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Dossier Kulturpolitik: Es gibt viel zu tun

In den ersten Amtstagen machte Kulturstaatsministerin Claudia Roth klar, dass ihr Oper, Club und Plattenladen gleichermaßen wichtig sind. Nun geht es für die frisch ernannte BKM darum, eigene Akzente zu setzen. MusikWoche bat Akteur:innen der Musikwirtschaft darum, Punkte für eine To-Do-Liste für Claudia Roth zu formulieren.

27.01.2022 09:22 • von
Reichlich auf dem Zettel: die Musikwirtschaft richtet Wünsche und Erwartungen an Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bild: Gerd Altmann, Pixabay)

In den ersten Amtstagen machte Kulturstaatsministerin Claudia Roth klar, dass ihr Oper, Club und Plattenladen gleichermaßen wichtig sind. Nun geht es für die frisch ernannte BKM darum, eigene Akzente zu setzen. MusikWoche bat Akteur:innen der Musikwirtschaft darum, Punkte für eine To-Do-Liste für Claudia Roth zu formulieren.

Ina Keßler & Tina Sikorski, Geschäftsführerinnen Initiative Musik: Kunst und Kultur soll nicht nur als Staatsziel im Grundgesetz verankert, sondern auch gelebt werden. Wir sind da, um uns gemeinsam mit der Bundesregierung und der Musikwirtschaft mit allen Kräften für die Akteur:innen der Branche einzusetzen. Programme zur Unterstützung der Musiker:innen sowie der Livebranche sind dabei ein wesentlicher Punkt. Was kommt nach der Neustart-Kultur-Förderung? Ohne eine weitere signifikante Unterstützung werden viele Menschen vor, auf und hinter den Bühnen 2023 vor dem Aus stehen. Weiter wollen wir die Sichtbarkeit der Musikszenen durch unsere Awards und Export-Programme und -Projekte sowohl hierzulande als auch international stärken. Wir würden es sehr begrüßen, wenn uns die Kulturstaatsministerin Claudia Roth dabei aktiv unterstützt.

Marek Lieberberg, CEO/Managing Director Live Nation GSA: Die moderne Popkultur und damit die Live-Veranstaltungsbranche soll nicht länger gegenüber der sogenannten E-Kultur diskriminiert werden, deren ohnehin subventionierte Häuser in der Krise noch zusätzliche Unterstützung erhielten. Weiterhin ist eine Öffnungsstrategie essenziell, anstelle des Taumels von einer Beschränkung in das nächste Verbot.

Pamela Schobeß, Vorstandsvorsitzende Clubcommission Berlin: Zum Erhalt der vielschichtigen Clubkultur als Ort der Nachwuchsförderung, als kultureller Experimentierraum und auch als Safe Space insbesondere für marginalisierte Gruppen bedarf es dringend einer finanziellen Förderstruktur über die Finanzkrise hinaus. Steigende Mieten, höhere Personalkosten und allgemeiner Verwertungsdruck stellen die Clubkultur künftig vor hohe wirtschaftliche Herausforderungen und führen unweigerlich zu einer Kommerzialisierung des Programms.

Birte Wiemann, Vorstandsvorsitzende des Verbands unabhängiger Musikunternehmer:innen (VUT): Der VUT gibt Claudia Roth ein »to have« auf: Liebe Frau Roth, wir wünschen uns, dass Sie ein offenes Ohr für die Kulturschaffenden und ihre kreativen und wirtschaftlichen Partner*innen haben. In der unabhängigen Musikwirtschaft setzen wir auf Vielfalt, Nachhaltigkeit, Partnerschaftlichkeit und Kommunikation. Als VUT möchten wir Sie einladen, zusammen mit dem*der neuen Beauftragten für die Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung, Teil unseres Netzwerkes zu werden. Unsere gemeinsamen to dos, wie Verstetigung der Förderaktivitäten für Kulturschaffende und ihre wirtschaftlichen Ermöglicher*innen, die ganz selbstverständliche Wahrnehmung des Staatsziels Kultur und Unterstützung in Richtung einer nachhaltigeren und diverseren Arbeitsweise, ergeben sich im Austausch beinahe ganz von allein.

