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Stimmen zur Chartsreform: "Ein Jahrzehnt mehr zu leben"

MusikWoche hat Stimmen gesammelt auf die Frage, wie die Branche die Reform zur Ermittlung der Offiziellen Deutschen Singlescharts bewertet, und ob die Top 100 Singles dadurch tatsächlich vielseitiger werden, oder ob die Maßnahme die Vielfalt sogar schwächen kann.

10.02.2022 09:42 • von Frank Medwedeff
Freut sich, dass sich die Relevanz von YouTube jetzt expliziert in den Singlescharts manifestiert: Gudrun Schweppe (Bild: Andrea Pearson)

MusikWoche hat Stimmen gesammelt auf die Frage, wie die Branche die Reform zur Ermittlung der Offiziellen Deutschen Singlescharts bewertet, und ob die Top 100 Singles dadurch tatsächlich vielseitiger werden, oder ob die Maßnahme die Vielfalt sogar schwächen kann.

Gudrun Schweppe, Head of Music YouTube (DACH):

Dass YouTube ein wichtiger Kanal für die Interaktion zwischen Musiker:nnen und Fans ist, hat uns erst kürzlich wieder unser Programm ReBoot Live gezeigt, mit dem wir unter anderem Livestreams von Konzerten möglich machen. Diese Kanäle und Formate sind mittlerweile für die Fans ein ebenso wichtiges Medium wie die klassische CD, die Vinylplatte oder der Audiostream. Durch die Berücksichtigung der Videostreams in den Offiziellen Deutschen Charts wird nun endlich auch deren Wert und Aussagekraft erkannt. Das ist insofern wichtig, als dass sich das Hörverhalten und die Art und Weise, wie Musik konsumiert wird, vor allem in den letzten Jahren stark verändert hat. Ich wüsste nicht, wieso dies die Vielfalt in den Charts schwächen sollte, denn auf YouTube werden alle Genres und Künstler:innen abgebildet.Dank der jahrelangen, sehr guten Zusammenarbeit mit der IFPI und lokal mit dem BVMI haben wir mit der Anpassung der Chartwertung als YouTube in Deutschland einen wichtigen Meilenstein erreicht, über den wir uns sehr freuen. Charts sind nach wie vor wichtig für die Musikindustrie und spiegeln nun noch ein Stück weit genauer wider, was Deutschland musikalisch bewegt, und welche Relevanz YouTube bei Hörer:innen hat. Außerdem freut es mich, dass Künstler:Innen, die sich besonders auf YouTube engagieren, durch den Aufbau ihres Kanals und das Erstellen kreativer Musikvideos nun auch die entsprechende Visibilität in den Charts erlangen.

Richard Wernicke, Head of Content Deezer:

Dass nun auch Streams aus werbefinanzierten und für die Nutzer*innen kostenlos zugänglichen Angebote von Audio- und Video-Streaming-Services in die Charts einfließen, ist ein längst überfälliger Schritt. Denn Musik wird schließlich seit Jahren auch über diese kostenlosen Angebote gehört. So ergibt sich in jedem Fall ein umfassenderes und ganzheitlicheres Bild.

Tom Bohne, President Music Universal Music Deutschland:

Die Charts sollen schon immer den Musikkonsum auf Basis des jeweils verfügbaren Wissens, aktueller Methoden und Technologien abbilden und damit die musikalischen Heroes einer Woche ehren. Daher wird die Chartsermittlung regelmäßig überarbeitet und ergänzt. Das Verhalten der Musikkonsumenten und Fans hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Immer mehr Nutzungsarten und -kanäle sind hinzugekommen. Musikgenuss war noch nie so individuell, einfach und ortsunabhängig wie heute. Wir begrüßen die aktuelle Weiterentwicklung der Chartsermittlung, insofern sie die Vorlieben der Musikkonsumenten noch besser abzubilden hilft, und die Chartszusammenstellung dadurch noch vielfältiger wird.

Christoph Behm, Senior Director Digital Sales/Business Development Sony Music:

Wir bei Sony sind der Meinung, dass Charts möglichst direkt und unverzerrt die Realität abbilden sollten. Zu dieser Realität gehören im heutigen Musikmarkt werbefinanzierte Audio-Streams genauso wie You-Tube-Views. Insofern begrüßen wir die Neuausrichtung und sind uns sicher, dass sie dazu beiträgt, die Qualität und Vielfalt der Charts noch besser zu machen.

