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Klassiker setzen auf Qualität, nicht nur beim Klang

Im ersten Halbjahr legte das deutsche Geschäft mit Recorded Music laut Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie um gut zwölf Prozent zu - vor allem dank anhaltender Erfolge im Streaming. MusikWoche wollte von ausgewählten Expert*innen wissen, ob die Klassik da in ganzer Vielfalt mithalten kann, oder zumindest in ausgewählten Bereichen?

21.10.2021 09:22 • von
Den Klassikmarkt im Blick: MusikWoche befragte ausgewählte Expert*innen zur aktuellen Entwicklung im Geschäft mit klassische Musik (Bild: Fotos: Katja Ruge, Photo Huber; Layout: MusikWoche)

Im ersten Halbjahr legte das deutsche Geschäft mit Recorded Music laut Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie um gut zwölf Prozent zu - vor allem dank anhaltender Erfolge im Streaming. MusikWoche wollte im Umfeld der Verleihung des Opus Klassik von ausgewählten Expert*innen wissen, ob die Klassik da in ganzer Vielfalt mithalten kann, oder zumindest in ausgewählten Bereichen?

»Bei der Entwicklung des Musikmarktes zeigt es sich wieder ganz besonders: die Klassik ist als Genre mindestens so vielfältig wie die Musik überhaupt«, kommentiert Stephanie Haase, Director Warner Classics: »Einige Stilrichtungen verzeichnen ein bemerkenswertes Streamingwachstum, andere hingegen sind im physischen Bereich erfolgreich.« Ein Trend aber scheint laut Hasse klar erkennbar: »Beide Formate - physisch und digital - profitieren von bestmöglicher Soundqualität.«

Das macht sich auch bei Warner Music bemerkbar: »So freuen wir uns über den Erfolg der neu remasterten Studioaufnahmen von Wilhelm Furtwängler, die wir erstmals komplett in einer Box vereint jetzt im Herbst veröffentlicht haben. Auch mit den Veröffentlichungen, die digital im Spatial-Audio 3D-Format erscheinen, sowohl im Bereich Frontline als auch Katalog, können wir Erfolge verzeichnen.« Laut Haase zeige sich hier »einmal mehr, dass sich Qualität auszahlt - und das nicht nur im soundtechnischen Bereich«. Vielmehr würden beide Formate »auch von besonderen Künstler:innen« profitieren, betont Haase, und nennt eine Auswahl, über deren Erfolge und Neuerscheinungen man sich im Hause Warner Music freuen könne: »Die ägyptische Sängerin Fatma Said, frisch gekürt mit dem Opus Klasik als Nachwuchskünstlerin, der polnische Countertenor Jakub Jozef Orlinski, der im Herbst mit einem neuen Album mit geistlichen Arien inklusive Weltersteinspielungen aufwartet, oder auch die Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker, Anneleen Lenaerts, die uns mit ihrem Instrument Geschichten aus und um Wien erzählen wird.« Aber auch die großen Meister würden »neu remastert alle Formate von Spatial Sudio 3D über die CD bis hin zur Vinyl« bespielen, darunter zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt mit seiner berühmten Aufnahme des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart.

»Es ist tatsächlich so, dass der Streamingbereich auch bei Genuin und unserem überwiegend klassischen Repertoire seit Anfang 2020 überproportional zugenommen hat«, berichtet Geschäftsführer Holger Busse vom Leipziger Label Genuin Classics: »Mittlerweile liegen unsere Einnahmen durch Streaming und Download bei über 60 Prozent der gesamten Vertriebseinnahmen.« Die wichtigsten Plattformen seien dabei Amazon Premium, Spotify und Apple Music, sagt Busse: »Der leichte Abwärtstrend bei physischen Tonträgerverkäufen wird durch diese Entwicklung mehr als wettgemacht - zumindest bei Genuin.«

