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Blitzumfrage Corona: "Die sinnlosen Verbote müssen endlich ein Ende haben"

Angesichts steigender Inzidenzen haben Bund und Länder die Corona-Regeln verschärft. MusikWoche fragte die Veranstaltungswirtschaft, wie sie die Entwicklung beurteilt und welche Konsequenzen für die Branche zu befürchten sind.

16.12.2021 09:56 • von Dietmar Schwenger
Fordert ein Verbot der "sinnlosen Verbote": Marek Lieberberg (Live Nation) (Bild: Live Nation)

Angesichts steigender Inzidenzen haben Bund und Länder die Corona-Regeln verschärft. MusikWoche fragte die Veranstaltungswirtschaft, wie sie die Entwicklung beurteilt und welche Konsequenzen für die Branche zu befürchten sind.

Marek Lieberberg, CEO Live Nation GSA: Die Live-Musikbranche büßt für eine verfehlte, gescheiterte Corona-Politik, die seit fast zwei Jahren planlos von einem Verbot in die nächste Beschränkung taumelt. Wir haben von Anfang an ein Sonderopfer erbracht, uns gesetzeskonform verhalten, Impf- und Maskenpflicht befürwortet und werden de facto dennoch nicht anders als Verweigerer behandelt. Die sinnlosen, kollektiven Beschränkungen und Verbote müssen endlich ein Ende haben. Stattdessen erwarten wir eine sofortige, dauerhafte und verlässliche Öffnung der Spielstätten unter vernünftigen Bedingungen. Deutschland darf die moderne Kultur nicht länger zum Sündenbock von Fehleinschätzungen und Kompetenz-Wirrwarr machen, zumal erwiesen ist, dass Kulturveranstaltungen mit Regeln keine Infektionstreiber sind.

Marc Seemann, Director Strategy & Busindess Development DreamHaus: Einerseits ist es selbstverständlich, dass wir uns an den bestehenden behördlichen Vorgaben orientieren. Andererseits schmerzt es natürlich sehr zu sehen, wie eine gesamte Branche aktuell wieder beinahe zum Stillstand kommt.Eine fehlende einheitliche Regelung erschwert jegliche Planung leider umso mehr. Da Lamentieren uns jedoch aktuell nicht weiterbringt, bleiben wir positiv, nehmen die aktuelle Situation so an, wie sie ist und planen weiter für ein erfolgreiches 2022.

Peter Schwenkow, CEO DEAG: Die unterschiedlichen Restriktionen von Bundesland zu Bundesland in Deutschland verhindern eine realistische Tourneeplanung und in vielen Fällen Gastspiele und Konzerte überhaupt. Nur ein Beispiel: in Regensburg gilt die 2G+ Regelung, Testungen können tagesaktuell nur in Apotheken und wenigen städtischen Testzentren vorgenommen werden, die aber alle sonn- und feiertags geschlossen haben. Wenn das Event sonntags oder an den Festtagen geplant ist - was nun? Gott sei Dank haben wir wesentlich intelligentere Auflagen in UK, Spanien, Dänemark, Irland und Frankreich, wo unser Geschäft planmäßig läuft.

Jan Mewes, Geschäftsführer Mewes Entertainment Group: Fakt ist, dass die Pandemie die Livebranche weiterhin den Atem hält. Seit 20 Monaten geben wir alles, damit unsere Veranstaltungen sicher für alle Beteiligten stattfinden können. Die aktuellen Restriktionen werfen uns da wieder sehr weit zurück und machen es finanziell unmöglich Konzerte stattfinden zu lassen. Durch diverse Konzertverlegungen und -absagen haben wir ohnehin schon das Vertrauen vieler Konzertbesucher verloren. In Hinblick auf die auslaufende Gutschein-Regelung ist eine Steigerung der Nothilfe die einzige Möglichkeit, die Branche am Leben zu halten!

Christian Doll, Geschäftsführer C² Concerts: In Baden-Württemberg hat die »unglückliche Kommunikationspolitik der Landesregierung« am vergangenen Wochenende für große Verunsicherung bei den Kunden gesorgt: 2G+ mit Testpflicht für alle, dann eine Ausnahme für den Booster, dann am Sonntag doch noch Ausnahmen für alle Voll-immunisierten. Auf diesem Stand und der Kapazitätsbeschränkung auf 750 Personen nun kann man ja sowieso nur noch bestimmte Formate durchführen, aber natürlich ist der Großteil aller Veranstaltungen schon abgesagt oder erneut verschoben worden. Und natürlich haben wir vor allem das Flickenteppich-Problem: da in jedem Bundesland andere Regelungen gelten, sind Tourneen wieder unmöglich geworden. Aktuell sieht es auch danach aus, dass neben dem Winter auch das Frühjahr stark in Mitleidenschaft gezogen werden wird oder auch fast ganz ausfallen wird.

Andreas Walser & Ludwig Welte, Extratours Konzertbüro: Wir stehen einmal mehr mit den aktuellen Corona-Restriktionen vor einer ungewissen Zukunft ohne Perspektive. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mit Beginn des Spätsommers bereits freiwillig auf eine 2G-Regelung gesetzt, so auch wir bei vielen Tourneen; uns wurde seitens der Politik mehrfach eine 2G-Regelung als Mindeststandard vermittelt, um auch Tourneen im Herbst/Winter sicher durchführen zu können, leider entpuppte sich dies nun einmal mehr als Ente. Viele Shows und Tourneen wurden mit den neuen Corona-Restriktionen einmal mehr einkassiert und mussten erneut verlegt oder abgesagt werden. Konzerte und Tourneen mit Kapazitätseinschränkungen sind schlicht nicht wirtschaftlich. Wir stehen einmal mehr mit dem Schaden und ohne Planungsperspektive da.

Michael Bisping, Geschäftsführer a.s.s. concerts & promotion: 2G gab uns nach einem ständigen Hin- und Her mit Wahlmöglichkeiten zwischen 2G und 3G, verknüpft mit den unterschiedlichsten Maßnahmen in den Locations, endlich wieder Planungssicherheit. Aber mit der Option 2G+ ist diese auch schon wieder dahin. Wenn der Flickenteppich an Regelungen in den Ländern also weiter besteht, sind Tourneen einfach nicht durchführbar. Wir fürchten auch, dass das Organisieren eines tagesaktuellen Tests für viele eine zu große Hürde darstellt, neue Tickets zu kaufen oder spontan Konzerte zu besuchen. Ich will dabei nicht in Abrede stellen, dass dies der einzig sichere Weg ist, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, aber neben der Gastronomie sind die Konzertveranstalter erneut am stärksten betroffen.

Christian W, Geschäftsführer Hotellounge: Natürlich ist das schwierig und macht für den kommerziellen Veranstalter natürlich Probleme in der Finanzierung einer Show. Wirtschaftlich ist das dann bei Weitem nicht mehr. Aber es muss getan werden, was getan werden muss. Die Pandemie ist nun mal da.

Michael Löffler, Geschäftsführer Target Concerts: Obwohl die aktuelle Situation für uns als Tournee- und Konzertveranstalter extrem frustrierend ist, können wir absolut nachvollziehen, dass erneute Kontaktbeschränkungen notwendig sind, um unsere Intensivstationen und unsere medizinische Infrastruktur vor dem Kollaps zu bewahren. Es ist auch für uns nachvollziehbar, dass man zuerst bei Freizeit und Kultur einen Cut macht, um Kontakte einzuschränken, allerdings ärgern wir Kulturschaffende uns sehr darüber, dass wir angeblich ein Pandemietreiber sein sollen, denn im Gegenzug zu vielen anderen haben wir funktionierende und kontrollierbare Hygienekonzepte sowohl in unseren Clubs als auch in unseren Konzerthallen. Es ist billig und absolut unfair, die Kultur so zu brandmarken. Vielleicht sollten die Entscheidungsträger in der Politik mal darüber nachdenken, welchen nur schwer zu reparierenden Schaden sie mit diesen leichtfertigen Anschuldigungen in der Kulturbranche anrichten.

Christian Vadillo-Bilda, Geschäftsführer x-why-z Konzert¬agentur: Unabhängig von den verschiedenen Regelungen in den einzelnen Bundesländern, die eine Tourneeplanung im Prinzip unmöglich machen, stellen weder 3G mit Kapazitätsbegrenzung noch 2G beziehungsweise 2G+ für unsere Veranstaltungen unter finanziellen Gesichtspunkten eine Option dar. Wir haben daher bereits früh¬zeitig, mit den Agenten und Managern der jeweiligen Künstler, den »Worst Case« durchgespielt und ¬entschieden, dass, wenn Indoor-Konzerte ohne größere Restriktionen nicht durchführbar sind, die Tourneen ein weiteres Mal verlegt werden.

Christian Gerlach, Geschäftsführer Neuland Concerts: Für die Live-Entertainment-Branche geht seit ein paar Wochen wieder alles von vorne los. Die Themen bleiben die gleichen: Wir benötigen immer noch Planbarkeit, Rechtssicherheit und eine Fortsetzung der Corona-Hilfen. Es ist frustrierend für die gesamte Branche, dass wir zum zweiten Mal in Folge die Unsicherheiten und Restriktionen in das nächste Jahr mitnehmen werden. Umso wichtiger ist es, dass wir trotz aller Ermüdungserscheinungen beharrlich am Ball bleiben und unsere Probleme sowie den Bedarf an weiteren Hilfen artikulieren.

Michael Schacke, Geschäftsführer Undercover: Hilfreich wären mehr Vorlauf beziehungsweise eine längerfristige Planungssicherheit. Die aktuellen Restriktionen (Stand 8. Dezember) für Niedersachsen sind erneut unklar. Wir haben die Besuchersicherheit und -zufriedenheit stets im Fokus - Verordnungen, die veröffentlicht werden und gleichzeitig in Kraft treten, seriös umzusetzen, ist ein Kraftakt. Meine Geduld mit der Politik und mit Menschen, die sich nicht impfen lassen, obwohl sie könnten, ist dem Ende deutlich näher als noch vor 20 Monaten.

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Die Lage ist niederschmetternd und besorgniserregend. Man fühlt sich unweigerlich an den Herbst 2020 erinnert. Die gerade aufkeimende Euphorie wurde im Keim erstickt, es gibt weder Planungssicherheit noch Perspektive. Und man fragt sich unweigerlich, ob hier von politischer Seite wirklich vorausschauend agiert wurde und alle notwendigen Maßnahmen ergriffen wurden, um ein solches Szenario zu verhindern. Wenn es so weitergeht, dann kann dieser "Kulturlockdown" erheblich verheerender für die Branche sein als der aus dem letzten Jahr.