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Forum sieht Veranstaltungswirtschaft "ohne Perspektive"

Bei einer digitalen Pressekonferenz forderte das Forum Veranstaltungswirtschaft einen "Marshallplan für die Jahre 2023 bis 2028" und einen Sonderbeauftragten für die Branche bei der Politik. Denn die Lage sei zunehmend von Verzweiflung und Ausweglosigkeit geprägt.

16.12.2021 12:38 • von Dietmar Schwenger
Sprach bei der Pressekonferenz von "Verzweiflung und Auswegslosigkeit": BDKV-Präsident Jens Michow (Bild: Klaus Westermann)

Bei einer digitalen Pressekonferenz forderte das Forum Veranstaltungswirtschaft am 16. Dezember 2021 einen "Marshallplan für die Jahre 2023 bis 2028" und einen Sonderbeauftragten für die Branche bei der Politik. Denn die Lage sei zunehmend von Verzweiflung und Ausweglosigkeit geprägt, wie es Jens Michow in seinem Redebeitrag formulierte.

Die gut einstündige Pressekonferenz begann mit einem Vortrag von Klaus Wohlrabe, dem stellvertretenden Leiter des ifo Institut für Wirtschaftsforschung. Er führte aus, dass die Veranstaltungswirtschaft der von den COVID-19- Infektionsschutzmaßnahmen am härtesten getroffene Wirtschaftszweig Deutschlands sei. Entsprechend sei der Geschäftsklimaindex der Branche von minus 2,2 Punkten im Oktober 2021 auf minus 26 Punkte im November gesunken. "Bis Oktober gab es noch Hoffnung auf Besserung. Diese ist im November verschwunden."

Die im Forum Veranstaltungswirtschaft zusammengeschlossenen Verbände beklagen vor allem die Perspektivlosigkeit, unter der die Branche seit 22 Monaten leidet. "Letztlich befinden wir uns seit März 2021 in einem faktischen Lockdown. Auch wenn in dieser Zeit vereinzelt immer wieder kleinere Veranstaltungen durchgeführt wurden, waren diese nach einhelligem Urteil der Verbandsvertreter mit Kapazitätsbeschränkungen und erheblichem zusätzlichem Personalaufwand sowie auch aufgrund der vom Publikum erwarteten Infektionsschutzmaßnahmen wirtschaftlich bedeutungslos", heißt es in einem nach der Veranstaltung verbreiteten Schreiben.

Die Branche habe bis heute nur aufgrund der Corona-Fördermaßnahmen des Bundes überleben können. "Diese sind zwar beachtlich und in Europa sicher auch einmalig", kommentiert Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). "Wenn jedoch ein Wirtschaftszweig so herausragend von einer Wirtschaftskrise betroffen ist, bedarf es eines umfassenden, auf den konkreten Bedarf zugeschnittenen Sonderprogramms, um sein wirtschaftliches Überleben zu retten. Ein solches Programm muss dann jedenfalls eine Laufzeit bis Ende 2022 haben. Das Forum Veranstaltungswirtschaft hat der neuen Regierung dazu einen detaillierten Forderungskatalog vorgelegt." Nur mit dessen Umsetzung würde der Branche in für sie nach wie vor ungewisser Zukunft zumindest die Chance eines Neustarts gegeben.

Michow sprach von einem Umsatzverlust in der Veranstaltungswirtschaft von zehn Milliarden Euro. Die Hilfsprogramme seien zwar brauchbar gewesen, aber zum Teil nicht auf die Bedürfnisse der Branche ausgerichtet und vor allem nicht darauf ausgelegt, für so eine lange Zeit zu greifen.

Auch kritisiert er: "Es gibt nach wie vor keine Öffnungsstrategie, in der jetzigen Lage können wir keine Tourneen planen. Die Länder müssen sich auf einheitliche Regelungen einigen, es kann nicht sein, dass einige Länder Großveranstaltungen ab einer Zuschauerzahl von 10.000 Besuchern definieren, andere bereits Club-Events ab 1500 Besucher dazuzählen. Da das Corona-Virus sich auch im kommenden Jahr nicht einfach in Luft auflösen wird, brauchen wir endlich nachvollziehbare einheitliche Kriterien für eine bundesweite Öffnungsperspektive."

Kritik übte Michow auch am Vorgehen des Bundes, die EU-Hilfen nicht abzurufen, wie dies andeere Länder in Europa in gemacht hätten. "Der Bund kommt zu spät mit EU-Anträgen. Warum Deutschland diese Möglichkeiten auf EU-Ebene nicht ausschöpft, weiß ich nicht." Der BDKV-Präsident warnte eindringlich: "Die Branche steht am Rande der Existenz. Wir haben keine Zeit mehr."

Linda Residovic, Geschäftsführerin des Verbandes für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT), nennt ein Beispiel: "Wir begrüßen die Verlängerung des erleichterten Zugangs und die Bezugsdauer beim Kurzarbeitergeld. Allerdings: Die Erstattung von lediglich 50 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge ab dem 1. Januar 2022 ist aber für viele Unternehmen nicht leistbar. Der Fachkräftemangel, der durch die Krise entstanden ist, gefährdet eine Erholung der wirtschaftlichen Tätigkeiten im Jahr 2022. Die Branche benötigt von der Bundesregierung endlich klare finanzielle und inhaltliche Perspektiven."

