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Schlagerbranche verspürt "positive Nebeneffekte"

Corona hält die Branche auch im zweiten Jahr fest im Griff. MusikWoche wollte von Labels im Bereich Schlager und verwandten Genres wissen, wie sie bislang durch das Jahr gekommen sind, und welche Erfolge sie der Pandemie zum Trotz feiern konnten.

01.11.2021 11:48 • von

Corona hält die Branche auch im zweiten Jahr fest im Griff. MusikWoche wollte von Labels im Bereich Schlager und verwandten Genres wissen, wie sie bislang durch das Jahr gekommen sind, und welche Erfolge sie der Pandemie zum Trotz feiern konnten.

"Auch das zweite Jahr der Pandemie, verbunden mit dem immer noch nicht wirklich stattfindenden Livegeschäft, bedeutet insbesondere für unsere Künstler*innen eine extreme wirtschaftliche und auch emotionale Belastung. Ich finde, es ist wichtig, hierauf immer wieder hinzuweisen", sagt Jörg Hellwig, Managing Director Electrola. "Als Label sind wir natürlich auch betroffen, große Tourneen unserer Top-Acts mussten wieder und wieder verschoben werden, und damit fehlt natürlich eine große Promotionfläche." Es sei hinlänglich bekannt, dass das Radio für die Schlager- und MOR-Acts nicht die Relevanz habe wie für das junge Pop-Repertoire. Und TV-Auftritte ohne Zuschauer im Venue entfalteten ebenfalls nicht die Wirkung wie mit vollem Saal, klagt der Electrola-Chef. "Dazu kommt das wegfallende Party-Geschäft, was für Electrola eine große Bedeutung hat. Das sind die Belastungen."

Auf der anderen Seite beschleunige diese Krise auch den Wandel des Repertoires ins digitale Business, worauf das Label im laufenden Jahr einen großen Fokus lege. "Der Zuwachs an Streaming-Abonnenten der etwas älteren Zielgruppen kommt uns zugute, überproportionales digitales Wachstum in unseren Genres ist die Folge. Auch die ermutigende Entwicklung unser digital sehr gut aufgestellten Acts wie Draufgänger, Stereoact und Sonia Liebing macht uns viel Spaß." Zugleich freut sich Electrola über vier Nummer-eins-Alben (Maite Kelly, Ben Zucker, Kastelruther Spatzen und Santiano) im Jahr 2021. Man sei sehr guter Hoffnung, mit den acht Alben, die bis Weihnachten noch veröffentlicht werden, einen starken Herbst zu haben. "Besonders herauszuheben ist das Weihnachtsalbum 'Happy Christmas' von Howard Carpendale, wiederum eingespielt vom Royal Philharmonic Orchestra. Wir haben das Gefühl, hiermit einen All-Time-Weihnachtsklassiker zu veröffentlichen."

Auch Ken Otremba, Geschäftsführer Telamo, zieht ein Zwischenfazit 2021, dass für das Münchner Label "sehr, sehr erfreulich" ausfalle. "Zum einen konnten wir unseren Chartsmarktanteil nochmals steigern und liegen mit knapp sechs Prozent und Platz zwei im Labelranking so gut wie noch nie. Die unangefochtene Nummer eins bei den Indielabels und Marktführer im Schlagergenre sind wirklich erfreuliche Resultate. Dazu haben wir mit drei Nummer-eins-Alben sowie zahlreichen weiteren Top-3-Chartsplatzierungen eindrucksvolle Album-Releases hingelegt." Für den Telamo-Act Giovanni Zarrella seien sogar zwei Träume in Erfüllung gegangen - erstmals als Solokünstler mit einem Album auf Nummer eins und seine eigene Prime-Time-TV-Show im ZDF. "Wir sind sehr stolz, mit diesem Ausnahmekünstler frühzeitig eine langfristige Zusammenarbeit eingegangen zu sein, um so die Erfolgsstory in der bewährten Konstellation mit Christian Geller und Starwatch weiter erzählen zu können."

