Events

Kretschmar und Hengst wollen Most Wanted: Music weiter entwickeln

Vom 26. bis zum 28. Oktober richtet die Berlin Music Commission erneut den Branchentreff Most Wanted: Music (MW:M) aus. Der Vorstandsvorsitzende Olaf »Gemse« Kretschmar und Programmdirektor Stephan Hengst erläutern im Gespräch mit MusikWoche Herausforderungen für die Veranstalter und die Pläne mit dem Showcasefestival, aber auch gesellschaftliche Zielsetzungen.

25.10.2021 10:35 • von
Bringen in Berlin den Branchentreff Most Wanted: Music samt Preisverleihung, Kongress und Festival auf die Bühnen der Kulturbrauerei: Stephan Hengst (links) und Olaf "Gemse" Kretschmar (Bild: Martin Dziuba)

Vom 26. bis zum 28. Oktober 2021 richtet die Berlin Music Commission erneut den Branchentreff Most Wanted: Music (MW:M) aus. Der Vorstandsvorsitzende Olaf »Gemse« Kretschmar und Programmdirektor Stephan Hengst erläutern im Gespräch mit MusikWoche Herausforderungen für die Veranstalter und die Pläne mit dem Showcasefestival, aber auch gesellschaftliche Zielsetzungen.

MusikWoche: Das Kongressprogramm von MW:M scheint sehr umfangreich. Brauchen Sie da nicht 10.000 Teilnehmer*innen, um das alles zu Gehör zu bringen?

Stephan Hengst: 10.000 wären klasse, aber so groß wird es wohl nicht werden. Im Vorjahr hatten wir rund 3000 Unique User bei der digitalen Ausgabe von MW:M. Natürlich wird es nicht funktionieren, dass jede Teilnehmer*in alles live vor Ort mitnehmen kann, aber auch deshalb zeichnen wir fast alle Kongressinhalte auf, um sie im Anschluss On Demand zur Verfügung stellen zu können.

MusikWoche: Wie sieht das in Zahlen aus?

Stephan Hengst: Wir bespielen in diesem Jahr sechs parallele Kanäle, von denen wir am Mittwoch als unserem Haupttag der Konferenz mit fünfen online sein werden. Hinzu kommt ein weiterer Raum für Workshops und Meetings, die ausschließlich in physischer Form stattfinden. Wir planen derzeit über 60 Sessions mit mehr als 120 Speaker*innen, plus rund 20 Satelliten-Events. Damit findet MW:M ein bisschen zurück zur alten Stärke, nachdem das Programm im vergangenen Jahr notgedrungen etwas knapper war.

MusikWoche: Wie viel findet live und vor Ort statt, wie viel nur online?

Stephan Hengst: Es gibt live vor Ort Veranstaltungen auf drei Bühnen, die zusätzlich auch gestreamt werden, und Programm auf zwei weiteren Kanälen, die ausschließlich gestreamt werden. Es wird aber im Konferenzgeschehen zusätzlich die Möglichkeit geben, die reinen Onlinekanäle in Form eines Public Viewings mitzuerleben. Wer aktiv an der Veranstaltung teilnehmen möchte, samt der Vernetzung über die Delegierten-Plattform, braucht dafür ein Ticket. Daneben aber wird es einen Teil des Programms auch kostenlos über unsere Social-Media-Kanäle, zum Beispiel bei YouTube, zu sehen geben.

MusikWoche: Mit wie vielen Teilnehme*innen planen Sie vor Ort?

Stephan Hengst: Bei den listen to berlin: Awards haben knapp über 250 Gäste Platz. Bei der Konferenz hoffen wir auf rund 600 Leute vor Ort, es können aber auch ein paar mehr werden. Wir haben keine festen Obergrenzen mehr, könnten die Veranstaltungen also theoretisch auch voll machen. Wichtig ist aber, dass bei der 3G-Regelung jeder einen festen Platz braucht.

MusikWoche: Und wie sieht es bei den Showcasekonzerten aus?

Stephan Hengst: Bei den Konzerten in unseren drei Venues Kesselhaus, Maschinenhaus und Frannz Club werden es mehr Zuschauer*innen werden, denn hier folgen wir der 2G-Regelung. Das bedeutet, dass sich hier jeder frei bewegen kann, und die Leute auch stehen können. Hier können es theoretisch bis zu 1000 Zuschauer*innen werden.