Die fordert für die große Zahl der Solo-Selbständigen des Wirtschaftszweigs auch Marcus Pohl, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft (isdv): "Die Pandemie hat gezeigt, dass es einer Absicherung bedarf, die auch Selbständigen gerecht wird. Die Grundsicherung ist dafür jedenfalls nicht geeignet. Die Absicherung der Selbständigen ist im Koalitionsvertrag der neuen Regierung genannt. Ich erwarte dazu nun eine starke Einbeziehung der Verbände der Selbständigen in den Dialog der Regierung, damit zukünftig die Ausgestaltung zur Arbeitswirklichkeit der Selbständigen passt." Die Soloselbständigen hätten pro Monat etwa 1000 Euro Unterdeckung, weswegen sie alle ihre Altersvorsorge aufgeben würden.

Extrem betroffen von den Auswirkungen der Infektionsschutzverordnungen ist auch die Messewirtschaft. Henning Könicke, geschäftsführender Vorsitzender des Fachverbands Messen und Ausstellungen (fama) betont: "Die Messewirtschaft hat sich erstmalig im letzten Jahr auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt. Durch die sich immer schneller verändernden Vorgaben des Gesetzgebers ist uns jedoch jegliche Planungsgrundlage entzogen. Messeveranstalter und Dienstleister stehen nach wie vor alleine vor der gigantischen Aufgabe, ein stabiles Frühjahr 2022 zu planen - ohne jegliche belastbare Perspektive."

Könicke sprach von einem Umsatzverlust von 50 Milliarden Euro, darin enthalten seien sieben Milliarden Euro Steuern, die dem Bund nun fehlen würden. Er betonte auch, dass der Schaden nicht von der Pandemie, sondern von den Maßnahmen kämen. "Der Sonderfonds ist für uns ein Rohkrepierer." Auch er sieht eine um sich greifende Perspektivlosigkeit. So habe er vor Kurzem bereits von einer Messeabsage für den Januar 2023 erfahren, weil die Veranstalter davon ausgingen, dass die Corona-Wellen künftig jeden Winter kämen und man in den Wintermonaten deswegen keine Messen mehr ausrichten könne.

Doch nicht nur die Privatwirtschaft, sondern auch die von öffentlichen Haushalten abhängigen Veranstaltungshallen, Arenen und Spielstätten befinden sich infolge der Dauer der Krise am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Dazu sagt Timo Feuerbach, Geschäftsführer des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC): "Die neue Bundesregierung muss den Ankündigungen im Koalitionsvertrag, die kommunalen Finanzen zu stärken, Taten folgen lassen. Die Veranstaltungsstätten sind insbesondere beim klimagerechten Ausbau Ihrer Infrastruktur auf handlungsfähige Städte und Gemeinden angewiesen."

In Europa sei die Lage sehr unterschiedlich, ein einheitliches Bild gebe es nicht, erläuterte Feuerbach als Vertreter eines europäisch auifgestellten Verbands. In Großbritannien habe man nach dem Freedom Day, als auch Massenveranstaltungen für 70.000 Menschen wieder möglich waren, gesehen, dass viele Fachkräfte und Crew-Mitarbeiter fehlten.

Seit Beginn der Krise ebenso wieder soeben in der vierten Welle sind die Musikclubs und LiebeMusik-Spielstätten von allen Schließungsmaßnahmen an allererster Stelle betroffen. Axel Ballreich, Erster Vorsitzender der Live Musik Kommission, des Verbands der Musikspielstätten in Deutschland (Livekomm) fordert daher: "Live Clubs und Musikspielstätten sind in der nunmehr vierten Welle ein weiteres Mal, man könnte fast sagen, immer noch geschlossen. Der Vertrauensverlust bei den Besuchern wird durch jede neue Verschiebung von Konzerten und Absagen von Partys immer größer. Das Geschäftsmodell Live Musik an sich wird damit zunehmend in Frage gestellt. Wir brauchen dringend einen 'Marshall-Plan' für die Veranstaltungswirtschaft, wenn unserer mittelfristig so gebeutelten Branche wieder auf die Beine geholfen werden soll."

Ballreich bezifferte die Umsatzrückgänge bei den von ihm überblickten Bereich mit 80 bis 100 Prozent. Auch befürchtet er, dass im ersten Halbjahr 2022 noch keine großen Tourneen stattfinden können. Derzeit würden im Vorverkauf eh nur Superstars funktionieren, andere aktuelle Tourneen seien derzeit "Ladenhüter", so Ballreich, der sich für ein Überbrückungsgeld IV starkmacht, das dann die auslaufenden Hilfsprogramme für Hygiene- oder Digitalisierungsmaßnahmen ablöse. Zumal würden die bestehenden Hilfsprogramme nicht den Unternehmerlohn kompensieren. "Eine Zeit, wie wir sie 2018 und 2019 im Livebereich erlebt habe, ist in ganz, ganz weite Ferne gerückt. Es wird einige Jahre Aufbauarbeit brauchen."

Um wieder in einen zielführenden Dialog zu kommen und Lösungen für die Branche im Detail zu diskutieren, fordern die Vertreter des Forums Veranstaltungswirtschaft eine:n ständigen Ansprechpartner:in für die Veranstaltungswirtschaft im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. "Vor über einem Jahr hat der jetzige Bundesminister Habeck einen '10 Punkte-Plan zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft' vorgelegt. Nun ist er in der Position, den Plan in die Tat umzusetzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger erwarten wir nun von unserem neuen Wirtschaftsminister", so Feuerbach abschließend.