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Dossier MusikWoche: Der Schlager ist so modern wie nie

Digitalisierung, eine veränderte Mediennutzung und jüngere Zielgruppen krempeln den Schlager und verwandte Genres um. MusikWoche fragte Labels, Verlage und Medienunternehmen, wie sich der Markt entwickelt.

14.04.2022 10:05 • von Dietmar Schwenger
Zog sich jüngst für den "Playboy" aus und veröffentlicht am 13. Mai mit "30 Jahre Michelle - Das war's ... noch nicht!" ein neues Album: Michelle (Bild: Anelia Janeva)

Digitalisierung, eine veränderte Mediennutzung und jüngere Zielgruppen krempeln den Schlager und verwandte Genres um. MusikWoche fragte Labels, Verlage und Medienunternehmen, wie sich der Markt entwickelt.

"Wir sind sehr zuversichtlich, dass der positive Trend, den der Schlagermarkt erfahren hat, sich auch 2022 fortsetzt", sagt Ken Otremba, Geschäftsführer Telamo. "Nicht nur tragen großartige neue TV-Shows wie die 'Giovanni Zarrella Show' dazu bei, dass der Schlager medial hochwertig präsentiert wird, auch helfen viele hochkarätige VÖs und talentierte neue Künstler dabei, das Genre weiter wachsen zu lassen. Immer öfter finden Künstler, die dem Schlagergenre zugeordnet werden, auch in breiten genreübergreifenden TV- Shows statt", betont Otremba und verweist darauf, dass zum Beispiel Ella ¬Endlich in dem RTL-Format "Die Passion" eine Hauptrolle singt und spielt. "Selbst Weltstars wie Art Garfunkel und sein Sohn Art jr. haben keine Berührungsängste mit dem Genre - ganz im Gegenteil. Sein Duette-Album mit Olaf, Anna-Carina Woitschack, Lucas Cordalis, Marianne Rosenberg und vielen anderen mehr ist seit Monaten das bestverkaufende Schlageralbum im Markt. Der Schlager ist so modern wie nie, so vielseitig wie nie, so erfolgreich wie nie und wir als Marktführer wachsen sowohl physisch als auch digital stark."

Auch Markus Hartmann, Vice President RCA & Ariola Sony Music GSA, blickt optimistisch in die Zukunft: "Für unsere Artists und das Team der Ariola entwickelt sich der Markt derzeit äußerst positiv. Hierzu muss man anerkennen, dass man für die Transformation ins Digitale ein paar Umwege in Kauf nehmen muss." Ariola investiere ununterbrochen in neue junge Acts und in zeitgemäßes Marketing des Künstlerstamms. "Ich bin absolut zuversichtlich, dass der bei uns intern sogenannte 'Instagram-Schlager' in den nächsten fünf Jahren enormes Potenzial ¬aufzeigen wird und dass die bereits etablierten Künstler auch im ¬digitalen Markt dominant sein werden."

Digitale Transition bleibt zentrales Thema

Jörg Hellwig, Managing Director Electrola, rückt die Digitalisierung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: "Das beherrschende Thema ist und bleibt natürlich die erfolgreiche Transition unseres Repertoires ins digitale Geschäft. Die Herausforderungen sind da so vielfältig wie das Genre selbst. Zum einen sind wir sehr froh, eine ganze Reihe von digital erfolgreichen Künstlern unter Vertrag zu haben. Gerade party-affines Repertoire läuft hervorragend, trotz der bisherigen Einschränkungen bei Clubs und Events." So würde etwa Mickie Krauses Songs digital "hervorragend funktionieren". Das gelte auch für neue Electrola-Signings wie Stereoact, Mia Julia, Micha von der Rampe, Fäaschtbänkler oder aktuell Julian Sommer, bei dem sich mit "Dicht im Flieger" ein Hit abzeichne. Dazu entwickelten sich auch die etablierten Acts wie Maite Kelly, Andreas Gabalier, Ben Zucker und viele andere mit starken Songs digital gut.

