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Bei Kontor Records "macht Physisch keine fünf ­Prozent mehr aus"

Seit seiner Gründung 1996 hat sich Kontor Records zu einem der wichtigsten globalen Dance-Labels entwickelt. Im Gespräch mit MusikWoche erzählt Jens Thele, wie sich das Geschäft­ verändert hat und analysiert das Wechselspiel von Dance und Pop.

15.10.2021 11:14 • von Dietmar Schwenger

Seit seiner Gründung 1996 hat sich Kontor Records zu einem der wichtigsten globalen Dance-Labels entwickelt. Im Gespräch mit MusikWoche erzählt Managing Director/Head of A&R Jens Thele, wie sich das Geschäft­ verändert hat und analysiert das Wechselspiel von Dance und Pop.

Wie ist ein Club-Label durch eine Zeit ohne Club-Hits gekommen?

Wir haben das Glück, dass wir auch als kleines mittelständisches Unternehmen immer wieder Hits generieren, auch in der Pandemie. Und die Streamingdienste haben funktioniert und die nötige Infrastruktur geschaffen. Zudem gibt es Kontor Records nun schon seit 25 Jahren, das heißt, wir haben einen recht guten Katalog, der auch in dieser schwierigen Zeit von den Leuten genutzt wurde. So haben wir etwa gemerkt, dass die Nutzungszahlen unseres Repertoires am Wochenende, wenn unsere Zielgruppe sonst in den Clubs unterwegs wäre, nach oben gingen. Die Leute haben ihre Lieblingstracks laufenlassen und dabei - wo und wie auch immer - gefeiert, ob allein oder im Partykeller. Deswegen sind wir als Label im Großen und Ganzen sehr gut durch die Zeit gekommen, was für unsere Veranstaltungsdivision natürlich nicht gilt. Da ging es von 100 auf null. Wirtschaftlich hat Kontor die Corona-Krise bislang besser überstanden, als wir anfangs befürchtet hatten. Gleichwohl merken wir natürlich, wie sehr die gesamte Lage den Künstlern zu schaffen macht, wenn sie nicht mehr auf die Bühne dürfen und ihr Leben, so wie sie es kannten, nicht mehr fortführen konnten.

Wie sah das im Team aus?

Das Büro war die ganze Zeit offen. Wer kommen wollte, konnte kommen. Denn es gibt viele, die nicht einfach zuhause völlig ohne soziale Kontakte sitzen wollen. Zu normalen Zeiten sind wir mit den Kollegen von Kontor New Media rund 70 Leute, aber auch während des harten Lockdowns waren wir hier immer mindestens zehn Personen, und es ergab sich dann, dass ich das bei Kurierdiensten bestellte Mittagessen ausgegeben habe. Wir haben immer gemeinsam gegessen und uns auch dadurch eine gewisse Normalität erhalten.

Blieb die Stimmung denn gut?

Wir hatten ja im Sommer 2020 zunächst die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde - umso bitterer war es, als sich die Lage dann doch anders entwickelte, die Festivals abgesagt wurden und die Clubs geschlossen blieben. Das hat die DJs und Produzenten hart getroffen. Aber wir haben auch gemerkt, dass viele die Zeit dann umso intensiver für neue Produktionen genutzt und deutlich mehr veröffentlicht haben als zuvor. Als Label haben wir dann versucht, mit dem DJ Delivery Service unseren Teil dazu beizutragen. Dort haben neben unseren eigenen DJs im Team wie Markus Gardeweg, Jerome oder Hagen Feetly auch viele Gast-DJs aufgelegt. Und das Feedback war toll: von den DJs, an die wir dank der Spenden immerhin 30.000 Euro ausschütten konnten, aber auch von Leuten, die sich in den Chats überschwänglich für das Angebot bedankt haben.

Wenn man auf die vergangenen 25 Jahre schaut, haben sich Dance und Pop immer weiter angenähert. Welche Folgen hat das für ein Label wie Kontor Records?

