Livebiz

Roland Kaiser hält sich ­"politisch nie zurück"

Mit seinem Album, "Weihnachtszeit", ist Roland Kaiser auf Platz drei der Charts eingestiegen. Im Gespräch mit MusikWoche berichtet der Sänger von den Produktions­­-umständen, spricht aber auch über den Schlager und sein politisches Engagement.

27.10.2021 15:29 • von

Mit seinem aktuellen Album, "Weihnachtszeit", ist Roland Kaiser auf Platz drei in die Charts eingestiegen. Im Gespräch mit MusikWoche berichtet der Sänger von den Produktions­­-umständen, spricht aber auch über den Schlager und sein politisches Engagement.

____Sie haben nun bereits Ihr zweites Weihnachtsalbum aufgenommen. War es eine bewusste Zielsetzung, einen vielfältigen, modernen Sound zu wählen?

Ja, wir haben darüber mit den beiden Arrangeuren Lee Caspi und Alex Wende gesprochen, und ich wollte, dass die traditionellen Weihnachtslieder zeitgemäß klingen. So hätte nach dem Intro von "Süßer die Glocken nie klingen" durchaus ein Pop-Song kommen können. Zugleich war es mir eine Herzensangelegenheit, große amerikanische Weihnachts-Songs wie "Let It Snow" aufzunehmen. Mir hat einfach gut gefallen, Standards wie "White Christmas" mit einer Band live im Studio zu produzieren. Wichtig für den Sound war dann auch der Grammy-Preisträger Michael Ilbert, der unsere Musik in den Hansa ­Studios mit all seiner internationalen Erfahrung perfekt abgemischt hat.

____Sie haben für das Album auch "In The Ghetto" von Elvis Presley ausgesucht. Wie kam es dazu?

Ich habe diesen Song gewählt, weil es das erste Stück war, das ich jemals in einem Studio gesungen habe - und zwar am 21. Dezember 1973. Da war ich bei den Meisel Musikverlagen in Berlin, nachdem ich in einem privaten Gespräch den Mund etwas zu voll genommen und behauptet hatte, was die Sänger da bei der "ZDF Hitparade" machen, das kann ich auch. Ein Freund verschaffte mir dann den Termin bei Thomas Meisel, wo ich mir aus einer Liste "In The Ghetto" aussuchte. Der Toningenieur war darüber verwundert, vor allem, als ich ihm sagte, dass ich vorher noch nie gesungen hatte. Nach der Aufnahme wollte er aber wissen, ob ich tatsächlich noch nie gesungen habe. Er brachte mich dann zu Thomas Meisel, der mir an Ort und Stelle einen Dreijahresvertrag anbot. Ihm hatte gefallen, dass ich nicht versucht hatte, Elvis Presley zu kopieren, sondern einfach so gesungen hatte, wie ich es damals empfand. Und mit der neuen Aufnahme schließt sich nun dieser Kreis. Aber auch das Thema in dem Song bewegt mich nach wie vor, denn Krieg, Hunger und Ghettos gibt es leider immer noch.

____Das Weihnachtsalbum, aber auch ihre letzten Studioalben für Sony Music, sind nicht mehr auf Ariola, sondern auf RCA erschienen. Wollten Sie sich damit vom traditionellen Schlager-Image absetzen?

Nein, das war damals eine Entscheidung der Firma, RCA als nationales Label für deutsch­sprachige Musik zu stärken. Im Grunde ist es doch egal, was für ein Label auf einer Platte steht. Wir wollen mit unseren Produktionen populäre Musik machen, die zeitgemäß klingen soll. Das ist die einzige Prämisse, die wir haben. Wie man das dann am Ende nennt, spielt doch keine Rolle. Ich mache die Musik, die mir gefällt. Ein Schlager ist doch vor allem ein Lied, das der Mehrheit der Menschen gefällt, gleichsam ein Song, der einschlägt. Im alten Wien waren das etwa die Melodien von Strauss. Mit dem Begriff "Schlager" habe ich überhaupt keine Probleme. Wenn mich jemand "Schlagersänger" nennt, kann er das gern tun. Es wäre doch herrlich, wenn jeder meiner Songs ein Schlager geworden wäre.

____Dennoch wird im Feuilleton beim Thema Schlager noch immer die Nase gerümpft.

Bei mir hören sie damit auf. Gerade bei der laufenden Tournee bekommen wir Kritiken auch von der "SZ" oder der "FAZ", die schon reflektieren, dass unser Produktionsstandard eher international als deutsch ist, eher Neil Diamond als deutscher Schlager. Aber ich mache das nicht, um diese Wertschätzung zu erreichen, sondern weil mir das gefällt, was ich mache. Meine Musik soll gut klingen, einem gewissen Qualitätsanspruch genügen, darum geht es mir.