"Übergreifend ist zu sagen, dass die Transition ins Digitale mit immer größerer Geschwindigkeit auch dieses Genre ergreift. Die Frequenz der Releases hat enorm zugenommen, das ist eine große Herausforderung sowohl in- als auch extern. Dazu kommt, dass der einzelne Song eine noch wichtigere Rolle übernommen hat. Das ist eine auffällige Veränderung gegenüber der Zeit, als wir in diesem Genre mehr Album-orientiert gearbeitet haben", so Hellwig weiter. "Vor allem das Geschäft mit der Standard-CD ist stark unter Druck. Kompensation und Wachstum können nur mit ausgeklügeltem Fanmarketing, D2C, Boxen, Bundles, Vinyl etc. und umfangreichen Aktivitäten in den Bereichen Social Media und TikTok, die dann auf Streaming einzahlen, gelingen. Unsere etablierten Künstler, die bisher herausragende physische Umsätze, insbesondere mit der einfachen CD erreicht haben, wollen natürlich diese Veränderung für sich optimal gestalten. Künstler und Partner sind sehr daran interessiert, die Veränderungen des Geschäfts auch in der Tiefe noch besser zu verstehen."

Ein Unternehmen wie Universal Music, das in allen Repertoirebereichen hervorragend aufgestellt sei, biete natürlich beste Möglichkeiten, sich von unterschiedlichsten Best Cases inspirieren zu lassen, führt Hellwig aus. "Das Interesse unserer Partner ist groß, zahlreiche Deep Dives mit den Kolleg*innen aus den Marketing Labs helfen, gute Lösungen in einem fortwährenden Veränderungsprozess zu finden und für den eigenen Verantwortungsbereich zu adaptieren. Ganz gezielt unternehmen wir viele Aktivitäten für unsere 'Ich find Schlager toll'-Plattform, die für unsere Acts ein ganz starkes Asset ist und einen echten Mehrwert in der Vermarktung bedeutet. Inzwischen hat sich die Marke zu einem respektablen TV-Format entwickelt." Dazu unternehme man viele Aktivitäten, um das D2C-Geschäft zu aktivieren. Hier sehe man sich als ständige Berater, um für die Fans und Super-Fans maßgeschneiderte Produkte zu kreieren. In diesem Bereich sieht Electrola großes Wachstumspotenzial und die Chance, Rückgänge des traditionellen Geschäfts zu kompensieren. "Wir sind sehr optimistisch, glauben, dass für unsere Künstler und uns eine spannende und erfolgreiche Zeit kommt. Abschließend sei gesagt, dass Electrola inzwischen eine deutlich größere Repertoirebreite abbildet, insbesondere durch unser Pop-Label Better Now Records mit Künstlern wie Mike Singer, Alexander Eder, Franzi Harmsen und last but not least Malik Harris, der in diesem Jahr Deutschland beim ESC vertreten darf."

Marcel Pieofke, Geschäftsführer Via Music, setzt ebenfalls auf eine konsequente Digitalisierung des Genres: "Bei der Frage nach der Zukunft des Schlagers, insbesondere mit Blick auf die Entwicklungen der Vertriebswege, gehen wir persönlich einen ganz eindeutigen Weg." Bei dem Indie-Label aus Moers ist man überzeugt, dass die Zukunft des deutschen Schlagers im Digitalen liege. Entsprechend richte man die Arbeit für die Zukunft aus: "Wenn wir uns mit der Frage nach der Marktentwicklung beschäftigen, müssen wir zuerst überlegen - für wen machen wir diese Musik? Und da sehen wir einen deutlichen Trend. Für den angestaubten Schlager von früher gibt es kaum bis keine Nachfrage mehr. Die Stilistik ist deutlich moderner geworden, Elemente aus anderen Musikstilen werden miteinander verbunden und die Grenzen zum Deutschpop sind mehr und mehr fließend, verschmelzen quasi. Und so wie sich die Musik gewandelt hat, ändert sich auch das Publikum."

