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Branchenumfrage: Wie grün sind die Unis?

Immer mehr Akteurinnen und Akteure aus der Musikwirtschaft machen sich Gedanken, wie die Branche nachhaltiger gestaltet werden kann. MusikWoche wollte von ausgewählten Bildungseinrichtungen wissen, welchen Stellenwert das Thema Nachhaltigkeit bei der Aus- und Weiterbildung einnimmt.

10.11.2021 16:18 • von Jonas Kiß
- (Bild: Universität Würzburg Pressestelle/Gunnar Bartsch)

Immer mehr Akteurinnen und Akteure aus der Musikwirtschaft machen sich Gedanken, wie die Branche nachhaltiger gestaltet werden kann. MusikWoche wollte von ausgewählten Bildungseinrichtungen wissen, welchen Stellenwert das Thema Nachhaltigkeit bei der Aus- und Weiterbildung einnimmt.

»Das Thema Nachhaltigkeit wird von unserer Universität nicht nur auf der ökologischen, sondern auch auf der ökonomischen und sozialen Dimension vorangetrieben«, erklärt Holger Schramm, Leiter des Arbeitsbereichs Medien- und Wirtschaftskommunikation an der Universität Würzburg: »Mein Arbeitsbereich - die Medien- und Wirtschaftskommunikation - beschäftigt sich beispielsweise mit immersiven und persuasiven Formen medialer Umweltkommunikation.«

Mit Blick auf den Faktor Musik würde man derzeit untersuchen, inwieweit der Einsatz ehrfurcht auslösender Musik in 360°-Videos über Umweltprobleme, wie zum Beispiel im tropischen Regenwald, »die umweltbezogenen Einstellungen und Verhaltensabsichten der Medien-User positiv beeinflussen kann«. Zudem erforscht sein Institut fragwürdige Werbe- und Unternehmensstrategien wie das Green-, Diversity- und Pink-Washing. Das Ziel eines weiteren Forschungsprojekts mit Schwerpunkt »Soziale Nachhaltigkeit« sei es, die Wirkung von zentralen Medienakteur:innen während der Corona-Pandemie zu hinterfragen und herauszuarbeiten, wie »die persuasive Wirksamkeit von Appellen innerhalb einer Pandemie« zukünftig erhöht werden könne. »Persönlich achten mein Team und ich darauf, dass wir unsere individuelle CO2-Bilanz verbessern, indem wir zum Beispiel auf Flüge zu Tagungen verzichten«, sagt Schramm.

Auch Miguel Kertsman, Course Director of Masters Programs am Zentrum für Angewandte Musikforschung an der Donau-Universität Krems in Österreich, bezeichnet Umwelt und Nachhaltigkeit als wichtige Aspekte.

»Wir sind bereits seit einigen Jahren umweltbewusst und haben fast alle kursbezogenen Materialien wie Ausdrucke oder Plastikordner durch elektronische Dateien über unsere Online-Kursverwaltungs-Tools ersetzt. Wir prüfen auch sorgfältig, welche Kurse online angeboten werden können, ohne dass die Integrität des Lehrplans beeinträchtigt wird - nicht nur wegen der Beschränkungen des Raums in den letzten 18 Monaten, sondern auch aus Gründen der Nachhaltigkeit, um die Auto- und Flugreisen von Dozenten und Studenten zu reduzieren.« Zudem werden in entsprechenden Kursen an der Donau-Universität Krems ebenfalls Aspekte umweltfreundlicherer Reisestrategien behandelt.

_Grüner auf Tour gehen

Laut Annika Hintz, die bei der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM) das neue Angebot »Hamburg Music Boost« betreut, können Musik- und Kulturinstitutionen und ihre Akteur*innen »einerseits das öffentliche Problembewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen weiter schärfen, andererseits können sie durch ihr eigenes Handeln - energieeffizientes Wirtschaften beispielsweise - maßgeblich dazu beitragen, Klimaziele zu erreichen«.

So ist sich die IHM der damit verbundenen Verantwortung bewusst, was auch bei der Kuration ihrer Weiterbildungsangebote zum Tragen kommt. So biete man im Rahmen der deutschsprachigen Music Business Summer School sowie ihrem europaweitem Ableger International Music Business Summer School etwa Seminare zum Thema »Environmental Sustainability & Green Touring« an.

»Unsere neue, speziell auf die Hamburger Musikwirtschaft zugeschnittene Seminar- und Workshop­reihe Hamburg Music Boost wird in naher Zukunft ebenfalls Angebote zu Themen wie etwa Basiswissen Change-Management, Grüne Kommunikation, Musikbusiness und ­Klimaschutz, Nachhaltige Beschaffung von Gütern oder eine Einführung in das Thema Nachhaltigkeit inklusive Zertifizierung und der Anwendung des Co2-Rechners machen«, erklärt Annika Hintz: »Veranstaltungen zu Diversity- und Empowerment-Arbeit und zu mentaler Gesundheit gibt es übrigens auch im Hamburg-­Music-Boost-Programm - wir haben also neben der ökologischen auch die soziale Nachhaltigkeit im Blick.«