Auch konnte Telamo im Rahmen der ARD-Show "Die Schlagerchallenge" zwei eigene Newcomer einer breiten Öffentlichkeit präsentieren: "Romy Kirsch und Eric Philippi sind zwei ganz außergewöhnlich talentierte junge Künstler, die beide noch große Karrieren vor sich haben." Zudem verweist Otremba auf die 13. Nummer eins der Amigos, die erneute Triple-Nummer-eins von Daniela Alfinito, Platz zwei der Calimeros und der Schlagerpiloten oder den Charts-Einstieg der Compilations "Schlager für alle" sowie "Schlager Hits 2021" auf Position eins - für Telamo "weitere Meilensteine eines großartigen Jahres". Dazu habe man im Herbst noch einige wirklich tolle Veröffentlichungen anstehen, "sodass wir am Jahresende auf ein weiteres Rekordjahr zurückblicken werden können".

Thomas Hauptmann, Geschäftsführer spectre media, gibt sich deutlich besorgter: "Das zweite Corona-Jahr zeigt sich uneinheitlich. Die Umsätze der physischen Tonträger haben wiederum etwas nachgegeben, was angesichts des viel zu langen Lockdowns kein Wunder ist. Und vom Lockdown ging es dann auch gleich ins Sommerloch." Zudem mache sich die Schließung von einem Dutzend Saturn-Filialen negativ bemerkbar. "Etwas erfreulicher war die Entwicklung im Onlinehandel, wobei allerdings der Umsatz in Großbritannien durch den Brexit ebenfalls gelitten hat. Tonträgerverkäufe bei Konzerten finden leider nach wie vor kaum noch statt, und das Lizenzgeschäft mit Kopplungen ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen." Im digitalen Bereich habe man einen großen Zuwachs im Streaming zu verzeichnen, der Download spiele hier kaum noch eine Rolle. Die Gewinne im Streaming und die Verluste im physischen Bereich halten sich derzeit in etwa die Waage", so der spectre-Chef. "Auf der Verlagsseite spüren wir die Auswirkungen erst in diesem Jahr. Da ab März 2020 keine Veranstaltungen stattgefunden haben, fehlen natürlich die GEMA-Einnahmen aus Live-Events. Es ist noch zu früh, etwas Genaues vorauszusagen, aber eine Konsolidierung wird sowohl auf Labelseite als auch im stationären Handel und vor allem bei den Veranstaltern zu erwarten sein. Es bleibt spannend."

STARK EINGESCHRÄNKTE MÖGLICHKEITEN

Anja Becker, zuständig für Promotion und Produktkoordination bei da music, freut sich auch im zweiten Corona-Jahr trotz der schwierigen Handelssituation und der stark eingeschränkten Möglichkeiten von Live-Auftritten oder Tourneen dennoch über "zwei tolle Chartserfolge". Zum einen erreichte Laura Wilde auch ohne die Möglichkeit einer großen Promotion- und Live-Tournee mit ihrem neuen Album "Unbeschreiblich" die Top 20 der Verkaufscharts, zum anderen konnte sich das Label über eine starke Nachfrage für das neue Album "Wenn wir uns wiedersehen" von ­Mike Leon Grosch der Eventline Media KG freuen. Genau wie das Album von Laura Wilde stieg der Longplayer auf Rang 18 ein.

"Trotz oder vielleicht sogar aufgrund unserer neuen und starken Vertriebspartnerschaft mit SPV, die einige personelle und digitale Umstellungen von uns erforderte, können wir für 2021 ein insgesamt positives Fazit ziehen. Und auch für 2022 werden wir die neuen Herausforderungen in einem veränderten Markt annehmen. Dabei wollen wir auch weiterhin mit verkaufsstarken Produkten und beliebten Künstlern punkten." In diesem Zusammenhang danke man den engagierten Partnern im Bereich Schlager wie dem Schweizer Label Zoom Records unter der Regie von Beat Müller, das Ende Oktober das neue Album von Olaf Henning, "Mr. Perfect", herausbringen wird, sowie der Eventline Media KG von Alex Frömelt und dem langjährigen Labelpartner Monopol Records, der gerade das neue Album "Ich bin wieder da" von Frank Schöbel veröffentlicht hat. "Auf dem hauseigenen Label DA Records freuen wir uns zudem über den Chartserfolg des Leonard-Albums 'Lachen und Weinen' in den Schweizer Verkaufscharts (Platz fünf in den Schlagercharts, Platz 29 in den Verkaufscharts) sowie über den Einstieg der aktuellen Single 'Zurück in die Zukunft' von Laura Wilde in den Top 20 der Airplay-Charts konservativ."

