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Jörg Hahn über die ersten 30 Jahre optimal media

Jörg Hahn hat die Geschichte von optimal media über nunmehr 30 Jahre mit geprägt. Im Gespräch mit MusikWoche wirft der Geschäftsführer einen Blick auf die Entwicklung des Unternehmens und Wachstumschancen, aber auch auf Problemfelder.

13.12.2021 11:08 • von
Packt mit an: Unter der Leitung von Jörg Hahn setzte optimal media unter dem Motto »Junge Riesen für die nächsten 100 Jahre« ein Aufforstungsprojekt auf, das helfen soll, den CO2-Abdruck zum Beispiel in der CD- und LP-Produktion klimaneutral zu gestalten. (Bild: optimal)

Jörg Hahn hat die Geschichte von optimal media über nunmehr 30 Jahre mit geprägt. Im Gespräch mit MusikWoche wirft der Geschäftsführer einen Blick auf die Entwicklung des Unternehmens und Wachstumschancen, aber auch auf Problemfelder.

MusikWoche: Vinyl-Granulat und die Grundstoffe für CDs und deren Hüllen sind knapp. Haben Sie so etwas in dieser Art schon einmal erlebt?

Jörg Hahn: Nein. Das habe ich in den vergangenen 30 Jahren, in denen ich nun auch schon in der Medienindustrie tätig bin, so definitiv noch nicht erlebt.

MusikWoche: War diese Entwicklung absehbar?

Jörg Hahn: Dass diese Lage so einmal eintreten könnte, das hat sich niemand auch nur annähernd vorstellen können. Als ein Kind der neuen Bundesländer kenne ich das nur aus den Zeiten noch vor der Wende: Damals waren derartige Situationen an der Tagesordnung. Insofern ist es für mich nach mehr als 30 Jahren ein kleines Déjà-vu, dass nun Lieferketten zu reißen drohen, oder die Ressourcen bei den Rohstoffen in der Fertigung extrem knapp sind und kontingentiert werden müssen.

MusikWoche: Hatten Sie schon Ausfälle in der Produktion zu beklagen?

Jörg Hahn: Nein, bei uns ist noch nichts ausgefallen. Wir haben entsprechend disponiert und - wie das vermutlich alle anderen am Markt auch getan haben - versucht, unsere Bestände hochzufahren.

MusikWoche: In welchem Bereich ist die Situation am schlimmsten?

Jörg Hahn: Abgesehen von Vinyl-Granulat und Polycarbonat haben wir es, weil wir auch im Druckereigeschäft engagiert sind, im Papiermarkt aktuell mit einer Extremsituation zu tun. Bei den holzfrei gestrichenen Grafikpapieren, Pappen für die Buchdecken, Karton für Medienverpackungen und Kartonagen für Umverpackungen haben wir mit einer schwierigen Liefersituationen zu kämpfen. Hier nehmen die Papierfabriken zwar Bestellungen an, können dann aber erst in acht bis zwölf Wochen liefern.

_____»Wir sind von Haus aus Optimisten.« Jörg Hahn, optimal media

MusikWoche: Sehen Sie denn Licht am Ende des Tunnels, oder wird die Situation eher noch schlimmer?

Jörg Hahn: Nun ja. Weil wir von Haus aus Optimisten sind, hoffen wir, dass sich die Lage alsbald relativieren, also bessern wird. Das signalisieren uns auch etliche Lieferanten. Aber: In diesem Jahr wird das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr heller, und auch nicht zu Beginn des neuen Jahres. Bis sich die Situation einigermaßen normalisiert hat, sind wir wohl über das Frühjahr hinaus. Es bleibt also extrem schwierig.

MusikWoche: Lässt sich eine Schreckensliste aufstellen?

Jörg Hahn: Wenn man so eine Reihenfolge aufstellen will, geht es zunächst um Papier, dann um Graupappe, zum Beispiel für Buchdecken, Karton für unsere Medienverpackungen, die wir selbst herstellen, dann Kartonagen für Umkartons, gleichauf mit den unzureichenden Verfügbarkeiten bei PVC und Polycarbonat. Bei den letztgenannten beiden Rohstoffen sind uns bis dato größere Überraschungen bei den Materialverfügbarkeiten aufgrund bestehender Lieferverträge erspart geblieben. Hier sind wir im Grunde auf der sicheren Seite - mal abgesehen davon, dass die Preise für diese und alle anderen Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe derzeit nur eine Richtung kennen.

