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Musicals und Shows trommeln für den Neubeginn

Auch der Bereich Musicals, Shows und Family Entertainment läuft nur langsam ­wieder an. MusikWoche wollte von ausgewählten Unternehmen wissen, wie es in dem Segment aussieht und ob vor allem ältere Zielgruppen sich noch zurückhalten.

22.11.2021 15:19 • von Dietmar Schwenger
Ist wieder in Berlin zu sehen: die Blue Man Group (Bild: Lindsey Best)

Auch der Bereich Musicals, Shows und Family Entertainment läuft nur langsam ­wieder an. MusikWoche wollte von ausgewählten Unternehmen wissen, wie es in dem Segment aussieht und ob vor allem ältere Zielgruppen sich noch zurückhalten.

"Wir sehen derzeit nur eine Zurückhaltung im Klassikgeschäft, wobei die Ausnahme Anna Netrebko, die hervorragend verkauft, die Regel bestätigt". sagt Peter Schwenkow, CEO DEAG. "Unsere Shows - von 'Riverdance' über die Chippendales bis zu 'Simply The Best', den Prinzen, Till Brönner bis zu zehn Christmas Garden-Events alleine in Deutschland - verzeichnen überproportionale Verkaufszahlen." Auch wegen der verschobenen Tourneen unter anderem von Iron Maiden, Kiss, Böhse Onkelz, Limp Bizkit und Judas Priest erwartet der Livekonzern im Jahr 2022 eines der besten Geschäftsjahre der Firmengeschichte. "Natürlich spielen da auch unsere hervorragenden Verkäufe in Großbritannien, der Schweiz, Irland, Dänemark, Spanien und Frankreich eine Rolle."

Neuland betreten hat Dominique Casimir von BMG jüngst mit dem Musical "Ku'damm 56", einer Gemeinschaftsproduktion mit UFA Fiction. "Obgleich mit einjähriger Verspätung, aber wir starten ja gerade erst! Mit 'Ku'damm 56 - Das Musical' heben wir das erste Mal in unserer Unternehmensgeschichte einen Stoff auf die Musicalbühne. Wir sind sehr zufrieden mit dem Vorverkaufsstart und optimistisch, dass sich der Markt auch 2022 weiter erholen wird. Die Menschen haben einfach große Lust auf Bühnenshows."

Seit Jahrzehnten im Musicalgeschäft tätig ist Ralf Kokemüller. Der CEO & Produzent von Mehr-BB Entertainment berichtet indes von aktuellen Herausforderungen: "Die Planungen für unsere Tourneen von 'Berlin Berlin', der 'Rocky Horror Show' oder der 'Schönen und das Biest' gestalten sich komplizierter als sonst, weil wir deutschlandweit, normalerweise sogar in der ganzen DACH-Region spielen. Dadurch, dass die Corona-Schutzverordnungen von Bundesland zu Bundesland variieren und man auch noch mit sehr gut gebuchten Spielstätten verhandelt, waren die Planungen für 2021/22 dieses Mal besonders herausfordernd." Aber auch das habe man gemeistert, derzeit freue man sich im Hause Mehr-BB auf die anstehenden Tourneestarts. "Unser Ziel ist es, dass wir bis April 2022 alle aus 2020/21 verschobenen Tourneen wieder auf der Bühne haben. In Bochum bei 'Starlight Express', aber auch in Hamburg bei 'Harry Potter und das verwunschene Kind' sind die Planungen einfacher, wenn man in diesen Zeiten von 'einfach' sprechen kann. Wir befinden uns in einem Bundesland und haben eine für uns gültige Corona-Schutzverordnung, hinzu kommt, dass wir in unseren eigenen Häusern spielen."

Zögern ist Ausnahme

Übergreifend könne das Unternehmen bei den Ticketkäufen "glücklicherweise nur in Ausnahmefällen" ein Zögern erkennen. Bei 'Starlight Express' lägen die Ticketverkäufe zum Beispiel sogar über dem Vergleichszeitraum 2019. "Wir setzen viel Hoffnung in das Flexticket, welches eine Umbuchung bis zu 48 Stunden vor Vorstellungsbeginn ohne Angaben von Gründen ermöglicht. Damit geben wir unseren Gästen das Mehr an Flexibilität, was die aktuelle Zeit vielleicht noch erfordert. Das schafft Vertrauen und macht Lust auf den nächsten Theaterbesuch." Kokemüller hat zudem noch einige Neuigkeiten in petto: "Mit der Bekanntgabe der deutschsprachigen Erstaufführung von 'Moulin Rouge! Das Musical' im Herbst 2022 im Musical Dome Köln haben wir eine der größten Premieren des kommenden Jahres in Planung. Unsere Prognose für 2022 ist also sehr optimistisch. Das Live-Erlebnis, Theaterbesuche, gemeinsame Erlebnisse - all das ist in den letzten Monaten viel zu kurz gekommen. Wir als Kreative und Produzenten haben Nachholbedarf und unser Publikum hoffentlich auch."

