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Mirca Lotz und Jakob Döring über Vielfalt in der Club- und Festivalkultur

In der Diversity-Reihe von Musik­Woche sprechen Mirca Lotz von Safe The Dance und Jakob Döring von der Fachstelle Pop über ihren Awareness-Leitfaden für Besucher*innen und Veranstalter*innen.

24.11.2021 09:55 • von Jonas Kiß
Haben einen Awareness-Leitfaden für Clubs aufgestellt: Jakob Döring und Mirca Lotz (Bild: MusikWoche)

In der Diversity-Reihe von Musik­Woche sprechen Mirca Lotz von Safe The Dance und Jakob Döring von der Feierwerk Fachstelle Pop über ihren Awareness-Leitfaden für Besucher*innen und Veranstalter*innen. Zudem erklären sie, warum es sichere und vielfältige Umgebungen in der Club- und Festivalkultur braucht.

_Warum ist das Thema ­Awareness in den vergangenen Jahren in der Club­szene wichtiger geworden?

Mirca Lotz: Das Thema war schon immer präsent, weil es schon immer Grenzverletzungen und Diskriminierung gab. Aber langsam sind wir an einen Punkt gekommen, wo wir das nicht mehr akzeptieren. Bewegungen wie Black Lives Matter oder MeToo zeigen, dass die Gesamtgesellschaft durch diese Strukturen beeinflusst wird. Dadurch hat sich herauskristallisiert, dass in den kleinen Mikrokosmen der Clubs auch schon lange etwas falsch läuft. Das hat das Beispiel R. Kelly gezeigt, der endlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich glaube, dass nun in diesem Bereich mehr Offenheit da ist, und man nicht mehr alles abblockt, sondern sich eingesteht: Auch wir haben Probleme, auch wir sind von Rassismus, Diskriminierung und Sexismus betroffen. Wir nehmen es aber nicht mehr hin, sondern versuchen dafür zu sorgen, dass es für alle besser wird.

Jakob Döring: Ich glaube, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, und das Bewusstsein hier gestiegen ist. Aber es ist eben wichtig, dass man in den ganzen Teilbereichen - und Popkultur und Veranstaltungen bilden so einen Teilbereich - in den jeweils spezifischen Umgebungen thematisiert, was die Probleme und größten Baustellen sind, die man sich anschauen muss, um sie gemeinsam besser zu machen. Clubkultur und Nachtleben haben sich oft als Gegenkultur zur normalen Gesellschaft aufgestellt, und lange hat man gesagt, dass es zwar in der Gesellschaft Rassismus gibt, aber die Gegenkultur eine ganz andere Herangehensweise hat. Das hat auch gestimmt, es gab viele Subkulturen, die viel sensibler waren für Themen wie Rassismus oder Sexismus. Aber auch wenn in der Szene viele Ideale vorherrschen, gibt es trotzdem ganz viele Baustellen und die gleichen Probleme wie in der Gesellschaft, auch wenn sie sich manchmal abgemildert oder versteckter darstellen. Man dachte, man wäre in diesem Umfeld ein Vorreiter in der Gesellschaft, aber man muss sich trotzdem nochmal unvoreingenommen anschauen, was man noch besser machen kann.

"ALLE VERSCHIEDENEN MERKMALE, ÜBER DIE MAN DISKRIMINIERT WERDEN KANN, MÜSSEN MITGEDACHT WERDEN" - Jakob Döring

_Im Dezember 2019 gab es im Conne Island in Leipzig, einem linken Club, der sich wahrscheinlich auch als Safe Space bezeichnen würde, eine Vergewaltigung während eines Konzerts von HGich.T. In den Medien war das kein großes Thema. Glauben Sie, dass es hier noch mehr mediale Aufmerksamkeit braucht?

Mirca Lotz: Ich glaube, es braucht überall Aufmerksamkeit, um zu sehen, dass ein Problem vorhanden ist. Wenn ich keine Probleme sehe, dann kann ich auch nichts ändern. Man muss Menschen aufmerksam machen und selbst sensibler für die Themen werden, die nicht nur mich betreffen, sondern alle Menschen und deren unterschiedliche Problematiken. Wir haben zum Beispiel Fortschritte im Feminismus gemacht und reden jetzt viel über Gleichstellung, aber immer nur über Gleichstellung von weißen Cis-Frauen. Somit fallen Trans und nicht binäre Menschen, People of Colour oder Menschen mit Behinderung schon wieder raus.

Jakob Döring: Alle verschiedenen Merkmale, über die man diskriminiert werden kann, müssen mitgedacht werden. Man muss sich aus der eigenen Perspektive heraus bewegen und in andere Perspektiven rein, um dann auch mehr zu sehen und vor allem zuzuhören, was denn die Problemstellungen überhaupt sind. Die meisten von uns würden gern jetzt schon in einer sehr achtsamen und super inklusiven Gesellschaft leben, aber es ist leider noch nicht so. Wir müssen also viel tiefer reinhören, was wirklich die Problemstellungen sind, damit wir sie mit effektiven Tools gemeinsam angehen können. Mirca Lotz: Das hat auch damit zu tun, dass man seine Privilegien abgeben muss oder sich selbst zurückstellen. Das macht keiner gern. Man lebt sein Leben und ist sich dieser Privilegien gar nicht bewusst. Wenn man unverdienterweise mehr Privilegien als andere Menschen hat, sollte man überlegen: Was kann ich tun, damit ich das wieder ein bisschen mehr gleichstelle, und welchen Schritt kann ich dafür tun.

_Sie haben einen Awareness-Leitfaden für Clubs gemacht, der sich an Mitarbeiter*innen, Besucher*innen und Helfer*innen wendet, die geschult werden sollen. Wie soll das konkret umgesetzt werden?

Mirca Lotz: Das kommt natürlich immer darauf an, was für Kapazitäten oder Ressourcen die jeweiligen Gruppen bereitstellen können. Der Leitfaden ist erst einmal dafür da, um sich selber in Frage zu stellen und um Bewusstsein zu schaffen, was man in den Blick nehmen muss. Von da aus kann man entweder mit einer Organisation wie uns zusammenarbeiten, oder man macht selber ein paar erste Schritte, um sich klar zu machen, wo man überhaupt anfangen kann. Viele Leute fangen erst gar nicht an aus Angst, etwas falsch zu machen. Wenn man den Leitfaden liest, merkt man, dass dort lauter Dinge stehen, über die man noch nie nachgedacht hat. Bei vielen Sachen ist es etwa so, dass Abläufe nicht klar sind: Was passiert, wenn etwas passiert? Wer reagiert, und wie wird reagiert? Im besten Fall hat man ein Awareness-Team. Wie darf das dann handeln? Darf das Team Hausverbot erteilen? Ganz oft kollabiert das System, weil die Awareness-Teams nicht handlungsfähig sind. Zwischen Tür, CvD und Awareness-Team ist oft nicht klar, wer was zu sagen hat.

Jakob Döring: Der Leitfaden ist ein Impuls und zeigt erste Schritte. Es ist wichtig im Team darüber zu reden und zu schauen, wie man überhaupt da steht. Eine mitarbeitende Person im Team muss zunächst den Mut haben, solche Themen anzusprechen. Wir zeigen Baustellen, über die man sich Gedanken machen müsste. Wenn der Prozess dann einmal gestartet ist, stellen sich automatisch ganz viele Fragen. Man kann die Probleme wahrscheinlich nie ganz abstellen, aber sollte möglichst Strukturen schaffen, damit wenig passiert. Und das Wenige, was passiert, könnte dann schnell und gut behandelt werden. Man kann nie verhindern, dass blöde Sachen passieren, aber dann sollten eben die Abläufe und Strukturen da sein, um zu wissen, wie man damit umgeht.

_Wie war das Feedback der Clubs und Veranstalter*innen auf Safe The Dance und den Awareness-Leitfaden?

Jakob Döring: Man hat gemerkt, dass ein Informationsbedarf vorhanden ist, und Hilfe gern angenommen wird - vielleicht noch nicht immer von der ganzen Firma, aber von einzelnen, und die tragen das wiederum weiter. Sinn der Sache ist, dass man erstmal Multiplikatoren findet, die das dann in die Breite tragen. Idealerweise geschieht das von Clubs und Konzertlocations heraus in die ganze Breite der Gesellschaft. Dadurch, dass viele Leute auf Konzerte und in Clubs gehen - wenn nicht gerade Pandemie ist - ist das natürlich auch ein guter Multiplikator, da man Themen, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind, dort gut vorleben kann. Clubs und Kulturorte waren immer schon da, um zu experimentieren, wie man es besser machen könnte. Wenn die Pandemie abflaut, ist der Kopf bei den Veranstalter*innen hoffentlich frei für diese Themen. Die Lust und die Offenheit sind auf jeden Fall schon da.

Mirca Lotz: Wir haben dieses Jahr einen kostenlosen Code of Conduct veröffentlicht, zu dem wir sehr viel positives Feedback bekommen haben, auch von Gäst*innen. Menschen mit Behinderung haben etwa ­berichtet, dass sie sich willkommen gefühlt haben, weil es übersichtlich alle Infos zur Barrierefreiheit gab. Wir haben auch einen Digital Code of Conduct für Online-Events erstellt, weil wir gemerkt haben, dass auch dort leider noch sehr viel falsch läuft.

