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Ereignisreiche Premiere der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft

Auf der ersten Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft haben die vertretenen Verbände unter Federführung der fwd: Bundesvereinigung ­Veranstaltungswirtschaft einen Forderungskatalog an die Politik übergeben, einen VertrerInnen-Rat gewählt und auf Panels die wegen Corona noch immer prekäre Lage der Branche sondiert.

11.11.2021 09:22 • von Frank Medwedeff
Beim Politikpanel (von links): Bettina Hagedorn (SOD), Thomas Bareiß (CDU; per Bildschirm zugeschaltet) und Moderator Georg Ehrmann (Bild: Alexander Franz)

Auf der ersten Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, die am 28. Oktober in der Station Berlin ­stattgefunden hat, haben die vertretenen Verbände unter Federführung der fwd: Bundesvereinigung ­Veranstaltungswirtschaft einen Forderungskatalog an die Politik übergeben.

Bettina Hagedorn (SPD), Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, die auch beim Panel zum Themenblock Politik auf dem Podium saß, nahm den Forderungskatalog in Empfang, der von den Teilnehmern der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft zuvor beschlossen wurde. Der Katalog besteht aus 33 politischen Forderungen der beteiligten Verbände und Organisationen - von fwd: über #AlarmstufeRot bis zur Initiative der Veranstaltungswirtschaft (IVW) - an die kommende Regierung. Die erste Forderung ist die Anpassung des Überbrückungsprogramms. Um der Veranstaltungswirtschaft eine Perspektive zu geben, soll dieses bis sechs Monate über das Ende aller Covid-19-Einschränkungen hinweg verlängert werden.

Zweitens soll die Neustarthilfe ebenfalls verlängert werden auf über sechs Monate nach Krisenende. Schließlich hätten Veranstaltungen einen Planungsvorlauf von bis zu zwölf Monaten, bevor eigene Umsätze für eine Stabilisierung sorgen könnten. Derzeit sei die Neustarthilfe zu gering und liege unter Mindestlohn und Existenzminimum.

Drittens würde die geplante Beendigung der Kurzarbeit am 31. Dezember 2021 laut den beteiligten Verbänden und Organisationen der Veranstaltungswirtschaft zu weitreichenden Kündigungen ab diesem Herbst führen. Wegen der andauernden Planungsunsicherheit fordert die Bundeskonferenz eine Verlängerung der Kurzarbeit ebenfalls bis sechs Monate nach Beendigung aller Corona-Beschränkungen. Das beinhalte den vereinfachten Zugang, die erhöhten Sätze und die Übernahme von 100 Prozent der Sozialversicherungskosten.

Viertens müsse es einen »Marshallplan« für die Branche geben. Dieser soll ein Investitionsprogramm für Neustart und Ausfallkosten beinhalten. Fünfte Forderung ist die Schaffung des Postens eines Regierungsbeauftragten für die Branche, nach dem Vorbild des Beauftragten für Tourismus und Mittelstand. Weitere Forderungen betreffen unter anderem, dass die Hilfsprogramme auch im Nebenerwerb in der Veranstaltungsbranche Tätigen zugänglich sein müssten, den Stopp von Kündigungen von Mitgliedern seitens der Künstlersozialkasse, die Implementierung eines Härtefallfonds in allen Bundesländern oder ein Schuldenschnittprogramm für Betroffene, die über 30 Prozent ihres Eigenkapitals pandemiebedingt verloren haben.

Auf der Bundeskonferenz wurden elf Vertreterinnen und Vertreter gewählt, die die Veranstaltungswirtschaft gegenüber Regierungsstellen repräsentieren werden. Dies sind Jörg Steffen Balzert (Veranstaltungstechniker), Sandra Beckmann (Selbstständige bei Event Kombinat Castrop-Rauxel), Christian Eichenberger (Vorstandsvorsitzender der Party Rent Gruppe), David Eickelberg (Inhaber der Touchdown! Event Solutions), Marcel Fery (Vorstandsmitglied der TSE AG für Veranstaltungstechnik), Alexander Franz (Kreistagsfraktionsassistent bei den Grünen), Mike P Heisel (Musik- und Medienmanager), Kerstin Meisner (Herausgeberin beim memo-media Verlag), Jennifer Mulinde-Schmid (Inhaberin Schwarze Heidi), Alexander Ostermaier (Mit-Initiator von #AlarmstufeRot und langjähriger Geschäftsführer von Neumann & Müller Veranstaltungstechnik) sowie Bernard vom Bauer (Projektleiter bei Atmosphere Wiesbaden).

