Musik

Singlescharts-Reform: "Darstellung der ­Musiknutzung in ­ihrer ganzen Vielfalt"

Seit dem Jahreswechsel 2021/22 berücksichtigen die Offiziellen Deutschen ­Singlescharts auch werbefinanzierte Streams und YouTube-Daten. MusikWoche befragte dazu BVMI-CEO Florian Drücke und Mathias Giloth von GfK Entertainment.

09.02.2022 10:03 • von Frank Medwedeff
Erläutern Sinn und Zweck der Neuerungen: Florian Drücke (links) und Mathias Giloth (Bild: Sinissey)

Zum Jahreswechsel 2021/22 sind Neuerungen für die Ermittlung der Offiziellen Deutschen ­Singlescharts in Kraft getreten. Der Zeitraum vom 30. Dezember 2021 bis 6. Januar 2022 war die erste Erhebungswoche, in der diese neuen Regularien gegolten haben: Seither zählen auch werbefinanzierte, kostenlos zugängliche Angebote von Audio- und Streamingdiensten für die Top 100 Singles. Neu ist zudem, dass auch Daten von YouTube in die Ermittlung der Singlescharts einfließen, und zwar ebenfalls sowohl Free- als auch Premiumstreams.

Publiziert haben der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) und GfK Entertainment diese Neuerungen erst am 4. Januar. Florian Drücke, der Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer und CEO des BVMI, nannte die Integration "aller Nutzungswege" inklusive Free-Streams und die Aufnahme von YouTube in den Kreis der "Chartmelder" in einer ersten Stellungnahme einen "logischen Schritt". Mathias Giloth, Geschäftsführer GfK Entertainment, verwies darauf, dass YouTube-Musikinhalte und werbefinanzierte Streams insgesamt "für Millionen von Menschen" einen "unverzichtbaren Bestandteil des täglichen Musikerlebnisses" bilden, und deren Einbeziehung die Charts "noch vielseitiger und umfassender machen". YouTube hat die Berücksichtigung des Videoportals für die deutsche Singleshitliste als "Meilenstein" gefeiert.

Im Netz kursieren indes auch kritische Stimmen zu den neuen Regularien. "Von Verkaufscharts kann man nicht mehr reden", schreibt etwa der Radiomoderator und -produzent Jost Alpe in einem Kommentar auf der BVMI-Facebookseite. Man könne dann ja auch mit einbeziehen, "wenn jemand eine Melodie in der U-Bahn pfeift". Andere Kommentatoren mahnen zum Beispiel eine mögliche leichtere Manipulierbarkeit bei den Zahlen der kostenfreien Streams an. "Cool. Dann habe ich ja in Zukunft eine Liste, welche 'Künstler'auf Spotify am erfolgreichsten Geldwäsche betreiben", so der Toningenieur Jan Gerhard.

Im Doppelinterview mit MusikWoche nennen Florian Drücke und Mathias Giloth Hintergründe, Ziele und Details der Neuerungen.

MusikWoche: Die Berücksichtigung werbefinanzierter Streams und von You-Tube-Daten für die Offiziellen Deutschen Singlescharts zum Jahreswechsel kam für viele sicherlich einigermaßen überraschend, da Sie dies auch ganz kurzfristig verkündet haben. Wie lange wurde im Chartsausschuss diskutiert, bis es zur Umsetzung gekommen ist? Welche Prämisse steckt dahinter?

Florian Drücke: Das Ziel der Offiziellen Deutschen Charts ist und bleibt die möglichst umfassende Darstellung der Musiknutzung in ihrer ganzen Vielfalt. Aus diesem Grund werden nun seit dem 30. Dezember 2021 neben physischen Verkäufen, Downloads, Premium-Musik-Streams und Radio-Plays auch Streams aus werbefinanzierten Audio- und Video-Streaming-Services in die Offiziellen Deutschen Top 100 Single-Charts integriert, da auch diese für die Musiknutzung eine große Rolle spielen. In diesem Kontext hat IFPI, unser Dachverband, ein "Musik-Charts-Framework" entwickelt, das darauf abzielt, den Integrationsprozess von YouTube-Streams in die Musikcharts weltweit zu harmonisieren, was ein komplexer Prozess war, in den der BVMI einbezogen war. Dieser Prozess hat seine Zeit gebraucht und war erst im November abgeschlossen. Der neue Rahmen sieht nun vor, dass für die Charts nur Aufrufe von eingeloggten YouTube-Benutzern und offiziellen Musikvideos zählen und Aufrufe erst ab einer Laufzeit von 30 Sekunden. Nutzergenerierte Inhalte sind dabei ausgeschlossen. In Anbetracht der Tatsache, dass der Prozess im November beendet war, drängte sich ein Wechsel zum Jahreswechsel auf, wohlwissend, dass das für alle sportlich ist.

MusikWoche: Was sind die größten Herausforderungen logistischer und ermittlungstechnischer Art angesichts der immensen Datenmengen, die es nun zusätzlich auszuwerten gilt?

Mathias Giloth: Die Datenmengen sind tatsächlich immens und seit Jahren weiter wachsend. Eine nicht minder wichtige Herausforderung ist die Kürze der Zeit, die uns zur Verfügung steht, um ein möglichst vollständiges Bild des Musikmarkts abzubilden. Um beides zu bewältigen, hilft uns auch und insbesondere die sehr gute Zusammenarbeit mit allen Partnern in der Musikbranche.

MusikWoche: Spätestestens die "Rap Hack"-Reportage 2019 hat das Thema Chartsmanipulation in die öffentliche Diskussion gebracht. Ist bei den werbefinanzierten Streaming-Angeboten die Gefahr der Manipulierbarkeit etwa durch sogenannte Clickfarmen oder Clickerzeugung durch Algorithmen nicht besonders groß? Sind nun zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich?