_Was läuft bei Onlineveranstaltungen falsch?

Mirca Lotz: Ganz klassisch: Jemand wird misgendert, oder jemand reißt den ganzen Raum an sich und hört nicht auf zu reden. Das geschieht leider relativ häufig. Es passieren ganz viele kleine Sachen, so dass sich Leute in dem Onlineraum nicht wohlfühlen. Dann werden sie immer leiser und sagen irgendwann gar nichts mehr.

Jakob Döring: Oder sie gehen dann raus, weil sie sich nicht gesehen fühlen. Und das ist im realen Leben ja auch so. Man wurde in einem Club diskriminiert, es wurde nicht darauf reagiert, und dann besucht man den Club nicht mehr. Es sind also online die gleichen Themen. Jemand nimmt vielleicht mehr Raum ein, als ihm eigentlich zusteht, und andere bleiben dann lieber weg. Langfristig bleibt es also nicht ein Raum für alle, sondern nur für einige.

_Warum ist es so wichtig, dass die Veranstalter*innen darauf hinweisen, dass die Location barrierefrei ist und dass es dort kostenlosen oder günstigen Gehörschutz gibt?

Mirca Lotz: Viele Menschen mit Behinderung haben mir erzählt, dass es schlimm für sie ist, wenn solche Informationen nirgendwo stehen. Wenn man barrierefreie Orte hat, bringt es nichts, solange man das nicht auch kommuniziert. Wenn ich etwa nicht weiß, ob mein Assistenzhund mit darf, oder ob meine Begleitperson mitkommen kann. Bei Festivals stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es einen Shuttlebus für Rollstuhl-Fahrer*innen gibt. Bei unseren letzten Festivals haben wir gemerkt, dass wir auf einmal deutlich mehr Rollstuhlfahrer*innen als sonst dabei hatten, nachdem wir die Informationen zur Barrierefreiheit vorab auf unsere Website gestellt hatten. Oft wird kein kostenloser oder günstiger Gehörschutz ausgegeben, dabei kenne ich so viele Menschen, die in der Musikindustrie arbeiten, die einen Hörsturz hatten. Das sollte Standard sein und auch im Interesse aller. Billie Eilish hat zum Beispiel in ihrem Rider stehen, dass die Dezibel-Zahl eine bestimmte Höhe nicht übersteigen darf, als Schutz für die jungen Konzertbesucher*innen. Wir haben gerade einen Diversity Rider für Artists erstellt, er kann Teil des Vertrags zwischen Künstler*innen und Venues werden und kann von Awareness und Safer Space Policies zu Dezibelbeschränkung oder eine alkoholfreie Veranstaltung alles beinhalten, was einem wichtig ist. Dabei können Punkte verpflichtend oder optional als Anregung vorgesehen werden.

Jakob Döring: Gerade was Line-ups angeht, ist dieser Diversity Rider superwichtig. Viele haben Lust, etwas zu ändern, es dauert aber lange. Es ist also total sinnvoll, dass auch von der Künstler*innenseite etwas kommt, was den ganzen Prozess beschleunigen kann. Wenn eine bekannte Künstlerin sagt: »Ich will, dass das Line-up nicht rein männlich ist. Ich will, dass auch im Produktionsbereich nicht nur männliche Techniker sind«, dann setzt sich das schneller durch, weil auch die Veranstalter*innen ganz klar sehen, dass sie das machen müssen, weil sie sonst auch nicht die Künstlerin buchen können.

_Sie versuchen also, von allen Seiten, bei Veranstalter*innen, Besucher*innen und Künstler*innen, Bewusstsein zu schaffen?

Mirca Lotz: Ja, es ist sehr wichtig, dass alle gleichzeitig an diesem Thema schrauben. Wenn nur eine Seite versucht, etwas zu ändern, dann wird es schwierig sein, Prozesse in Gang zu bringen.

"ES GIBT ABER NOCH JEDE MENGE HANDLUNGSBEDARF" - Mirca Lotz

_Wo gab es in den vergangenen Jahren negative Entwicklungen, und wo gab es positive Veränderungen?

