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Daniel Malat: "Wir nehmen die kreative Seite sehr ernst"

Kürzlich feierte Four Music sein 25-jähriges Bestehen. Daniel Malat, Vice President Four Music, erklärt im Interview mit MusikWoche, was die DNA des Sony-Music-Labels ausmacht, welche Verbesserungen der Umzug in die Bülowstraße mit sich brachte und wie sich die Labelarbeit zuletzt verändert hat.

15.02.2022 10:01 • von
Im Interview mit MusikWoche: Daniel Malat (Bild: Sony Music)

Kürzlich feierte Four Music sein 25-jähriges Bestehen. Daniel Malat, Vice President Four Music, erklärt im Interview mit MusikWoche, was die DNA des Sony-Music-Labels ausmacht, welche Verbesserungen der Umzug in die Bülowstraße mit sich brachte und wie sich die Labelarbeit zuletzt verändert hat.

___Wie definieren Sie heute die Label-DNA von Four Music?

Im Grundsatz ähneln sich die DNAs von damals und heute, aber natürlich hat sich die Landschaft und die Umgebung, in der wir leben und agieren, stetig verändert. Grundsätze in Haltungsfragen sind natürlich gleich geblieben, aber wir müssen uns stets an die Gegebenheiten im Markt anpassen. Sonst würde das nicht gutgehen. Wir haben dieses Erbe von Max Herre und Freundeskreis, Joy Denalane und Clueso sowie die Gründung der Firma durch die Fantastischen Vier. Hinzu kommt dieses Mindset, ein Label von Künstler:innen für Künstler:innen zu machen.

___Dann arbeiten bei Ihnen auch Künstler:innen?

Nein, wir hier beim Four-Music-Team sind keine Künstler:innen, bis auf Gerald, Head of A&R - der hatte auch eine Karriere als Artist und Autor, aber wir nehmen die kreative Seite doch sehr ernst. Wir kommen immer vom Talent, und versuchen gemeinsam individuelle Visionen und Strategien zu entwickeln. Die Persönlichkeit, die wir unter Vertrag nehmen, steht dabei immer im Mittelpunkt. Damit sind wir schon relativ nahe dran an dem Gedanken von 1996.

___Was war damals der Gedanke?

Die Idee war, dass man versucht, Persönlichkeiten zu finden, die Talent haben sowie eine gewisse Tiefe und Substanz mitbringen, damit man auch langfristig gemeinsam erfolgreich sein kann. Das sind bei Four Music die Kernthemen. Langfristigkeit, Nachhaltigkeit, Substanz und Talent, aber auch eine gewisse gesellschaftliche Haltung. Das ist sicher einer der Punkte, bei dem wir uns von der Konkurrenz unterscheiden.

___Spielt denn die Gründung des Labels durch die Fantastischen Vier, die sich als Gesellschafter bereits vor vielen Jahren zurückgezogen haben, überhaupt noch eine Rolle für Ihre heutige Arbeit?

Ich bin jetzt seit neun Jahren bei Four Music. Aktiv waren die Fantastischen Vier auch damals nicht mehr in den Labelaktivitäten eingebunden. Der ursprüngliche Gedanke, mit dem das Label damals angetreten ist - von Künstler:innen für Künstler:innen - ist für uns nach wie vor sehr wichtig. Zur Einordnung: Wir haben kürzlich einen Künstler unter Vertrag genommen, der ist noch nicht einmal 20 Jahre alt. Sein erstes Konzert war eine Show der Fantastischen Vier mit Marteria im Vorprogramm. Seine Eltern waren und sind große Fanta-Fans. Auch wenn er selbst mit der Musik der Fantastischen Vier nichts anfangen konnte, ist der Sympathie-Faktor für die Fanta 4 doch generationsübergreifend.

___Hat der Umzug von Sony Music nach Berlin und die Konzentration aller Firmenaktivitäten an einem Standort die Arbeit nachhaltig beeinflusst?

Ja, auf verschiedenen Ebenen. Es hat sich gut angefühlt in unserer geliebten Schlegelstraße zu sein, aber die Kehrseite war auch, dass wir wirklich einen Satellitenstatus zum Mutterschiff hatten. Es gab einfach sehr viel Reise- und Kommunikationsarbeit und -kosten, um belastbare Verhältnisse mit den Kollegen:innen im Vertrieb, dem Controlling oder im Bereich Business Affairs herzustellen. Das sind alles Gewerke, mit denen wir jeden Tag zu tun haben. In diesen Bereichen enge Bindungen aufzubauen hat viel Kraft und Energie gekostet, dafür hatten wir auf der anderen Seite eine gewisse Autonomie. Aber der Umzug ins neue Gebäude fühlt sich sehr gut an.