MusikWoche: Früher war die Zielgruppe von MW:M vor allem der Nachwuchs, wer ist es heute?

Olaf Kretschmar: Wir sprechen die Professionals der Musikwirtschaft an und sehen uns als Plattform, die vom Nachwuchs eine Verbindung knüpft über die Unternehmen bis zu den Soloselbstständigen und den Künstler*innen. Damit wollen wir Grundlagen schaffen für neue Formen der Kollaboration in der Kreativwirtschaft.

MusikWoche: Die hybride Veranstaltung bringt einen größeren Aufwand mit sich. Wie stemmen Sie das?

Stephan Hengst: Das haben wir schon im vergangenen Jahr gelernt: Der Aufwand, das alles zu produzieren und auch noch live zu streamen, führt unterm Strich zu doppelt so hohen Gesamtkosten. Wenn man nicht das doppelte Budget hat, und das hatten wir nicht, muss man schauen, wie man über die Runden kommt. Deshalb haben wir 2020 das Konferenzprogramm entsprechend verkürzt.

MusikWoche: Wie sieht es mit dem Budget für 2021 aus?

Olaf Kretschmar: Uns steht ja nicht ein verdoppeltes Budget zur Verfügung, und wir können auch am Markt keine höheren Preise umsetzen, ohne unsere Zielgruppe und damit auch unseren Auftrag aus dem Blick zu verlieren. Aber hinter der MW:M steht mit der Berlin Music Commission ein starkes Netzwerk aus 170 Unternehmen. Diese Struktur verleiht uns eine unglaubliche Power, mit der wir zumindest kurzfristig viel abfedern, zum Beispiel durch exorbitant viel ehrenamtliche Tätigkeiten. Wir könnten in der Tat mit unserem Content drei Konferenztage bespielen. Aber das ist finanziell nicht abzubilden. Deshalb müssen wir in diesem Jahr den Fokus schärfer setzen.

MusikWoche: Wie planen Sie perspektivisch fürs kommende Jahr?

Stephan Hengst: Um das zu beurteilen, müssen wir die Auswertung abwarten, welche Angebote in diesem Jahr wie genutzt wurden. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir, wenn Veranstaltungen ohne Einschränkungen möglich sein sollten, den digitalen Anteil eher wieder zurückfahren können, was wiederum Mittel freimachen würde, die wir in den physischen Teil stecken können. Schließlich dürsten die Menschen danach, wieder live vor Ort dabei zu sein und sich zu treffen. Denn das Programm ist das eine, aber das Networking ist ebenso wichtig.

Olaf Kretschmar: Wir haben 2020 drei Tage nach der Verkündung des Lockdowns die MW:M, MW:M Live und die listen to berlin: Awards komplett virtuell über die Bühne gebracht. Das war erfolgreich und hat sehr viel Zuspruch gebracht. Aber bei solchen »Agency Festivals« wie es die MW:M ist, steht nun einmal die unmittelbare und offene Begegnung der Menschen im Vordergrund. Wir werden immer auch virtuelle Formate anbieten, aber die physische Komponente wollen wir im nächsten Jahr noch einmal komplett neu konzipieren, wir werden noch stärker mit immersiveren Formaten experimentieren und diesen Bereich insgesamt wieder hochfahren.

MusikWoche: Ist die Kulturbrauerei als Standort fürs kommende Jahr bereits gesetzt ,oder besteht die Möglichkeit eines erneuten Umzugs?

Stephan Hengst: Bisher war es so, dass wir alle drei Jahre einen neuen Austragungsort hatten, was immer auch mit Wachstum zu tun hatte. So ist es diesmal auch. Wir gehen derzeit fest davon aus, dass wir auch im kommenden Jahr in der Kulturbrauerei sind, und im besten Falle auch darüber hinaus.

MusikWoche: Warum im besten Fall?

Stephan Hengst: Ein Vorteil der Kulturbrauerei ist, dass die Venues, die wir hier bespielen, viel funktioneller ausgestattet sind als zum Beispiel in der Alten Münze, die eher eine Off-Location mit einem ganz eigenen Charme ist. Das hat für uns in diesem Jahr durchaus günstige Kosteneffekte, weil wir nicht die komplette Veranstaltungstechnik einbringen mussten. Vor allem aber können wir hier im kommenden Jahr mit den Showcases weiter wachsen. Schließlich wollen wir MW:M Live weiter entwickeln, hin zu einem Club-Festival.