Sybil Franke & Sebastian Rüß, Geschäftsführung Velomax Berlin: Für uns als Spielstättenbetreiber ist die wichtigste Forderung überhaupt Hilfen zu erhalten, denn trotz des Wegfalls eines Großteils unserer Einnahmen haben wir uns als Velomax in den bisherigen Förderprogrammen nicht wiedergefunden. Zudem sind die Programme durch ihre Reglementierungen recht praxisfern, was den geringen Abruf dieser eigentlich so dringend benötigten Gelder für sich sprechen lässt.

Karin Heinrich, Zweite Vorsitzende Interessenverband Musikmanager & Consultants (IMUC): Neben einer Aktualisierung der Coronahilfen wünschen wir uns als IMUC: Die verpflichtende Transparenz bei digitalen Abrechnungsmodellen, eine überfällige, adäquate Beteiligung der Künstler:innen am Streamingmarkt, notfalls auch per Gesetz (ähnlich dem Mindestlohn). Ebenso auf die Agenda gehört die Diskussion über die nicht mehr vorhandene Chancengleichheit von Newcomern (deutsch oder englisch) in den Playlisten der Radiolandschaft.

Geht es um Priorisierung gibt es jedoch ein Thema, das das Herz unseres Verbands ist und mit dem wir hochmotiviert und zuversichtlich an unsere neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth appellieren, die früher selbst Künstlermanagerin war(!): wir wünschen uns eine angemessene Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis für unseren Berufsstand, der nach wie vor in Gremien und Ausschüssen unterrepräsentiert ist. Künstlermanager:innen sind Spezialisten der ersten Reihe, die über die gesamte Wertschöpfungskette Bescheid wissen, Künstlerkarrieren mitgestalten, Künstler:innen-seelen verstehen und mit den Kreativen auf Augenhöhe auf Basis von gegenseitigem Vertrauen agieren. Keiner ist näher an den Künstler:innen dran als deren Manager:innen und Berater:innen. Wir machen die Deals, sorgen für Transparenz. Hinter jedem erfolgreichen Act steht ein professionelles Management.

Liebe Claudia Roth, Sie kennen die Komplexität und die Bedeutung unserer Arbeit, wir freuen uns auf einen regen Austausch in Kompetenzteams im Interesse der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Jacob Sylvester Bilabel, Geschäftsführer Thema1: Es gibt keinen Sektor, in dem permanente Innovation so gelebte Realität ist wie in der Musikindustrie. Kreativität ist hier eine scheinbar unendliche Ressource. Damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir jetzt versuchen, das Verständnis und Handlungswissen für die Herausforderungen der Klimakrise früh und niedrigschwellig für die Akteur*innen des Sektors aufzubereiten und anzubieten. Denn: Nur nachhaltige Musik ist zukunftsfähige Musik. Die dazu nötige Transformation des gesamten Sektors braucht dazu drei Dinge: klare Rahmenbedingungen, sektorspezifische Maßnahmen und neue Förderprogramme für die Unternehmungen und Akteur*innen.

Harald Heker, Vorstandsvorsitzender der GEMA: Die Herausforderungen dieser Legislaturperiode stehen in erster Linie im Zeichen der Bewältigung der verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Die soziale Absicherung der Kreativschaffenden sowie eine klare Perspektive für »Kultur trotz Corona« sind wichtiger denn je. Die GEMA hat im Rahmen von Neustart Kultur sehr erfolgreich zwei Programme für Musikspielstätten und Musikurheberinnen und -urheber umgesetzt. Selbstverständlich stehen wir der Staatsministerin weiterhin zur Verfügung, wenn es darum geht, mehr Kultur zu ermöglichen und den Kreativen durch sinnvolle Fördermaßnahmen den Rücken zu stärken und Existenzängste zu nehmen.