Die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft und die mitwirkenden Akteur*innen engagieren sich für die durch die Corona-Krise »Leidtragenden des sechstgrößten Wirtschaftszweigs Deutschlands«, der dennoch in keinem Wahlprogramm der im Bundestag vertretenen Parteien erwähnt worden sei. Der Sektor habe trotz seiner großen Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft während der Covid-19-Pandemie kaum im Blickfeld von Politik und Öffentlichkeit gestanden. Die politischen Forderungen habe die Bundeskonferenz nun »gemeinsam gefunden und ausformuliert, um den Fokus der nächsten Regierung wesentlich stärker auf die Notlage der Veranstaltungswirtschaft zu richten«.

Auf dem Panel zum Themenschwerpunkt »Politik« befragte Moderator und Konferenzleiter Georg Ehrmann Bettina Hagedorn (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesminsterium der Finanzen, und den zugeschalteten Thomas Bareiß (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Hagedorn erklärte, dass die AlarmstufeRot vor genau einem Jahr »zu recht« vor dem Brandenburger Tor angemahnt habe, »dass, wie damals die Hilfen konzipiert waren, die Veranstaltungsbranche komplett durch den Rost gefallen wäre, wenn wir nicht nachgesteuert hätten«. Verdienst der AlarmstufeRot sei es gewesen, erstmals die Forderungen der divers aufgestellten Veranstaltungsbranche gebündelt zu haben. Hagedorn gestand ein, dass die Politik die Branche zuvor »nicht genügend auf dem Schirm« hatte, »aber wir haben gelernt«.

Thomas Bareiß sprach in diesem Zusammenhang von einem »Aha-Effekt«, den die Veranstaltungsbranche mit ihren Initiativen in der Coronakrise bei vielen Politikern ausgelöst und begreiflich gemacht habe, welche zum Teil hochspezialisierten und weltweit erfolgreichen Unternehmen dahinter stehen.

Mit Bareiß war sich Hagedorn einig, dass Deutschland bislang besser durch die Coronakrise gekommen sei als andere Länder und verwies unter anderem auf 55 Milliarden Euro an nicht zurückzahlbaren Zuschüssen, 62 Milliarden an Krediten und 40 Milliarden für Kurzarbeitergeld für die Wirtschaft insgesamt.

Die Frage nach einem eigenen Regierungsbeauftragten für die Veranstaltungswirtschaft bezeichnete Thomas Bareiß als »sinnvolle Forderung«, es sei aber nicht die einzige Möglichkeit. Auch über andere Drähte könne die Branche, die ihre Aufmerksamkeit durch ihre Initiativen in der Coronakrise erhöht habe, ihre Forderungen anbringen. Hagedorn verstehe den Wunsch nach einem ­Beauftragten oder einer Beauftragten in der Regierung »total«, da dies die Branche als Aufwertung ihrer Anerkennung empfinde. »Aber wir haben schon ziemlich viele Beauftragte«, und dies sei nicht unbedingt der Schlüssel zum Erfolg. Die Veranstaltungswirtschaft sei besonders breit und divers aufgestellt und damit anders als andere Branchen. So sei unklar, in welchem Ministerium dieser oder diese Beaufragte denn angesiedelt werden sollte. Entscheidend sei die Fortführung des Dialogs auf breiter Basis. Und dabei müssten auch die auf der Bundeskonferenz gewählten VertreterInnen weiterhin an verschiedene Ministerien herangehen, um ihre Anliegen durchzubringen.

In der Pandemie haben laut Hagedorn die allermeisten Menschen schmerzlich erfahren, wie sehr Veranstaltungen und Kultur in der Seele und im gesellschaftlichen Leben gefehlt haben. »Mit dem Selbstbewusstsein, dass Sie diejenigen sind, die dieses gesellschaftliche Erleben ermöglichen und dafür politische Unterstützung einfordern, stehen die Zeichen jetzt besser als vor zwei Jahren. Deshalb haben Sie allen Grund, mit Optimismus in die Zukunft zu gucken«.

