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Frank Briegmann zur Jahresbilanz: "Wir geben für unsere Artists immer 100 Prozent"

Universal Music hat die Charts-Marktführerschaft in Deutschland 2021 mit großem Abstand sowohl bei den Alben als auch bei den Singles verteidigt. Frank Briegmann, Chairman & CEO Universal Music Central Europe und Deutsche Grammophon, geht im Interview detailliert auf Erfolge und Herausforderungen ein.

21.12.2021 11:00 • von
Freut sich über einen hohen Domestic-Marktanteil: Frank Briegmann (Bild: Peter Rigaud, Universal Music)

Universal Music hat nach der Jahresauswertung von GfK Entertainment die Charts-Marktführerschaft in Deutschland 2021 mit großem Abstand sowohl bei den Alben als auch bei den Singles verteidigt. Frank Briegmann, Chairman & CEO Universal Music Central Europe und Deutsche Grammophon, geht im Gespräch mit MusikWoche detailliert auf Erfolge und Herausforderungen ein.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die Chartsbilanz 2021 für Universal Music? Sind Sie mit den Marktanteilen zufrieden?

Frank Briegmann: Wir haben unsere Marktführung auch 2021 wieder mit großem Abstand gehalten. Unser Charts-Marktanteil bei den Alben beträgt mehr als das Doppelte vom Ergebnis des nächsten Mitbewerbers. Sowohl bei den Alben als auch bei den Singles gehen die Spitzenpositionen an Universal Music Künstler:innen. Bei den Alben sind es mit ABBAs »Voyage« und Helene Fischers »Rausch« sogar gleich die ersten beiden Plätze. Die erfolgreichste Hitsingle war Nathan Evans »Wellerman«. Auch in den Charts der großen DSP Plattformen besetzen wir die Spitzenpositionen mit unseren Artists wie zum Beispiel mit Bonez MC, Luciano, Capital Bra, Shirin David, Kasimir1441, badmómzjay, Zoe Wees, Pashanim, Montez, Glass Animals oder Olivia Rodrigo. Mehr geht kaum in den Top-Platzierungen.

MusikWoche: Und wie sieht es hier nach Marktanteilen beim nationalen Repertoire und bei internationalem Repertoire aus?

Frank Briegmann: Zuerst einmal freue ich mich, dass der gesamte Domestic-Anteil 2021 sensationell hoch ausgefallen ist. Unsere Domestic-Labels haben auch in der Pandemie gemeinsam mit Marketing Labs und vielen anderen Abteilungen bei uns einen Top Job gemacht, denn in der komplexen Welt von heute sind solche Erfolge nur vernetzt und gemeinsam zu erreichen. So haben wir es geschafft, dass unser Charts-Marktanteil im nationalen Bereich bei den Singles bei über 50 Prozent liegt, also jeder zweite Domestic-Hit von uns kommt und wir bei den Alben auch nur ganz knapp dahinter liegen. Im internationalen Segment haben wir ebenfalls unsere Umsätze deutlich gesteigert und eine Top Performance gerade im Album-Bereich gesehen. Aber auch bei den internationalen Single-Hits hatten wir diverse Superhits mit zum Beispiel Nathan Evans, The Weeknd, Olivia Rodrigo und vielen anderen, wollen aber nächstes Jahr hier in der Breite noch zulegen.

_______»Eine solche Gelegenheit wie das Abba-Comeback erhält man nur einmal in seinem Berufsleben.« Frank Briegmann, Universal Music.

MusikWoche: Ein besonderer Glücksfall für Universal Music war in diesem Jahr sicherlich die Veröffentlichung des neuen Albums von Abba. Inwieweit hat der Erfolg von »Voyage« die sicherlich hohen Erwartungen noch übertroffen?

Frank Briegmann: Dass wir mit diesem Album auf die Nummer eins gehen, war das erste Ziel. Platin war dann der zweite Milestone, das hatten wir nach nur einer Woche erreicht. Nach fünf Verkaufswochen steht das Album mittlerweile bei Doppel-Platin. Dass wir es aber gemeinsam mit allen Fans geschafft haben, Deutschland auf Platz eins der globalen Verkaufsrankings zu bringen, das hat unsere Erwartungen tatsächlich übertroffen. Wir sind stolz und glücklich, an diesem Mega-Comeback mitgewirkt zu haben. Eine solche Gelegenheit erhält man nur einmal in seinem Berufsleben, und die meisten erhalten sie nie.

MusikWoche: Wann genau haben Sie persönlich eigentlich erfahren, dass Abba statt einiger Songs, wie schon länger bekannt war, ein ganzes Album in petto haben?