Die Medien hätten sich dieser Entwicklung bereits angepasst, so Pieofke. Schlager habe nicht mehr nur mit Schunkel- und Bierzeltatmosphäre zu tun. "Richten wir den Fokus nur einmal auf die großen Samstagabendshows. Dort feiern die Menschen eine Musikrichtung, die neben internationalen Acts aus Pop- und Rockmusik bestehen kann und diesen in nichts nachsteht. Wir erreichen damit mittlerweile eine völlig andere Generation, welche Musik aber - und das ist in den letzten Jahren deutlich geworden - auch komplett anders konsumiert. Um diese Nachfrage zu bedienen, um uns dem Konsumenten anzupassen und ihm den gewünschten Nutzen zu bieten, konzentrieren wir uns nur noch auf Streaming und Digitalvertrieb, dort liegt die Zukunft des Schlagers."

Bei Via Music liege der Augenmerk auf der regelmäßigen Veröffentlichung von Singles, optimal im Abstand von zwei Monaten, um einen funktionierenden Algorithmus zu bedienen. Dazu kämen ein gutes Online-Marketing und die Nutzung relevanter Marketingkanäle, vor allem im Social-Media-Bereich. "Dabei gewinnt TikTok zum Beispiel ganz entscheidend an Relevanz. Die Darstellung dort macht die Künstler greifbar und menschlich, ist im gleichen Atemzug aber unterhaltsam und inspirierend - ein machtvolles Marketingtool, was künftig entscheidend für Bekanntheit und damit für Erfolg sein wird", prognostiziert Pieofke. "Die CD als klassisches Musikmedium wird, wie zuvor die Vinylscheibe und die Kassette, zusehends abgelöst und mehr nur zum Liebhaberexemplar. Der Erfolg, es früher auf Sampler geschafft zu haben, bemisst sich heutzutage in der Aufnahme in große und beliebte Playlists. So verstärkt sich der Trend nochmals weg von der klassischen CD-Produktion. Sicher fühlt es sich besonders wertschätzend an und hat einen gewissen nostalgischen Reiz, ein haptisches Album in der Hand zu halten. Solche Produktionen liegen aber nicht mehr am Puls der Zeit. Nur noch ein Minimum der Musiknutzer spielt Musik in dieser Form ab", weiß der Labelchef. Die Verwendung von Wiedergabegeräten habe sich mit der Digitalisierung geändert, im gleichen Zuge müsse man auch die Vermarktung anpassen. "Wurden rein digitale Konzepte vor einigen Jahren noch belächelt, haben sich längst die Vorteile durchgesetzt. So war es aus persönlicher Sicht doch bei der Produktion eines kompletten Albums immer etwas schade, von zwölf Titeln nur vier Singleauskopplungen intensiv bewerben zu können. Hier stand man vor der Entscheidung, wenige sehr gute Songs mit mehreren schlechteren Füllern zu kombinieren - für den Ruf des Künstlers und seines Teams natürlich keinesfalls eine akzeptable Option - oder zwölf sehr gute Songs herauszubringen, die in Entstehung und Produktion den gleichen Aufwand und die gleiche Hingabe erfahren und alle das Potenzial haben, zu überzeugen, aber bewusst hinzunehmen, dass nur ein Teil dieser Songs die verdiente Aufmerksamkeit bekommen wird. Mit dem Konzept der regelmäßigeren, rein digitalen Veröffentlichung von Single zu Single ist dies nun anders. So bekommt jeder Song die Beachtung, die er auch verdient."

