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Parteien zur Wahl Teil 6: Nur einer kam durch

Vor der Bundestagswahl stellte MusikWoche die Position von deutschen Partein zu branchenrelevanten Themen vor. Im letzten Teil der Reihe geht es darum, welche Kandidaten mit musikwirtschaftlichem Hintergrund als direkt gewählte Vertreter in den Bundestag einziehen.

01.10.2021 15:46 • von Dietmar Schwenger
Zog als Direktkandidat für die SPD in den Bundestag ein: Daniel Schneider (Bild: privat)

Vor der Bundestagswahl stellte MusikWoche die Position von deutschen Partein zu branchenrelevanten Themen vor. Im letzten Teil der Reihe geht es darum, welche Kandidaten mit musikwirtschaftlichem Hintergrund als direkt gewählte Vertreter in den Bundestag einziehen. So holte Daniel Schneider (SPD) ein Direktmandat, während Joe Chialo (CDU) und Jens Herrndorff (Bündnis 90/Die Grünen) sich in ihren Wahlkreisen nicht durchsetzen konnten.

Daniel Schneider, ehedem Mitgründer und Geschäftsführer des Deichbrand Festival, holte in seinen Wahlkreis Stade II für die SPD Cuxhaven ein Direktmandat. Joe Chialo, Chef des Labels Airforce 1 und Kandidat für die CDU in Berlin-Spandau, sowie Jens Herrndorff, Manager der Band Fettes Brot und Kandidat für die Grünen in Pinneberg, verpassten hingegen den Einzug in den Bundestag.

Festzuhalten bleibt zudem, dass keiner der drei Kandidaten von ihren Parteien mit einem aussichtsreichen Listenplatz bedacht wurde. Stattdessen mussten sie sich mit einem Direktmandat begnügen, eine mitunter deutlich anspruchsvollere Option, um in den Bundestag einzuziehen. So sah sich beispielsweise Herrndorff in Pinneberg mit dem SPD-Urgestein und Polit-Promi Ralf Stegner als Gegenkandidat konfrontiert, der vor Ort letztlich die Wahl für sich entscheiden konnte.

Auch Joe Chialo, dem zumindest während des Wahlkampfs nicht nur wegen seiner Nominierung im sogenannten "Zukunftsteam" des CDU-Kanzlerkandidaten Laschet mediale Aufmerksamkeit zu Teil wurde, blieb ein Wahlerfolg verwehrt. Er trat in Spandau-Charlottenburg Nord gegen den mit Amtsbonus ausgestatteten SPD-Kandidaten Helmut Kleebank an, der zugleich als amtierender Bürgermeister in Spandau ins Rennen ging.

Direkt am Tag nach der Wahl bemühte sich MusikWoche um Stellungnahmen der drei genannten Kandidaten. So äußerte Jens Herrndorff auf die Frage nach seinen persönlichen Erfahrungen im Wahlkampf sowie zum Wahlergebnis: "Der Wahlkampf war eine sehr intensive Zeit für mich. Mehr als 120 Termine habe ich als Direktkandidat in meinem Wahlkreis Pinneberg absolviert. Am Ende haben wir Grünen unseren Erststimmenanteil im Vergleich zu 2017 auf über 16 Prozent verdoppelt, und auch mit den Zweitstimmen liegen wir mit über 18 Prozent deutlich über dem Bundesergebnis. Als Politikneuling verbuche ich dieses historisch beste Ergebnis als Erfolg, wenngleich das erklärte Ziel natürlich der Gewinn des Direktmandats war." Hinsichtlich des Wahlergebnisses auf Bundesebene erklärt Herrndorff, er sei persönlich nicht zufrieden, "da ich mir ein deutlicheres Statement für mehr Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit erwartet habe".

"Ich hatte jede Menge großartiger Begegnungen - sowohl beim Wahlkampf auf der Straße als auch in der Kommunikation auf digitaler Ebene", lautet das Fazit von Joe Chialo. Ihm ist es von Anfang an darum gegangen seine "Themen und hier ganz besonders die Belange der Künstlerinnen und Künstler sowie der gesamten Kultur- und Kreativwirtschaft in den Fokus zu rücken. Und das ist mir nicht zuletzt durch die Berufung in Armin Laschets Zukunftsteam auch gelungen. Natürlich war das Wahlergebnis insgesamt für mich aber persönlich enttäuschend."