MusikWoche: Nach oben?

Jörg Hahn: Genau. Aber die Frage, was es kostet, stellt sich zumeist gar nicht mehr. Vielmehr geht es darum, überhaupt etwas zu bekommen.

MusikWoche: Lassen sich die Preissteigerungen überhaupt noch weitergeben an die Kunden?

Jörg Hahn: Als sorgsam agierende Kaufleute tun wir, was nötig ist. Preissteigerungen in einer solchen Größenordnung, wie wir sie seit Anfang des Jahres erleben, haben wir so zuvor noch nie erlebt. Deshalb sind wir gezwungen, die erhöhten Aufwendungen teils auch an die Kunden durchzureichen. Größtenteils gelingt uns das. In einigen Fällen aber, wo das Preismarketing unseres Wettbewerbs immer noch eine große Rolle spielt - zum Beispiel in einigen Segmenten im Printbereich - gelingt es weniger gut.

MusikWoche: Knappe Materialien und steigende Preise sind aber nicht Ihre einzige Baustelle. Vielmehr bauen Sie derzeit auch tatsächlich am Standort Röbel. Was entsteht denn da?

Jörg Hahn: Wir sind über die vergangenen 30 Jahre stets aus eigener Kraft gewachsen, ohne große Zukäufe oder Übernahmen. So ist es derzeit auch wieder: Wir investieren in die Schallplattenfertigung, erweitern und automatisieren hier. Darüber hinaus bauen wir ein neues Hochregallager und erweitern unsere Logistikkapazitäten.

MusikWoche: Wie sieht das im Bereich Vinyl konkret aus?

Jörg Hahn: Wir investieren in die Medienversorgung, schaffen mehr Fläche und Platz für weitere Maschinenkapazitäten, vor allem aber erhöhen wir den Automationsgrad im Handling und der Assemblierung. Mit der schwarzen Scheibe ist das Gesamtprodukt schließlich noch nicht verkaufsfertig. Und je mehr Schallplatten man im Tagesgeschäft fertigt, desto mehr stellt sich natürlich auch die Frage nach einem automatisierten Workflow, einhergehend mit entsprechender Produktivitätssteigerung bei der Konfektionierung und dem Versand.

MusikWoche: Ist es dann Ihr Ziel, dass nicht mehr Mitarbeiter*innen mit weißen Handschuhen die schwarzen Scheiben in die Innentasche und dann in die Außenhülle schieben? Geht das überhaupt vollautomatisch?

Jörg Hahn: Das Zielfoto ist es schon, die Prozesse nach der Replikation weitestgehend zu automatisieren, ja. Der Fall, den Sie gerade beschrieben haben, dass sich also Mitarbeitende mit weißen Handschuhen die Schallplatten noch einmal anschauen, bevor sie sie dann eintaschen, wird bei hochwertigen Boxen oder High-End-Auflagen ganz sicher auch weiterhin zu beobachten sein. Allerdings nicht in der Größenordnung wie es derzeit noch praktiziert wird. Aktuell konfektionieren wir noch einen Großteil der Vinyl-Produktion händisch ins Cover. Das wird sich ändern.

MusikWoche: Setzen Sie auf neue Maschinen wie von Pheenix Alpha, oder suchen Sie noch nach gebrauchten Toolex-Pressen?

Jörg Hahn: Wenn wir investieren, investieren wir in neue Maschinen. Die Zeiten, in der wir alte Maschinen einem Refit unterzogen haben, sind im Grunde passé. Wir investieren heute in Kapazitätserweiterungen mit neuen Anlagen.

MusikWoche: Können Sie das in Zahlen fassen?

