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Festivals sind optimistisch für 2022

Gleich zwei Panels beschäftigten sich am ersten Eurosonic-Tag mit der Perspektive für Festivals im Jahr 2022 und darüber hinaus. Es herrscht Zuversicht, dass die Open Airs stattfinden können, zugleich würden sie sich mit einem stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeit, Diversität, Inklusion und andere soziale Themen verändern.

19.01.2022 16:36 • von Dietmar Schwenger
Denkt, dass Festivals 2022 stattfinden können: Stephan Thanscheidt beim Eurosonic-Panel zur "Festival Saison 2022" (Bild: Screenshot, ESNS)

Gleich zwei Panels beschäftigten sich am ersten Eurosonic-Tag, dem 19. Januar 2022, mit der Perspektive für Festivals im Jahr 2022 und darüber hinaus. Es herrscht Zuversicht, dass die Open Airs stattfinden können. Zunächst aber blickte Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, in der von ILMC-Chef Greg Parmley moderierten Runde "Festival Season 2022" jedoch auf die vergangenen zwei Corona-Jahre zurück, die für FKP Scorpio wie für die gesamte Livebranche ein "Albtraum" gewesen seinen.

"Wir sind zwar noch nicht am Ende der Pandemie und für Events in den nächsten zwei oder drei Monaten bin ich skeptisch, aber für die Festivalsaison und unsere großen Open-Air-Shows von Ed Sheeran bin ich optimistisch. Die Ticketverkäufe für Konzerte, die später im Jahr anstehen, verliefen okay, aber nicht auf dem Level wie vor der Pandemie, wobei vor allem die Shows von großen Namen sich gut verkaufen", so Thanscheidt in dem digitalen Panel. Auch habe man in der Branche, aber auch in der Gesellschaft noch Probleme zu lösen, wie man wieder zur Normalität zurückkehren könne. Darüber hinaus habe FKP Scorpio die Zeit genutzt, um an neuen Live-Formaten zu arbeiten und Umstellungen im eigenen Unternehmen vorzunehmen.

Eine positive Erfahrung der vergangenen zwei Jahre sei für Thanscheidt auch die "überwältigende Solidarität" in der Branche gewesen. Man habe gemeinsam an den Herausforderungen gearbeitet. Dazu gehöre jetzt etwa auch, Mitarbeiter, Dienstleister und Crews, die zum Teil den Livesektor verlassen hätten, zu ersetzen. Deren Fehlen mache sich jetzt schon bei den Planungen für den Festivalsommer 2022 bemerkbar. Zudem beklagt der FKP-Scorpio-Chef die "dramatische Kostensteigerung", zum Teil bedingt durch die nötig gewordenen Hygienemaßnahmen. Auch die Sponsoren verhielten sich noch abwartend, sie wollten erst einmal Gewissheit haben, dass die Festivals 2022 wirklich stattfinden können

Da die meisten der für 2022 verkauften Tickets bereits 2019 kalkuliert worden seien, reichten diese nicht aus, um die Mehrkosten aufzufangen. Erst für 2023 könne man die Preise neu ausrichten. Dennoch bleibt Thanscheidt zuversichtlich: "Deutschland war eines der vorsichtigsten Länder im Umgang mit der Pandemie und den Restriktionen. Nun brauchen wir Planungssicherheit und Öffnungsperspektiven. Aber wenn alles gut geht, bin ich sehr positiv gestimmt, trotz all der Herausforderungen."

Dem schloss sich der Schweizer Festivalveranstalter Christof Huber, zugleich Chairman des Festivalverbands Yourope, an. "Die Politik war im vergangenen Sommer, wo mehr hätte stattfinden können, als dann wirklich stattfinden durfte, noch nicht bereit. Nun ist das anders. Die Regierungen verhalten sich jetzt anders als 2021." Auch Impfpässe würden eine Rolle spielen, auch wenn er sich nicht sicher sei, ob man sie im Sommer 2022 wirklich noch brauche. Zugleich betonte er, dass die Impfquote in den deutschsprachigen Ländern zu gering sei.

Ein wichtiges Anliegen sei ihm, das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen. "Wir selber als Branche müssen diese Zuversicht auch nach außen ausstrahlen. Als Ende 2021 die neue Omikron-Variante auftauchte, haben viele Festivals ihre Marketingausgaben für 2022 zurückgefahren, aber nun ist es ist es unsere Aufgaben, die Trommel zu rühren für unsere Veranstaltungen", so Huber weiter. Wie Thanscheidt forderte er von der Politik "eine frühe Entscheidung für den Festivalsommer.