An der Popakademie Baden-Württemberg spiele das Thema Nachhaltigkeit sowohl im Studium als auch im Haus an sich eine große Rolle, wie die Popakademie-Geschäftsführer Hubert Wandjo und Udo Dahmen wissen lassen: »Im Rahmen des Studiums haben wir bereits vor zehn Jahren begonnen, uns mit der Thematik auseinanderzusetzen.«

Aus der Zusammenarbeit mit Jacob Bilabel entwickelte sich zum Beispiel der erste Green Music Day im Jahr 2015, bei dem es um die Nachhaltigkeit in der Musikbranche ging. 2017 erschien dann der Green Touring Guide, der selbst heute noch als Leitfaden für Künstler:innen oder Veranstalter:innen dient. Den Green Touring Guide erarbeiteten Studierende gemeinsam mit dem Green Touring Network in der Projektwerkstatt. Aktuell engagiert sich hier zum Beispiel die Popakademie-Absolventin Fine Stammnitz, wie Wandjo und Dahmen berichten. Die internationale Presse sei 2019 auf die Arbeit des Green Touring Networks aufmerksam geworden, als Coldplay eine Tour-Pause mit Verweis auf Umweltschutz verkündete.

»Vor allem in der Projektwerkstatt setzen sich unsere Studierenden regelmäßig mit dem Thema auseinander, zum Beispiel im Projekt >Greener Maifeld Derby

Laut Stefan Schulte-Holthaus, Professor für Musikmanagement an der Hochschule Macromedia, würden an der Hochschule Nachhaltigkeitskriterien bei der Bewirtschaftung des Macromedia-Campus greifen, mit Ökostrom, Mehrweg-Geschirr, vegetarischen Essensangeboten sowie der Bewertung von Lieferanten. Zudem habe die Hochschule Macromedia gerade erst die Formulierung der eigenen Mission geschärft und dabei »die nachhaltige Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit der Studierenden ins Zentrum des Leistungsversprechens« gerückt, unter dem Motto »Empowering Students For A Sustainable Future«. Nach dem Prinzip des »Constructive Aligment« werde das Bekenntnis zu Nachhaltigkeitszielen von der übergeordneten Mission bis in die Lern- und Kompetenzziele der einzelnen Lehrmodule hinein verankert, erklärt Stefan Schulte-Holthaus.

»Besonders konkret wird die Verpflichtung zum nachhaltigen Handeln in studentischen Campusinitiativen. Basierend auf den UN-Nachhaltigkeitszielen haben zwei Münchner Studentinnen in diesem Jahr die Guideline >MSG Macromedia Sustainable Goals< entwickelt. Sie enthält Maßnahmen für curriculare und extra-curriculare Aktivitäten zur Gestaltung des Campus und wurde mit einem hochschulinternen Award ausgezeichnet«, sagt Schulte-Holthaus.

»In der Studienrichtung Musikmanagement gewinnt Nachhaltigkeit einerseits als Lehrinhalt an Bedeutung, insbesondere im Fach Live Entertainment, um nachhaltig zu wirtschaften und Veranstaltungen klimaneutral umzusetzen. Dazu hatten wird im Sommersemester Stefan Lohmann, Gründer von ­Sustainable Event Solutions, zu Gast, um mit ihm Nachhaltigkeitsstrategien für Künstler und Veranstalter zu diskutieren«, so Schulte-Holthaus: »Andererseits fokussieren Studierende zunehmend curriculare Projekte, bei denen Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielt, zum Beispiel im Fach Entrepreneur­ship, wenn es darum geht, eigene innovative Lösungen zu aktuellen Problemen zu entwickeln und in tragfähige Geschäftsmodelle umzusetzen. Das zeigt, dass Nachhaltigkeit für unsere Studierenden gleichermaßen einen hohen Stellenwert hat.«

Auch Anna Marks, College Principal am BIMM Institute Hamburg, betont, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Musikindustrie schon seit vielen Jahren eine Rolle spielt, zum Beispiel bei Festivals, Permakultur-Anlagen und Initiativen für umweltfreundliches Reisen. Deshalb sei es auch im Lehrplan für Musikwirtschaft am BIMM Institute Hamburg verankert, von der Erörterung der neuesten Nachrichten über CO2-neutrale Tourneen, bis hin zur Erkundung, wie man umweltbewusste Veranstaltungen plant.

»Nachhaltigkeit ist natürlich ein zentrales Anliegen vieler unserer Studierenden, die in diesem Jahr eine gruppenweite gemeinsame Online-Veranstaltung organisierten, um den Earth Day am 22. April zu feiern«, sagt Marks: »In allen unseren Colleges wurden Online-Sitzungen von Studierenden, Nachhaltigkeitsberater*innen und Umweltaktivist*innen geleitet, und der Dozent von BIMM Deutschland, Andy Zammit, moderierte eine Diskussion über den CO2-Abdruck der Musik. Wir gehen davon aus, dass dies ein fester Bestandteil der Praxis unserer Studierenden und Absolvent*innen werden wird und möchten die Entwicklung und Innovationen in den kommenden Jahren unterstützen.«