Von einem anhaltenden Wandel berichtet auch Kleopatra Sofroniou, General Manager Deutsche Grammophon: »Als ein Label, das sich durch Innovation im Bereich Repertoire und Marketing auszeichnet und kontinuierlich wegweisende technische Neuerungen implementiert, begeistert uns der Wandel in der Musik. Wir haben uns bereits sehr früh für Dolby Atmos entschieden, produzieren seit 2018 eigene Podcasts, haben im vergangenen Jahr mit DG Stage eine eigene digitale Plattform für klassische Konzerte aufgebaut und erst unlängst beim Hamburger Reeperbahn Festival 2021 unseren ersten Livestream klassischer Musik auf TikTok vorgestellt.« Aber auch auf kreativer Seite sieht Sofroniou das Klassik-Label von Universal Music passend aufgestellt: »Außerdem erweitern wir beständig unser Programm, indem wir so kreative und außergewöhnliche Künstler wie Emily D'Angelo, Hildur Guðnadóttir, Joep Beving, Víkingur Ólafsson und Max Richter unter Vertrag nehmen und mit Weltstars wie Moby und John Williams zusammenarbeiten.«

»Leider sieht es für die kleineren Klassik Labels nicht ganz so rosig aus«, schränkt derweil Hubert Haas als Geschäftsführer von Solo Musica aus München ein. »Unser Segment ist immer noch sehr CD lastig und das Orderverhalten des Fachhandels bei Klassik CDs ist nach wie vor sehr verhalten, von den Major-Themen mal abgesehen.« Dies aber werde sich »durch die langsame Normalisierung im Konzertbetreib hoffentlich wieder ändern«, zeigt sich Haas verhalten zuversichtlich: »Konzertverkäufe, ein wichtiges Tool bei der Klassik, fanden ja bisher so gut wie keine statt.«

Hubert Haas hat aber auch beobachten können, dass auch in der älteren Käufergruppe die Bereitschaft, digitale Medien zu nutzen, »enorm zugenommen« habe: »Das hat bei Solo Musica positive Auswirkungen vor allem im hochauflösenden Downloadbereich gezeigt. Jedoch kann dieser Aufwärtstrend die Verluste im physischen Bereich noch nicht ganz kompensieren.« Solo Musica wolle deshalb »sein Portfolio kontinuierlich ausbauen«, kündigt Haas an: »Künftig wird es im digitalen Bereich zum Beispiel auch Dolby-Atmos-Veröffentlichungen geben.«

»Im laufenden Kalenderjahr sieht der Gesamtmarkt im Klassikgeschäft gegenüber dem Vorjahr erfreulich stabil aus, und der digitale Anteil am Klassikumsatz wächst inzwischen deutlich, vor allem durch Wachstum im Streaming«, weiß Michael ­Brüggemann, Vice President Sony Music Classical Germany: »Im Gesamtmarkt macht der digitale Umsatz inzwischen deutlich über 30 Prozent aus.« Vor diesem Hintergrund analysiert Brüggemann: »Wenn man bedenkt, dass der Umsatzanteil physischer Tonträger im Klassikmarkt immer noch mehr als die Hälfte beträgt, haben sich die Klassik-Labels und der Handel auch in den schwierigen Zeiten des Lockdowns gut geschlagen.« Brüggemann ergänzt: »Viele Händler, auch Fachhändler, konnten ihr Onlinegeschäft steigern und viele Künstler:innen haben online deutlich ihre Reichweite ausbauen können, bei uns zum Beispiel Igor Levit und Khatia Buniatishvili.«

Zu diesen »positiven Entwicklungen im Gesamtmarkt« habe Sony Music mit den Labels Sony Classical und Deutsche Harmonia Mundi »einiges beitragen« können, unterstreicht Brüggemann. »Unter anderem dank starker Veröffentlichungen wie dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, von Igor Levit, der Opus-Klassik-Gewinnerin Sonya Yoncheva, von Jonas Kaufmann, Bariton Christian Gerhaher oder Raphaela Gromes.«

Auch der Opus Klassik habe sich 2021 als »ein voller Erfolg« erwiesen, der »jetzt schon zahlreiche der ausgezeichneten Alben wie auch das offizielle Opus-Klassik-Doppelalbum >Best of Klassik 2021<«beflügele. »Dank der hochwertigen TV-Produktion des ZDF ist der Opus Klassik inzwischen zu einer der begehrtesten Auszeichnungen weltweit geworden.«

Das Label C Major Entertainment vermarktet laut Geschäftsführer Elmar Kruse »seit mehr als 15 Jahren erfolgreich audio-visuelle klassische Musik«, und in dieser Zeit habe sich der Tonträgermarkt »dramatisch verändert«: »Physische Tonträger spielen eine geringere Rolle, gleichwohl verkaufen wir immer noch weltweit insbesondere Blu-rays und DVDs in zufriedenstellenden Stückzahlen - insbesondere Collector's Items wie Box-Sets.« Während der Downloadbereich schwächele, würden Streamingformate ­»boomen«, weiß Kruse. »Insbesondere natürlich im Audio-Segment.« Er ergänzt: »Video tut sich über die klassischen DSPs noch schwer, aber in den IFPI-Zahlen sind die Erlöse aus VOD-Umsätzen international nicht enthalten. Hier gibt es eine positive Entwicklung, die der Verband abbilden sollte«, mahnt Kruse an. »Insgesamt hat sich während der Pandemie gezeigt, dass audiovisuelle Inhalte im Bereich Klassik stärker nachgefragt werden, wenn auch teils kostenfrei über die subventionierten öffentlich-rechtlichen Anbieter.« Vor diesem Hintergrund findet es Kruse »überraschend, dass sich die Veranstalter des Opus Klassik nicht entscheiden konnten für das wichtiger werdende Format Long Form Video auch nur einen Preis zu vergeben«.

»Die musikalische Bandbreite und große Diversität der Projekte, die wir bei Edel Kultur mit unseren Labels Berlin Classics und Neue Meister umsetzen, führt zur Stabilität im Tonträgergeschäft und Wachstum im digitalen Vertrieb«, kann Marcus Heinicke konstatieren, Head Of Classics Edel Kultur. »Wir werden an dieser erfolgreichen Strategie weiter festhalten, exklusive und hochwertig ausgestatte CDs und LPs zu veröffentlichen und gleichzeitig innovative Wege im digitalen Vertrieb und Marketing zu gehen.«

»Als Naxos-Gruppe und in der weltweiten Aufstellung können wir sehen, dass in der Tat auch im Klassikbereich die positive Nachfrage im ersten Halbjahr und darüber hinaus stark anhält«, berichtet Matthias Lutzweiler, der im Sommer bei der Naxos Music Group auf internationaler Ebene zum Deputy CEO Operations aufstieg: »Die Entwicklung hin zur Nutzung auch klassischer Musik via Streaming hält an und hatte sich durch die coronabedingten Restriktionen - sprich keine Livekonzerte, Absage klassischer Festivals - weiter verstärk.« Besonders interessant sei für Naxos, »dass sowohl die Nutzungszahlen im spezifischen Klassikgenre gestiegen sind, als auch die Klassik im Crossover-Bereich und an den Genre-Rändern deutlich stärker genutzt werden.«

Einen »interessanten Effekt« beobachtet Lutzweiler auch durch die verstärkten Aktivitäten der Klassik-Künstler im Social Media Bereich: Hier habe »inzwischen ein Learning stattgefunden, sich auch online populär und professionell zu präsentieren, mit optisch und inhaltlich starkem Auftritt. Hier wolle die Naxos-Gruppe »dazu beitragen, die klassische Musik aus der Genre-Ecke ein stückweit herauszubringen«, berichtet Lutzweiler: »Influencer und Persönlichkeiten spielen auch bei der Klassik eine immer wichtigere Rolle - gleichwohl darf ich noch anmerken, dass wir in der Klassik eine sehr stabile Kerngruppe von CD und Blu-ray-Käufern haben, die nach wie vor über die sich ausdünnenden örtlichen Läden einkaufen und in sehr starkem Maße zunehmend auch über den Online-Versandhandel.« Sein Fazit: »Wir blicken hoffnungsfroh nach vorne und sehen auch dem zweiten Halbjahr sehr positiv entgegen.«

Text: Knut Schlinger