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Santiano auf der Couch: "Ein Konzeptalbum als Terrorakt"

Zwei Tage, bevor "Wenn die Kälte kommt" das sechste Nummer-eins-Album von Santiano wurde, sprachen die Bandmitglieder Björn Both und Pete Sage auf der MusikWoche-Couch über das Konzept dahinter und den politischen Anspruch der Formation.

25.10.2021 13:23 • von

Zwei Tage, bevor "Wenn die Kälte kommt" das sechste Nummer-eins-Album von Santiano wurde, sprachen die Bandmitglieder Björn Both und Pete Sage auf der MusikWoche-Couch über das Konzept dahinter und den politischen Anspruch der Formation.

"Wir segeln mit dem als Konzeptalbum angelegten Longplayer voll against the stream - und das im wahrsten Sinne des Wortes", sagt Björn Both, Bassist und Sänger von Santiano. Denn das neue Werk erzählt die Geschichte einer Polarexpedition, mit dramatischen Erzähleinschüben, gesprochen vom Schauspieler Klaus Esch, der Stimme von "Samson" aus der Sesamstraße. Both bezeichnet das Konzeptalbum scherzhaft gar als "kleinen Terrorakt in Zeiten, in denen nur noch Drei-Minuten-Tracks produziert werden, die wegen der Streamingdienste sofort zur Sache kommen müssen, und denen man nicht die Zeit gibt, aus sich selbst heraus zu entstehen. Da grenzt unser Konzeptalbum ja schon an künstlerischen und wirtschaftlichen Selbstmord."

Aber der Band sei schnell klar geworden, dass die Geschichte, die man erzählen wolle, nicht in nur einen Song passe. "In dem Moment, in dem du dich für eine historische Geschichte entscheidest, muss man unfassbar viel recherchieren. Das ist nicht nur extrem arbeitsintensiv, sondern nimmt dir auch jede Freiheit. Deswegen haben wir auch nie die Worte Amundsen oder Scott in den Mund genommen. Wir lehnen uns an ihre Geschichte an, erzählen sie aber nicht nach. Deswegen heißt es dann bei uns: Santiano gehen ins Eis."

Die Geschichte habe drei Erzählebenen, analysiert Both: Vordergründig gehe es um die Gefahren einer Polarexpedition. "Aber wer genau hinhört, erkennt auf einer zweiten Ebene auch einen Bezug zur aktuellen Situation, denn die Songs schildern auch die Gemützustände, die sich in Corona-Zeiten ergeben. Damit meine ich Zeilen wie 'Wer kann segeln ohne Wind?', in denen es um den totalen Stillstand oder Perspektivlosigkeit geht. Zugleich sehen wir aber auch den Lichtstrahl am Horizont."

Die dritte Ebene ziele auf die Naturverbundenheit von Santiano. "Wir sind ja als Freunde des Meeres bekannt, weswegen in den Songs auch die Sorge um die bedrohte Umwelt mitschwingt." Auf dem neuen Album habe man deswegen mit dem Polarforscher und Dokumentarfilmer Arved Fuchs zusammengearbeitet. "Wir wollen uns künftig dort noch stärker engagieren und geben dem Thema etwa mit Infoständen auf der Tournee viel Raum und unterstützen seine Petition Oceanchange21."

Geiger Pete Sage betont, dass man sich kreativ nicht wiederholen wolle, auch wenn es eine Gratwanderung sei, neue Dinge auszuprobieren, ohne das zu verraten, wofür die Leute die Band mögen. "Die Frage dabei ist, wie wir es schaffen, Santiano zu bleiben und genügend neu zu sein. Das ist uns, glaube ich, immer gelungen." Musikalisch sei man einen Schritt zurück gegangen. "Nachdem das letzte Studioalbum, 'Auge des Sturms', sehr hart war, haben wir über das 'Unplugged'-Album auch die Vorzüge wiederentdeckt, die Musik etwas folkiger zu gestalten. Gleichzeitig wollten wir jedoch nicht auf die Heavy-Anteile verzichten."

Auch live biete das neue Album viele Möglichkeiten, wie Both ausführt: "Wir versuchen immer, die Geschichten aus einem Album auch auf der Bühne zu erzählen - getreu unserem Motto, dass Santiano die Tür aufmachen zur großen weiten Welt." Derzeit liefen noch Gespräche über die konkrete Live-Umsetzung. "Zur Zeit tendieren wir dazu, die 'Kälte'-Geschichte in einem Block zu erzählen. Dann bleibt bei zweieinhalb Stunden noch genügend Zeit für unsere Klassiker."

Man sei zuversichtlich, dass die Tour stattfindet. "Die Perspektive, wieder live spielen zu können, war für uns bei der Albumproduktion extrem wichtig. Wenn diese Tour noch mit Fragezeichen versehen wäre, hätte uns im Studio auch der Bock und der Mumm gefehlt", sagt Both. Bei der Aufnahme der Songs sei man so selten wie nie zuvor gemeinsam im Studio gewesen, "aber das müssen wir auch nicht, weil auch die anderen Alben zuvor im Schichtbetrieb entstanden sind, wenn auch nicht in dem Ausmaße."

POLITISCHE ANSAGEN OHNE ZEIGEFINGER

Was sich indes nicht geändert habe, sei der politische Anspruch der Formation. Björn Both verweist etwa auf die "Ode an die Freiheit", eine regelmäßige Ansprache bei jedem Konzert. "Inhaltlich ändert sich das Thema, je nach Anlass. Zudem verwenden wir die etwas pathetische Santiano-Sprache, die aber ohne erhobenen Zeigefinger auskommt."

In der Vergangenheit habe es immer wieder Aufregungen über bestimmte Äußerungen gegeben, auch mit Shitstorms habe man schon Erfahrungen gesammelt. "Man darf aber nicht den Fehler mahen, auf solche Angriffe reinzufallen. Es kam vor, dass etwa ein Pegida-Anhänger uns schreibt, er verbrenne all seine Santiano-Tickets, weil er mit einem Statement von uns nicht einverstanden sei. Wenn man aber in seiner Timeline nachschaut und feststellt, dass diese Person nie etwas mit Santiano zu tun hatte, dann weiß man, dass da Trolle am Werk sind. Wir lassen uns da nicht vor den Bug schießen. Auch wissen wir, dass unsere Fans zum allergrößten Teil hinter uns stehen."

Dennoch gab es auch verstörende Erlebnisse, wie Both schildert: "Ein paar Leute haben sich vor einem Konzert von uns im Foyer mit Hitler-Gruß vor einem Santiano-Poster fotografiert. Wir haben dann den Fehler gemacht, sie nur rauszuwerfen, anstelle sie anzuzeigen. Denn ich will nicht, dass solche Personen mit uns feiern. Mir wäre lieber, wenn sie ihre Santiano-Platten bei mir persönlich abgäben und wir ihnen Santiano-Verbot erteilen könnten."