Die Corona-Pandemie hat zudem den Übergang zu digitalen Nutzungen beschleunigt. Der aktuelle Streaming-Boom kann die Ausfälle der Kreativen in anderen Bereichen jedoch in keiner Weise kompensieren. Außerdem fehlt es insgesamt an Fairness, Transparenz und Nachhaltigkeit. Daher wünschen wir uns, dass die Kulturstaatsministerin wie auch die gesamte Regierungskoalition das Thema Streaming ganz oben auf die kulturpolitische Agenda setzen. Das Musikstreaming der Zukunft muss besser auf Bedürfnisse der Kreativen zugeschnitten sein und ihnen vor allem ein wirtschaftliches Auskommen ermöglichen. Der Sprecher für Kultur und Medien von Bündnis 90/Die Grünen, Erhard Grundl, hat die Bedeutung dieses Themas bereits erkannt. Wir sind zuversichtlich, dass er es vorantreiben und damit im Bundestag wie auch bei Claudia Roth Gehör finden wird.

Caroline Telge, Assistentin Marketing & PR der ZSL Betreibergesellschaft Leipzig: Wir wünschen uns einen festen Zusammenhalt in der Branche, vertreten durch das Forum Veranstaltungswirtschaft. Wir erhoffen uns eine gemeinschaftliche Erarbeitung von Lösungsvorschlägen und damit verlässlichen Perspektiven, anstatt weiterhin mit willkürlichen Restriktionen umgehen zu müssen. Unsere Branche hat an wissenschaftlichen Studien mitgearbeitet, unter anderem Restart-19 und Zähl dazu!, deren Ergebnisse nun endlich in die weitere Arbeit einfließen müssen. Auf die Resultate des von Frau Roth geplanten Kulturplenums sind wir gespannt und hoffen, dass die geäußerte Absicht, ihr Augenmerk nicht nur auf die staatlich ausreichend finanzierte Hochkultur zu legen, realisiert wird.

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin RockCity Hamburg: Liebe Frau Roth, große Teile der freiberuflichen Musik werden auf dem Altar der Infektionsabwehr einfach geopfert, denn bisher war die heterogene Kulturbranche der Bundesregierung offenbar ein Rätsel. Erkenntnis: Die meisten Musiker:innen leben zu 70 Prozent vom komplett brach liegenden Livemusikgeschäft und darben nun bereits zum dritten Mal im de-facto-Lockdown. Deshalb fragen wir, wie gewährleisten Sie, dass konkrete maßgeschneiderte Förderinstrumente bei den freiberuflichen Künstler:innen ankommen? Wie wollen Sie deren Interessenvertretungen stärken, die Nothilfen anpassen, Infrastrukturen absichern, Zugang zur Arbeitslosenhilfe gewährleisten, Ausfallversicherungen aufbauen, individuelle Förderungen verstärken, Unterhaltskosten abdecken, Umsätze ermöglichen, Rentenversicherung verpflichten und Unternehmendenlohn einführen? Wie sieht ihre verstärkte Aufmerksamkeitspolitik in Medien-, Politik- und Regierungskreisen dafür aus, dass die freischaffenden Selbstständigen Kulturpolitik mitgestalten können? Wie schaffen Sie Verständnis für die Einkommensstruktur von Selbstständigen (am Beispiel von Kulturschaffenden)? Wir brauchen jetzt und umgehend grundlegende Reformen, nicht nur eine akute Krisenbewältigung, die alte Hilfsprogramme aus dem Ärmel zieht! Aufstockungen und Verlängerungen der Überbrückungsmaßnahmen sind prima, aber sie reichen nicht aus - sie müssen neu gedacht und an die darbende Szene angepasst werden! Deshalb am Schluss eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft einer vielfältigen Musikszene: Was wird die neue Bundesregierung tun, damit Künstler:innen nicht historisch auf Tiefststand, sondern endlich digital fair vergütet werden? Anstatt den internationalen Tech-Riesen auf Kosten der Künstler:innen beim Abkassieren und Steuersparen behilflich zu sein, sollten unsere Künstler:innen endlich digital fair vergütet werden! Wo anfangen, wo aufhören? 100 Fragen und keine Antwort. Bisher. Let's talk perspective!