Frank Briegmann: Ich habe mit Björn und Benny vor mehr als drei Jahren über neue Musik gesprochen. Entstanden sind die ersten Songs ja mit dem Plan, Abba virtuell noch einmal auf der Bühne erleben zu können. Der Spaß, den die vier im Studio hatten, hat dann zu weiteren Songs geführt, und wir haben dann gemeinsam den Album-Plan entwickelt. Das war eine tolle und sehr enge, partnerschaftliche Reise.

MusikWoche: Auch Erfolge wie jene von Helene Fischer oder Abba sind in Zeiten einer sich immer weiter aufsplitternden Medienlandschaft keine Selbstläufer. Musste Universal Music im Vergleich zu früheren Kampagnen die PR- und Marketingarbeit erhöhen?

Frank Briegmann: Wir geben für unsere Artists immer 100 Prozent. Ich würde deshalb nicht von »erhöhen« sprechen, aber verändern mussten wir sie allemal. Abba etwa haben ihr letztes Studioalbum vor 40 Jahren veröffentlicht. Das war immerhin acht Jahre vor dem Start des Internets, wie wir es heute kennen. Natürlich war dieser Release vollkommen anders. Und auch bei Helene haben wir auf die Anforderungen unserer Zeit reagiert und neben TV den Anteil digitaler Kampagnen deutlich erhöht. Wir haben noch nie so viele Kanäle parallel bedient wie heute.

MusikWoche: Welche Bedeutung haben die Top-Seller von Abba und Helene Fischer für die Jahresbilanz von Universal Music 2021? Wie wichtig ist bei diesen beiden Alben der physische Anteil?

Frank Briegmann: Top-Seller ziehen natürlich immer besondere Aufmerksamkeit auf sich. Aber als Universal Music schätzen wir uns glücklich, sehr breit mit vielen tollen Talenten in allen Genres zu arbeiten. Die Vielfalt und Breite unseres Artist Rosters ist enorm. Zur Frage des physischen Anteils ist klar, dass sowohl Abba als auch Helene in Deutschland aktuell einen höheren Umsatz im physischen Bereich erzielen als im digitalen. Gleichwohl haben wir die Streams des gesamten Abba-Katalog durch die Veröffentlichung und unsere Maßnahmen deutlich gesteigert. Beide Acts sind ein gutes Beispiel für unsere Strategie, das physische Potenzial auch weiterhin zu maximieren und gleichzeitig das Digitalgeschäft zu pushen.

MusikWoche: Universal Music chartet nicht nur mit Pop, Rock, Metal, Rap, Soul oder Schlager; auch zum Beispiel die Deutsche Grammophon war in diesem Jahr mit anspruchsvollen Klassik- und Jazz-Veröffentlichungen regelmäßig in den Charts präsent. Das freut Sie, zumal Sie als Chairman ja auch der DG vorstehen, sicherlich besonders?

Frank Briegmann: Künstler:innen der Deutschen Grammophon standen in neun von zwölf Monaten auf Platz eins der Klassikcharts, und auch sonst lag der Chartsanteil unseres Traditionslabels regelmäßig über 50 Prozent. Unsere Klassik- und Jazzprodukte waren aber auch genreunabhängig so erfolgreich, dass sie es oft bis in die Top 20 der allgemeinen Albumcharts geschafft haben. In diesem Jahr waren das zum Beispiel Moby mit »Reprise« auf Platz vier, seinem besten Charts-Einstieg seit 16 Jahren, außerdem unter anderem Víkingur Ólafsson, Daniil Trifonov oder John Coltrane. Aber auch jenseits der Charts gibt es großartige Erfolgsgeschichten, wie etwa die des in elf Kategorien für den Grammy nominierten Jon Batiste. Und natürlich Lang Lang, der ununterbrochen in Spitzenpositionen in den Klassikcharts unterwegs ist und der darüber hinaus hochverdient den Opus Klassik für den Bestseller des Jahres 2021 gewonnen hat.

_______»Wir sind so nah am Markt, dass wir selten überrascht werden.« Frank Briegmann, Universal Music.

MusikWoche: Welche Chartserfolge von Universal-Music-Künstler*innen und -Bands haben Sie 2021 besonders positiv überrascht?

Frank Briegmann: Wir sind so nah am Markt, dass wir selten überrascht werden. Aber wir freuen uns natürlich immer sehr, wenn ganz neue junge Künstler:innen wie zum Beispiel Zoe Wees oder badmómzjay den Durchbruch schaffen. Denn es gibt ja am Anfang nur ein Bauchgefühl und Believe und keine Daten.