Jörg Hahn: Wir haben heute bereits eine Kapazität von rund 40 Millionen Vinyl-Schallplatten im Jahr. Die nutzen wir aufgrund der hohen Nachfrage bis auf wenige schwächer besetzte Schichten an den Wochenenden im rollierenden 24/7-System voll aus. In den kommenden beiden Jahren werden wir diese Kapazitäten um einen guten prozentual zweistelligen Anteil erhöhen.

MusikWoche: Und in der Logistik setzen Sie auf wachsende Lagerflächen?

Jörg Hahn: Ja. Wir haben im Logistikbereich in den zurückliegenden Monaten für uns interessante Kundenakquisitionen getätigt und Kooperationsverträge geschlossen, die uns helfen werden, das Geschäft im Bereich der physischen Distribution auf Jahre hinaus zu sichern.

MusikWoche: Geht es dabei weiterhin um Entertainment oder auch um andere Produktkategorien?

Jörg Hahn: Wir fühlen uns auch künftig der Medienindustrie im engeren wie im weiteren Sinne verbunden. Konkret geht es auch hier um Medien- und Entertainment-Produkte, da bleiben wir unserer strategischen Ausrichtung treu. Das, was wir seit nunmehr 30 Jahren als Dienstleister der Medienindustrie unseren Kunden bieten, das wird auch weiterhin unser Credo bleiben.

MusikWoche: Was kommt alles neu hinzu?

Jörg Hahn: Es wird auf rund 14.000 Quadratmetern einen neuen großen Versandbereich geben, ein weiteres, fünftes Hochregallager hier am Standort und eine Art Aktionshalle für Kampagnen und Großprojekte unserer Logistikkunden im B2B- und B2C-Segment. Seit dem Frühjahr bauen wir daran. Die Fertigstellung der einzelnen Bauabschnitte sind für das Frühjahr und den Sommer/Herbst 2022 geplant.

MusikWoche: Was kann man sich unter Kampagnen- und Aktionsware vorstellen?

Jörg Hahn: Dabei geht es zum Beispiel um das Handling von Großmengen, das Zusammenstellen spezieller Produkt-Bundles, Veröffentlichungskampagnen unserer Kunden, die Bestückung und taggleiche Aussendung von Displays in NTO-Segmenten.

MusikWoche: Also für den Fall eines weiteren Abba-Albums?

Jörg Hahn: Ja, zum Beispiel. Bei der VÖ des neuen Abba-Albums waren wir allerdings »nur« in der Logistik engagiert.

MusikWoche: Aber muss man dafür gleich neu bauen, würde es nicht vielleicht auch reichen, eine CD- oder DVD-Fertigungsstraße einzumotten und die Fläche umzuwidmen?

Jörg Hahn: Nein. CD, DVD und BD sind ein ganz anderer Bereich. Gut, hier sind keine steigenden Zahlen zu beobachten, aber eben auch kein Sinkflug mehr, wie wir ihn noch vor ein paar Jahren zu verzeichnen und wegzustecken hatten. Wir haben unsere Konsolidierung in diesem Bereich längst abgeschlossen, verzeichnen aktuell in der Entwicklung lediglich noch eine Seitwärtsbewegung. Ergo planen wir derzeit auch nicht mit einer weiteren Konsolidierung. Unsere Botschaft an unsere Kunden ist hier eher die, dass wir auch in absehbarer Zukunft an der digitalen Datenträgerfertigung festhalten werden, ganz im Sinne einer »Last Man Standing«-Strategie, solange diese Medien noch nachgefragt werden und es für uns wirtschaftlich Sinn macht. Aktuell erwirtschaften wir mit dem Bereich der digitalen Datenträger immerhin noch mehr als ein Viertel unserer Gesamterlöse.

_____»Unser Kerngeschäft, das sind, das waren und das werden auch weiterhin die physischen Medien bleiben.« Jörg Hahn, optimal media.

MusikWoche: Neulich war ich beim Reeperbahn Festival, und dort, beim Schnacken, ging es einmal unter anderem darum, dass sich Edel-CEO Jonas Haentjes doch eigentlich jedesmal freuen dürfte, wenn er die Zahlen von optimal media und Kontor New Media sieht. Würden Sie das so unterschreiben?