Norbert Oberhaus, CEO cologne on pop: Im Koalitionsvertrag stehen viele Punkte, deren Umsetzung dringend angegangen werden müsste und mit denen nicht zuletzt die neue Kulturstaatsministerin eine Weile beschäftigt sein wird. Hier wäre zum Beispiel die geplante Änderung der Baunutzungsverordnung sowie eine Anpassung des Lärmschutzes zu nennen, um Clubs als Kulturstätten nachhaltig zu erhalten und auch neu zu entwickeln. Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Verstetigung der Förderung der freien Künstler*innen und Kreativen sein, inklusive einer Reform der Sozialkasse. Und nicht zuletzt darf man gespannt sein, wie die geplante zentrale Anlaufstelle »Green Culture«, bei welcher laut Koalitionsvertrag »die Kompetenzen, Wissen, Datenerfassung, Beratung und Ressourcen für die ökologische Transformation« gebündelt werden sollen, aufgebaut wird. Eine solche Anlaufstelle sollte im BKM verortet sein.

Tilo Gerlach und Guido Evers, Geschäftsführer der GVL: Mit dem Koalitionsvertrag im vergangenen November hat die Regierung bereits eines der für uns wichtigsten Themen selbst auf die To-Do-Liste gesetzt: Die Umsetzung der Staatsziels Kultur im Grundgesetz. Mit diesem Schritt wird dem Wert von Kultur als Basis unserer Gemeinschaft Rechnung getragen und sie als fester und prägender Bestandteil unserer gesellschaftlichen DNA anerkannt.

Kultur ist mehr als ein abstrakter Begriff - dahinter stehen Menschen. Wir wünschen uns, dass Kreative und ihre Partner die Wertschätzung und Rückendeckung erhalten, die sie verdienen - während genauso wie nach der Pandemie. Es zeigt auch die Debatte in anderen Berufsgruppen: Applaus allein reicht nicht. Um einen fruchtbaren Boden für kulturelle Vielfalt dauerhaft zu erhalten, bedarf es sozialer Sicherungssysteme und Förderstrukturen für alle Sparten. Genau an dieser Stelle sollte ein grundgesetzlich verankerter Bedeutungszuwachs von Kultur mit Leben und Inhalt gefüllt werden. Sparzwänge, die nach Corona auf die Politik zukommen werden, dürfen nicht auf Kosten der sowieso schon gebeutelten Kultur gehen.«

Timo Feuerbach, Geschäftsführer EVVC: Wir freuen uns, wenn Claudia Roth die gesamte Vielfalt der Musikszene unterstützen möchte. Gleichwohl ist es für den EVVC als Vertreter der Veranstaltungszentren natürlich besonders wichtig, die Bedeutung der Spielstätten zu betonen. Diese multifunktionalen Orte der Begegnung leben wie viele andere in der Branche von einer stetigen Auslastung durch Veranstaltungen aus den Bereichen Kultur, Sport, Wissenschaft oder Wirtschaft. Die Locations bringen so Kultur und andere Interessen zusammen, erhöhen die Lebensqualität in der Stadt und auf dem Land (wo es oft keinen Club, kein Theater und keine Oper gibt) und sind ein wichtiger Teil nicht nur der Musik- und Kulturszene sondern auch unserer Gesellschaft. Um den Dialog zwischen Veranstaltungswirtschaft und Politik weiter zu intensivieren, fordert der EVVC gemeinsam mit den Partnerverbänden im Forum Veranstaltungswirtschaft einen ständigen Ansprechpartner in der Bundesregierung im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Die Unterstützung und Einflussnahme der Kulturstaatsministerin Claudia Roth für den Aufbau dieses elementaren Dialogs zwischen Bundeswirtschaftsminister Habeck und der sechstgrößten Wirtschaftsbranche Deutschlands ist von zentraler Bedeutung.

Linda Residovic, Geschäftsführerin VPLT - Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik: Im Forum Veranstaltungswirtschaft, einer Allianz maßgeblicher Wirtschaftsverbände unserer Branche, haben wir gerade besprochen, Claudia Roth zu einem »runden Tisch« einzuladen. Teilnehmen sollten dort unter anderem Mitglieder der Bund-/Länder-Arbeitsgemeinschaft Immissionsschutz (LAI). Wichtiges Thema auf der Agenda ist dann die Anpassung der Immissionsschutzverordnungen beziehungsweise Freizeitlärmrichtlinien. Das wird der Veranstaltungswirtschaft weitere Möglichkeiten von Konzertveranstaltungen in den kommenden Jahren ermöglichen. Obwohl Veranstalter solche Events nachholen wollen, die im Interesse des Publikums abgesagt wurden, stehen ihnen dafür keine Veranstaltungsorte mehr zur Verfügung. Die Behörden, Veranstalter und Menschen vor Ort benötigen gesetzliche Grundlagen, damit die Zahl der Kulturveranstaltungen, zeitlich begrenzt, erhöht werden kann. Unsere Gesellschaft und die Kulturschaffenden, die zurzeit in ihrer Existenz bedroht sind, müssen sich endlich wieder in der realen Welt begegnen.

Marion Schöne, Geschäftsführerin Olympiapark München: Wir fordern, dass die Kultur- und die Live-Entertainment-Branche grundsätzlich mit dem Sport gleichgestellt wird. Wenn die Kultur schon nicht als systemrelevant eingestuft wird, sollte sie doch wenigstens solange stattfinden dürfen, wie der Profi-Sport vor vollen Rängen ausgetragen werden darf. Die Vielfalt der kulturellen Szene muss erhalten bleiben. Auch wir, die wir in größerem Maßstab veranstalten, möchten keine »Monokultur«.

Olaf »Gemse« Kretschmar, Vorsitzender des Vorstands der Berlin Music Commssion & Erster Vorsitzender Bundesverband Popularmusik (BV Pop): Große Teile der Branche sind in derselben Situation wie im März 2020. Deshalb ist es erforderlich, dass die Bundesregierung den Restart 2022 finanziell durch erweiterte Förderprogramme begleitet. Perspektivisch halten wir darüber hinaus eine Evaluierung der Bundesförderung für die Branche für geboten, um wirkungsvollere Impulse für eine zukunftsorientierte, nachhaltige Musikwirtschaft setzen und die Verteilung fairer und transparenter gestalten zu können. Last but not least: wir sind Kultur-Wirtschaft und fordern eine bessere Koordination zwischen Wirtschafts- und Kulturpolitik.

Aus Sicht des BV Pop möchte ich Claudia Roth zudem ans Herzen legen, dass wir uns mehr Unterstützung bei der Entwicklung der Popförderstrukturen in Deutschland wünschen. Speziell in den Regionen muss Popkultur besser gefördert werden. Das ist nicht nur notwendig, um der rechtsradikalen und populistischen Jugendszene eine demokratische Jugendkultur entgegen setzen zu können, sondern vor allem auch eine Grundlage für das eminent wichtige Thema Nachwuchsförderung. Der durch die Pandemie weiter verschärfte Fachkräftemangel hat uns vor Augen geführt, dass wir uns als Branche hier breiter und besser vernetzt zwischen den Standorten und Regionen aufstellen müssen. Insgesamt sind Themen wie »Kultur aus der Breite« und »regionale Vielfalt« in der Popförderung unterrepräsentiert, wir engagieren uns dafür, das besser abzubilden und regionale Plattformen für die Akteure zu bilden.

Uwe Frommhold, Vice President & COO AEG Germany: Trotzdem die derzeitige Krise eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, herrscht in Fragen der Zuständigkeit der staatlichen Institutionen immer noch eine Trennung zwischen Unterhaltung und Kultur vor. Wir halten das für überholt. Zumal die Grenze ja nicht inhaltlich gezogen wird beziehungsweise gezogen werden kann, sondern man vielmehr zwischen privatwirtschaftlich organisiert und staatlich gefördert unterscheidet. Kurz gesagt: Es muss einen Weg geben, dass auch die großen privatwirtschaftlich finanzierten und betriebenen Spielstätten einen Sitz am Tisch der Kultur bekommen.

Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie (BVMI): Zum einen, dass sie die persönliche Kenntnis unserer Branche nutzt und die Kultur nicht ohne die Wirtschaft denkt. Weite Teile des Kulturbetriebs sind bekanntlich durch die Pandemie massiv geschädigt und es ist vollkommen unrealistisch, diese auf Dauer allein durch staatliche Unterstützungsprogramme am Leben zu erhalten. Die Kreativwirtschaft als Partner und wesentlicher Teil der Infrastruktur für Kulturschaffende gewinnt also noch einmal zusätzlich an Bedeutung. Umso wichtiger ist es auch auf kulturpolitischer Seite, sich mit der Branche und den verschiedenen partnerschaftlichen Rollen auseinander zu setzen, uns zuzuhören und die Bedarfe zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang ist übrigens mit Blick auf die Kreativwirtschaft als Ganzes unsere klare Erwartung, dass die neue Bundesregierung die Ansprechpartnerin beziehungsweise den Ansprechpartner für die Kultur- und Kreativwirtschaft, wie explizit im Koalitionsvertrag vorgesehen, nun zeitnah benennt und dann alsbald die Arbeit aufgenommen werden kann. Für die vor uns liegenden Aufgaben brauchen wir dringend ein anderes Verständnis als bisher, einen neuen Austausch, in dem man die Rolle der verschiedenen Akteur:innen der Kreativwirtschaft ebenso durchdekliniert wie die Relevanz von Rahmenbedingungen, zum Beispiel für das digitale Lizenzgeschäft. Insofern: Liebe Claudia Roth, bitte unterstützen Sie auch aus Ihrem Ressort eine schnelle Benennung dieser Person!

Stefan Löcher, Geschäftsführer Lanxess Arena Köln: Die Herstellung einer belastbaren, langfristigen Planungssicherheit für die Kulturbranche. Dazu gehören - neben national fairen/einheitlichen Grundlagen - die Rückkehr zur vollen Kapazitätsauslastung bei Veranstaltungen und der Einsatz für europaweite Lösungen, um das Tourgeschäft wieder zu ermöglichen.

Axel Ballreich, 1. Vorsitzender LiveMusikKommission (LiveKomm): Die Wünsche an die BKM auf einen Punkt zu konzentrieren, ist aktuell sehr schwer, da wir, wie die meisten Kulturverbände, eine lange Liste haben. Wir haben uns aber auf einen Punkt einigen können, der auch schon in unseren Wahlprüfsteinen zu finden war: der Ausbau und die Verstetigung der Förderprogramme für Musikspielstätten. Heißt, dass unter anderem die vor Corona existierenden Clubförderprogramme sich verstetigen und ausgebaut werden, dass aber auch die Festivals in den Fokus gerückt werden. Wir fordern ja schon länger einen Applaus auch für die Festivals. Die Programme sollten auch an die Herausforderungen dieser Zeit angepasst werden (sprich Investitionen in die Bereiche Innovation, Inklusion und Nachhaltigkeit, aber auch Schallschutz, Hygieneschutz, Awareness, Sicherheit, Barrierefreiheit, Gender Equality, Newcomer:innenförderung ...), um somit einen wirklichen Neustart für die Branche zu unterstützen.

Christian Eichenberger, Fachvorstand fwd: in der Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft: Der Bundesfinanzminister betont seit Wochen, dass er die pandemiebedingten Wirtschaftsprogramme auslaufen lassen will. Doch weder das Krisenende noch die weitere Corona-Entwicklung sind absehbar. Wir haben gerade eine Umfrage mit 863 Betrieben der Veranstaltungswirtschaft gemacht. Für 66 Prozent der Unternehmen heißt es: Die vorgesehenen 24 Monate Kurzarbeitergeld sind im März ausgeschöpft. Mehr als drei Viertel der Veranstaltungsunternehmen werden dann ihre letzten verbliebenen Mitarbeiter kündigen mangels Kurzarbeit - allesamt wertvolle Fachkräfte. Die Bundesregierung opfert damit Deutschlands sechstgrößte Branche, die drittgrößte Veranstaltungswirtschaft weltweit. Kulturstaatsministerin Claudia Roth muss dringend Einfluss nehmen auf ihre Regierungskollegen. Sonst ist nicht mehr viel da von all dem, was ihr so wichtig ist.

