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Veranstalter schreiben Brandbrief

In einem Brandbrief warnen knapp 50 Veranstalter vor den dramatischen Folgen des pandemiebedingten Personalmangels in der Livebranche, die Unterzeichner befürchten: "Mit den Veranstaltern 'sterben' sämtliche Dienstleister rund um das Veranstaltungsgewerbe."

04.02.2022 11:43 • von Dietmar Schwenger
Warnt vor einer "massiven Flut von Konzertabsagen": ein Brandbrief der Veranstalter (Bild: Scrreenshot)

In einem Brandbrief warnen knapp 50 Veranstalter und Festivalorganisatoren vor den dramatischen Folgen des pandemiebedingten Personalmangels in der Livebranche, verfasst haben das Schreiben Berend Koll (HKES, Deichbrand Festival), Rechtsanwalt Martin Reitmaier (Argo Konzerte, Rock im Park) und Axel Schulz (Musikmanager, Konzertveranstalter). MusikWoche dokumentiert den Brief im Wortlaut:

"Massiver Personalmangel in der Konzertveranstaltungsbranche

Seit zwei Jahren schieben wir einen immer größer werdenden Berg an oft mehrfach verlegten Konzertveranstaltungen vor uns her, der mit den verbliebenen Personalressourcen nicht mehr zu bewältigen sein wird.

Dieser Personalmangel ist so drastisch, dass bei weitem nicht alle anstehenden Konzerte durchgeführt werden können. Das wird unweigerlich zu einer massiven Flut von Konzertabsagen führen, auch von längst ausverkauften Konzerten.

Die Veranstalter haften für den Gesamtbetrag, den die Konzertfans für ihre Tickets ausgegeben haben: Fatalerweise werden von der staatlichen Ausfallversicherung nur 90 Prozent der tatsächlich angefallenen Absagekosten erstattet. Diesen Verlust wird sich kein Veranstalter/in auf Dauer leisten können, da etwaige Rücklagen längst aufgebraucht sind.

Die meist kurzfristig beschäftigten Arbeitnehmer:innen haben bereits unmittelbar nach Beginn der Pandemie die Branchen gewechselt.

Dies führt zu einem massiven Domino-Effekt. Mit den Veranstaltern "sterben" sämtliche Dienstleister rund um das Veranstaltungsgewerbe, die Clubs, die Hallen und am Ende die gesamte Musiklandschaft: Musiker:innen können sich ganz überwiegend nicht von den extrem geringen Streaming-Einnahmen ernähren (das können in Deutschland nur eine Handvoll Musiker:innen) und sind folglich auf Gagen ihrer Konzerte angewiesen. Bereits im kommenden Herbst werden unzählige Bands und Musiker:innen ihre professionelle Karriere aufgeben müssen.

Dieser Verlauf ist vermutlich für lange Zeit irreversibel.

Es müssen daher dringend Maßnahmen ergriffen werden, um altes Personal zu reaktivieren, bestehendes Personal zu halten und neues Personal zu rekrutieren.

Lösungsmöglichkeiten:

Aufstockung der Freigrenze für geringfügig Beschäftigte in der Eventbranche von monatlich 450,00 auf 1.200,00 Euro.

Vereinfachungen zum Einsatz kurzfristig Beschäftigter (Anhebung der Einsatz- und Zuverdienstgrenzen)

Entbürokratisierung von formellen Voraussetzungen für Arbeitsverträge und Zusammenarbeit von Dienstleistenden bei Großveranstaltungen

Anerkennung für kulturelle Nebentätigkeiten: Erleichterungen für die Arbeitnehmer:innen bei der Verdienstgrenzenermittlung (Ausgleich über mehrere Monate) und Einsatzzeiten

Kompensation von Personalmehraufwendungen

Rückkehrförderung in die Branche und Chancenhilfen für den Übergang in regelmäßige Arbeitsverhältnisse

Reform des § 34a GewO: Veranstaltungsordnungsdienst ist in vielen Bereichen nicht mit Bewachung im Sinne des Gesetzes gleichzustellen. Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, auch "nicht 34a Kräfte" im Ordnungsdienst bei Großveranstaltungen einsetzen zu können.

Verfasser:

Dr. Berend Koll (HKES GmbH, Deichbrand Festival)

RA Martin Reitmaier (Argo Konzerte GmbH, Rock im Park Festival)

Axel Schulz (Musikmanager, Konzertveranstalter)

Unterzeichner:

AR Entertainment: Alexander Richter

Argo Konzerte GmbH Würzburg, u.a. Rock im Park: Peter Pracht

B.E.S.T. Veranstaltungsdienste GmbH, Berlin: Henry Klemm

Batschkapp Konzert und Promo GmbH, Frankfurt / Main: Ralf Scheffler

Black Mamba Event GmbH, SonneMondSterne Festival: Rico Tietze

Buback Tonträger / Booking GmbH, Hamburg: Thorsten Seif

Columbiahalle / Columbia Theater, Berlin: Nicolel Tenbrock

Concert Team NRW GmbH, Düsseldorf: Nico Hamm

Crunch Time Promotion, Bielefeld: Marc Huelsewede

ESK Events & Promotion GmbH, Deichbrand Festival: Marc Engelke

FKP Scorpio GmbH, u.a. Hurricane Festival: Folkert Koopmans

FSR Unterhaltungsbüro GmbH: Harm Wörner

GTB - Gastro Team Bremen: Sascha Ebner

Hannover Concerts GmbH: Nico Röger

Helene Beach Festival: Boris Einenkel

HKES Eventlogistik GmbH: Felix Suwelack

Karsten Jahnke Konzertdirektion GmbH Hamburg: Karsten Jahnke

KKT GmbH, Berlin, Kiki Ressler

Kokon Entertainment GmbH, Konstanz: Dieter Bös

Koopmann Concerts GmbH, Bremen: Oliver Mücke

L.O.F.D.S. UG & Co KG: Aline Lutz

Landstreicher Booking, Berlin: Felix Hansen

Live Matters GmbH, Satis&Fy GmbH, #AlarmstufeRot: Dr. Chris Fleck

Loft Concerts GmbH: Marcel Tietze

MCT Agentur GmbH: Scumeck Sabottka

MTS GmbH, Münster, Stratmann Event GmbH, Bielefeld: Hans Stratmann

Munich Security Services GmbH, Andreas Schade

Music Circus Concertbüro GmbH, Stuttgart: Hans-Peter Haag

New Berlin Konzerte GmbH, Berlin: Norbert Döpp

PGM Promoters Group Munich Konzertagentur GmbH: Katharina Pracht

Popp Concerts GmbH, Trier: Oliver Thome

Prime Entertainment GmbH Köln: Jochen Breit-Tiffe

Propeller Music & Event GmbH München: Frank Bergmeyer

Showsec Sicherheitsdienste GmbH, José Fernández González

Sea You Festival: Bela Gurath

SEAN Event Security GmbH: Ugurhan Seven

Semmel Concerts GmbH: Dieter Semmelmann

Silverwings Club, Berlin: Harmen J. B. de Keijzer

Spaces Management GmbH: Lukas Kranz

Spindlerserben Veranstaltungskoordination, Berlin: Peter Spindler

STP Hamburg Konzerte GmbH: Diak Haring

Target Concerts GmbH München: Michael Löffler

U-Need GmbH: Matthias Singh und Sascha Wüstenberg

Verband Deutscher Event & Sicherheitsdienstleide e.V., Andreas Schade

WOA Festival GmbH, Wacken Open Air: Holger Hübner"