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Serie Nachhaltigkeit: Sicherheit versus Nachhaltigkeit

Für MusikWoche analysiert Talent Buyer und Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann das Wechselspiel zwischen Veranstaltungssicherheit und Nachhaltigkeit. Dabei schlägt er konkrete Maßnahmen vor, wie die Livebranche gegen den Klimawandel vorgehen kann.

08.03.2022 10:41 • von Dietmar Schwenger
Sind in den vergangenen Jahren von Unwettern heimgesucht worden: Festivals wie Rock am Ring, hier eine Impression aus dem Jahr 2015 auf dem Flugplatz Mendig in der Vulkaneifel (Bild: Pop Eye, Imago)

Für MusikWoche analysiert Talent Buyer und Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann das Wechselspiel zwischen Veranstaltungssicherheit und Nachhaltigkeit. Dabei schlägt er konkrete Maßnahmen vor, wie die Livebranche gegen den Klimawandel vorgehen kann.

Die Veranstaltungsabbrüche der größten deutschen Festivals durch Unwetter sowie der schreckliche Unfall in Australien mit der Kinderhüpfburg, die von einer Windböe erfasst wurde, die Hygienemaßnamen gegen die Verbreitung von Viren, die Tragödien bei der Loveparade und beim Travis Scott Open Air oder die Überschwemmungen durch Starkregen im letzten Jahr zeigen insgesamt mehr als deutlich, dass Veranstaltungssicherheit und Nachhaltigkeit eng zusammenhängen, und eine Anpassung der Sicherheitsvorkehrungen von Veranstaltungen an den Klimawandel dringend notwendig sind. Wenn Menschen direkt und indirekt zu Schaden kommen bei Veranstaltungen, dann ist das natürlich nicht nachhaltig, denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur umweltfreundlich, sondern auch sicher, sozial, gerecht, friedlich und eben ungefährlich für die Besucher*innen.

Dass die Unwetter häufiger und intensiver werden, wird von Wissenschaftlern weltweit nicht mehr angezweifelt und darf als Fakt notiert werden. Darauf müssen sich alle Veranstalter*innen, Künstler*innen und Lieferant*innen der Veranstaltungswirtschaft einstellen. Das Jahr 2020 hat deutlich gemacht, was das bedeutet - und das bei einer weltweit durchschnittlichen Temperaturerhöhung von aktuell 1,2 Grad. Mit den bisher nicht ausreichenden Gegenmaßnahmen werden die Temperaturen noch deutlich höher steigen, wodurch die Wetterkatastrophen immer weiter zunehmen werden.

??Was kann die Veranstaltungswirtschaft gegen den Klimawandel tun? Jede nicht-nachhaltig umgesetzte Veranstaltung ist eine Umweltsauerei und verursacht riesige Mengen an CO2 und Müll. Das weiß jeder in der Branche und auch immer mehr Zuschauer*innen erkennen das Problem. Jede nicht-nachhaltige Veranstaltung sorgt also für einen weiteren Anstieg der CO2 Emissionen, was zu einer weiteren Erhöhung der Durchschnittstemperatur führt, was wiederum stärkere und häufigere Unwetter bedingt, die die Veranstaltungsbranche akut bedrohen. Wenn Wetterkatastrophen normal werden, steigen Versicherungen aus dem Geschäft aus, was zu einem zu hohen Risiko für Veranstalter*innen führt. Wer will schon zu Veranstaltungen gehen, deren Veranstalter*innen nicht rechtzeitig aktiv werden, weil sie Angst haben, bei Abbruch der Veranstaltung danach Pleite zu sein?

Warum bringen Veranstalter*innen die zahlenden Zuschauer*innen also in eine Situation, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen und Teil des Problems zu sein, wenn das rein organisatorisch gar nicht sein müsste? Nachhaltige Veranstaltungen mit einem positiven Impact auf Natur und Gesellschaft sind schließlich bereits heute möglich. Das Wacken Open Air geht mit gutem Beispiel voran und will das Festival in Zukunft sogar kreislauffähig umsetzen - nach dem sogenannten »Cradle 2 Cradle«-Prinzip.

??Nachhaltigkeit muss Grundlage der Veranstaltungsplanung werden: Wenn die Veranstaltungswirtschaft überleben und sich zukunftsfähig und rechtssicher aufstellen will, muss Nachhaltigkeit die Grundlage für jede Veranstaltungsplanung werden. Das betrifft auch das Thema Veranstaltungssicherheit und die Anpassung an den Klimawandel. Anhand einfacher Beispiele lässt sich verdeutlichen, wie Veranstaltungssicherheit und Nachhaltigkeit zusammen gedacht werden können und künftige Katastrophen zu verhindern sind. Zudem sorgt jede nachhaltig und klimaneutral durchgeführte Veranstaltung für einen positiven Impact auf Natur und Gesellschaft und hilft dabei das 1,5-Gradziel des Pariser Abkommens einzuhalten. Veranstaltungen und die Gäste können somit Teil der Lösung werden. Welche Anpassungen an Klimawandel und nachhaltige Ausrichtung von Veranstaltungen sind auch aus sicherheitstechnischer Sicht möglich und sinnvoll und sollten bereits in der Veranstaltungsplanung bedacht werden?