Bareiß nannte als Erfordernisse der Branche für die nahe Zukunft ein weiterhin »verlässliches« Hilfspaket, klare Zugangskriterien für Veranstaltungen wie das 2G-Modell mit nachgewiesenen Zertifikaten, zudem Flexibilitität wie etwa mittels Zeitarbeitsmodellen sowie steuerliche Grundlagen, um wieder Gewinne machen zu können.

Hagedorn sagte, es sei richtig gewesen, bei den Überbrückungshilfen in Drei-Monats-Schritten vorzugehen. Man sei bei jeder Überbrückungshilfe besser geworden, und dieser Modus solle beibehalten werden. Die SPD-Politikerin erklärte, dass es besser wäre, die Soloselbstständigen in die sozialen Sicherheitssysteme einzubeziehen und forderte die Veranstaltungsbranche auf, an einer solchen langfristigen Weichen­stellung im Dialog mitzuwirken und ihre Vorstellungen einzubringen.

Auf die Frage nach einem kolportierten Auslaufen der Hilfsmaßnahmen zum 31. Dezember betonte Hagedorn, es gelte jetzt erst einmal, die Koalitionsverhandlungen abzuwarten. Man könne zwar nicht davon ausgehen, dass im neuen Jahr alles eins zu eins so weitergehe wie bisher. Auch bei den neuen avisierten Koalitonspartnern ihrer Partei, den Grünen und der FDP, sei aber ein großes Verständnis für die Veranstaltungsbranche gewachsen. Zu bedenken sei außerdem, dass der Sonderfonds Kultur in Höhe von 2,5 Milliarden Euro bis Ende 2022 laufe und noch längst nicht ausgeschöpft sei. Dieser Fonds erfasse viele von langer Hand geplante Veranstaltungen. »Da haben Sie Planungssicherheit, da können Sie loslegen«, bekräftigte Hagedorn abschließend.

Auf der Bundeskonferenz wurden zudem noch einige direkt zuvor eingefangene Politiker-Statements eingespielt. Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) sagte, der wichtigste Beitrag, den jeder leisten könne, sei, sich impfen zu lassen. Außerdem gehe es um die Einhaltung der Hygieneregeln, damit die Veranstaltungsbranche, die besonders viele Opfer in der Pandemie gebracht habe, so schnell wie möglich wieder Geld verdienen könne. Es gelte auch in den Koalitionsverhandlungen darum, sich den Zukurzgekommenen anzunehmen. Ziel müsse sein, denen »auf die Beine zu helfen«, die »durch Corona unverschuldet in die Krise gekommen sind«.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen betonte, dass die Veranstaltungsbranche auf die Tagesordnung der Koalitionsverhandlungen gehöre. »Kunst und Kultur sind Grundnahrungsmittel unserer Demokratie - und das muss geschützt werden.«

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärte, dass die Interessen der Veranstaltungsbranche in den Koalitionsverhandlungen bedacht werden. Anhand steigender Fallzahlen und wieder zunehmend mehr Covid-19-Erkrankten auf den Intensivstationen halte er Lockerungen oder gar die völlige Aufhebung der Coronamaßnahmen derzeit indes für »nicht vertretbar«. Einen Lockdown werde es aber auch nicht mehr geben und auch keine verlängerten Weihnachtsferien.

Jürgen Trittin von den Grünen hält die verstärkte Anwendung der 2G-Regelung für sinnvoll, damit Veranstaltungen wieder bei vollen Kapazitäten stattfinden und somit Geld einbringen können.

Ein Panel bei der Premiere der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft befasste sich mit dem Themenschwerpunkt »Kultur, Kunst, Unterhaltung«. Dabei diskutierten vor Ort Mike P. Heisel, Kultur- und Medienmanager und Aufsichtsrat der Initiative Musik, der Konzeptkünstler und Regisseur Peder W. Strux, stellvertretender Vorstand des Paul Klinger Künstlersozialwerks und Sprecher der Allianz der freien Künste, sowie der per Video zugeschaltete Komponist Michael Beckmann, der Initiator der Aktion »Rettet die Clubs«. Moderatorin war Petra Schwarz.

Michael Beckmann konstatierte dabei eine »verhalten optimistische Stimmung« in der Clubszene, die nun wieder Konzerte mit 2G- oder 3G-Regel veranstalten könne. Schwierig sei es dabei derzeit, ausländische Bands zu buchen, da Europatourneen aufgrund der unterschiedlichen Hygiene- und Quarantänebestimmungen noch immer fast unmöglich seien.