Mathias Giloth: Auch bei der Integration von werbefinanzierten Musikstreams in die Offiziellen Deutschen Single-Charts gelten die gleichen hohen Qualitätsstandards wie bei Premium-Streams. GfK Entertainment setzt alles daran, Manipulationen zu erkennen und diesen gezielt entgegenzuwirken. Deshalb ist Qualitätssicherung ein zentraler Bestandteil der Charts und umfasst unterschiedlichste, sowohl automatisierte, datengetriebene, als auch manuelle Prüfprozesse. Bei Verdachtsfällen wird ebenfalls ein umfassender Prüfprozess ausgelöst, den auch die Industrie und der BVMI intensiv begleiten und unterstützen. Damals ist es übrigens nicht gelungen, die Charts zu manipulieren.

MusikWoche: "Der nun bei der Ermittlung der Single-Charts angewendete durchschnittliche Wert eines Free-Streams wird vom BVMI treuhänderisch anhand von Daten der BVMI-Mitgliedsfirmen ermittelt und regelmäßig überprüft", heißt es zur Anwendung des neuen Regelwerks recht nebulös. Was bedeutet dies konkret? Zählt ein Aufruf eines Free-Streams genausoviel wie ein Stream im Rahmen eines Abos?

Florian Drücke: "Nebulös" klingt für mich irgendwie tendenziös. Fakt ist, dass hier kein konkreterer Wert genannt wird, da diese Angabe geschäftspolitisch zu sensibel ist. Ein Aufruf eines Free-Streams zählt aktuell mehr als sechs Mal weniger als ein Stream aus kostenpflichtigen Streaming-Abos. Dies spiegelt sich im Übrigen auch in den Richtlinien für Gold/Platin-Meldungen wider. In logischer Folge der Integration von Free-Streams in die Offiziellen Deutschen Single-Charts werden diese zeitgleich auch für die Berechnung der Gold/Platin/Diamond-Mindestmengen für Singles zugelassen, unabhängig vom VÖ-Datum. Free-Streams werden mit dem Umrechnungsfaktor von 1320:1 bei den Singles berücksichtigt, kostenpflichtige Premium-Streams mit 200:1.

MusikWoche: Entwerten kostenlose Streams nicht die Musik und damit auch die Charts? Wie passt das zusammen mit dem wertebasierten Modell, das ja etwa in den Longplaycharts aufwändig gestaltete hochpreisige Boxen konkurrenzfähig für hohe Notierungen macht?

Florian Drücke: Zunächst ist an dieser Stelle zu sagen, dass die werbefinanzierten Streams ausschließlich für die Offiziellen Deutschen Single-Charts zugelassen sind. Die Berücksichtigung weiterer Nutzungskanäle in den Single-Charts mit dem Anspruch, das Musiknutzungsverhalten in der ganzen Breite der Bevölkerung aufzuzeigen, ist uns wichtiger, als dogmatisch ausschließlich an einzelnen Kauf- und Bezahlvorgängen festzuhalten, zumal es eben Wertecharts sind, und auch Free-Streams einen Wert haben, aber eben einen geringeren. Um die wertmäßige Berücksichtigung von werbefinanzierten Streams zu ermöglichen, werden die durchschnittlichen Per-Play-Raten anhand von Industrieeinnahmen ermittelt.

MusikWoche: Erhöht die neue Regel nicht erheblich den Einfluss der kuratierten Playlisten der großen Streaminganbieter, über die Titel doch Clicks bekommen, die der Nutzer gar nicht "bewusst" ausgewählt hat? Ist das nicht der gewünschten Vielfalt abträglich, zumal Kritiker:innen der neuen Maßnahme darauf verweisen, dass es gerade für viele Acts aus dem Independent-Bereich schwer ist, in diese Playlisten zu kommen?

Florian Drücke: Möglichst alle Fangruppen aller Genres und die entsprechenden Nutzungen zu erfassen, kann grundsätzlich nur gelingen, wenn wir keine Nutzungswege kategorisch ausschließen. Deswegen bemühen wir uns ständig, Methoden zu entwickeln, um die unterschiedlichen Nutzungsformen in die Charts zu integrieren.

MusikWoche: Inwiefern haben sich die letzten Regelwerksänderungen zu den Top 100 Singles ausgewirkt - die Begrenzung auf vorab veröffentlichte Auskopplungen und einen weiteren Fokustrack aus einem Album in den ersten zwei Wochen nach dessen VÖ sowie die Berücksichtigung von Airplay-Einsätzen?

Mathias Giloth: Die Einführung des Fokustracks war sinnvoll, um zu vermeiden, dass nicht sämtliche Tracks eines Albumreleases, das sehr erfolgreich im Musikstreaming ist, in den Offiziellen Deutschen Single-Charts vertreten sind. Ähnliche Regelungen gibt es weltweit. Die Besonderheit an der deutschen Variante ist, dass sich Songs, die sich zwei Wochen nach Release als erfolgreiche Hits erweisen, anschließend in den Single-Charts platzieren können. Was die Einberechnung von Airplay betrifft, so wird durch einen Gewichtungsfaktor berücksichtigt, dass Radiohörerinnen und -hörer in der Regel keinen direkten Einfluss haben, welche Musik im Radio gespielt wird. Der Einfluss der Airplays in den Single-Charts ist deshalb begrenzt. Die Offiziellen Deutschen Single-Charts sind somit auch weiterhin klar abgegrenzt vom eigenständigen Profil der Offiziellen Deutschen Airplay-Charts.

Text und Interview: Frank Medwedeff