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Serie Nachhaltigkeit: "Nur wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, ist unzeitgemäß"

Für MusikWoche schreibt Thorsten Seif, Geschäftsführung Buback Tonträger und Buback Konzerte, welche tiefgehenden Folgen die Pandemie für das Livegeschäft hat. Er wirft die Frage auf, wie die Branche ein faires und sozial gesellschaftliches Miteinander - auch für sich selber - erreichen will.

14.10.2021 14:07 • von Dietmar Schwenger

Für MusikWoche schreibt Thorsten Seif, Geschäftsführung Buback Tonträger und Buback Konzerte, welche tiefgehenden Folgen die Pandemie für das Livegeschäft hat. Er wirft die Frage auf, wie die Branche ein faires und sozial gesellschaftliches Miteinander - auch für sich selber - erreichen will.

Die Wirtschaft in Deutschland erholt sich. Die Arbeitslosenzahlen sanken ab August 2020 wieder, nachdem sie coronabedingt ab März 2020 angestiegen waren. Zwar nur gering, aber Ökonom*innen und Wirtschaftsforscher*innen meinen, einen Trend oder eine Tendenz zu erkennen. Die vom Markt gewünschte Kapitalakkumulation wird vorübergehend an der Reise- und Tourismusbranche, dem Hotel- und Gaststättengewerbe und an einigen anderen Wirtschaftszweigen zwar vorübergehen. Und doch herrscht Optimismus in dem wirtschaftlich stärksten Land Europas, die Krise finanziell geschwächt, aber um einige Erkenntnisse reicher und mit einem blauen Auge zu überwinden.

Sonderstellung Live

Umsatzeinbrüche von 30, 40 oder gar 50 Prozent sind in vielen Bereichen trotzdem Standard. Es gibt nur eine Branche, ähnlich dem kleinen gallischen Dorf, die eine absolute Sonderstellung einnimmt: die Veranstaltungswirtschaft im Bereich Pop/Rock. Der Wirtschaftszweig mit einem Gesamtumsatz von rund sechs Milliarden Euro im Jahr 2019 und mit 160.000 Erwerbstätigen verbuchte im ersten Halbjahr 2020 durchschnittlich einen Umsatz von zwei bis fünf Prozent des Vorjahres. Wahrscheinlich wäre dieser noch geringer gewesen, wenn es nicht hier und da, notgedrungen, doch ein paar Veranstaltungen gegeben hätte. Ob dies das falsche Signal an die Politik war oder Solidarität mit den ganzen Soloselbstständigen der Branche bedeutete (mit Backliner*innen, Tontechniker*innen etc.) oder einfach nur Beschäftigungstherapie war, darüber lässt sich streiten. Fakt ist, ohne immense Rücklagen lässt sich dieses Desaster nicht bewältigen.

Die große Frage ist aber auch, wie geht es weiter, wenn es denn mal richtig weitergeht. Ist der Impfstoff der Heilsbringer? Wann sind alle Einwohner*innen, die auch bereit sind sich impfen zu lassen, zweifach geimpft? Mögen dann überhaupt ansatzweise so viele Menschen noch Live-Events besuchen wie einst oder stellen die Leute fest, dass der erzwungene Rückzug ins Private durchaus auch positive Effekte hat? Der lang gehegte Wunsch nach Entschleunigung geistert ja schon seit Jahren durch die Medien. Nun konnten viele Menschen einmal wirklich erleben, was es bedeutet, entschleunigt zu leben. Ausgenommen natürlich jene, welche Home Office und Home Schooling parallel, bis an den Rande des Nervenzusammenbruches, schultern mussten.

Und wenn es dann wirklich weitergeht, wie verhält sich die Branche untereinander? Steigt der Druck unter den Wettbewerbern oder gibt es eine umfangreiche, fast schon philosophische Erkenntnis, dass es so nicht mehr weitergehen kann? Erkennen dann alle, dass der Sinn des Lebens neben Liebe doch darin besteht, sich nicht zu wichtig zu nehmen, nicht auf Teufel komm raus auf den eigenen Vorteil zu bestehen?

Die Veranstaltungsbranche ist per se ein neoliberales Segment im globalen Wettbewerb. In Industrien wie Stahl und Autobau, die sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, mussten und konnten sich Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Rechte gegenüber den herrschaftlichen, autoritären Machern (ich schreibe bewusst ohne Binnen-I) peu à peu erkämpfen ("Der Arbeiter wird umso ärmer, je mehr Reichtum er produziert", Karl Marx, 1844). Damals gründeten sich Gewerkschaften, die versucht haben, die Defizite und kaum vorhandenen Freizeit- und Wohlfühl-Bedürfnisse aufzuholen. Der offizielle und staatlich anerkannte Status des Veranstalters und der Veranstalterin begann jedoch erst Ende der 90er-Jahre im 20. Jahrhundert.

Damals wurde der Beruf des Veranstaltungskaufmannes oder der Veranstaltungskauffrau geschaffen. Die Ausbilder*innen mussten keine Prüfung ablegen oder höhere Summen bezahlen (wie zum Beispiel im Baugewerbe üblich). Auf einmal waren Personen, die schon ein paar Jahre im Geschäft tätig waren, befähigt, junge Menschen zu Veranstaltungskaufleuten auszubilden. Das war ein sehr unbürokratischer Weg, um der Branche zu signalisieren, dass sie im Establishment angekommen ist. Eine Branche konnte sich selbst gestalten und die Bedingungen, unter denen sie zu funktionieren hat, selbstständig und selbstbestimmt festlegen.

Unten in der Hierarchie

Noch in den 90er-Jahren galten Veranstalter*innen in der Hierarchie der Musikbranche als Bauern, Mägde und Knechte der aus der Schulzeit bekannten Mittelalterpyramide. Ihr Status war ganz unten angesiedelt. Aufschwung kam durch das Fortschreiten der Digitalisierung im Tonträgergeschäft und die dadurch stetig sinkenden Lizenzerlöse für Musiker*innen. Spätestens mit dem Einzug der Streamingdienste war es für das Gros der Popprojekte kaum noch möglich, über die Veröffent¬lichung von Musik ausreichend Geld zu verdienen um davon den ¬Lebensunterhalt zu bestreiten. Da schlug die Stunde der Veranstaltungsbranche.

Am langen Hebel

Diese Umstände stärkten das Selbstbewusstsein der Veranstalter*innen. Auf einmal waren wir am langen Hebel. Wir, die Booker*innen und örtlichen Veranstalter*innen, waren auf einmal im Fokus der Branche, der Künstler*innen und Managements. Wir haben die Kohle klar gemacht. Der Ton wurde rauer, der Wettbewerb härter und die Möglichkeit, sich mit seinem Job zu identifizieren, brachte die Livebranche in Sphären, die noch in den 90ern niemals für möglich gehalten worden wären.

Junge Agentinnen und Agenten konnten sich beweisen, indem sie den noch besseren Deal abschlossen. An allen Ecken und Enden der Verwertungskette eines Konzertes wurden Kosten gekappt, halbiert oder negiert, nur um für die Künstler*innen und konsequenterweise auch für die Agenturen den Gewinn zu maximieren. Was ein Dumping und eine finanzielle Verknappung der Arbeits- und Verwertungskette bedeutet, ist in der Ökonomie bekannt. Die, welche wenig haben, haben noch weniger. Die Akteure, denen es finanziell eh schon gut geht, können Umsatz und Gewinn weiter steigern.

Eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, haben aus überall ähnlicher Motivation heraus den steinigen, erst einmal brotlosen Weg zum Veranstalter/der Veranstalterin, des Bookers/der Bookerin gewählt. Viele verbindet eine politische Haltung, die einher geht mit dem Wunsch nach einer gerechten, loyalen, diversen, antirassistischen Gesellschaft. Also so etwas, was man gemeinhin auch "links" nennt. Im Popbusiness herrscht die allgemein verbreitete Meinung vor, wer gegen Nazis ist, ist ein guter Mensch und auf der richtigen Seite. Dem möchte ich nicht widersprechen.

Nur halte ich es für mehr als selbstverständlich, in einem Land, das alleine rund sechs Millionen Juden auf dem Gewissen hat, das sich die Auslöschung der jüdischen Weltbevölkerung zur Aufgabe gemacht hatte, und das mit seinen Allmachtsfantasien für weitere 70 Millionen Tote im Dritten Reich verantwortlich ist, ein Antifaschist zu sein. Gegen Nazis zu sein, sollte also eh zum Selbstverständnis gehören. Spannend wird es beim politischen Bewusstsein, wenn es um die Bereitschaft geht, zu teilen, abzugeben und den eigenen Vorteil hinten anzustellen.

Eine Krise dieses Ausmaßes wie nun die Pandemie zieht zwangsläufig Armut und Arbeitslosigkeit nach sich, die erfahrungsgemäß die unteren Schichten, die vermeintlich Schwächeren, treffen wird. Aus sozialer Sicht ist Corona kein Gleichmacher, sondern ein Brandbeschleuniger. Corona hat Ungleichheiten offengelegt und verschärft. Ein Report des Statistischen Bundesamtes hat dies Mitte März 2021 offengelegt.

Oben und unten

Die in Pandemiezeiten vielbeschworene Solidarität und Loyalität ist nun wirklich gefragt. Auch in der Veranstaltungsbranche gibt es ein Oben und Unten. Die Frage ist nun, welchen Blick und welches Verhältnis künftig die Macher*innen gegenüber den Institutionen und Menschen haben, die zum "Unten" zählen. Der vielfach gesellschaftlich und politisch erhoffte Paradigmenwechsel in der Post-Corona-Zeit ist auch in der Livebranche gewünscht und an vielen Stellen nötig. Ein faires und sozial-gesellschaftliches Miteinander kann nur einhergehen mit dem Interesse für die anderen, die Wegbegleiter*innen und die Geschäftspartner*innen. Einfach nur die wirtschaftlichen und singulären Interessen zu verfolgen, ist unzeitgemäß und keine Option für eine Ökonomie des 21. Jahrhunderts. ?

Text: Thorsten Seif

zur Person

Thorsten Seif wurde am 6.Mai 1970 in Ulm geboren. In der Musikbranche durchlief er mehere Stationen. 1995 wechselte er von der Hamburger Promotionagentur Public Propaganda zu Buback und war dort als Angestellter in den Bereichen Booking und Promotion sowie als Produktmanager tätig. Seit 2005 ist Seif Geschäftsführer der Buback Tonträger GmbH. Zusammen mit Friederike Meyer, ebenfalls Buback-Geschäftsführerin, gründete Seif zudem den Musikverlag Tod's und Fred's. Er leitet inzwischen auch den Bereich Buback Konzerte, wo man sich um die Live-Aktivitäten unter anderem von Afrob, Alice Merton, Beginner, Blumfeld, Die Goldenen Zitronen, F.S.K., Fünf Sterne deluxe, Jan Delay & Disko No. 1, Kristof Schreuf, Samy Deluxe und Zugezogen Maskulin kümmert.