_______»Etablierte Artists größer zu machen und gleichzeitig junge Künstler:innen zu entdecken, mit ihnen gemeinsam einen Plan zu entwickeln und ihn dann bestmöglich umzusetzen ist unser Anspruch.« Frank Briegmann, Universal Music.

MusikWoche: Abba und Helene Fischer, das geht ja kaum alle Jahre wieder. Wenn wir einmal diese Legacy Artists außen vor lassen, sehen Sie Universal Music dann auch in Hinblick auf ganz neu oder zumindest noch relativ frisch am Markt etablierte Acts solide aufgestellt?

Frank Briegmann: Mehr als das. Mit Montez, Olivia Rodrigo, Gracie Abrams, Celeste, Jeremias, Giant Rooks und vielen mehr, die ich hier nicht alle nennen kann, haben wir wunderbare Künstler:innen im Portfolio mit jeder Menge Potenzial für die Zukunft. Etablierte Artists größer zu machen und gleichzeitig junge Künstler:innen zu entdecken, mit ihnen gemeinsam einen Plan zu entwickeln und ihn dann bestmöglich umzusetzen ist unser Anspruch. Wir haben in den vergangenen 17 Jahren unter meiner Führung unsere Investitionen in junge Acts massiv ausgebaut und ernten jetzt und in Zukunft gemeinsam mit unseren Künstler:innen immer wieder die Früchte.

MusikWoche: Von TikTok bis zu Musikdokus bei Filmstreamern zeigt sich, dass sich musikalische Erfolge heute kaum noch allein anhand der etablierten Charts messen lassen. Welche Maßstäbe legen Sie bei Universal Music außerdem an?

Frank Briegmann: Wir haben für alle Acts, die wir wegen einer Kampagne oder einer anstehenden Veröffentlichung besonders genau beobachten, eigene Dashboards, auf denen wir die ­wichtigsten Nutzungsdaten in Echtzeit abbilden. Wir erfassen dabei eine ganze Reihe von Performance-Indikatoren, die wir alle in unsere Strategien einfließen lassen. Nicht alles dreht sich dabei um Charts und Umsatz, sondern oft geht es auch ­darum, die »Künstlermarke« langfristig zu entwickeln oder zu positionieren.

MusikWoche: Was sind die schwerwiegendsten Folgen der sich aktuell wieder deutlich verschärfenden Coronakrise für Universal Music und seine Künstler*innen? Was besorgt Sie in dieser Hinsicht besonders, was macht Ihnen Hoffnung fürs neue Jahr?

Frank Briegmann: Unser eigenes Geschäft ist bislang erfreulich unbeeindruckt. Auf Basis einer ganzen Reihe von Umstellungen und Flexibilisierungen sowohl bei unseren internen Strukturen und Prozessen als auch bei Marketing, Vertrieb und Logistik haben wir unser Business pandemiefest gemacht. Als Stabilitätsfaktor innerhalb der Musikindustrie sind wir unseren Künstler:innen, Partnern und unserem Team ein wichtiger Partner in stürmischen Zeiten. Gleichwohl bereiten mir natürlich die Entwicklung im Live-Business und die Auswirkungen auf die Artists Sorgen. Die wieder wachsende Ungewissheit und die erneut vielfach verschobenen Shows sind sehr belastend. Wir geben unser Bestes, um unseren Künstler:innen zu helfen, Ausfälle so gut es geht zu kompensieren. Denn eins ist klar: Die Symbiose zwischen unserer und der Livebranche ist für die Musikkultur und vor allem für die Künstlerinnen und Künstler wichtig.

MusikWoche: Hat die Pandemie auch Auswirkungen auf das Chartsgeschehen - etwa bei der voranschreitenden Digitalisierung, aber auch beim Einfluss des gesellschaftlichen Klimas auf den Erfolg bestimmter Veröffentlichungen?

Frank Briegmann: Da wäre ich mit Conclusions vorsichtig. Wir sehen, dass selbst unter Pandemiebedingungen eher »physische« Artists sehr gut funktionieren können. Gleichzeitig reüssieren aber auch Acts, die gar kein physisches Produkt anbieten. Ich bin völlig unabhängig von der Pandemie überzeugt, dass Fans mit dem richtigen physischen Produkt ebenso zu erreichen sind wie mit einem digitalen. Großartige Artists plus erstklassiges Marketing schaffen herausragende Erfolge. Das gilt mit und ohne Pandemie.

Interview: MusikWoche