Doreen Schimk und Fabian Drebes, Co-Presidents Warner Music:

Wir bei Warner Music Central Europe glauben, dass sich die Erhebung der Charts kontinuierlich mit dem Konsumverhalten der Menschen mitentwickeln muss, um die Musik im bestmöglichen Sinne abzubilden. Heutzutage spiegelt sich Diversität in den Nutzungsformen von Musik ebenso wie in der Musik selbst und den Konsumenten wider. Besonders auf Plattformen wie YouTube ist das Engagement mit Künstlern und Musik extrem hoch und sollte als solches auch in den Charts abgebildet werden. Die Validität dieses Engagements durch einen monetären Gatekeeper einzuschränken, sehen wir als falsch an. Stattdessen sehen wir den größeren Wert in der aktiven Auseinandersetzung mit Musik und Kunst in allen Formen - audio-visuell über werbegestützte Plattformen ebenso wie durch Paid-Subscriptions. Durch die Anpassung der Charterhebung wird Musik in Zukunft durch mehr als nur ihre kommerzielle Performance bewertet - Musik ist ein integraler Teil unserer Kultur und sollte auch als solcher wahrgenommen und abgebildet werden. In diesem Sinne heißen wir die seit dem Beginn des neuen Kalenderjahres angepasste Erhebung der Single-Charts willkommen.

Birgit Heuzeroth, General Manager Beggars Group:

Wenn man bei den Single-Charts die wirkliche Nutzung abbilden will, dann müssen auch kostenfreie Streams einfließen. Für Agenten und Manager sind YouTube-Stats und Spotify-Listen ohnehin oft schon die viel heißere Währung. Ganz klar ist damit wohl, dass sich Album- und Singlecharts noch weiter voneinander weg entwickeln werden. Was vielleicht darauf hinweist, dass die Albumcharts einer Reform bedürfen, da sie nur noch zeigen, wer die teuersten Bundles in Markt platziert hat.

Jörg Heidemann, Geschäftsführer VUT:

Die Idee der Charts ist das Abbilden des Musiknutzungsverhaltens in Bezug auf Häufigkeit. Das Musiknutzungsverhalten hat sich über die Jahre stark in den Streaming-Bereich verlagert, daher erscheint der Schritt, nun erstmals kostenfreie, werbefinanzierte Streams und auch Daten von YouTube hinzuzuziehen, logisch. Testauswertungen haben eine größere Durchlässigkeit der Singlecharts insgesamt und für Newcomer*innen im Speziellen gezeigt. Daher denken wir auch, dass die Reform die Vielfalt der Charts eher stärkt, wobei allerdings festzustellen ist, das die Mehrzahl der VUT-Mitglieder die Relevanz der Singlecharts für überschaubar hält.

Michael Schuster, Geschäftsführer Cargo Records:

Das hehre Ziel der (Single-)Charts war immer die möglichst genaue Abbildung des Hörverhaltens der Musiknutzer*innen. Dabei macht es meiner Meinung nach sehr wohl einen Unterschied, ob ich Musik wertschätze und bereit bin, für den Genuss zu bezahlen, oder ob ich mich kostenfrei und werbefinanziert vom Algorithmus bespielen lasse. Dementsprechend denke ich, dass die Singlecharts dadurch nur in der Theorie vielfältiger, in der Praxis jedoch beliebiger werden - und »kleinere« Acts sowie unabhängige Künstler*innen in die Röhre gucken. Sehr gern lasse ich mich in der Praxis vom Gegenteil überzeugen.

Michael Schick, Head of Music Zebralution:

Die Modernisierung der Chartermittlung ist begrüßenswert und unterstreicht, dass man versucht, flexibel auf die Veränderungen innerhalb der Branche zu reagieren und weiterhin zeitgemäße Charts abzubilden. YouTube ist ein integraler Bestandteil der Branche, und es ist demnach nur folgerichtig, sie in die Charts mit aufzunehmen. Inwieweit die Anpassung der Single-Charts zu einer größeren Diversität beitragen kann, wird man abwarten müssen.

Niko Papadopoulos, Geschäftsführer Chimperator Productions:

Im Prinzip begrüße ich die Berücksichtigung der YouTube-Daten und werbefinanzierter Streams bei den wöchentlichen Singlecharts, da es tatsächlich besser das Hörverhalten abbildet. Wir beobachten derzeit allerdings einen starken Rückgang an Relevanz der YouTube-Plattform. Insofern erscheint mir dieser Schritt zu spät. Von einem bedeutenden Einfluss auf die Charts gehe ich daher derzeit nicht aus. Es bleibt auch abzuwarten, inwiefern dadurch Anreize für Manipulationsversuche geschaffen werden.

Giwar Hajabi alias Xatar, Geschäftsführer Goldmann Entertainment:

Sowohl Goldmann Music als auch ich als Künstler Xatar begrüßen die Chartreform sehr, da sie dafür sorgt, dass die deutschen Charts weiterhin ernst genommen werden können. Dieser Schritt gibt den deutschen Charts noch ein Jahrzehnt mehr zu leben, denn die Popularität von Musik sollte nicht nur daran gemessen werden, ob sie bezahlt wird. Dieser Meinung waren wir schon immer, denn daher kommen wir im Deutschrap; wir waren Musik, die kaum bezahlt wurde in den ersten Jahren. Trotzdem haben wir uns dadurch zu dem größten Genre Deutschlands aufgebaut, welches mittlerweile gut bezahlt wird. Daher Shout-Out an die deutschen Charts.

Zusammenstellung: Frank Medwedeff