Jörg Hahn: Ja, ganz sicher. Was dabei aber durchaus interessant ist, ist die Tatsache, dass unsere Schwestergesellschaft Kontor New Media ihre Umsätze und Ergebnisbeiträge im Bereich der nicht-physischen Distribution von Medieninhalten generiert - und damit sehr erfolgreich ist. Auch optimal ist im Markt gut etabliert und wirtschaftlich erfolgreich. Aber unser Kerngeschäft, das sind, das waren und das werden auch weiterhin die physischen Medien bleiben. Beide Segmente unter dem Konzerndach eines unabhängigen Mittelständlers vereint zu sehen - darauf kann die Haentjes-Familie in der Tat stolz und über die aktuellen Entwicklungen und wirtschaftlichen Erfolge sehr erfreut sein. Und - da bin ich mir ganz sicher - sie und die gesamte Belegschaft sind es auch, weil eben auch alle anderen Labels der Edel-Gruppe vom Wandel zu Strea­ming und Vinyl profitieren.

MusikWoche: Bei Kontor New Media dürfte man in der Corona-Pandemie relativ einfach ins Home Office ausweichen können. Das dürfte bei Ihnen mit mehr als 750 Mitarbeiter*innen in der Fertigung vergleichsweise schwierig sein. Was bedeutet das für Ihr Haus?

Jörg Hahn: Ja, das ist in der Tat ein schwieriges Thema. Im Bereich der Verwaltung funktioniert das auch bei optimal media, aber Produktion und Logistik kann man nun einmal nicht nach Hause verlagern. Das ist nicht machbar. Insofern sehen wir der aktuellen Entwicklung bei den Inzidenzen mit Sorge entgegen.

MusikWoche: Was können Sie konkret tun?

Jörg Hahn: Wir versuchen im Umgang mit Corona hier unser Bestes. Mit Präventions- und Hygienemaßnahmen, aber auch, indem wir relativ schnell das Umfeld scannen, wenn es Verdachtsfälle im Unternehmen gibt, was man bei unserer Größe schlicht nicht ausschließen kann. Diese Pandemie ist, neben den fragilen Lieferketten und steigenden Rohstoff- und Energiepreisen, für uns als Dienstleister durchaus eine ernst zu nehmende Gefahr wenn man den Servicegedanken aufrechterhalten will.

Umso weniger aber verstehe ich, warum man in den zurückliegenden Monaten trotz Warnungen der Wissenschaftler politisch so lange gezögert und der prognostizierten Vierten Welle nicht schon viel früher etwas entgegengesetzt hat. Erst war Wahlkampf, dann Findungsphase, dann Koalitionsverhandlungen und jetzt haben wir 3G am Arbeitsplatz. Für mich ein Unding, dass man über Monate den Datenschutz über den Gesundheitsschutz der Bevölkerung gestellt hat. Völliges Unverständnis, warum der Arbeitgeber bislang Impfstatus und Genesenenstatus bei den Mitarbeiter*innen nicht abfragen durfte, es aber jeder Gastwirt konnte, zu dem man ins Restaurant wollte. Jetzt macht der Druck der sich rasant ausbreitenden Infektionen es plötzlich doch möglich. 3G am Arbeitsplatz halte ich persönlich für einen guten Ansatz, allerdings kümmern wir uns als Arbeitgeber nicht nur um die Kontrolle, sondern auch um die täglichen Testmöglichkeiten der Testpflichtigen vor jeder Schicht. Denn aufgrund der politischen Fehlentscheidung, die Testzentren zu dezimieren, indem zunächst die Kostenpflicht bei den Bürgertests eingefordert wurde, gibt es hier in unserer ländlichen Region ein völlig unzureichendes Netz an öffentlichen Testzentren, das weder kapazitiv noch von den Öffnungszeiten her geeignet wäre, jedem Mitarbeitenden täglich einen Test vor Schichtbeginn zu ermöglichen - unabhängig davon, dass auch wir als optimal weiter den Mitarbeitenden zwei Tests pro Woche kostenfrei anbieten. Für die Organisation hatten wir dabei ganze drei Tage Zeit. Purer Aktionismus seitens der politisch dafür Verantwortlichen, die sich nicht vorstellen können, was es bedeutet, wenn da am Sonntagabend, 22:00 Uhr, Mitarbeitende vor dem Werkstor stehen und umgehend getestet werden müssen, weil es weit und breit keine andere Möglichkeit gibt. Aber lassen Sie uns das Thema wechseln, sonst referiere ich hier noch stundenlang darüber, dabei geht es doch um unseren Geburtstag.