Mirca Lotz: Generell würde ich sagen, dass es sich ins Positive entwickelt, aber eben sehr langsam. Wenn jetzt sehr viel sexualisierte Gewalt gegen Frauen und FLINTA auffliegt und geahndet wird, ist es zum Beispiel gut, dass dort endlich Konsequenzen gezogen werden. Es gibt aber noch jede Menge Handlungsbedarf. Wenn man sich zum Beispiel Panels anschaut, sitzen dort zwar inzwischen Männer und Frauen, aber meistens sind es weiße Menschen. Menschen mit mehrfacher Marginalisierung sieht man nicht. Und auch da müssen wir schauen. Viele Veranstaltende haben die Information zur Barrierefreiheit auf ihrer Webseite stehen, aber haben nicht darüber nachgedacht, dass sie auch jemanden im Rollstuhl auf der Bühne haben könnten, und dann ist keine Rampe zur Bühne da. Das ist ein klassisches Beispiel. Ich glaube, das Weiterdenken fehlt noch. Keychange, MeToo oder Black Lives Matter haben geholfen, das zu verankern, und zu schauen, dass es aktuell bleibt, aber so richtig ist es noch nicht bei allen angekommen.

Interview: Jonas Kiss

_zur Person

Die Diplom-Soziologin Mirca Lotz hat die Agentur Safe the Dance 2020 mitgegründet und ist mit ihrer Kreativagentur als Veranstalterin und Kuratorin tätig. Der Fokus liegt dabei auf interdisziplinären Formaten und besonderen Veranstaltungsorten; Interaktion und Partizipation sind stets zentrale Elemente.

2017 hat sie das erste internationale FLINTA+ (Frauen, Lesben, Inter, Non Binary, Trans & Agender) Showcase Festival & Konferenz »We Make Waves« organisiert und seit 2017 ist sie als »Music Innovator« im internationalen Keychange-Projekt. Zudem hat sie 2018 das bayerische Netzwerk für FLINTA+ in der Musik »musicBYwomen*« mitgegründet und ist seit 2019 im Board der Music Women* Germany.

Sie hält regelmäßig international Vorträge und Workshops unter anderem zu Thema Gender Equality, Safe(r) Spaces, Awareness und Diversity in der Musikindustrie. 2021 hat sie »Network The Networks« ins Leben gerufen, ein dezentrales Netzwerktreffen sowie eine Plattform für alle FLINTA+-Netzwerke, -Kollektive und -Aktivistinnen.

_zur Person

Jakob Döring ist seit Ende 2020 der stellvertretende Leiter der Feierwerk Fachstelle Pop. Er kümmert sich um die Bereiche Förderung, Vernetzung und Interessenvertretung und verantwortet zusammen mit seiner Kollegin Alessa Patzer unter anderem die Koordinierung des Fachtages »Awareness & Diversity«. Hinzu kommen die vielfältigen regulären Angebote der Fachstelle Pop wie Beratung & Informationen für die Szene oder Workshop-, Netzwerk- und Förderprogramme. Daneben ist Jakob Döring auch seit vielen Jahren als Veranstalter, DJ und Produzent (Schlachthof Bronx) im Münchner Nachtleben unterwegs. Das Eintreten für mehr Freiräume in und für die Sub- und Clubkultur waren ihm dabei schon immer ein Anliegen.

Fachtag »Awareness & Diversity« am 27. Mai 2022 im Feierwerk

Der Fachtag »Awareness & Diversity« findet am 27. Mai 2022 in den Räumen des Feierwerks in der Hansastraße 39 in München statt. Er richtet sich an Veranstaltende, Venue-Mitarbeitende, Mitarbeitende der Jugendarbeit und alle, die sich für ein besseres Miteinander interessieren und aktiv daran arbeiten wollen. Immer mehr Veranstalter*innen arbeiten daran, dass ihre Orte zu »Safer Spaces« werden.

Für den Fachtag »Awareness & Diversity« haben die Feierwerk Fachstelle Pop und die Agentur Safe The Dance Informationen, Tools und »Best Practice«-Ansätze zusammengetragen. Diese sollen Veranstaltenden und Venue-Mitarbeitenden dabei helfen, Handlungsstrategien zu entwickeln, um auf übergriffiges und diskriminierendes Verhalten adäquat zu reagieren beziehungsweise es im besten Fall zu vermeiden.

In Workshops, Panels und Trainings gibt es Input zu Themen wie diversitätsbewusster und diskriminierungskritischer Kommunikation, Bystander und Allyship Training sowie zu Inklusion auf Events. Städtische Akteurinnen und Akteure kommen zu Wort, und es werden Aspekte wie Rassismus, Critical Whiteness sowie Privilegien behandelt. Der multiperspektivische, intersektionale und interdisziplinäre Blick der Vortragenden und Workshopleiter*innen ist die beste Voraussetzung für eine detaillierte Aufarbeitung dieses Themas und die Ausarbeitung vielschichtiger individueller Handlungsempfehlungen für Veranstaltungen oder Orte in München und darüber hinaus.