Vorverkauf im Wandel

Von einem veränderten Kaufverhalten berichtet indes Hendrik Siebel, Head of Sales bei Hot Productions Germany, der Produktionsfirma der Eislauf-Show "Holiday On Ice": "Das Durchschnittsalter unser Kunden liegt aktuell bei 46 Jahren. Unsere älteren Zielgruppen setzen beim Ticketerwerb verstärkt auf Vorverkaufsstellten vor Ort, doch auch hier sehen wir nun vermehrt Buchungen über Onlinekanäle." Darüber hinaus würden diese Zielgruppen den Besuch von "Holiday On Ice" als organisierte Busreisen präferieren. "Auch wenn dieser Vertriebskanal durch das zwischenzeitliche Verbot von Busfahrten und die geringe Planungssicherheit für längere Zeit ausgesetzt war, konnten wir nun feststellen, dass dieser bei älteren Gästen so beliebte Busbereich mittlerweile fast wieder auf dem Niveau von vor zwei Jahren ist - das freut uns natürlich sehr, und wir werden diese Option auch weiterhin anbieten." Im Bereich der Vorverkaufsstellen gebe es eklatante Veränderungen, so Siebel weiter. "Die meisten Vorverkaufsstellen waren lange geschlossen und wir wissen, dass der persönliche Kontakt und die direkte Mitnahme von Eintrittskarten für viele unserer älteren Kunden wichtig ist. Erfreulich ist, dass nicht nur die Buchungszahlen allgemein gerade in den letzten Wochen stark gestiegen sind, sondern auch der Verkauf über Vorverkaufstellen wieder deutlich anzieht. Wir rechnen jedoch in dieser Saison auch mit sehr kurzfristigen Käufen."

Das durch die Pandemie gewandelte Kaufverhalten will Oliver Forster, Geschäftsführer COFO, nicht an einer Zielgruppe festmachen: "Wir haben generell das Gefühl, dass sich alle Zielgruppen derzeit bei Ticketkäufen noch sehr zurückhalten. Durch das allgemeine Vorverkaufsstellen-Sterben haben es aber ältere Menschen generell schwerer, ihre Ticketkäufe zu tätigen, da sie nicht im gleichen Maße online einkaufen wie jüngere Zielgruppen." Nun gehe es langsam aber in die "heiße Phase", und das Passauer Unternehmen hofft "genauso wie sicher alle anderen Veranstalter sehr, dass sich die Vorverkäufe in der Vorweihnachtszeit deutlich verbessern werden. Denn in dieser Zeit passiert eigentlich unser Hauptgeschäft an Ticketumsätzen für unsere Konzerte, Musicals und Shows." Forster ist allerdings klar: "Das wird allerdings auch weiterhin sehr stark von den Infektionszahlen und den eventuell damit verbundenen Einschränkungen beeinflusst werden. Es gibt einfach diese allgemeine Restverunsicherung im Moment - nicht unbedingt die Angst, sich anzustecken, sondern dass die Termine wieder verschoben werden, man die Tickets wieder nicht einlösen kann, in Gutscheine umtauschen muss und so weiter." Veranstaltungen mit niedrigem Preisniveau hätten es leichter. Laut Forster würden hier Karten im Moment besser verkauft. "Diese Erfahrung machen wir aktuell durch die Bank bei unseren Ausstellungen, auf die wir auch 2022 und darüber hinaus verstärkt setzen werden. Gerade sind wir sehr erfolgreich mit 'The Mystery Of Banksy - A Genius Mind' in Mainz und Dresden sowie 'Van Gogh - The Immersive Experience' in Bremen gestartet; und auch bei Gunther von Hagens' 'Körperwelten' in Mülheim an der Ruhr ist der Besucherzulauf weiterhin enorm." Insgesamt freue man sich in Passau auf die neuen Aufgaben und Herausforderungen, die das Jahr 2022 mit sich bringen werde - "und auf die Zeit, in der unsere Besucher endlich wieder ohne Bedenken Liveveranstaltungen genießen können."