Markus Hartmann, Vice President RCA & Ariola Sony Music Germany, sieht auch positive Auswirkungen: "Corona hat neben unguten Auswirkungen dazu geführt, das Segment Schlager noch stärker im Streaming visibel zu machen. Sowohl die Konsumenten als auch unsere kreativen Partner und Künstler wie auch die DSPs haben viele gute Wege gefunden, damit umzugehen." Derzeit freue sich das Team über den sich anbahnenden großen Erfolg des Weihnachtsalbums von Roland Kaiser: "Roland hat hier auf vielen Ebenen Mut bewiesen, ein sehr besonderes Album zu konzipieren und es fantastisch umgesetzt. Daneben sind wir wirklich zuversichtlich, die neuen Veröffentlichungen von Matthias Reim, Semino Rossi, Julian Reim und Marie Reim auf das jeweils nächste Level zu bringen." Neue Singles von Sarah Lombardi und eine starke Kampagne mit den Partnern von Starwatch und RTL mit Melissa Naschenweng und Hape Kerkeling rundeten den Herbst/Winter im Schlager bei Sony Music ab, so Hartmann weiter.

Andreas Rosmiarek und Nina Krämer von Fiesta Records formulieren hingegen, dass es das zweite Jahr der Pandemie noch einmal in sich hatte: "Der allgemeine Unmut machte sich immer weiter breit, die Veranstaltungsbranche lag über anderthalb Jahre brach, und wir hangelten uns von Lockdown zu Lockdown. Aber auch in dieser schweren Zeit, vor allem für Künstler und Veranstalter, konnten wir als Label zahlreiche Erfolge verbuchen. Im vergangenen Jahr ging es für uns von Höhepunkt zu Höhepunkt." Durch "die steigende Beliebtheit deutschsprachiger Musik und zahlreichen neuen Künstlern von Fiesta Records" konnte das Team 2021 sogar um zwei Mitarbeiter vergrößert werden: Rebecca Rosmiarek und Nicole Steinbüchel. "Mit den Fachkenntnissen aus ihrem PR- und Kommunikationsstudium unterstützt uns Rebecca Rosmiarek nun tatkräftig in den Bereichen Marketing, PR und Social Media. Nicole Steinbüchel bringt dank ihres Studiums der Asienwissenschaften internationales Know-how in unser Team. Aber nicht nur unser Team im Büro ist gewachsen. Auch als Musiklabel haben wir wieder zahlreichen Newcomern die Chance gegeben, durchzustarten."

Laut eigenen Angaben sei Fiesta Records nach wie vor das erfolgreichste Label im Bereich Newcomer-Förderung, wie Rosmiarek und Förster ausführen. "So konnten wir trotz aller Schwierigkeiten viele neue Talente signen, aber auch das Comeback von Matthias Carras feiern. Dieser kräftige Zuwachs hängt zum einen damit zusammen, dass viele während der Pandemie ihre Leidenschaft für die Musik intensivieren konnten und zum anderen auch damit, dass pandemiebedingt auch mehr deutschsprachige Musik zu Hause gehört wurde." Auch habe die eigene Promo-Arbeit dafür gesorgt, dass die Songs der Fiesta-Acts sowohl bei den Rundfunkredakteuren als auch bei den DJs Gehör fanden. "Zudem konnten wir unsere Reichweite steigern. Unsere Songs werden nun über 250.000-mal am Tag gestreamt und unsere Musikvideos über 20.000-mal pro Tag geschaut." Doch trotz dieser positiven Entwicklungen habe man es vermisst, die Künstler live zu erleben. "Daher sind wir mehr als glücklich, dass sie sich jetzt wieder auf den Bühnen der Nation präsentieren können. Alles in allem haben wir die Pandemie gut überstanden und freuen uns über jeden einzelnen Künstlerzuwachs und auf neue Erfolge."

Michael Menges, Geschäftsführer Michael Menges Musikmanagement, sieht vor allem die negativen Auswirkungen der Pandemie. "Das Corona-Jahr Nummer zwei fällt durchwachsener aus als von den meisten in der Branche gedacht. Von Normalität sind wir weit entfernt. Auch Erfahrungswerte und Publikumsverhalten, auf die man vor Corona baute und zählte, haben aktuell kaum noch Gültigkeit. "So sei das Live-Business nach wie vor völlig unkalkulierbar und nichts, auf das man tatsächlich verlässlich bauen könne." Großer Besucheransturm bleibt größtenteils aus. Es gibt Publikumsschwund auf fast allen Konzerten. Selbst wenn Karten verkauft wurden, ist das offenbar kein Grund, dass die Menschen auch tatsächlich ins Konzert kommen. Die Irritation und der Unmut über 3G- oder dann doch 2G-Veranstaltungen ist groß."

Die Menschen seien müde und mit sich, ihrer Arbeit und ihrer Familie beschäftigt, hat Menges beobachtet. Auch im Bereich Recorded Music sei von einem Hype kaum eine Rede. "MediaMärkte verkleinern deutlich ihre Stand- und Verkaufsflächen für CDs. Wenn, dann funktionieren die wenigen Superstars oder Acts, die sich in den vergangen Jahren im reinen Streamingmarkt gut aufgestellt haben. "Dabei blieben Newcomer oder das mittlere Segment auf der Strecke, auch wenn sie sich sehr um mediale Aufmerksamkeit bemühten. Doch alles bliebe ohne starkes Echo beim Publikum und verhalle im Leeren. "Newcomer-Aufbau war noch nie so schwer wie in den vergangenen zwei Jahren", stelt Menges fest. "Positiv ist, dass ich - als Michael Menges Musikverlag - einen Titel zum aktuellen Album 'Rausch' von Helene Fischer beisteuern durfte. Darüber sind wir sehr glücklich, dankbar und stolz. Dennoch muss es weiter gehen. Unsere Branche braucht nach wie vor Klarheit und Verlässlichkeit sowie einheitliche Regelungen über alle Bundesländer hinweg."

VORSICHTIGER OPTIMISMUS

Besorgt ist auch Mike Rötgens, Geschäftsführer Xtreme Sound: "Auch im zweiten Corona-Jahr setzte sich bei uns der Einbruch leider fort. Während in anderen Bereichen die Streamingzahlen stiegen, fielen sie in unserem Segment weiter ab. Die fehlende Promotion aufgrund abgesagter Veranstaltungen und geschlossener Diskotheken ließ sich auch nicht durch TV-Präsenz auffangen." Jedoch habe er vor allem im zweiten Halbjahr einen vorsichtigen Optimismus bemerkt. "Endlich wurden Songs, die lange zurückgehalten wurden, veröffentlicht. So konnten wir uns zum Beispiel darüber freuen, dass der Song 'Kann ich so nicht sagen, müsst ich nackt sehn' von Mickie Krause, den wir bereits im Jahr 2018 aufgenommen hatten, endlich Top-Platzierungen erhielt, nachdem die VÖ aufgrund der Krise immer wieder verschoben wurde."

Bei dem vor allem als Produktionsfirma aktiven Unternehmen ist man zuversichtlich, dass sich dieser Trend durch die Öffnung der Clubs und andere Lockerungen weiter fortsetzen werde. Darüber hinaus habe man endlich die Zeit gefunden, neue Projekte zu entwickeln: "Wir haben in Kooperation mit der Agentur Markus Krampe Management und Mina TV die Schlagerkarriere von Detlef Deffi Steves angeschoben." Eine dazugehörige Dokumentation läuft im Januar 2022 bei Vox. Auch philosophisch nimmt Rötgens eine Corona-Erkenntnis mit: "Als größten Gewinn aus der Krise nehme ich die bei vielen Künstlern und auch unserem Team eingekehrte Demut wahr, Erreichtes und Erfolg nicht zu selbstverständlich zu nehmen, und sich täglich über diesen tollen Job zu freuen."