waren wir an einem eigentlich sehr guten Punkt: mitten in der Stadt, mit einem Open-Air-Auftritt von The Whitest Boy Alive auf dem ausverkauften Offenbachplatz, und einer vollen Convention in unmittelbarer Nachbarschaft. Dann aber waren die Förderstrukturen nicht so, wie sie inzwischen sind, und wir haben uns von der damaligen Landesregierung locken lassen, im Gegenzug für die Zusage von Fördergeldern stärker auf das seinerzeit sehr schwammige Thema Kreativwirtschaft zu setzen und vom August in den Juni zu ziehen. Das war wahrscheinlich der größte Fehler, den wir gemacht haben, das hat uns um Jahre zurückgeworfen.

__Warum?

Vor allem, weil der Termin nicht passte, denn ab 2006 konnte man als Veranstalter mit parallel stattfindenden Fußballevents nicht mehr konkurrieren.

__Ich erinnere mich daran, dass Sie einmal an einem Eröffnungsabend ein Fußballspiel auf Großleinwand gezeigt haben.

Ja, denn hatte man damals keinen Fußball, kam auch keiner. Da wusste man zuvor nicht genau, wer in welche Finalrunde kommt und wann Deutschland spielt, musste darum herum aber seine Konzerte planen. Das war eine Katastrophe.

__Aber bitte zurück zur Bilanz von der mem bis heute.

Genau. Mit dem Start unseres ersten Konferenzprogramms mem - music entertainment media hatten wir ausgerufen: »Messe Is Over«, und das hat sich bewahrheitet, wie man aus heutiger Sicht sagen kann. Damals haben wir uns auf die Fahne geschrieben, die Veränderungen in der Branche, der es damals wirklich schlecht ging, wie ja auch unser Keynote-Redner Xatar bei der Convention in diesem Jahr noch einmal betont hat, mit agilen Formaten abzubilden und zu diskutieren. Wenn man sich heute nicht zuletzt die Digitalthemen anschaut, die auf der mem damals bereits gesetzt wurden, war das schon ganz weit vorn. Das ist so geblieben: Unsere Themen mussten sich vor keiner anderen Konferenz verstecken.

__Wie sieht es mit den Geldern aus, bleibt der c/o pop die Bundesförderung erhalten?

Durch die sogenannte Ermächtigungsverpflichtung ist die Bundesförderung zunächst für fünf Jahre gesetzt und läuft nun noch bis einschließlich 2024.

__Und ist der Standort Ehrenfeld fürs kommende Jahr gesetzt?

Für 2023 denke ich schon. Wir arbeiten zudem zum Geburtstag noch an ein paar Goodies, über die ich jetzt aber noch nicht sprechen kann. Darüber hinaus hat sich der Standort hier für Convention und Festival bereits bewährt, allerdings immer unter dem Vorbehalt, was denn hier noch alles abgerissen wird.

__Können Sie das bitte einmal ­genauer ­erläutern?

In Ehrenfeld herrscht ein hoher Gentrifizierungsdruck: So gibt es hier inzwischen drei Top-Klubs weniger als noch vor zehn Jahren, weil mit dem Underground ein alteingesessener Kölner Klub ebenso abgerissen wurde wie gegenüber das Heinz Gaul als einer der zwei wichtigsten Techno-Klubs der Stadt, und auch die Papierfabrik gibt es nicht mehr. Und in naher Zukunft könnten weitere Klubs betroffen sein. Das wäre schon dramatisch. Deshalb ist es in diesem Bereich auch unsere Aufgabe beziehungsweise vor allem die von Norbert Oberhaus, hier zusammen mit der Klubkomm und dem neuen PopBoard NRW den Druck auf die Politik hoch zu halten.

__Apropos PopBoard NRW und Norbert Oberhaus. Norbert hatte schon einmal angedeutet, dass das PopBoard ein Herzensprojekt von ihm sei, dessen Start er auf jeden Fall noch begleiten wolle. Gibt es denn jetzt, nachdem diese Institution steht, bei cologne on pop erste Tendenzen zum Beispiel für eine Nachfolgeregelung?

Das ist ein Prozess, für den wir uns genügend Zeit nehmen werden.

__Wie sehen Sie das PopBoard NRW?

Für Nordrhein-Westfalen und alle beteiligten Stakeholder ist dies ein ganz wichtiger Baustein! Denn das PopBoard spricht jetzt für die ganze Popmusik-Szene in NRW. Zuvor saßen über Jahre hinweg immer wieder wir von der c/o pop mit am Tisch, wenn es etwa auf Bundesebene um kulturpolitische Themen oder Förderfragen ging. Dabei hatten wir dafür eigentlich gar kein Mandat, aber es gab schlichtweg keine Strukturen und somit keine Ansprechpartner. Dieses Mandat hat nun das PopBoard NRW.