Ich sehe das eher als eine Wellenbewegung. Wenn ich an den Start von Kontor denke, da hatte doch jeder Major zwei oder drei eigene Dance-Labels und hat Millionen für Labeldeals ausgegeben. Doch als Viva ein paar Jahre später keinen Bock mehr auf Dance hatte, die Musik auch im Radio nicht lief und Dance beinahe ein Billig- oder Schmuddel-Image bekommen hatte, haben die Majors sich von all dem getrennt. Das war aber auch für uns keine gute Zeit. Napster und selbstgebrannte CDs kamen auf. Erst als Apple iTunes startete und YouTube immer wichtiger wurde, wendete sich wieder das Blatt - wobei ich es bis heute absurd finde, dass solche Prozesse von Dritten angestoßen wurden und nicht aus der Branche selbst kamen. Der neue Dance-Boom rief dann allerdings auch die Majors wieder auf den Plan, die ihre Dance-Departments wieder öffneten und A&R-Manager für den Bereich einstellten. Diese Wellen sind uns erhalten geblieben. Mal ist Dance für Pop-Hits gut, dann ist Dance wieder eher im Underground zu finden.

Aber sind Dance und Pop nicht auch musikalisch zusammengewachsen, wenn Mainstream-Hits Club-Beats haben und Club-Hits richtige Refrains?

Ich sehe da einen schon lange laufenden Prozess, wenn man etwa an Spiller und seinen instrumentalen House-Track »Groovejet« von 1999 denkt, der mit den Vocals von Sophie Ellis-Bextor zu »If This Ain't Love« und einem richtigen Pop-Hit wurde. Ich habe immer gesagt: Wenn eine Dance-Nummer erfolgreich ist, ist es eine Pop-Nummer. Und das war für die Außenwirkung des Genres bisweilen ein Problem, weil nämlich Labels ihre Pop-Hits, die eigentlich Dance-Tracks waren, für die Genre-Auswertung des Bundesverbands unter »Pop« und nicht »Dance« ­angemeldet haben. Das führte dazu, dass Dance dort nur einen Mini-Markt­anteil hatte. Das Segment fristete eine Zeitlang ein Nischendasein, auch wenn die Wirklichkeit eine andere war. Ein anderer Aspekt zum Thema Dance und Pop sind sicherlich die Kollaborationen mit Künstlern aus beiden Bereichen: Das Zu­sammengehen von Dance und Pop, wenn etwa DJs mit Pop-Artists kooperieren, oder Produzenten vergessene Hits aus den 80er und 90er-Jahren aus der Schublade holen und neu auflegen, ist zwar eine super Sache, hat aber vor allem etwas mit Marketing zu tun.

Aber hat sich nicht auch die DJ-Kultur in diesen 25 Jahren geändert?

Sicherlich ist die Aufmerksamkeitsspanne heute kürzer, weswegen ein DJ heute rasch von einem Track zum nächsten überleitet. Aber auch hier sehe ich Wellenbewegungen, die sich durch die technische Infrastruktur ergeben. Man denke doch nur an die Ära der Jukeboxen, als Songs nicht länger als 2:20 Minuten sein durften, damit die Leute rasch wieder Geld für einen neuen Song einwarfen. Das ist bei Spotify heute vergleichbar: Ist ein Song kürzer, wird er öfter gestreamt. Und diese Fokussierung auf den einen, entscheidenden Track, liegt auch daran, weil früher zu oft ein schnell zusammengeschustertes Album eines Dance-Acts mit nur einem Hit und vielleicht noch ein paar Instrumentals auf den Markt geworfen wurde. Der Konsument hat dann ein schwaches Album gekauft und war entsprechend enttäuscht. Das war auch der Grund, warum gut kuratierte Compilations so erfolgreich waren und sind - was ja auch für unsere »Kontor Top Of The Clubs« gilt.

Spielen denn das Album oder überhaupt physische Veröffentlichungen für ein Label wie Kontor noch eine Rolle?

Das Album verliert immer mehr an Bedeutung. Auch das Debütalbum unseres Pop-Künstlers Tom Gregory, »Heaven In A World So Cold«, ist leider unter den Erwartungen geblieben. Das mag allerdings auch an der Pandemie gelegen haben, weil er nicht live spielen konnte. CD und Vinyl sind für Kontor jedenfalls eine absolute Nische, Physisch macht bei uns keine fünf Prozent mehr aus.

Hat sich das internationale Geschäft für Kontor Records geändert?

Total. Wir machen kaum noch Labeldeals - bis auf Deals mit Armada und Central Station haben wir keine mehr. Maximal schließen wir noch einzelne Lizenzverträge für Tracks aus Märkten wie UK, USA, Frankreich oder vereinzelt Skandinavien ab. Dagegen machen wir inzwischen sehr viel selber und sind nicht mehr auf lokale Partner angewiesen. Aber das ist ein gegenseitiger Prozess, da jeder ein Interesse daran hat, möglichst viele Rechte zu behalten. Dabei hilft uns, dass die Marketingkosten heute viel niedriger sind. Als wir anfingen, musste man noch teure Videos für Viva drehen, die dann im schlimmsten Fall dort nie gezeigt wurden. Auch wenn sich aufwändige TV-Spots früher sofort in Abverkäufen niederschlugen, so ist es wirtschaftlich doch ein Vorteil, dass man heute keine TV-Spots mehr braucht, weil man ganz andere Kanäle wie Social Media nutzen kann.

Welche Folgen hatte es für ein Dance-Label wie Kontor, als HipHop immer größer wurde? Hat man da schon einmal die Fühler ausgestreckt?

Für uns waren das eher Zufälle, wenn wir mit einem Thema wie den Atzen erfolgreich waren. Wir haben nie gedacht, wir müssten jetzt im Urban-Bereich aktiv werden. Denn das sind wir nicht, das können wir nicht, und da gibt es andere Experten, die können das viel besser als wir.

Ist es bei Dance-Acts noch schwieriger geworden, einen DJ oder Produzenten zum Künstler aufzubauen, aus ihm eine Marke zu machen?

Definitiv. Dennoch bin ich stolz darauf, dass es uns zum Beispiel jüngst bei Lost Frequencies trotz ganz anderer Zeiten als vor 25 Jahren mit unserem Partnerlabel Armada gelungen ist, eben doch einen Künstler mit einer erkennbaren Identität aufzubauen. Auch wenn sich dann ein Album nicht extrem viel verkauft, so waren wir in seinem Fall doch mit vielen Tracks hintereinander überaus erfolgreich. Denn unser Ziel ist es nach wie vor, einen Act zu etablieren - und nicht etliche One-Hit-Wonder zu haben. Die Herausforderung ist heute allerdings die, nach einem Hit den neuen Song des Künstlers in die Playlists, ins Radio oder die DSPs zu bekommen. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass nach einem Hit auch die nächsten drei Tracks gespielt werden. Doch das gelingt Kontor Records, wie ich finde, sehr gut.

Schmerzt es da nicht, wenn Acts wie Lost Frequencies von Majors abgeworben werden?

Kontor Records hat einen bestimmten Ruf in der Branche. Ich vergleiche uns da mit einem Fußballverein, der im Talentaufbau sehr stark ist. Obwohl man einen jungen Spieler aufgebaut hat, kommt irgendwann ein Top-Verein und schnappt ihn dir weg. Das gehört einfach zur Historie von Kontor. Aber viel interessanter ist es doch auch zu sehen, wie die Karrieren dann weitergehen, wenn Künstler woanders hingehen. Wird ein gut ausgebildeter Spieler, um in der Fußballsprache zu bleiben, dann bei dem Top-Verein wirklich ein Weltfußballer des Jahres oder kann er möglicherweise sein Potenzial nie verwirklichen, weil der Trainer das nicht in ihm sieht? Vielleicht sollte man mal genau schauen, was aus einem Act wird, wenn er zu einem anderen, größeren Label gegangen ist.

Das Kernteam von Kontor Records besteht derzeit aus gut 30 Mitarbeitern. Kann man bei dieser Größe eigentlich noch den vielbeschworenen Kontor-Familiengeist aufrecht halten?

Ja, das geht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir alle nur in wenigen größeren Räumen verteilt sind. Ich selber sitze etwa mitten in einem Zwölf-Mann-Büro. Dadurch kann jeder miterleben, wie Kontor lebt und fühlt. Und in der Pandemie haben wir diesen Raum sogar noch vergrößert, so dass nun weitere sechs Personen in dem Büro mit mir sind. Damit kann ich ganz leicht die Hälfte des Teams auf Zuruf erreichen. Das ist auf jeden Fall ein Vorteil für den Zusammenhalt, auch wenn ich zugeben muss, dass es auch Nachteile gibt, etwa wenn man für ein vertrauliches Gespräch in einen Meeting-Raum gehen muss. Für Kontor ist es aber sehr wichtig, dass wir dieses Gemeinschaftsgefühl auch im Büro leben.

Kontor Records hat sich in den 25 Jahren diversifiziert, mit Abteilungen für Booking, Management oder Publishing, von Kontor New Media ganz zu schweigen. Besteht da nicht auch die Gefahr, sich zu verzetteln?

Beim Booking und Veranstaltungsbereich haben wir gemerkt, dass es da andere Experten gibt, die das besser beherrschen als ein Label, und auch beim Management stößt man schnell an seine Grenzen, was man innerhalb von 24 Stunden machen kann. Wir haben immer wieder Dinge ausprobiert, dabei auch Fehler gemacht, aber daraus gelernt und dann lieber die Finger davon gelassen. Aus diesem Grunde haben wir dann auch darauf verzichtet, etwa Leute für den Urban/HipHop-Bereich einzustellen. Anders ist das beim Management und vor allem beim Verlag, wo wir mit Sheffield Communications Publishing zuletzt verstärkt aktiv waren. Denn das befruchtet letztlich auch den Labelbereich. So profitiert Kontor Records von den Songwriting Camps, die der Verlag ausrichtet. Beim Reeperbahn Festival haben wir in neun verschiedenen Studios ein Songwriting Camp gemeinsam mit Roba und Ultra Music organisiert, dabei hoffen wir, dass ein paar Hits für Kontor herauskommen.

Wie wichtig ist das Dach von Edel für Kontor Records?

Edel übernimmt einige Dienstleistungen wie Buchhaltung und Royalties sowie natürlich den physischen Vertrieb. Schön ist auch die räumliche Nähe im selben Gebäude mit der fantastischen Elb-Lage. Und Kontor New Media hat natürlich sehr viel mit Edel und ihren Veröffentlichungen - etwa bei Hörbüchern oder im Kids-Bereich - zu tun, aber Kontor Records ist immer bewusst autark gefahren.

Von Anfang an ist ja H.P. Baxxter Gesellschafter bei Kontor Records. Bringt er sich eigentlich auch unternehmerisch mit ein?

H.P. und ich haben auf den Rat von Leuten wie Alex Christensen oder Norbert Masch gehört und die Anteile zu gleichen Teilen geteilt. Und das hat bis heute perfekt funktioniert. Im Gegenzug halte ich noch immer 50 Prozent Gesellschaftsanteile an Scooter. Und das ist eine Partnerschaft, die sich bewährt hat. Wenn H.P., der mit Scooter ja auf dem Joint Venture mit Sheffield Tunes veröffentlicht, etwas kritisiert, ist das immer sehr direkt. Mir hilft es, wenn er die Dinge aus Künstlerperspektive betrachtet, das ist wichtig und erfrischend. Und natürlich ruft er bisweilen an, wenn er einen tollen Track gehört hat und dann wissen will, ob man die Rechte daran bekommen kann, um vielleicht etwas daraus zu machen.

Kontor Records blickt auf eine 25-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Was macht diesen Erfolg aus?

Man darf sich bei uns nicht allzu wichtig nehmen. Wir sind Dienstleister am Künstler, da muss man sich unterordnen. Jeder muss wissen, wir handeln mit Gefühlen und haben es mit Menschen zu tun. Da sollte man bereit sein, seine eigene Eitelkeit oder seinen eigenen Musikgeschmack hintenan zu stellen. Wir sind dafür da, dass ein Künstler in Lohn und Brot kommt und aus ihm einen Star zu machen. Diese Haltung müssen wir jeden Morgen verinnerlichen.