Auf die Frage, wie die Kandidaten künftig ihre Branchenkenntnisse in den jeweiligen Parteien oder politischen Gremien einbringen werden, entgegnete der Universal-Music-Manager: "Meine Themen sind mir viel zu wichtig, um jetzt in den Sack zu hauen. Und deshalb bin ich mir sicher, dass ich mich auch zukünftig für die Künstler und Kreativen sowie ihre Partner innerhalb meiner Partei und darüber hinaus einsetzen werde." Über das 'Wie' und in welcher Form, müsse er allerdings erst einmal nachdenken, denn jetzt: "werde ich mich aber erstmal um meine Familie, meine Künstler und meine Unternehmen kümmern. Darauf freue ich mich schon sehr. Und danach kümmere ich mich dann auch wieder um die politische Seite meines Lebens, die ich nach den Erfahrungen dieses Jahres nicht mehr missen möchte."

Konkreter hingegen äußert sich Herrndorff hinsichtlich seiner politischen Zukunft: "Als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Kultur der Grünen in Schleswig-Holstein werde ich weiterhin einen aktiven Part in der Kulturpolitik einnehmen. Aktuell erarbeiten wir unser Landtagswahlprogramm für die Wahlen im kommenden Jahr. Mir ist es wichtig, dass nicht nur die Kulturpolitik im Allgemeinen, sondern auch die Popkultur ausreichend berücksichtigt wird, da es bei uns im Land an ganz elementaren Beratungs- und Förderstrukturen fehlt. Außerdem möchte ich mich dafür einsetzen, dass die Kulturwirtschaft zukünftig in der Wirtschaftsstrategie des Landes Schleswig-Holstein eine angemessene Rolle spielt."

Der nun frisch gewählte Daniel Schneider kandidierte ebenso wie Chialo und Herndorff in einen nicht einfach zu gewinnenden Wahlkreis. Sein Gegenkandidat Enak Ferlemann (CDU) galt zumindest zuvor als etablierte Größe in Cuxhaven, der sich in den Bundestagswahlen 2013 und 2017 mit deutlichen Stimmanteilen sein Bundestagsmandat sichern konnte. Zudem verfügte auch Ferlemann seit 2009 als parlamentarischer Staatsekretär im Bundesministerium für Verkehr über einen Amtsbonus.

Es gibt, so begründet Daniel Schneider das gute Abschneiden der SPD, zwei wesentliche Faktoren: "Zum einen hat die SPD einen klaren Kurs eingehalten, wir haben ganz früh unser Zukunftsprogramm veröffentlicht, welches mit breiter Basis mit tausenden Genossen und Genossinnen sowie Experten entwickelt wurde. Damit waren wir lange vor der Wahl inhaltlich bereits gut aufgestellt. Ebenso früh haben wir mit Olaf Scholz als Kanzlerkandidat nominiert."

Seinen Wahlsieg indes erklärt sich Schneider wie folgt: "Was meine Wenigkeit als Direktkandidat in der Heimat betrifft, symbolisiere ich 'frischen Wind', weil die Menschen einfach einen Politikwechsel wollen und sich nicht mehr mit einem typischen konservativen Politikstil so gut identifizieren, so dass ich als engagierter Quereinsteiger ein gute Angebot an die Wähler:innen geboten habe. Zusammen mit der Parteibasis in der Region konnten wir damit klar machen, wofür wir stehen."

Da Martin Rabanus, der bisherige kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, weder ein Direktmandat gewonnen hat und aufgrund zahlreicher anderer gewonnener Direktmandate der SPD selbst damit nicht über den neunten Listenplatz in den Bundestag einziehen wird, stellt sich die Frage, ob Schneider vielleicht diese Funktion anstreben wird. "Ich bewerbe mich für den Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, habe bisher allerdings noch nicht weitergedacht, als dass ich erstmal ein ordentliches Mitglied dieses Ausschusses werden will." Die Willkommenskultur für Bundestagsnovizen beschreibt Schneider als "sehr gut". Er sei immer noch "absolut überwältigt. Darüber bin sehr glücklich und dankbar dafür, denn wir sind sehr gut empfangen worden, haben eine tolle Einführung erlebt."

Auf Seiten der Grünen schaffte auch Erhard Grundl über einen Listenplatz den Einzug ins Parlament. Darüber hinaus gibt es, wie aus seiner Übersicht des Büros des Bundeswahlleiters hervorgeht, drei weitere Kandidaten mit zumindest einem beruflichen Bezug zur Musik. Dabei handelt zum einen um den klassischen Musiker Matthias Moosdorf aus Sachsen, der für die AfD antritt, des weiteren um Nina Scheer (SPD), eine Absolventin der Folkwang Universität (Hauptfach Violine) sowie um den Diplom-Musikpädagogin Nico Tippelt von der FDP, der über die Landesliste seiner Partei den Einzug ins Parlament geschafft hat.

Text: Manfred Tari