Huber verwies auch darauf, dass die Sportbranche eine bessere Lobbyarbeit geleistet habe und erinnerte an die Fußball-EM 2021 mit vollen Stadien. Nun arbeitete man stärker mit dem Sportbereich zusammen, führte Huber aus, um gemeinsam mehr zu erreichen.

Aus britischer Sicht fügte Paul Reed von Indie-Festivalorganisation AIF mit, dass das Vertrauen des Publikums noch nicht vollständig zurückgekehrt sei. Auch sehe er für 2022 einen heftigen Wettbewerb, da es mehr Veranstaltungen geben werde als jemals zuvor. "Und auch wenn keiner gern darüber spricht, auch die Inflation wird ein großes Problem - für die Branche wie auch die Fans."

Im Anschluss an die Festivalrunde ging es auch in einem zweiten Panel um dasselbe Thema. Bei "Future-Fit Festivals" stellte Holger Jan Schmidt, General Manager Yourope, das neue, gleichnamige EU-Förderprogramm vor, "Future-Fit Festivals" orientiere sich an den Rs, wie Schmidt ausführte: Resilience (Widerstandsfähigkeit), Responsibility (Verantwortung) und Relevance (Relevanz). Das Programm habe eine Laufzeit von drei Jahren und sei nicht nur für Yourope-Mitglieder gedacht, sondern die gesamte Livebranche. Denn es soll der in den Jahren 2020 und 2021 stark getroffenen Branche wieder auf die Beine helfen.

"Es liegen schwere Zeiten hinter, aber auch vor uns", erläuterte Schmidt und verwies auf die drängenden Themen Klimawandel, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Inklusion und Diversität. Nur wenn es gelinge, in den Bereichen voran zu kommen, habe die Livebranche eine Zukunft. Wenn es den Festivals nicht gelänge klarzumachen, dass sie für eine umweltfreundliche und klimaneutrale Zukunft stünden, würden sie das junge Publikum verlieren, das auf genau diese Dinge viel sensibler achte als frühere Generationen.

"Nachhaltigkeit war schon immer ein Thema in der Livebranche, aber jetzt wird sie es noch viel mehr", warnte Schmidt. "Wir müssen uns den Herausforderungen des Klimawandels stellen. Klimaneutralität steht ganz oben auf unserer Agenda, denn wir müssen die Ziele des Green Deals bis 2030 erreichen."

Yourope-Vorstandsmitglied Fruzsina Szép, Festival Director Superbloom bei Goodlive, gab ihm da recht. "Die Zeit ist jetzt, um zu handeln. Wir müssen das einfach tun. Es geht darum, die Zukunft unserer Industrie umzugestalten, das ist nun unsere Hauptherausforderung." Sie sei allerdings sehr zuversichtlich, dass man das schaffen werde. Denn die Anfänge werden bereits 2022 gemacht, wenn die Livebranche nach der Zwangspause zurückkommen werde.

Szép blickte in der Runde auch auf die vergangenen zwei Jahre zurück. "Wir haben uns eingesperrt gefühlt, haben aber die Zeit genutzt, um neue Ideen zu sammeln, Departments im Unternehmen umzugestalten und Themen wie Nachhaltigkeit, Inklusion, Diversität und Geschlechtergerechtigkeit noch stärker in den Fokus zu rücken."

Sie räumte ein, dass in den Jahren vor der Pandemie im Stress des Tagesgeschäfts die Kommunikation im Team bisweilen zu kurz gekommen sei. Man habe sich zwar über die Arbeit unterhalten, nicht aber über Privates oder Persönliches. Das habe man nun nachgeholt, auch biete Goodlive nun die professionelle Hilfe eines Psychiaters an, an den sich die Mitarbeiter wenden könnten, wenn sie Probleme mit ihrer Mental Health hätten."

Auf die Frage, ob man eine Geschlechter-Quote für Festivals brauche, meinte Szép zwar, dass sie kein Fan von Quoten sei, sondern dass sich das ergeben müsse. Wenn bei einem Festival zu 60 Prozent männliche Acts aufträten, wäre das für sie genauso okay, wenn 60 Prozent weibliche Acts spielen würden. "Wir brauchen Newcomer und Headliner, denn letztlich müssen wir Tickets verkaufen."