Jens Michow, Präsident BDKV: Nicht nur die Kulturveranstalter haben insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie erlebt, dass die bisherige Beauftragte für Kultur und Medien zum wirtschaftlichen Teil des Kulturbetriebs ein eher distanziertes Verhältnis hatte. Damit sollen ihre durchaus auch für die Kulturwirtschaft erbrachten Leistungen keineswegs geschmälert werden. Ich denke dabei natürlich an ihren Kampf um den Erhalt substanzieller Mittel aus dem Bundeshaushalt und das dadurch möglich gewordene Programm Neustart Kultur, von dem ja auch die Kulturveranstalter profitiert haben. Allerdings hat die Vorgängerin von Frau Roth trotz diverser Einladungen seit Beginn der Pandemie mit dem Forum Musikwirtschaft - immerhin der Allianz der maßgeblichen Verbände des Wirtschaftszweigs - lediglich im April vergangenen Jahres ein einziges (digitales) Gespräch geführt. Und trotz entsprechender Zusage wurde dieses Gespräch nicht fortgesetzt. Das war aus unserer Sicht angesichts der pandemiebedingt dramatischen Lage insbesondere der Konzert-, Tournee- und Festivalveranstalter absolut inakzeptabel. Dabei hätten vertiefte Gespräche mit Frau Grütters sicher an vielen Stellen zu einem besseren Verständnis unserer pandemiebedingten Notlage und der dringend benötigten Unterstützung geführt. Das gilt übrigens für alle Teilbranchen unseres Wirtschaftszweigs und damit insbesondere auch für Künstler, ihre Agenturen und Manager. Ich hoffe nun sehr, gehe aber auch davon aus, dass Frau Roth weiß, dass die Livebranche der Motor aller Musikschaffenden ist, von dem Künstler, Urheber, Musikverleger, die Musikindustrie ebenso wie der Musikalienfachhandel wirtschaftlich abhängig sind. Wenn Künstler nicht live performen können, haben die Autoren ebenso wie die Musikverleger keine Einnahmen und auch der Recording-Bereich und der Musikalienfachhandel bekommen das schmerzhaft zu spüren. Ich hoffe, dass die Musikwirtschaft unter Frau Roth nicht weiter ein Spielball zwischen dem Bundesministerium für Wirtschaft und dem Staatsministerium für Kultur bleibt. Musikförderung und damit auch Musikwirtschaftsförderung ist auch eine zentrale Aufgabe der BKM. Um die Vielfalt der durch die Corona-Eindämmungsmaßnahmen in unserer Branche entstandenen wirtschaftlichen Probleme besser zu verstehen, müssen wir uns kontinuierlich austauschen. Wir müssen darüber sprechen, wie zur Verfügung stehende Mittel, soweit es den wirtschaftlichen Teil der Musikwirtschaft anbetrifft, zielgerichteter dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden. Vor allem die Künstleragenturen und Künstlermanager dürfen nicht weiter durch das Förderungsraster fallen. Das Forum Musikwirtschaft hat Frau Roth bereits kurz nach ihrer Amtsübernahme um ein Gespräch gebeten. Ich hoffe sehr, dass das kurzfristig stattfinden wird.

Alexander Schulz, Geschäftsführer Reeperbahn Festival: Ich wünsche mir die Zusammenlegung auch aller kulturWIRTSCHAFTLICHER Anliegen in EIN Ressort, nämlich bei BKM. Die sogenannte gespiegelte Zuständigkeit beim Wirtschaftsministerium und bei der BKM hat in der Vergangenheit jedenfalls in vielen (nicht allen!) musikwirtschaftlichen Anliegen und Angelegenheiten dazu geführt, dass sich niemand so recht zuständig fühlte.

Dieter Semmelmann, Geschäftsführer Semmel Concerts: Die Veranstaltungsbranche, die sich in den letzten zwei Jahren stets verantwortungsvoll an alle behördlichen Auflagen und Beschränkungen gehalten hat und nachweislich kein Pandemietreiber war und ist, braucht unbedingt und schnellstmöglich eine Perspektive: Auch wenn es für eine Übergangszeit 2G Plus, auch mit Maske bedeutet - eine Systematik, welche bereits mehrfach problemlos und ohne Infektionsfälle umgesetzt wurde. Kultur jeder Sparte ist systemrelevant und braucht eine klare und planbare Zukunft!.

Zusammenstellung: Frank Medwedeff, Knut Schlinger, Dietmar Schwenger