____Sehen Sie Ihre Musik auch im Kontrast zu bestimmten Produktionen des Genres, wo man versucht, mit einem Four-To-The-Floor-Beat modern zu klingen?

Das kommt immer auf den Song an. Bei diesem Weihnachtsalbum habe ich so viel wie möglich mit echten Musikern gearbeitet und weitgehend auf Programming verzichtet. Das lag aber nicht zuletzt auch daran, dass wir in diesen besonderen Zeiten möglichst vielen Musikerinnen und Musikern die Gelegenheit geben wollten, angesichts der weggefallenen Konzerte arbeiten zu können. Deswegen haben wir sie, so oft es ging, bei unseren Aufnahmen beschäftigt. Aber es kommt auf die Musik an, auch programmierte Drumbeats können zu einem Song passen.

____Wie stehen Sie denn zum auf Tanzbarkeit produzierten Pop-Schlager à la Mallorca?

Ich bin sehr vorsichtig mit dem Begriff Pop-Schlager. Belassen wir es doch einfach bei Schlager. Denn Popmusik im ursprünglichen Sinne klingt anders. Justin Timberlake ist kein Pop-Schlager. Schlager sollte einfach Schlager sein, auch wenn man das Mallorca-Schlager nennen mag.

____Sie haben sich gemeinsam mit Ihrem Veranstalter Dieter Semmelmann für die von Corona immens betroffene Livebranche stark gemacht und sich in Ihren Äußerungen politisch nicht zurückgehalten.

Ich halte mich politisch nie zurück, will mein Engagement aber gern einmal auf den Punkt bringen. Sicherlich sind einige Branchen wie die unsrige durch die Maßnahmen der Regierung stärker betroffen gewesen als andere, aber man muss die Situation im Ganzen sehen. Deutschland und damit die mit der Krise betrauten verantwortlichen Politiker sind im internationalen Vergleich sehr gut mit dieser besonderen Herausforderung klargekommen. Unsere politisch Verantwortlichen konnten diese Pandemie vorher nicht üben, sie haben ihre Arbeit unterm Strich gut gemacht. Dieter Semmelmann und ich wollten eine solche Tournee umsetzen, auch wenn es schwierig ist. Denn irgendeiner muss das Eis brechen. Ich habe jetzt einige Konzerte gespielt, bei denen die Menschen mit Masken im Saal saßen, was bei zweieinhalb Stunden Länge wahrlich nicht einfach ist. Aber das hat den Emotionen und der Begeisterung der Menschen keinen Abbruch getan. Sie haben honoriert, dass wir trotz der widrigen Umstände gekommen sind. Ich habe mich am Ende der Shows bedankt, dass sie uns trotz der schwierigen Situation ihr Lächeln hinter ihren Masken geschenkt haben.

____Würden Sie sich dem Credo von Udo Jürgens anschließen, dass in Unterhaltung immer auch Haltung steckt?

Ich trenne meinen Beruf sehr genau von meinen persönlichen Äußerungen. Ich bin der Meinung, dass die Zuschauer in meine Konzerte kommen, um sich unterhalten zu lassen, ihre mitunter schwerwiegenden Sorgen zu vergessen und mit einem guten Gefühl wieder nach Hause zu gehen. Das ist die Aufgabe, die sie mir stellen, und die erfülle ich jeden Abend. Wenn ich politische Botschaften zu vermitteln habe, kann ich mit den Medien sprechen. Das sollte man tun, und das tue ich auch. Gleichwohl haben wir seit ein paar Jahren das Lied "Liebe kann uns retten" von Peter Plate im Programm, zu dem ich in der Ansage immer ein paar Worte erkläre, wie wichtig Toleranz und Mitmenschlichkeit sind. Und wenn uns dann die Menschen im Publikum während des Songs mit weißen Tüchern zuwinken, zeigen sie damit Respekt vor der Schöpfung. Das berührt mich sehr, und ich bin immer wieder fasziniert, was dieses Lied bewirken kann.

______________________________________________

Im Heyne Verlag ist mit "Sonnenseite" die Autobiographie von Roland Kaiser erschienen, die er zusammen mit Sabine Eichhorst geschrieben hat. Der Sänger schildert dort nicht nur seine Musikkarriere, sondern erklärt auch wie seine Kindheit in wenig begüterten Verhältnissen zu seinem späteren sozialen Engagement führte.