Zwang zur Weiterentwicklung

Gregor Weindorf, Geschäftsführer Mandorla Music, erinnert noch einmal die Auswirkungen der Pandemie: "Die gesamte Musik- und Livebranche wurde in den vergangenen Corona-Jahren besonders hart getroffen. Einige Künstler sahen sich sogar gezwungen, neue oder alte Jobs auszuführen, um über die Runden zu kommen. Was uns die vergangenen Monate aber vor allem gezeigt haben: Wer sich nicht weiterentwickelt, verliert." Durch fehlende Live-Events, TV-Sendungen, Promotouren und andere weggebrochene Möglichkeiten würden Künstler und ihre Teams geradezu dazu gezwungen, sich neue Wege zu suchen, mit Fans und Publikum in Kontakt zu treten. "Das können einerseits digitale Kanäle und Experiences sein, aber auch klassisches TV hat in der Corona-Zeit bei vielen Schlagerfans sicherlich an Bedeutung gewonnen. Ich denke da besonders an unsere Kooperation mit dem Deutschen Musikfernsehen/Shop24, mit deren Unterstützung - und ohne sonstiger TV-Präsenz - wir gemeinsam unseren Künstler Henk van Daam zur Corona-Hochzeit 2021 mit seiner Debüt-Box "Das Beste" auf Platz fünf der Offiziellen Albumcharts platzieren konnten." Auch das Nachfolgealbum von Henk van Daam, "Alle unsere Träume", ist jüngst auf Rang elf in die Charts eingestiegen, ohne jegliche Konzert- oder TV-Auftritte. "Als Label muss man agil arbeiten, neue Wege gehen und vor allem kreativ bleiben. Wem dies gut gelungen ist, geht als Gewinner aus dieser Krise heraus", so Weindorf weiter, der auch für Veranstaltungen eine positive Einschätzung teilt, weil das Schlagerpublikum sich heute mehr als je zuvor nach Konzerten und gemeinsamen Erlebnissen sehne. "Sobald diese wieder ohne ein ständiges Vielleicht und sinnlose Hygienevorschriften durchführbar sind, wird auch der gesamte Markt wieder anziehen. Es wurden in den letzten zwei Jahren zahlreiche Veranstaltungen mehrfach verschoben oder abgesagt - es gibt also viel nachzuholen und die Fans freuen sich darauf."

Bei den Medien reagiert man ebenfalls auf die Veränderungen im Markt, wie Gordon Harms, Redaktionsleiter Music Channels der zur High View Holding gehörenden Sendergruppe Deluxe Music, erläutert: "Schlager ist in Bewegung! Und Schlagermusik ist jung, cool und crossover. Denn Schlager changiert mehr denn je in den Musikfarben: traditionell klassisch, deutschpoppig, dance-schlagerfoxig, rockig, mundartig, volkstümlich. Erlaubt ist, was Spaß macht und unterhält." Schlager finde definitiv sein Publikum, auch in den neuen und jüngeren Zielgruppen, die in einem sukzessiv digitaler geworden Markt immer mehr Relevanz bekämen. "Das gilt für etablierte Stars genauso wie für Newcomer*innen. Schlager Deluxe bildet genau diese neue deutsche Popmusik ab. Roland Kaiser, Kerstin Ott, Matthias Reim, Maite Kelly, Fantasy neben Sarah Zucker, Chris Cronauer, Sonia Liebing, Marie Reim und Ramon Roselly. Denn Schlager ist vielfältig und bunt."

Diesem Credo schließt sich auch sein Kollege Benjamin Merz an, Head of GoldStar TV, einem Sender der Mainstream Media: "Der Schlager wird seine starke Marktposition auch künftig behaupten. Die unmittelbare Nähe der Künstler zu den Fans bildet das Fundament des Erfolgs. Gerade in Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach Rückzugsorten in einem positiven Umfeld. Der Schlager bietet ein Stückchen 'heile Welt'."

Andreas Rosmiarek, CEO Fiesta Records, betont: "Deutschsprachige Musik ist bereits seit Jahren im Aufwind. Dieser Trend wird sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Ich kann mich noch gut an die 90er-Jahre erinnern, in denen Plattenfirmen, Musikredakteure und Meinungsmacher im Musikgeschäft die Nase gerümpft haben, wenn es sich um deutschsprachige Musik handelte. Bei Awards und Preisverleihungen standen immer wieder englischsprachige Acts im Rampenlicht und deutsche Interpreten fristeten ein Schattendasein. Dies hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert." Nicht nur die ältere Generation höre gern Schlager, auch die jungen Menschen begeisterten sich für deutschsprachige Musik, quer durch alle Genres. "Die Jugend konsumiert Musik abhängig von der individuellen Stimmungslage und gerade in der Muttersprache lassen sich Emotionen besonders gut beschreiben und transportieren. Dies ist für den Erfolg der deutschsprachigen Musik im 21. Jahrhundert ausschlaggebend", so der Chef des Indie-Labels aus Köln. Diese Tendenz werde sich in den kommenden Jahren unverändert fortsetzen. "Diesen Trend haben wir bereits vor Jahren erkannt und setzen daher auf jungen deutschen Schlager. Auch im digitalen Bereich zeichnet sich dieses Hörverhalten deutlich ab, und deutschsprachige Musik findet wieder mehr (junge) Hörer. Die großen Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music, Amazon Music und Deezer gehen auf diese Art, Musik zu hören, mit personalisierten, nach der jeweiligen Stimmung benannten und angepassten Playlists ein." Hinzu komme laut Rosmiarek, dass das Schubladendenken der vergangenen Generationen nicht mehr existiert. "Junge Menschen wollen Musik, die genauso tolerant und vielfältig ist wie sie selbst. Und da zählt neben englischsprachigen Titeln eben auch die große Bandbreite deutschsprachiger Musik mit all ihren Facetten dazu."

