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Livebranche spricht von "Scherbenhaufen des Vertrauens"

Jens Michow (BDKV), Christian Dietzel (Alarmstufe Rot) und Axel Ballreich (LiveKomm) warnen vor langanhaltenden Spätfolgen der Pandemie. Aber auch Fachkräftemangel, schwache Ticketverkäufe und ein Überangebot stellen die Livebranche vor Herausforderungen.

25.04.2022 12:52 • von Dietmar Schwenger
Sieht noch viele Probleme für die LIvebranche: Jens Michow (Bild: Klaus Westermann)

Jens Michow (BDKV), Christian Dietzel (Alarmstufe Rot) und Axel Ballreich (LiveKomm) warnen vor langanhaltenden Spätfolgen der Pandemie. Aber auch Fachkräftemangel, schwache Ticketverkäufe und ein Überangebot stellen die Livebranche vor Herausforderungen.

"Leider hat die Politik es versäumt, frühzeitig Regeln aufzustellen, wie Veranstaltungen möglich sind", sagt Christian Dietzel vom Bündnis Alarmstufe Rot im Gespräch mit "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Weil man für Großveranstaltungen einen Vorlauf von sechs Monaten brauche, sei die Branche bis dahin noch auf Unterstützungshilfen angewiesen, die im Juni aber schon auslaufen sollen.

Zudem habe die Branche 30 bis 50 Prozent der Mitarbeiter verloren, so Dietzel weiter. Selbst wenn die Auftragsbücher voll wären, müsste man manches absagen, weil das Personal abgewandert sei. "Dazu haben wir einen Gesundheitsminister, der Killervarianten aufzeigt, wodurch die Leute nicht das Vertrauen haben, zu Veranstaltungen zu gehen, weil dieses Schreckgespenst immer vorhanden ist. Was in den vergangenen zwei Jahren stattgefunden hat, war eine komplette Vertrauensvernichtung. Es wurde suggeriert, dass auf Veranstaltungen der Tod lauert." Man stehe vor einem "Scherbenhaufen des Vertrauens".

Axel Ballreich, Vorsitzender Livekomm und Geschäftsführer Concertbüro Franken, erklärte gegenüber "Redaktionsnetzwerk Deutschland" zwar, dass der Zulauf bei Partys recht groß sei. "Das Partyvolk ist angstfreier und strömt ähnlich wie in Vor-Corona-Zeiten auf die Partys",bei Konzerten sehe das anders aus. "Viele Leute, häufig 15 bis 40 Prozent der Besucher und Besucherinnen, komm trotz gültiger Karten nicht."

Auch habe man festgestellt, dass Open-Air-Veranstaltungen deutlich besser angenommen würden als Indoorveranstaltungen, so Ballreich weiter. "Es hängt aber auch immer von den Altersklassen ab.", Ballreich erwartet wegen der Verlegungen und Neuansetzungen im Sommer ein Überangebot. "Die Leute haben noch viele Tickets an der Wand hängen und wollen diese erstmal abarbeiten, bevor sie neue kaufen."

Die Preissteigerungen bei Catering und bei der Security verortet Ballreich zwischen 30 bis 50 Prozent. "Mit den Preisen, die 2020 angesetzt waren, ist das nicht mehr zu refinanzieren." Für Besucher könne es deutlich teurer werden. Ballreich spricht von Preissteigerungen im eigenen Betrieb von 20 bis 30 Prozent. "Wir können die Preissteigerungen aber nicht komplett so weitergeben, wie sie uns erreichen." Deswegen erwarte er für die Veranstaltungsbranche in den nächsten ein bis drei Jahren "eine weiter angespannte Situation".

Ebenfalls gegenüber "Redaktionsnetzwerk Deutschland" sagte BDKV-Präsident Jens Michow , dass die Veranstaltungswirtschaft für den Fall, dass es wieder Einschränkungen gibt, "jetzt - und nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist - einen wirtschaftlichen Rettungsschirm, den wir nutzen können, sofern es wieder Kapazitätsbeschränkungen oder gar einen erneuten Lockdown für unsere Branche gibt." Generell laufe der Vorverkauf für Events im Herbst 2022 und Frühjahr 2023 sehr schleppend. "Einerseits wollen die Menschen abwarten, ob sie sich auf Konzertankündigungen überhaupt verlassen können. Einige Menschen haben nach wie vor Angst, sich zu infizieren", erläutert Michow.

Der BDKV-Präsident weist zudem darauf hin, dass die Menschen nicht mehr so viel Geld für Veranstaltungsbesuche ausgeben könnten. "Die Branche rechnet daher damit, dass sie unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie wohl noch bis ins Jahr 2024 leiden wird. Unsere Abhängigkeit von staatlichen Hilfen wird daher nicht so schnell enden. Ich mache der Politik daher täglich klar, dass Veranstalter nicht von heute auf morgen wieder auf 100 Prozent hochfahren können", betont Michow. Einige Veranstalter würden frühestens Mitte 2023 wieder Einnahmen erzielen.