________133 Blauwale: In den zwölf Monaten bis Ende September 2021, zugleich das abgelaufene Geschäftsjahr des Unternehmens, entsprach das Gesamtgewicht der aus Röbel versandten Produkte und Waren dem Gegenwert von 3300 Elefanten oder 133 Blauwalen - rund 20.000 Tonnen. Im Mitarbeiterrestaurant wurden im Laufe des jüngsten Fiskaljahres derweil rund 30.000 Brötchen und 15.000 gekochte Eier verzehrt, 10.000 Backwaren wie Croissants oder Brezeln sowie rund 3900 Stück Kuchen. Dazu gab es für die Mitarbeiter*innen zusammen rund 138.000 Tassen oder Becher Kaffee.

MusikWoche: Gern. Schauen wir bitte einmal auf den Wettbewerb unter den Duplizierern. Da fiel mir bei Gesprächen bei der letzten Making-Vinyl-Konferenz in Berlin auf, dass es beinahe so etwas wie einen stillschweigenden Konsens zu geben scheint, wenn es um Bemühungen geht, das Geschäft möglichst grüner und sauberer über die Bühne zu bringen. Sehen Sie das auch so?

Jörg Hahn: Ja, eindeutig. Letzten Endes wird das ganz maßgeblich von den Nachfragen und Anforderungen getrieben, die die Kunden an uns stellen. Denn wenn der Markt und die Kunden das nicht einfordern würden, dann käme so ein Thema auch bei uns nur langsamer in Fahrt. Hier muss es weiter die Impulse von außen und den Druck aus dem Markt geben. Letztlich ist es der Kunde, der das einfordert, dann aber auch bereit sein muss, dafür zu zahlen - wir sehen da eindeutig einen positiven Trend in Richtung umweltverträglicher und klimaneutraler Produktion.

MusikWoche: Wenn Sie jetzt vom Kunden sprechen, meinen Sie dann das Label oder doch eher die Käufer*innen im Fachgeschäft?

Jörg Hahn: In letzter Konsequenz sind es die Konsumenten, die fragen, ob denn diese LPs immer noch in Folie eingeschweißt sein müssen, warum man kein recyceltes Material verwendet oder einen offenen Karton mit Banderole anstelle eines hoch veredelten Produktes nutzt. Die Stimmen der Kund*innen, die heute bewusster kaufen als noch in der Vergangenheit, kommen beim Label an. Dort entdeckt man dann, dass sich diese Entwicklung auch mit Blick auf das Marketing und die PR gut verkaufen lässt, und so landet das Thema dann übers Label wieder bei uns.

MusikWoche: Merken Sie das denn bei den Bestelleingängen zum Beispiel für das Re-Vinyl, das Sie vor gut einem Jahr erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt haben?

Jörg Hahn: Ja, ganz klar. Wir fertigen Re-Vinyl-Platten, bei denen der Kunde bewusst dem Umweltgedanken den Vorzug gibt und auf recyceltes Material setzt, längst in interessanter Größenordnung. Gleiches gilt für den Bereich Karton und Papier, wo wir schon längst sehr viel mit FSC-zertifizierten Materialien arbeiten. Zudem verzichten wir zunehmend auf Folien, die wir zum Beispiel durch Papierbanderolen ersetzen. Um die von Labelkunden nachgefragte CO2-Neutralstellung zu erreichen, arbeiten wir mit entsprechenden Organisationen zusammen. Darüber hinaus haben wir ein Klimaprojekt gestartet, bei dem man sich regional an einer Naturschutzmaßnahme beteiligen kann, dem Umbau eines durch Monokultur geprägten Kiefernwalds zu einem resistenten Laubmischwald im Naturpark Nossentiner/ Schwinzer Heide hier bei uns am Standort Röbel. Da gibt es schon einige Entwicklungen zu beobachten, die dem Umweltgedanken Rechnung tragen - nicht nur beim Vinyl, auch bei digitalen Datenträgern. Gleiches registrieren wir auch im Logistikgeschäft und insbesondere im Printbereich.