Michael Deuker, Geschäftsführer Depro & Siebenpunkt, analysiert: "Wir erleben durch die Pandemie eine weitere Zuspitzung des Markts: Der Status von Künstlerinnen und Künstlern, die bereits etabliert sind, wird sich wohl kaum ändern, während es für andere schwieriger wird, sich einen Platz in der Schlagerwelt zu erarbeiten." Gleichzeitig sorge jede Krise natürlich für Möglichkeiten und bereinige die Märkte - mit der Folge, dass neue Formate, Plätze und Nischen entstehen und so auch wieder Chancen bieten, sich zu etablieren. "Hier denke ich allerdings, dass sich dies auf einer eher konzeptionellen Ebene mit neuen Ideen und Synergien abspielen wird: Der klassische Schlager wird wohl als Zuflucht erhalten bleiben und die damit transportierte heile Welt als wohltuende Oase, in der man den alltäglichen Problemen entgehen kann, eine wichtige Rolle spielen."

Sein Kollege Matthias Fischer, ebenfalls Geschäftsführer des Veranstalters, Konzertdienstleisters und Verlags aus dem hessischen Gmünden, fügt an, dass der Schlager sich politischen und weltpolitischen Themen zunehmend schlechter entziehen könne. "Ich persönlich würde mir wünschen, dass Künstlerinnen und Künstler noch mehr Position zu Themen beziehen und Haltung zeigen.

Gesellschaftlichen Einfluss positiv nutzen

Natürlich wird weiterhin die Unterhaltung im Vordergrund stehen, denn dies macht den Schlager schließlich aus. Aber in einem 90-Minuten-Format dürfen in meinen Augen auch mal drei Minuten genutzt werden, um seinen gesellschaftlichen Einfluss positiv zu nutzen und die Welt nicht nur für den Moment besser zu machen, sondern langfristig." Dazu brauche es neue Konzepte, Kooperationen und viel kritische Selbstreflexion, urteilt Fischer. "Der Schlager wird an Beliebtheit nicht verlieren, aber ich hoffe, er wird erwachsener und nutzt dies, um seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerechter zu werden."

Mike Rötgen, Geschäftsführer Xtreme Sound, wirft den Blick ganz bewusst nach vorn: "Was unser Label, unsere Künstler und unsere Zielgruppe betrifft, stehen alle Zeichen auf Aufbruch. Es scheint so, als ob alle Künstler zwei Jahre lang gewartet haben, um jetzt die Songs zu veröffentlichen, die sie bisher zurückgehalten haben. So stehen bei uns im April sage und schreibe 23 VÖs auf dem Plan, was für ein kleines Label wie uns natürlich unglaublich ist. Auch im Live-Sektor sehen wir einen großen Nachholbedarf. Da dieser Sektor und die Eventgastronomie für uns einen großen Promotion-Motor darstellt, sind wir guter Hoffnung, die Streamingzahlen dementsprechend steigern zu können. Über all dem schwebt aber natürlich nach wie vor das 'Coronaschwert', und wir hoffen sehr, dass die Inzidenz weiterhin rückläufig bleibt."