MusikWoche: Treten Sie damit nicht aktiv in Konkurrenz mit anderen Veranstaltern von Branchentreffs, zum Beispiel in Hamburg oder Köln?

Olaf Kretschmar: Das sehen wir nicht so. Wir haben es hier mit einem Format zu tun, das aus der Perspektive des Musikstandorts Berlin angelegt ist: Wir wollen Künstler*innen aus der Stadt sichtbar machen, aber auch Künstler*innen, die in diese Stadt wollen, eine Bühne bieten. Ich glaube zudem, dass große, übergreifende Mega-Events, die alles andere subsumieren, der Vergangenheit angehören. Es wird künftig viel mehr um klare Profilierung, zielgenaue Crossover-Effekte zwischen den Branchen und Märkten, aber eben auch um soziale Werte wie Authentizität, Vielfalt und Togetherness gehen.

Stephan Hengst: Uns geht es hier um Berlin und die Musikhauptstadt Berlin, die seit dem Ende der Berlin Music Week nicht mehr über so ein Format verfügt. Das wollen wir ändern und nach dem Kongress nun auch den Livebereich weiter entwickeln.

MusikWoche: Ist das im Budget mit drin, oder benötigen Sie dafür einen Extratopf?

Stephan Hengst: Dabei geht es tatsächlich um einen eigenen Topf. Wir hatten in den vergangenen beiden Jahren das Glück, hier Förderungen der Initiative Musik zu erhalten. Das hat in diesem Jahr aber leider nicht geklappt. Wir haben es aber, unter anderem durch die Unterstützung verschiedener Partner hinbekommen, MW:M Live auf die Beine zu stellen. Um das zukunftssicher gestalten zu können, sind wir aber auf Förderungen angewiesen und stehen dazu in Gesprächen mit der Initiative Musik, mit dem Musicboard Berlin oder auch dem Berliner Senat.

MusikWoche: Sie stellen MW:M in diesem Jahr unter das Motto Change. Warum?

Olaf Kretschmar: Weil die Musikwirtschaft sich wandeln muss. Wir müssen ein neues Paradigma in der Musikwirtschaft etablieren - mit Mut zu technischen Innovationen, sozialem Wandel, faireren Geschäftsmodellen und dem Umbau zu einer nachhaltigen Branche. Das sind nicht vier verschiedene Aufgaben, die gegeneinander konkurrieren, sondern zwingend notwendige Dimensionen ein und desselben Transformationsprozesses. Wir müssen verstehen, dass wir in einem gesellschaftlichen Umfeld agieren, aus welchem viele Innovationsimpulse erwachsen, dass wir aber auch für dieses Umfeld auch eine Verantwortung haben.

MusikWoche: Warum sehen Sie da gerade die Musikwirtschaft am Zug?

Olaf Kretschmar: Wir sind Teil der Kreativwirtschaft, wir können experimentieren, wir haben die Grundlagen für Innovationen und könnten viel weiter nach vorn gehen als andere Industrien und damit Impulse für die gesamte Gesellschaft erzeugen. Das machen wir aber viel zu wenig. Musik kann ein Entwicklungstreiber sein, und unsere Branche kann dazu beitragen, die Lösungsmodelle der Zukunft zu entwerfen und zu popularisieren. Das gilt für die Digitalisierung, für die Gestaltung einer offeneren, vielfältigeren Welt und auch für die Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft. Dafür müssen wir aber gemeinsam mit der Politik zukunftsorientierte Programme der Wirtschaftsförderung und die Infrastrukturen für eine Entwicklung der Kreativwirtschaft aufbauen. Denn Kreativität ist die entscheidende Ressource, das Zukunftspotenzial, das wir in Deutschland haben, um langfristig auf internationalen Märkten bestehen zu können. Auch in diesem Prozess kann Musikwirtschaft eine Vorreiterrolle übernehmen. Wenn uns das gelingt, sind wir für die Zukunft besser aufgestellt. Die Pandemie war bedrohlich für die Branche, die Vergangenheit haben wir überlebt, aber wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit wir auch die Zukunft überleben.

Interview: Knut Schlinger