MusikWoche: Im Logistikbereich stelle ich mir das schwierig vor. Da dürfte doch der Diesellaster noch ganz schön lang durch die Landschaft rollen, bis irgendwann einmal die Transportdrohnen übernehmen, oder?

Jörg Hahn: Ja, der LKW fährt wohl noch lang durch die Gegend. Aber wie oft er fährt, und ob man eine Bestellung über zwei CDs, die man heute aufgibt, morgen haben muss, oder nicht doch lieber über zwei Tage sammelt und dann den Laster mit einer aggregierten Sendung nur einmal fahren lässt? Klar: Noch gibt es die Transportdrohnen nicht, da haben Sie schon recht. Aber es zeichnet sich eine Bewusstseinsänderung bei den Kunden ab, die wir schon jetzt bemerken - und das ist durchaus erfreulich. Denn die Inflation der Durchlaufzeiten im Versandhandel produziert viel CO2 und entsprechende Fußabdrücke, die eigentlich genau gegen den Trend zur Nachhaltigkeit laufen. Das kann man nicht bloß auf die Medienindustrie beziehen, sondern vielmehr auf das allgemeine Käuferverhalten.

MusikWoche: Kommen wir zur Standortfrage: Wie viel Röbel steckt in optimal media, oder, anders gefragt, wäre das von Ihnen geleitete Unternehmen auch anderswo so oder zumindest so ähnlich denkbar?

Jörg Hahn: Theoretisch ja. Letztendlich aber ist die Entscheidung 1990 für Röbel und die Region hier an der Müritz gefallen. Und natürlich wird das Unternehmen geprägt von seinen Mitarbeiter*innen, die bei uns zum allergrößten Teil aus einem Umkreis von rund 35 Kilometern kommen, und somit aus Mecklenburg-Vorpommern, dem am dünnsten besiedelten Bundesland der Republik. Von daher prägen die Mitarbeiter das Unternehmen, zugleich aber sorgt der Standort auch für einen relativ stabilen Personalstand: Und wir können auf gut ausgebildete Mitarbeiter*innen bauen, was für uns immer ein großer Standortvorteil war. Das hält bis heute an: Unsere Mitarbeiter*innen sind uns gegenüber loyal, und wir versuchen, ein guter Arbeitgeber zu sein - das befruchtet sich gegenseitig. Insofern glaube ich, dass der Standort in gewisser Weise auch ein Alleinstellungsmerkmal ist. Gerade für uns als Dienstleister, der schnell auf Entwicklungen und Markterfordernisse reagieren können muss, sind Zuverlässigkeit, Flexibilität, Einfallsreichtum und der stets hohe Anspruch an uns selbst von immenser Wichtigkeit. Und da ziehen die Kolleginnen und Kollegen hier nach wie vor mit. Das wäre uns vermutlich nicht so gut gelungen, wenn wir zum Beispiel in einem der großen Industriezentren angesiedelt wären. Ich glaube schon, dass uns das auszeichnet.

MusikWoche: Gibt es auch Einschränkungen?

Jörg Hahn: Nun, Röbel liegt nun einmal nicht am Nabel von Deutschland oder gar von Westeuropa. So ist es zum Beispiel, wenn ich an die Logistik denke, durchaus ein Wermutstropfen, wenn unsere beladenen LKWs die Rampen hier zwischen 17.00 Uhr und 18.00 Uhr verlassen haben müssen, um noch rechtzeitig die Logistik-Hubs der großen Speditionsunternehmen und Paketdienstleister zu erreichen, damit die Waren wiederum von deren Verteilpunkten am nächsten Morgen weiter ausgeliefert werden können. Diesen Vorteil haben andere Logistiker, die zentraler liegen.