Frank Haberland, Head of A&R und Promotion More Music, setzt ebenfalls auf die Potenziale, die im Schlager stecken: "Schlager oder deutschsprachige Musik allgemein ist in der Gesellschaft erfreulicher Weise so selbstverständlich wie vielleicht seit langer Zeit nicht mehr. Die musikalischen Grenzen zwischen Popmusik und Schlager werden immer fließender. Das macht den Schlager so spannend und bringt große Chancen mit sich, auch und besonders in der Vermarktung." Bei More Music, wo der einstige da-music-Manager seit 2021 aktiv ist, wolle man ein großes Augenmerk darauf legen, die in der Dance Music gewachsene Expertise des Teams im Bereich der digitalen Vermarktung auch für Schlager- und Popmusik zu nutzen. "Hier haben wir mit unseren ersten Veröffentlichungen schon einen Anfang gemacht, unter anderem mit Julian David und Maria Levin. Künstlerpersönlichkeiten wie sie für More Music gewinnen zu können, ist enorm wichtig. Es macht große Freude zu sehen, welche Reaktionen und Emotionen Künstler mit starken Profilen bei ihren Fans erzeugen", sagt Haberland und nennt als Beispiele Petra Frey, Markus, die Gruppe Wind oder Alexander Jahnke. "Jeder von ihnen macht sein Ding, jeder von ihnen steht für einen klaren musikalischen Weg, und sie alle bringen redaktionell viel mit, um medial stattzufinden." Bei der Vermarktung will More Music zweigleisig vorgehen: "Wir wollen das eine tun, ohne das andere zu vernachlässigen. In diesem Sinne setzen wir bei großer Bedeutung der digitalen Wege auch auf den Verkauf von physischem Produkt, also vorrangig auf CDs, gegebenenfalls Fanboxen und/oder Vinyl." Er verweist auf erste Veröffentlichungen von Wind und Markus, die nun bei More Music anstehen, weitere seien in Vorbereitung. "Für uns ist es gerade eine extrem spannende Zeit, denn es fühlt sich so an, dass die Entwicklung des Markts für Schlagermusik auch in unseren eigenen Händen liegt - in den Händen aller Musikschaffenden. Das ist ein richtig gutes Gefühl, und mit diesem Spirit packen wir das hier gerade an."

Michael Menges, Geschäftsführer Michael Menges Musikmanagement, "ist und bleibt Optimist. Dafür gibt es - was die Zukunftsprognose des deutschen Schlager betrifft - aber auch Gründe. Der deutsche Schlager war in den vergangen 70 Jahren bereits oft totgesagt. Doch wirklich in die Knie ging er nie. Er wurde lediglich von anderen vorübergehenden musikalischen Trends kurzzeitig überstrahlt. Aber niemals verdrängt." Er neige dazu bereits seit einigen Jahren, das Genre Schlager durch Popschlager zu ersetzen. "Denn Schlager war niemals so sehr Pop, wie er heute ist. Man denke hier an die jungen Wilden, wie Vincent Gross oder die Newcomer 2Welten und viele andere mehr.

Popschlager passt sich dem Zeitgeist an

Während man das Gefühl hat, dass andere Genres musikalisch stehen bleiben und an Marktwert verlieren, hat sich der Schlager durch die konstante Entwicklung hin zu Popschlager dem Zeitgeist angepasst und deutlich verjüngt - frei nach dem Motto: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit." Der heutige Popschlager sei wieder in der Jugendkultur angekommen, urteilt Menges. "Wir alle haben von hier aus die Chance, mit faszinierenden Künstlern und guten Kompositionen das junge Publikum zu binden und auf eine lange Reise in die Zukunft mitzunehmen. Das Genre-Schubladendenken ist eine Haltung der Vergangenheit. Junge Menschen hören heute, was gefällt und was ihrer Mood, ihrer Stimmung, ihrer persönlichen Playlist entspricht." Dabei sei egal, welches Genre es ist. "Schlager ist Pop und Pop ist Schlager. Das sollte nun auch in der deutschen Radiolandschaft angekommen sein. Sobald die Gespenster der Corona-Pandemie und die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine der Vergangenheit angehören, freue ich mich auf eine blühende Popschlagerlandschaft - sowohl live als auch im Bereich Recorded Music."

Gregor Nebel, Geschäftsführer Schlager.de, Deutsche Medienportale und Herausgeber "StadlPost": "Der Schlager hat bereits eine große Entwicklung durchgemacht, indem er sich in den letzten 15 Jahren vom Altbacken-Image zu einer modernen Musikrichtung gemausert hat, die selbst die junge Zielgruppe nicht mehr peinlich findet. Das sieht man ganz deutlich an einigen Künstlern, die sich bewusst dafür entscheiden haben, von der Popbranche in die Schlagerbranche zu wechseln. Giovanni Zarrella zum Beispiel: Er begann einst bei der Castingshow 'Popstars' und war mit der Band Bro'Sis in der Popkultur sehr erfolgreich. Mittlerweile ist er ein anerkannter Schlagersänger und sogar Fernsehmoderator einer Samstagabendshow mit dem Schwerpunkt Schlager im ZDF - und das zur besten Sendezeit. Ergo: Die momentan zwei größten Samstagabendshows im deutschen Fernsehen werden nun von Schlagerstars moderiert - nämlich von Florian Silbereisen und eben Giovanni Zarrella. Zwei Männer, die nicht nur selbst in der Branche große Namen haben, sondern in ihren Sendungen regelmäßig mit einer Gästeliste aufwarten, die sich wie das Who-is-Who der Schlagerszene liest. Ganz davon abgesehen sieht man ja, dass Schlager salonfähig geworden ist, weil so mancher Protagonist sogar Hauptrollen in großen Fernsehproduktionen wie dem ZDF-"Traumschiff" innehat und gleichzeitig - und das ist das Besondere - auch beim Privatsender RTL in der "Deutschland sucht den Superstar"-Jury sitzt. DAS zeigt doch eindeutig eine Entwicklung, wie wir sie vor 15 Jahren nie erwartet hätten. Corona hat aber leider auch diese Branche - wie viele andere - massiv beschädigt. Bekannte Künstler wie Roland Kaiser, Andrea Berg, Howard Carpendale oder auch Andreas Gabalier hatten monatelang mediale Auszeiten, kaum Auftritte und Veröffentlichungen fanden lange nicht statt. So langsam hat uns aber der Alltag alle wieder, und die Schlagerszene wacht wieder auf. Ich persönlich bin sehr gespannt, wie es weitergeht ..."

Adelheid Reuther, Mitglied der Geschäftsleitung Reuther Entertainments: "Seit 1987 ist Reuther-Entertainments eng mit dem Deutschen Schlager verbunden und so haben wir in all den Jahren viele Ups and Downs und Veränderungen miterlebt. Besonders gravierend waren wohl die letzten zwei Jahre, in denen viele Veranstaltungen ausgefallen sind. Das hatte und hat noch immer massive Auswirkungen durch ein aus den Fugen geratenes Gefüge, von dem Künstler und Vermarkter bisher profitierten. Parallel dazu hat sich auch das Konsumverhalten hinsichtlich CD, Vinyl oder Download hin zu immer mehr Streaming verändert, was die Erträge der Labels, Autoren, Verlage und Künstler schrumpfen lässt. Das wird sich in Zukunft unserer Meinung nach noch verstärken, weil auch immer mehr junge Menschen Gefallen am Schlager haben und für diese Bevölkerungsgruppe das Streamen ganz normal ist. Sorge bereitet uns, dass in den Mainstream-Medien meist immer dieselben Künstler zu sehen und zu hören sind und es unter anderem der Schlager-Nachwuchs dadurch noch schwerer hat als in der Vergangenheit. Als Alternative zu dieser Machtkonzentration in der Schlagerbranche haben wir ergänzend zu unserem Label und Musikverlag vor zwei Jahren Radio Schlager Musikanten ins Leben gerufen, gefolgt von einem eigenen, mit neuen Formaten im Aufbau befindlichen TV-Kanal sowie einem Onlinemagazin für Schlagerfans. Wir werden mit unseren Möglichkeiten den Ruf insbesondere nach mehr Vielfältigkeit im Schlager unterstützen. Die Menschen sehnen sich nämlich weiterhin nach der im Schlager vielbesungenen 'heilen Welt', was durch die aktuelle Entwicklung künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird."