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Christian Eichenberger im Interview: »Offenes Format für gemeinsames Ziel«

MusikWoche hat Christian Eichenberger, einen der Initiatoren der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, nach Entstehung, Resonanz und den dringlichsten Zielen der Veranstaltung befragt.

12.11.2021 11:55 • von Frank Medwedeff
Bekräftigt die Systemrelevanz der Veranstaltungswirtschaft für die Kulturnation und den "Exportweltmeister" Deutschland: Christian Eichenberger (Bild: Susanne Beimann)

MusikWoche hat Christian Eichenberger, einen der Initiatoren der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft am 28. Oktober in der Station Berlin, nach Entstehung, Resonanz und den dringlichsten Zielen der Veranstaltung befragt.

__MusikWoche: Wie viele Teilnehmer hatte die erste Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft? Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Christian Eichenberger: An der Bundeskonferenz haben 150 Personen vor Ort und 200 Personen digital teilgenommen. Ich bin sehr zufrieden mit diesen Zahlen. Über 300 Menschen unserer Branche sowie 24 unterstützende Verbände und Initiativen sind zusammengekommen. Sie alle haben eine politische Agenda beschlossen und VertreterInnen gewählt. Das hat es so noch nicht gegeben.

__MusikWoche: Wie ist die Konferenz entstanden? Auf wessen Idee oder Initiative geht sie zurück? Wer hat die Veranstaltung konkret organisiert?

Christian Eichenberger: Die Idee begann mit unterschiedlichen Impulsen aus der Branche an verschiedene Initiativen. Zu diesen gehören #AlarmstufeRot, die Initiative der Veranstaltungswirtschaft und weitere Akteure. Es hat sich herausgestellt, dass wir eine branchenumfassende Synchronisierung unserer politischen Forderungen brauchen. Im März 2021 gab es über ein Portal von #AlarmstufeRot eine große Umfrage mit 2300 Teilnehmern. Tenor war: Unsere Branche darf nicht noch einmal politisch vergessen werden. Über 68 Prozent haben sich dafür ausgesprochen, dass es eine neutrale Plattform geben muss, um die Bedürfnisse und Prioritäten der über 150 Berufsgruppen zu synchronisieren. Daraufhin wurde die Organisation gestartet, unter anderem von Mitarbeitern von fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft zusammen mit Fokusgruppen aus den unterschiedlichen Bereichen der Branche.

__MusikWoche: Wie finanziert sich die Bundeskonferenz?

Christian Eichenberger: Die Veranstaltung wurde vor allem aus Spenden und Materialspenden ermöglicht. Als Exklusivsponsor hat sich BOE Best of Events eingebracht. Mittel für die politische Arbeit kamen ebenfalls von #AlarmstufeRot, fwd: und von den 25 unterstützenden Verbänden. Zudem haben sich viele Teilnehmer entschieden, sich mit einem Ticketkauf an den Unkosten zu beteiligen.

__MusikWoche: Die beteiligten Verbände und Organisationen haben auf der Konferenz einen umfangreichen Forderungskatalog an die Politik vorgestellt. Was sind die dringlichsten Anliegen, die jetzt am schnellsten umgesetzt werden müssten?

Christian Eichenberger: Drei besondere Prioritäten sind: Die Betriebe der Branche leiden noch immer unter 60 Prozent Umsatzeinbruch. Deshalb müssen die Überbrückungshilfen bis sechs Monate nach Pandemieende verlängert werden. So lang ist der Vorlauf, bis die Branche wieder eigene Erträge machen wird. Ebenso muss bis dahin das Kurzarbeitergeld verlängert werden. Sonst werden die Betriebe dahin gedrängt, weitere Mitarbeiter zu entlassen, obwohl schon jetzt ein Fachkräftemangel ausgebrochen ist. Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung muss es ein Bekenntnis zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft geben, da sie sowohl für die Kulturnation als auch für den Exportweltmeister Deutschland systemrelevant ist. Aus demselben Grund ist auch ein Regierungsbeauftragter im Bund eigens für den Wirtschaftszweig nötig.

__MusikWoche: Auf der Konferenz wurden ein VertreterInnen-Rat der Veranstaltungsbranche und VertreterInnen der »geschäftsführenden und federführenden Organisation« gewählt. Was sind genau deren Aufgaben?

Christian Eichenberger: Aufgabe der elf Vertreterinnen und Vertreter wird es einerseits sein, in der Branche zu wirken, Vertrauen aufzubauen und weitere Unterstützer für das Projekt Bundeskonferenz zu gewinnen. Dieses Projekt steht noch am Anfang seiner Entwicklung. Am Ende ist das große Ziel, an die Politik ein Signal zu senden: Die facettenreiche Branche mit ihren über 150 Verbänden und Initiativen kann relevante Themen und wirksame Lösungsvorschläge benennen, die politische Entscheider brauchen, um ihren Gestaltungsauftrag zu erfüllen. Der ehrenamtlich tätige VertreterInnen-Rat wird zudem die Bundeskonferenz 2022 vorbereiten, eine Schirmherrschaft dafür gewinnen, in die Branche hineinhören, um die erarbeiteten Forderungen stets zu aktualisieren. Die Vertreterinnen und Vertreter widmen sich andererseits ab sofort der politischen Interessenvermittlung auf diversen Ebenen des deutschen politischen Systems. Dafür wurden inhaltlich die 33 Forderungen verabschiedet. Das Zeitfenster ist gut, wird doch gerade das Regierungsprogramm der nächsten Jahre definiert. Sie werden zudem permanent Schwerpunktthemen und Bedürfnisse der Branche synchronisieren und dienen als Ansprechpartner für die diversen Teilbelange.

Die Branche ist nicht nur vielfältig, sondern in manchen Teilen schon bestens verbandlich organisiert. Deshalb will die Bundeskonferenz für alle Beteiligten ein offenes Format sein, um einem gemeinsamen Ziel zu dienen: In Politik und Öffentlichkeit soll der sechstgrößte Wirtschaftszweig angemessen wahrgenommen und nicht mehr vergessen werden. Die Bundeskonferenz will keinen neuen Verband schaffen. Sondern sie ist ein sich stetig weiterentwickelnder Prozess, den die Akteurinnen und Akteure der Veranstaltungswirtschaft gestalten. Die federführende und geschäftsführende Organisation sorgt dafür, dass kontinuierliche Treffen stattfinden und organisatorisch begleitet werden. Die inhaltliche Arbeit liegt daher bei den VertreterInnen.

__MusikWoche: Was waren für Sie die überraschendsten Eindrücke und Erkenntnisse der Premiere der Bundeskonferenz?

Christian Eichenberger: Die Reaktionen der anwesenden und zugeschalteten Politikerinnen und Politiker, die gesendeten O-Töne haben es verdeutlicht: Der Ansatz, klassische Wege verbandlicher Lobbyarbeit zu verlassen und mit der Bundeskonferenz Neues zu wagen, wird sehr positiv gesehen. Er bietet große Chancen. Positiv überraschend war, wie passgenau die Bundeskonferenz in die Zeit passt, weil wir genau jetzt diesen Forderungskatalog brauchen. Beeindruckend war deshalb der umfassende Input aller Beteiligten. Es wurde deutlich, wie dringend das Überbrückungsprogramm verlängert werden muss. Die Politiker sagen täglich, dass die Maßnahmen zum Ende des Jahres auslaufen werden. Das wäre eine Katastrophe für den Wirtschaftszweig.

__MusikWoche: Welche Zielsetzungen sehen Sie mit der Premiere erfüllt, was kann für nächstes Jahr noch besser werden?

Christian Eichenberger: Der VertreterInnen-Rat vertritt bewusst das Projekt Bundeskonferenz der Veranstaltungswirtschaft. Er beansprucht keineswegs, die ganze Branche exklusiv zu vertreten. Nur wenn die bestehenden Branchenverbände und -initiativen unterstützen und wenn diejenigen, die täglich praktisch in der Veranstaltungswirtschaft arbeiten, ihr Engagement fortsetzen, dann können die Vertreterinnen und Vertreter bei ihrer Arbeit Erfolg haben. Daher wünsche ich mir, dass wir von vielen Branchenakteuren und -vereinen inhaltliche Impulse bekommen bis zur nächsten Bundeskonferenz.

MusikWoche: Vor der Bundeskonferenz jetzt hat es bereits im Juni eine Pressekonferenz und eine Paneldiskussion mit Politikern gegeben. Sind zusätzlich zu den jährlich geplanten Bundeskonferenzen künftig auch noch ähnliche Veranstaltungen geplant?

Christian Eichenberger: Ja. Es soll regelmäßig zum Beispiel Pressegespräche, digitale Talks und politische Dialoge geben.

__MusikWoche: Starke Kritik an der Bundeskonferenz haben im Vorfeld die Verbände des Forums Veranstaltungswirtschaft geübt, die unter anderem einen »Alleingang« ohne Abstimmung mit den Verbänden des Forums bemängelten, der der Branche schaden könne. Was entgegnen Sie?

Christian Eichenberger: Zur Bundeskonferenz sind 24 Verbände und Initiativen und hunderte Interessierte zusammengekommen. Relevante Regierungsvertreter haben diesen Schritt hin zur Organisiertheit sehr begrüßt. Wir freuen uns, dass in unserer Branche also niemand allein geht. Forum und Bundeskonferenz setzen sich sehr engagiert mit diversen Ansätzen für den sechstgrößten Wirtschaftszweig ein. Das eint sie.

__MusikWoche: Glauben Sie, dass bis zur nächsten Bundeskonferenz 2022 der Konzert- und Veranstaltungsbetrieb wieder einigermaßen normal läuft? An welchen Spätfolgen der Coronakrise hat die Branche womöglich noch länger zu leiden?

Christian Eichenberger: Wir hoffen natürlich sehr, dass mit der Zeit eine Erholung eintritt. Niemand hätte gedacht, dass in Monat 20 nach Pandemiebeginn immer noch 60 Prozent Umsatzeinbruch zu beklagen sind. Die Betriebe sind auf 30 Prozent der Schäden sitzengeblieben. Das sind Kollateralschäden, die sich in den Bilanzen abbilden. Die Branche wird eine ganze Zeit brauchen, um die Infrastruktur und die Investitionen nachzuholen, die in die Zukunft vertagt wurden. Sie wird neben der Kapitalvernichtung auch noch an Fachkräftemangel und Vertrauensverlust der Gäste leiden. Wenn über Monate Veranstaltungen undifferenziert als Super-Spreader-Events diffamiert werden, ist schon eine umfassende Reputationswiederaufbaukampagne nötig. Ich hoffe, da führen die Redner auf den Regierungsbänken dann genau so das große Wort.

Interview: Frank Medwedeff

__zur Person

_Christian Eichenberger ist CEO und Geschäftsführender Gesellschafter der Party Rent Group AG. Er ist 41 Jahre alt , verheiratet und hat einen Sohn.

_Ausbildung zum Kaufmann in Dortmund und der Schweiz.

_1998: Gründung des ersten Unternehmens. Daraus entstand das Event-Schloss Romrod, aktuell über 50 Mitarbeiter.

_2005: Gründung der Party Rent Frankfurt Eichenberger GmbH mit drei Mitarbeitern; 2019 schon über 250 Mitarbeiter

_2009: Bau des eigenen Logistikzentrums an der A5/Wetterau

_2010-2012: Aufbau und Begleitung weiterer Standorte der Party Rent Group in Kassel, Stuttgart und Malmö

_2012: Mitgründung der Party Rent Group AG, Ernennung zum CEO

_bis 2019: Aufbau weiterer Standorte der Party Rent Group in der Schweiz, in Kopenhagen und Stockholm

_Insgesamt hat die Party Rent Group über 950 Beschäftigte an 24 Standorten in Europa.

_Weitere Engagements: Seit 2015 ehrenamtlicher Dozent an der TH Mittelhessen für Raum- und Umfeldgestaltung sowie Veranstaltungslogistik; IHK-Vollversammlungsmitglied in Gießen-Friedberg, um wirtschaftspolitisch die Metropolregion zu fördern.

_Gründungsvorstand von Ein Ich für ein Du, einem gemeinnützigen Verein für notleidende Menschen.

_Im Rahmen der Corona-Pandemie Mitgründung der Initiative »Back to Live«, um Musterveranstaltungen unter Corona-Bedingungen zu ermöglichen. Mitinitiator von #AlarmstufeRot; Fachvorstand in der fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft.