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Auf der Couch: EAV und "nicht nur anarchistisches ­Geblödel"

Bei seinem letzten Couch-Besuch hatte EAV-Gründer Thomas Spitzer ein Hintertürchen für eine etwaige Zukunft der Band offengelassen, die 2019 ihre Abschiedstour gespielt hat. Nun erscheint ein schräges Weihnachtsalbum, das seine Anfänge 1979 auf der Reeperbahn nahm.

12.11.2021 11:18 • von Dietmar Schwenger
Wieder zu Gast auf der MusikWoche-Couch: EAV-Gründer Thomas Spitzer (Bild: MusikWoche)

Bei seinem letzten Couch-Besuch hatte EAV-Gründer Thomas Spitzer 2019 ein Hintertürchen für eine etwaige Zukunft der Band offengelassen, die in dem Jahr ihre Abschiedstour gespielt hat. Nun erscheint ein schräges Weihnachtsalbum, das seine Anfänge 1979 auf der Reeperbahn nahm.

"Wir haben am Heiligabend 1979 eine denkwürdige Anarcho-Weihnachtsshow in einem Theater auf der Reeperbahn in St. Pauli gespielt, ganz in der Tradition von Stefan Webers Wiener Band Drahdiwaberl, ein absolutes Vorbild von mir", erzählt Thomas Spitzer vergnügt von den Anfangstagen der österreichischen Band Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV). Besonders detailliert erinnert sich der Texter und Komponist fast aller EAV-Songs, wie dann Zuhälter in Nerzmänteln und Reeperbahn-Nutten einen Großteil des Publikums gebildet hätten. "Ich treffe noch heute auf Leute, die mir erzählen, dass diese anarchische Polit-Show, an der Stefan Weber seine Freude gehabt hätte, das Geilste gewesen sei, das sie jemals von uns gesehen hätten."

1979 nahm die Band mit "Ich bin der geile Weihnachtsmann" zudem in einem Dortmunder Studio die erste Single der Band auf, die damals auf dem Indie-Label Pläne veröffentlicht wurde. 42 Jahre später erscheint nun ein lange geplantes Weihnachtsalbum der EAV, dessen Realisierung Thomas Spitzer in all den Jahren seit jener Show nie ganz aus den Augen verloren hatte. "Ich wollte unbedingt die Songs von der weihnachtlichen Reeperbahn-Revue aufnehmen, weil das damals einen so unglaublichen Spaß gemacht hat. Aber erst fehlte uns die Zeit, und als ich dann in den Jahren 2010 und 2011 einen Großteil der alten Songs endlich in meinem Studio in Kenia aufgenommen hatte, standen wir vor einem Problem: Denn unser Sänger Klaus Eberhartinger, der ja erst 1981 zur Band gestoßen war, fand keinen Zugang zu den alten Titeln, die ich für unseren damaligen Frontmann, den späteren STS-Sänger Gert Steinbäcker, geschrieben hatte."

Deswegen blieben die Songs, die laut Spitzer etwa 80 Prozent des nun erschienenen Albums ausmachen, für weitere zehn Jahre liegen. Erst nach dem letzten Konzert der EAV am 14. September 2019 und der Corona-Zwangspause ab März 2020 ergab sich die Gelegenheit, das Album doch noch umzusetzen.

"Ich rief einfach Gert an und fragte ihn, ob er mitachen wollte, und er war sofort dabei." Im Gespräch mit Spitzers 40 Jahre jüngerer Lebensgefährtin Nora ergab sich dann der Plan, auch aktuelle österreichische Künstler wie Christopher Seiler, Paul Pizzera oder die Band Turbobier für das Projekt zu gewinnen, wobei auch Klaus Eberhartinger neben Gert Steinbäcker, Willi Resetarits (Ostbahn Kurti) und den einstigen EAV-Mitgliedern Eik Breit und Mario Botazzi auf dem Album zu hören ist.

Einen Glücksgriff hatte Spitzer mit der steierischen Band Horst, die er als "EAV in jung und respektlos" bezeichnet. "Sie haben auch die neue Version des 'Geilen Weihnachtsmann' gesungen, in dem es jetzt um die Sex-Industrie geht. Das war Gert zu krass." Wie schon beim Abschiedsalbum der EAV, "Alles ist erlaubt" von2018, wirkt auf "Ihr Sünderlein kommet ..." zudem der junge österreichische Sänger Lemo mit, dessen Managerin Romy Reis das Album auf ihrem Label Gridmusic im Vertrieb von Universal Music veröffentlicht hat. "80 Prozent der Produktionskosten haben Nora und ich beigesteuert, Romy hat den Rest getragen. Die Stücke haben wir dann in einem Grazer Underground-Studio aufgenommen, als alle wegen Corona Zeit hatten."

Durch die neue Labelsituation hatte Spitzer, der mit seinen unbändigen Wortspielen und den unterhaltsamen Anzüglichkeiten nicht hinter dem Berg hält, völlige kreative Freiheit. "Ich habe mich schon damit abgefunden, dass man diese Sachen im Rundfunk nicht allzu oft hören wird", scherzt er und denkt dabei womöglich an Titel wie "Schlingel Bell", "Christkind verführen" oder "Oh du Gröhlige". "Aber nicht alles ist anarchistisches Geblödel, da sind auch ein paar ernste Sachen auf der Platte", betont Spitzer, der sich selber als 90-prozentigen Atheisten bezeichnet, als kleiner Junge aber Weihnachten geliebt habe.

So greift er auf dem Album auch das Thema sexualisierte Gewalt durch den Klerus an Kindern auf. "Mir war aber schon immer verdächtig, dass es da für 24 Stunden einen Weltfrieden geben soll. Das ist sicherlich gut gemeint, aber bekanntlich ist das Gegenteil von gut ja gut gemeint", weiß Spitzer. "So ein Weihnachtsalbum wie dieses hat 1979 gefehlt, und das tut es auch noch heute."

Neben der inhaltlichen Relevanz des Albums denkt der 68-Jährige aber auch an den Spaß, die ihm die Aufnahmen nach einer zweijährigen Studioabstinenz gemacht hätten. "Es war so eine unglaubliche Freude, mit frischen und begeisterungsfähigen Leuten zusammenzuarbeiten, die einem dann noch erzählen, dass ihr erstes Konzert eine Show von uns gewesen war."

Ob sich daraus doch noch eine Perspektive für die EAV ergeben könnte, lässt Spitzer offen, auch weil es noch viel Material in den Archiven gebe. "Wir haben alte Songs für zwei weitere EAV-Alben herumliegen, und mein eigenes Solomaterial würde für vier Platten reichen." Aber derzeit richtet sich sein Blick in die Gegenwart. "Die Aufarbeitung der Vergangenheit überlasse ich dann Nora, wenn ich irgendwann nicht mehr bin", sinniert er in bester österreichisch-moribunder Tradition.

"Ihr Sünderlein kommet ..." von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung ist am 5. November auf dem Label Gridmusic im Vertrieb von Universal Music erschienen.