Am schwersten hätten es Soloselbstständige aus den Crews, die häufig durch das Raster der Hilfsmaßnahmen gefallen seien. Viele Fahrer, Licht- oder Tontechniker seien zum Beispiel auf Hartz 4 angewiesen oder hätten die Branche ganz verlassen. Bei den großen Firmen kursiere die Angst, ob noch genügend Leute aus dem Crew- und Dienstleistungsbereich »in der gewohnten Qualität« da seien, wenn der Konzertbetrieb wieder voll losgehe. Bis dieser aber wieder »richtig rund« laufe, werde wohl noch ein Jahr vergehen.

Strux benannte das Problem der unterschiedlichen Corona-Regelungen der Bundesländer und forderte einheitliche Bestimmungen ein. Michael Beckmann sprach sich für die Vereinfachung und Beschleunigung der Prozesse bei Hilfen für Soloselbstständige aus mit dem Verweis auf die psychischen Belastungen, wenn man über Monate nicht wisse, ob und wann Geld komme.

Peder W. Strux brachte die Schaffung eines Bundeskulturministeriums seitens der neuen Bundesregierung als wünschenswert ins Gespräch. Auch Mike P. Heisel nannte diese Forderung »nicht unbegründet«, zumal zum Beispiel im Arbeitsministerium kaum Verständnis für die Kulturschaffenden und ihre Nöte herrsche.

Michael Beckmann zeigte sich betroffen über die prekäre Lebenssituation vieler Musiker*innen, die in der Krise wegen der fehlenden Konzerte fast keine Einnahmen hatten und zum Teil ihre gesamten Ersparnisse aufbrauchen mussten. Statt eines von Strux ins Spiel gebrachten Mindestlohns für Musiker*innen sei es wichtiger, dass sie gerechter an den Streamingerlösen beteiligt werden. Heisel unterstrich die Wichtigkeit der Forderung der Bundeskonferenz nach einer Arbeitslosenversicherung für freischaffende Künstler*innen.

Für die Zukunft sieht Peder W. Strux eine gute Chance, »wenn wir uns mehr vernetzen, mehr austauschen« und somit »Brücken bauen« zwischen Künstlern und der Veranstaltungswirtschaft, um als »gemeinsam Schaffende in der Politik gehört zu werden und dort Worte zu platzieren, um etwas zu bewirken«.

Michael Beckmann macht die in der Corona-Krise erfahrene Solidarität zwischen Fans, Musikern und Clubs Mut. In der Gesellschaft gelte es, das binäre Denken, bei dem es nur »schwarz und weiß, gut und böse, Geimpfte und nicht Geimpfte« gebe, zu überwinden. Auch angesichts einer neuen Bundesregierung sei er grundsätzlich positiv gestimmt, dass der Neustart gelingen kann.

Mike P. Heisel, der im Rahmen der Bundeskonferenz in den VertreterInnen-Rat gewählt wurde, benannte das große Problem, dass in der Pandemie viele Künstler von der Künstlersozialkasse gekündigt wurden und somit ihre Altersversorgung wegbrechen sehen.

Die Veranstaltungswirtschaft habe aber »das Ohr der Politik« erreicht; nun gelte es, »beide Ohren« zu erreichen. Ein positiver Effekt der Solidarisierung in der Coronakrise ist für Heisel die Gründung des Musikerverbands Pro Musik mit inzwischen bereits 500 Künstlerinnen und Künstlern - ebenso, «dass wir jetzt hier sitzen« in der Bundeskonferenz

Beim Panel »Vermessung der Branche« stand eine empirische Studie zur »Veranstaltungslandkarte Deutschland« vom Research Institute for Exhibition and Live-Communication (R.I.F.E.L.) und der Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW) im Fokus, die Cornelia Zanger, Professorin für Marketing und Handelsbetriebslehre an der Technischen Universität Chemnitz, vorstellte. Demnach hat die Veranstaltungswirtschaft 2019, im letzten Jahr vor Corona, mit 113 Millionen erwerbstätigen und 243.000 Unternehmen 81 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Die Coronakrise habe insgesamt zu einem Umsatzverlust von durchschnittlich 76,6 Prozent geführt. 52,9 Prozent der Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft haben demnach mehr als 80 Prozent ihrer Umsätze verloren, 88,1 Prozent mindestens die Hälfte.

Text: Frank Medwedeff