___Was zeichnet die neuen Räumlichkeiten aus?

Die neuen Räume sind halt State Of The Art. Wir haben sehr gute Abhörmöglichkeiten, auch in jedem Konferenzraum. Die Circle Studios im Erdgeschoss werden schon stark genutzt, die Nachfrage bei den Künstler:innen ist bereits enorm, es ist toll, ihnen solch hochwertige Möglichkeiten anbieten zu können. Ein großer Vorteil des neuen Hauses ist auch die Nähe zu den Kollegen:innen, zum Beispiel dem Vertrieb.

Bei uns auf der Etage sitzt auch das Bold Collective, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten, gerade im Hinblick auf den Aufbau von Online-Reichweiten und der Herstellung von Bild-, Video- und Social Media Content. Da ist der Austausch sehr eng und greift auch ganz anders ineinander, als das früher möglich war. Das fühlt sich schon alles sehr gut an, obwohl wir wegen der Pandemie-Situation noch nicht das volle Potenzial entfalten konnten.

___Was waren bei Four Music die größten Veränderungen in den letzten fünf Jahren? Muss man sich als Label immer wieder neu erfinden?

Der Wandel ist die einzige Konstante. Einer der großen Trends der letzten Jahre ist definitiv das Konsumverhalten von Musikhörer:innen, das sich stark in Richtung Streaming verändert hat. Und darauf liegt für uns natürlich ein starker Fokus. Für Künstler:innen ist es schwieriger geworden, an Sichtbarkeit zu gewinnen. Bei 60.000 Titel-Uploads pro Tag auf Spotify allein fällt es Künstler:innen schwer schnell ihre Zielgruppe zu erreichen und eine Reichweite aufzubauen. Hier setzen wir als Label an.

Zwischendurch gab es eine gewisse Spielart von Deutschrap-Themen, die den Markt total beherrscht haben. Da gab es wenig Platz, überhaupt vorbeizukommen oder Sichtbarkeit in irgendwelchen Charts zu bekommen. Da ist jetzt ein Peak überschritten und die Landschaft wird wieder diverser. Diese ganze Kombination vom Shift zum Streaming, über viele junge Nutzer:innen bis zum großen Fokus auf Deutschrap - das hat den Markt natürlich substanziell verändert und auch die Art, wie man sich darin bewegen muss.

___Wie meinen Sie das?

Dadurch, dass Rap und HipHop zum Mainstream geworden sind, fällt es immer schwerer, klare Genregrenzen zu ziehen. Es gibt viele Spielarten, wo eins ins andere übergeht. Oft ist es einfach zeitgenössische Popmusik und da spielt Rap eine maßgebliche Rolle. Bei straighten Popthemen haben wir natürlich die Schwierigkeiten mit fehlenden Flächen, gerade bezogen auf die Situation im Radio. Die hat sich in den letzten fünf Jahren nicht gerade verbessert. Der Anteil deutschsprachiger Musik wird immer geringer. Da muss man neue Wege finden.

Zudem muss man rechtzeitig auf neue Plattformen wie TikTok oder Twitch reagieren. Wie verhält man sich da, wie bespielt man diese Kanäle? Die Herausforderung ist, die richtigen Künstler:innen, mit der richtigen Zielgruppe auf der richtigen Plattform mit dem richtigen Content zu verknüpfen. Das ist eine Aufgabe, die war vor fünf Jahren noch deutlich weniger komplex.

___Four Music hat in den letzten 25 Jahren sowohl mit Popmusik- als auch mit HipHop-Themen Erfolge gefeiert. Gilt das auch noch 2022?

Es war schon immer eine Mischung aus diesen beiden Genres, deswegen ist es ein bisschen ein Missverständnis, dass Four Music das deutsche Rap-Label war. Es gab von Anfang an auf Four Music Veröffentlichungen, die kein Rap oder HipHop waren. Was sich verändert hat ist unser Fokus, der mehr und mehr auf deutschsprachiger Musik liegt. Wir beschäftigen uns wieder deutlich mehr mit dem, was sich bei uns vor der Haustür abspielt und mit Talenten, die wir hier finden.

Wir machen auch wieder mehr HipHop, zum Beispiel die Joint Ventures mit Two Sides und November 11 mit Stickle. Es gibt auch zahlreiche neue Signings wie zum Beispiel Apsilon oder Disarstar, mit dem wir dieses Jahr richtig loslegen. Und dann haben wir mit reezy das Label Teenage Forever gegründet, was auch einen klaren Rap-Fokus hat.

Aber natürlich waren Künstler:innen wie Mark Forster, Joris oder LEA für uns in den letzten Jahren ebenfalls unheimlich wichtige Themen und bleiben es in der einen oder anderen Form auch weiter. Was ich eben mit der Schnittmenge meinte, zeigt sich, wenn man sich Paula Hartmann oder Majan anguckt: Das sind einfach riesige Talente, die wir auf jeden Fall fördern und unter Vertrag nehmen wollten, und die haben einen Rap-Anteil, machen aber Popmusik. Oder andersrum.

___Von Two Sides bis Teppenhaus, welche Rolle spielen Kooperationen wie diese für Four Music? Und wie sieht bei diesen Koops die Verteilung von Arbeitsaufwand und Risiko in Sachen Marketing und A&Ring aus?

Das ist sicher auch eine Veränderung in den letzten fünf Jahren, dass wir sehr viel flexibler geworden sind in der Gestaltung von Verträgen, aber auch in von unserem Verständnis von Networking. Es gibt sehr viele Künstler:innen, die schon ein sehr starkes Umfeld mit Erfahrung haben. Dort bietet es sich einfach an zu kollaborieren. Das ist zum Beispiel bei Paula Hartmann der Fall, da arbeiten wir eng mit Place Called Home, Irrsinn und dem Produzenten Biztram zusammen.

Bei Majan ist Das Maschine im Hintergrund als Management aktiv und die beiden Produzenten Kilian & Jo sind ebenfalls schon sehr erfahren. Es gibt aber auch Konstellationen wie zum Beispiel Alli Neumann, von der wir große Fans sind: Sie hat sich mit ihrer Managerin Misla zusammengetan und hier steht der Wunsch im Vordergrund, autonom zu sein. Wir sind glücklich und stolz, dass wir da beratend tätig sein können. Das sind Themen, die sehr über die künstlerische Vision kommen und da können solche Konstellationen schon Sinn ergeben. Wir haben uns in diesem Bereich breit aufgestellt.

___Dann gibt es weitere Kooperationen?

Gerade haben wir mit dem Produzenten Tim Tautorat und Neubau einen Vertrag geschlossen, um daraus eine Zelle zu entwickeln, die ein bisschen weiter im Indie-Bereich verortet ist. Wir finden es gut, mit noch mehr Leuten zusammenzuarbeiten, die noch mehr Tentakel ausfahren können. Damit bekommen wir zu einem noch früheren Zeitpunkt mit, was im Markt wirklich los ist. Aber es muss natürlich inhaltlich und menschlich passen, klar.

___Was sind für Four Music 2022 die größten Herausforderungen? Welche Rolle spielt hier die Pandemie mit all ihren Folgen, gerade für das Livegeschäft?

Für die Livebranche ist die Pandemie natürlich eine richtige Katastrophe. Der Faktor live ist aus Sicht des Labels aber nicht der alles bestimmende Wert. Dass man über Konzerte den Musikkonsum eines Künstlers, oder einer Künstlerin substanziell anschieben kann, ist bei uns eher die Ausnahme. Wir merken aber natürlich, dass der emotionale Faktor des Konzerts total fehlt.

Das merken wir mit unserem Four-Abend, den wir schon lange nicht mehr machen konnten, und der sich neben den Showcases für unsere Künstler:innen zu einem wichtigen Branchentreff entwickelt hat. Diese sehr emotionale Komponente, von dem was wir da machen, das fehlt maßgeblich. Wir hoffen sehr, dass das Liveerlebnis bald wieder möglich ist. Das würde unserem Geschäft gut tun, vor allem aber auch unseren Herzen als Musikfans.

___Welche Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum hatten Sie geplant?

Wir hatten diverse Sachen geplant, unter anderem eine Kooperation mit der Popakademie. Wir hätten aber sehr gern auch eine Veranstaltung gemacht, ähnlich der zum fulminanten 20-jährigen Jubiläum, bei dem zwei Jahrzehnte deutsche Musikgeschichte zusammengetroffen sind. In dieser Größenordnung lässt sich das aktuell pandemiebedingt nicht so leicht wiederholen.

___Was waren für Sie die Highlights der zurückliegenden 25 Jahre?

Die Gründungszeit von Four Music mit Feundeskreis und Joy Denalane war schon eine extrem wichtige Phase für deutschsprachige Musik. Wo ich selber dann schon etwas näher dran war am Geschehen, also die Zeit mit Casper und »XOXO« und »Hinterland« sowie Marteria mit »Zum Glück in die Zukunft I und II« plus »Grüner Samt« von Marsimoto, da hat sich auch einfach die Musiklandschaft verändert. Es wurden ganz viele Türen aufgemacht und es ist extrem viel passiert. Das war totaler Zeitgeist und super kredibel, total authentisch und hat trotzdem auch kommerziell den Nerv von ganz vielen Leuten getroffen. Das war eine extrem gute Zeit.

Ebenso wie die Pop-Erfolgsphase mit Mark Forster, der für »Au Revoir« mit Sido mit einem Diamant-Award ausgezeichnet wurde. Nicht zu vergessen Joris, der für sein Debütalbum drei Echos bekam, oder LEA und ihr Platin-Erfolg mit »Leiser« sowie allem was danach kam, darunter auch »110« mit dem Feature von Capital Bra und Samra.

Ein persönliches Hightlight für mich war Marteria beim Lollapalooza und im Ostseestadion. Da merkt man dann ganz direkt, wie viele Leute das begeistert und wie wichtig vielen Leuten die Musik ist, die wir veröffentlichen. Den Zusammenhang vor Ort so zu erleben ist einfach grandios.

Interview: Norbert Schiegl