??Nachhaltige Kommunikation:Mit zielgruppenspezifischen Ansprachen und Hinweisen darauf, dass die Veranstaltung nachhaltig umgesetzt wird, kann bei den anreisenden Gästen Unterstützungsinteresse ausgelöst werden, so dass Hinweise auf eine CO2-freie Anreise gerne angenommen werden - auch können Stoßzeiten und riesige Menschenaufläufe und Schlangenbildung über Kommunikation und digitale Echtzeitkommunikation auf Webseiten verhindert werden.

Kombitickets mit öffentlichem Nahverkehr sind genauso sinnvoll wie das Vermeiden der Einbringung von riesigen Mengen diverser Plastikarten. Auch ein Bestell­Service zu Supermarktpreisen kann viele Transporte verhindern, und das Spenden von verpacktem Essen kann den Charitygedanken und das soziale Engagement fördern. Das nutzt der sicheren Anreise und der Umwelt.

??Nachhaltige Anreise: Die Anreise der Gäste sollte bereits C02-frei erfolgen und bei der Ankunft möglichst nicht zu Traubenbildung führen. Gute und sichere Verkehrswege, flexible Einlasssysteme und gute Beschriftungen sind notwendig, um auch die Hygieneaspekte zu berücksichtigen und von Anfang an auch ein Sicherheitsgefühl bei den Gästen zu erzeugen.

??Sichere und nachhaltige Leitsysteme: Auch die sichere Umzäunung spielt dabei eine wichtige Rolle, wobei ein junges Start-up-Unternehmen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen könnte. Dem Unternehmen ist es gelungen, die schweren Gewichte aus Beton für die sichere Aufstellung von Zäunen zu ersetzen durch mit Sand und Wasser befüllbare und verschraubbare Gewichte. Leicht im Transport sorgen sie dafür, dass bei Herstellung und Transport weniger CO2-Emissionen entstehen, und der Aufbau für das Personal weniger belastend ist.

Es gibt auch digitale Leitsysteme, die über Kameras erkennen, wo sich Schlangen bilden, so dass neue Einlassstellen automatisch geöffnet werden können und damit Schlangenbildung entgegenwirken. Diese Kamerasysteme erfassen auch Gefahrensituationen, oder ob jemand die Maske richtig trägt oder vielleicht Fieber hat.

Für den Schutz vor Unwettern sollte man Festival-Apps und Festivalradio etc. nutzen, um mit den Gästen weiter in Kontakt zu bleiben, sie mit wichtigen Informationen zu versorgen und zu schützen.

??Klimaanpassung: Für den Schutz vor großer Hitze braucht man in Zukunft mehr Beschattungsmöglichkeiten und ausreichend Wasserspender. Auch die Verankerung und Sicherung von Bauten, Bühnen sowie Hüpfburgen müssen dem Klima angepasst werden.

Der Schutz vor Blitzeinschlägen scheint immer noch nicht gelöst zu sein. Denn selbst wenn die Türme der Bühne geerdet sind, ist eine Evakuierung des Festivals kein ausreichender Schutz für die Besucher. Nasser Boden leitet den Strom, und die kleinen Zelte bieten keinen ausreichenden Schutz. Der sicherste Platz bei Blitzeinschlag ist immer noch das Auto oder ein großes Zelt mit Aluminiumgestell. Hier braucht es neue Lösungsansätze.

??Inklusion beim Crowdmanagement: Das Crowdmanagement muss dem Inklusionsgedanken angepasst werden, um auch Menschen mit Beeinträchtigungen zu unterstützen mit großen und eindeutigen Beschilderungen und Wegen die geeignet sind für Rollstühle und in Paniksituationen den Menschenmengen gerecht werden.

??Schulungen, die Sicherheit und Nachhaltigkeit in Beziehung setzen: Schulungen für Sicherheitspersonal, Sanitäter*innen und Personal auf dem Gelände müssen verstärkt werden, damit diese dem vielleicht panischen Publikum in jeder Situation hilfreich zur Seite stehen können. Aber auch das Personal sollte bei den Schutzmaßnahmen (Arbeitsschutz) nicht vergessen werden. ?

Text: Stefan Lohmann

zur Person

Der 1973 geborene Stefan Lohmann ist ein Hamburger Talent Buyer und Artist Relations Manager. 2013 wurde er Head of Artist Booking der Agentur Meine Stars Booking bei Bauer Entertainment. Zuvor hat er über zehn Jahre Erfahrung im internationalen Artist Booking gesammelt. 2014 gründete Lohmann seine eigene Booking- und Artist-Relations-Management-Agentur unter dem Namen Stefan Lohmann - Talent Buyer & Booking Agent. Hier arbeitet er seitdem als Einkäufer und Artist Relations Manager und erstellt Live-Entertainment-Konzepte für Großveranstaltungen, Firmenevents, Festivals, Sportveranstaltungen, TV- und Public Events. Als Gründer von Sustainable Event Solutions, Keynote Speaker und Autor macht sich Lohmann für Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsindustrie stark.