MusikWoche: Wenn nun optimal media als großer Mittelständler in Mecklenburg-Vorpommern Jubiläum feiert, schreibt dann Ministerpräsidentin Manuela Schwesig eine Glückwunschkarte?

Jörg Hahn: Wir sind durchaus stolz auf das, was wir hier aufgebaut haben: optimal media ist für eine Region, in der nur wenig Industrie ansässig ist, schon ein kleiner Leuchtturm. Ob der aber bis in die Landeshauptstadt Schwerin zu unserer alten und inzwischen auch neuen Ministerpräsidentin strahlt, da wäre ich mir nicht so sicher. Auch hier war man in den vergangenen Wochen bekanntlich schwer mit Wahlkampf, Sondierungsgesprächen und Koalitionsverhandlungen beschäftigt.

MusikWoche: Ein firmeninternes Glühweintrinken dürfte angesichts der Corona-Entwicklung derzeit eher schwierig werden, was genau planen Sie zum Jubiläum?

Jörg Hahn: Nein, große Events wird es nicht geben. Es gab auch schon im vergangenen Jahr keine Weihnachtsfeier, kein Familienfest, keine Sportevents oder was wir sonst früher regelmäßig so veranstaltet haben. Das aber werden wir nachholen, das verspreche ich meinen Mitarbeiter*innen leider immer wieder aufs Neue. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir haben aber in diesem unserem Jubiläumsjahr immer wieder kleinere Aktionen, verteilt über die Monate, für die Mitarbeiter*innen initiiert. Und nach außen hin gewähren wir Interessierten über die sozialen Netzwerke regelmäßig Einblicke in die Firmengeschichte der vergangenen 30 Jahre.

MusikWoche: Kommen wir zum Ausblick auf die nächsten 30 Jahre: Sehen Sie dann immer noch physische Produkte als Ihr Kerngeschäft im Bereich Entertainment?

Jörg Hahn: Ich gehe sicher davon aus, dass der nicht-physische Anteil weiter zulegen wird. Das sehen wir von Jahr zu Jahr. Aber dennoch, und obwohl ich nicht weiß, ob es noch einmal 30 Jahre werden, bin ich fest davon überzeugt, dass wir kurz- und vor allem mittelfristig noch viel Freude am Geschäft sowohl mit den digitalen als auch mit den analogen Tonträgern haben werden - ganz besonders beim Vinyl. Deshalb fahren wir in diesem Bereich auch unsere »Last Man Standing«-Strategie.

MusikWoche: Und wie sieht es beim bedruckten Papier aus?

Jörg Hahn: Wir stellen als Verlagsdruckerei viele Bücher und Magazine her, Periodika, Kunstdruckbücher, Bildbände und vieles mehr. Wie sich das alles entwickeln wird, wissen wir nicht genau. Aber auch hier glaube ich, dass der physische Markt nach wir vor und auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben wird. Wenn es aber doch einmal ein anderes Medium geben sollte, dann - das verspreche ich Ihnen - wird uns etwas Entsprechendes einfallen und das Glück des Tüchtigen mit uns sein. Ich bin sehr optimistisch, dass uns das mit unseren motivierten, gut ausgebildeten und flexiblen Mitarbeiter*innen gelingen wird. ?

_____zur Person

Jörg Hahn leitet optimal »bereits so lange, wie es das Unternehmen gibt«, wie Edel-Unternehmensgründer Michael Haentjes vor ein paar Jahren im Gespräch mit MusikWoche sagte. »Er war der erste Mitarbeiter dort.« Tatsächlich kam der Diplom-Ingenieur für Automatisierungstechnik schon im Dezember 1990 zur heutigen optimal media. In seiner Zeit als Projektleiter verantwortete er zunächst den Aufbau und die Inbetriebnahme des neuen Werks in Röbel an der Müritz. Anschließend übernahm er die Produktionsleitung, wechselte 1993 in die Geschäftsleitung und fungiert seit 1995 als Geschäftsführer des Unternehmens.

Interview: Knut Schlinger