Steigende Absätze

Frank Serr, Geschäftsführer Frank Serr Showservice International, kann derweil wieder Licht am Ende des sehr langen Corona-Tunnels sehen: "Die Ticketverkäufe nehmen im Allgemeinen zu, wenn auch sehr kurzfristig. Unser Eindruck ist, dass es die Menschen in die Theater zieht, aber noch eine große Unsicherheit darüber herrscht, ob die Shows auch wirklich stattfinden können." Entsprechend würden Tickets daher meist erst kurz vor der Veranstaltung gekauft. "Wir können das auch nachvollziehen. Im letzten Jahr haben sich die Verordnungen und Regeln so häufig geändert, dass so mancher den Faden verloren und lieber ganz auf Kultur verzichtet hat, als sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen." Häufig seien bei den Käufern auch noch Tickets von verlegten Veranstaltungen vorhanden, die erst einmal "abgearbeitet" werden müssten, bevor neue gekauft würden. "Gerade ältere Menschen, mit erhöhtem Risiko, an Corona zu erkranken, sind natürlich vorsichtiger beim Ticketkauf. Wir sind sicher, dass klare, bundesweit einheitliche und beständige Regeln die Kulturlandschaft wiederbeleben können. Eine bundesweite Regelung ist gerade für uns als Tourneeveranstalter, der in allen Bundesländern gastiert, extrem wichtig." Die unterschiedlichen Regelungen würden die Arbeit, was Inszenierung, Choreographie, Hygienekonzepte auf und hinter der Bühne angeht fast unmöglich machen, so Serr weiter, der unter anderem mit "The Addams Family - Das Broadway Musical" bundesweit unterwegs ist. "Die 2G+ Regelung ist unseres Erachtens nach das richtige Instrument, um das Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen. Niemand wäre ausgeschlossen und alle Beteiligten hätten ein höchstes Maß an Sicherheit. Es ist auch unbedingt nötig, dass die Veranstaltungsbranche an einem Strang zieht und möglichst geschlossen auf eine Regelung setzt. Nur so können wir gemeinsam den Neustart ausrufen und das auch geschlossen kommunizieren." In der öffentlichen Wahrnehmung würde sich dann bald durchsetzen, dass der sorgenfreie Besuch von Veranstaltungen wieder möglich sei, hofft Serr. "Aber wir müssen uns beeilen! Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür. Wenn wir jetzt nicht reagieren, steht uns ein weiteres Jahr mit Einbußen bevor. Aber noch sehen wir positiv in die Zukunft und haben die Hoffnung, dass die bevorstehende Tournee von 'Hape Kerkelings Kein Pardon - Das Musical On Tour', die im Frühjahr 2022 startet, ein Erfolg wird. Die Zeichen stehen gut."

Stephan Jaekel, Director Communications Stage Entertainment, ist beeindruckt von der Dynamik, mit der die Besucher*innen sich wieder für die Musicals und Shows der Produktionsfirma interessieren, seit Stage Entertainment die Wiederaufnahme des Spielbetriebs bekannt gegeben hat. "In Berlin und Stuttgart hilft uns zudem sehr, dass wir dort unter 3G-Bedingungen wieder die volle Saal-Kapazität anbieten dürfen. In Hamburg, wo die Nachfrage besonders hoch ist, gilt aktuell unter 3G noch das Schachbrett - also 50 Prozent Auslastung. Auf unserer Homepage informieren wir tagesaktuell über die jeweils geltenden Bestimmungen." Allerdings stelle man nicht fest, dass ältere Zielgruppen zurückhaltender wären. "Das mag daran liegen, dass unser Gesamtspielplan deutschlandweit eine große inhaltliche Bandbreite abdeckt - von Disney-Klassikern wie 'Der König der Löwen' oder 'Aladdin' über 'Tina', einem Musical, das grandiose Musik mit einer einmaligen Lebensgeschichte verbindet, oder 'Tanz der Vampire', was längst zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musical avanciert ist, bis zu unserer Neuinszenierung von 'Wicked', die nicht nur alle Fans, sondern sogar internationale Produzenten begeistert hat und daher vielleicht bald von uns exportiert werden kann." Für 2022 sollen zudem die Deutschlandpremiere von Disneys "Die Eiskönigin" Anfang November in Hamburg und die Uraufführung von "Ku'Damm 56" Ende November in Berlin wichtige Ausrufezeichen setzen, "während Kenner des Genres sich jetzt schon auf die erste nicht englischsprachige Fassung des Megahits 'Hamilton' freuen, das im Herbst 2022 in Hamburg Premiere feiert. Allen Shows gemeinsam ist ihre hohe künstlerische Qualität. Dies endlich wieder live auf unseren Bühnen sehen, hören und mit allen Sinnen fühlen zu können, ist die Sehnsucht, die sich ganz offensichtlich bei Millionen Fans in den langen Pandemie-Monaten aufgebaut hat. Wir sind unendlich dankbar, wieder spielen zu dürfen!"

Ohne Einschränkungen

Andreas Schessl, Geschäftsführer Alegria Konzert/MünchenMusik, geht aktuell davon aus, dass Veranstaltungen im Jahr 2022 nach und nach ohne Einschränkungen stattfinden können, darunter auch die von Alegria ausgerichtete Tanzshow "Dancin' Hollywood": "Wir haben daher viele Veranstaltungen aus den Jahren 2020 und 2021 in das Jahr 2022 verschoben. Bereits erworbene Karten behalten ihre Gültigkeit und wir verzeichnen nur sehr wenige Rückgaben unserer Kunden." Jedoch seien die jeweils gültigen Bestimmungen in den vergangenen Monaten immer nur kurzfristig erlassen worden, so dass eine wirklich verlässliche Planungssicherheit nicht gegeben sei. "Das ist für uns höchst problematisch. Die Politik bemüht sich um Maßnahmen, die allen Umständen und Einflüssen gerecht werden, scheitert jedoch regelmäßig an der Praktikabilität. Schließlich bedarf es im Kulturbetrieb einer gewissen Vorlaufzeit für Planung, Vertragsabschlüsse, Ticketanlage und Vorverkauf. Wir freuen uns sehr, mit dem Beginn der Saison 2021/22 nach einer Pause von über 19 Monaten unseren Spielbetrieb wieder aufnehmen zu können und unser Publikum nun wieder im Konzertsaal begrüßen zu dürfen", so Schessl weiter. "Unsere ersten Konzerte seit Mitte Oktober lassen uns grundsätzlich optimistisch in die Zukunft blicken - auch was das Weihnachtsgeschäft und die Planungen für das kommende Jahr betrifft. Wenngleich bei Teilen des Publikums derzeit noch eine Zurückhaltung spürbar ist, wird das Vertrauen nach und nach zurückkommen." Die Konzerte, die Schessl mit MünchenMusik anbietet, werden bis auf Weiteres nach der 3G+-Regelung durchgeführt. "Grundsätzlich betrachten wir es als Aufgabe, das kulturelle Angebot allen zugänglich zu machen und zu erhalten. Unter Abwägung der derzeit anwendbaren Möglichkeiten stellt die 3G+-Regelung für uns einen entscheidenden Schritt dar. Sie hilft, allen Beteiligten - Künstlern und Publikum - ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten."

Corona-ausverkauft

Bei Marcell und Tiffany Gödde, Inhaber Cocomico Theater, läuft der Betrieb seit Anfang August 2021 wieder. Seitdem habe man bis Ende Oktober 2021 bereits an die 70 Shows durchführen können, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. "Es wurden viele aus 2020 verschobene Auftritte mit Ticketverkäufen noch aus dem Vorjahr gespielt, diese auch mit in der Spitze jeweils bis zu knapp 2000 ZuschauerInnen, zum Beispiel im Tempodrom in Berlin und der Samsung Hall in Zürich." Die meisten Auftritte seien allerdings wesentlich kleiner gespielt worden - in der Regel mit durch Corona-Beschränkungen verursachten Kapazitäten zwischen 150 und 500 Zuschauern. "Diese waren so gut wie alle 'Corona-ausverkauft', wie wir das nennen, das heißt die verkaufbaren Kapazitäten waren voll, was aber immer mit Unterdeckungen einherging. Die allgemeine Kaufzurückhaltung nimmt gerade erst, seit etwa Anfang Oktober, ab, seitdem es mehr oder weniger verbindliche Aussagen zur 3G- und/oder 2G-Regelungen gibt." In vielen Regionen sei die Nachfrage nach den vom Cocomico Theater angebotenen Familien-Musicals nun wieder enorm hoch, darunter West- und Nord-Deutschland und die Schweiz. In anderen Regionen sei die Nachfrage aber immer noch extrem zurückhaltend. Als Beispiele nennen die Produzenten Mittel-, Ost- und Süddeutschland sowie Österreich. "Im Durchschnitt realisieren nur rund ein Viertel der vor Corona gewohnten Kundschaft die Käufe dann auch tatsächlich. Die Situation wird bis Mitte 2022 weiter so ernsthaft schwierig bleiben, da müssen wir eisenhart durchhalten und auch künftig damit arbeiten." Die Herausforderungen seien und blieben extrem und jeden Tag nahezu unbewältigbar, die Widerstandsfähigkeitsgrenze mit höchst flexiblem Anpassungsgebot werde nach dem nun fast 600. Krisentag jeden Tag aufs Neue erreicht und überschritten. "Trotzdem muss es weiter gehen, auch nach einem eindreiviertel Jahr ohne Einkommen mit allen Pflichten und Kosten, und das wird auch noch lange so bleiben, bis die aufgebrauchten Kräfte jeden weiteren Tag aufs Neue mit gefühlt dreifachen Aufwand für gerade mal ein Drittel des wie vorher gewohnt Leistbaren mobilisiert werden müssen."