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Für Carsten Brosda müssen "Kunst und Kultur ihre Relevanz deutlicher machen"

Im Gespräch mit MusikWoche erläutert der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, der zugleich Präsident des Deutschen Bühnenvereins sowie der Vorsitzende des Kulturforums der SPD ist und als potentieller Nachfolger der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gehandelt wird, die Wechselwirkung von Kunst, Freiheit und staatlicher Unterstützung in Corona-Zeiten.

22.09.2021 12:06 • von Dietmar Schwenger
Sieht auch eine Unterstützung der SPD durch Künstler: Carsten Brosda (Bild: Bertold Fabricius)

Im Gespräch mit MusikWoche erläutert der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, der zugleich Präsident des Deutschen Bühnenvereins sowie der Vorsitzende des Kulturforums der SPD ist und als potentieller Nachfolger der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gehandelt wird, die Wechselwirkung von Kunst, Freiheit und staatlicher Unterstützung in Corona-Zeiten.

Interview: Manfred Tari

___Während in der freiwirtschaftlichen Konzertbranche mehrheitlich immer noch die Ohnmacht regiert und die Anzahl der Absagen von Tourneen und Konzerten medial nur unzureichend aufbereitet wird, kam auch das Thema "Kultur" im Wahlkampf viel zu kurz. Es fand sich weder im Fragekatalog des Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung noch bei den stattgefundenen TV-Triellen der Kanzlerkandidaten wieder. Was sagt das über den gesellschaftlichen Stellenwert der Kultur als Wahlkampfthema aus?

Das kann bedeuten, dass sich die Parteien in der Kulturpolitik so einig sind, dass eine Differenz durch den Wahl-O-Mat nicht auszumachen wäre. Das glaube ich aber nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich Kunst und Kultur noch lauter zu Wort melden und ihre Relevanz deutlicher machen müssen. Viel zu oft erscheinen in der Öffentlichkeit andere Themen wichtiger.

___In Ihrem "Zeit"-Beitrag mit Olaf Scholz, "Für den Schulterschluss von Geist und Macht", heißt es unter anderem, dass es in der SPD "konkrete politische Ideen und Konzepte" gibt, das "Vertrauen zwischen Kunst und Politik wiederherzustellen." Wie und wann wollen Sie diese vertrauensbildenden Maßnahmen angehen?

Als Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie habe ich mir das bereits zur Aufgabe gemacht und den Diskurs auf unterschiedlichen Ebenen befördert. Selbstverständlich leitet mich das auch bei der Arbeit als Kultursenator in Hamburg. Im Mittelpunkt der Kulturpolitik muss der unbedingte Wille stehen, die Freiheit der Kunst zu fördern. Hierzu ist es notwendig, mit den Künstlerinnen und Künstlern und den Kultureinrichtungen im ständigen Austausch zu stehen und die Arbeit darauf auszurichten, die freie Entwicklung von Kunst und Kultur zu befördern. Ganz praktisch kann man das an den Hilfen in der Corona Zeit deutlich machen. Uns war es immer wichtig, die Hilfen genau so auszugestalten, dass sie passgenau auf die schwierige Situation der Künstlerinnen und Künstler ausgerichtet sind. In Hamburg haben wir im Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlern und den Verbänden daher gleich zu Beginn der Pandemie Hilfsmaßnahmen entwickelt. Auf diesen guten Erfahrungen haben wir dann auch insbesondere zusammen mit dem Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz den Sonderfonds Kultur auf die Schiene gesetzt. Das wohl größte Hilfspaket für die Kultur, das es je gab.

___In dem Artikel heißt es ferner, man wolle einen "gemeinsamen Raum des Dialogs schaffen", eine "Great Debate" inszenieren. Gleichwohl scheint es in der Politik ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, wonach sich beim Stichwort "Dialog" sich dieser auf Funktionäre, Lobbyisten oder auf Vertreter großer Unternehmen bezieht. Einschlägige Beispiele wie ein Lebensmittel- oder den Autogipfeln im Kanzleramt oder gar Einzelgespräche mit Bankern wie Olearius und Warburg taugen nicht unbedingt als Beispiel, Vertrauen wiederzugewinnen oder etwa doch?

Dieses ungeschriebene Gesetz kenne ich nicht. Und die politische Wirklichkeit sieht sehr anders aus. Wie gesagt wir in Hamburg haben gute Erfahrungen damit gemacht, im direkten Austausch die Ideen für das zu entwickeln, was nötig ist, um Kunst und Kultur bestmöglich zu unterstützen. Und dazu stehen wir mit ganz vielen in einem kontinuierlichen Austausch.

___Würden Sie sagen, es war ein politischer Fehler seitens der Bundesregierung, den Solo-Selbstständigen in der Kultur- und Kreativbranche im Zuge der Pandemie lediglich den 'vereinfachten Zugang' zu Hartz IV zu bieten, während börsennotierten Unternehmen (Bayer, BMW, Daimler) selbst im Krisenjahr 2020 dank Kurzarbeitergeld und sonstigen Hilfsmaßnahmen sogar in der Lage waren ihren Aktionären statthafte Dividenden zu zahlen?

Der vereinfachte Zugang zur Grundsicherung war wichtig, aber er war ja nicht das einzige, was an Hilfen entwickelt worden ist. Es gab sehr früh diverse Hilfsprogramme der Länder und aktuell den 2,5 Milliarden schweren Sonderfonds Kultur des Bundes, der auch Künstlerinnen und Künstlern zu Gute kommt, indem Kunst und Kultur auch unter Corona Bedingungen wieder ermöglicht wird. Nicht zuletzt war das Kurzarbeitergeld auch für viele Kulturbetriebe und ihre Angestellten ein Segen. Die Pandemie hat aber deutlich gemacht, wo Lücken in den sozialen Sicherungssystemen existieren, durch die gerade selbständige Künstlerinnen und Künstler gerutscht sind. Wir brauchen zum Beispiel eine Möglichkeit für Solo-Selbstständige sich solidarisch gegen Phasen des Einkommensausfalls zu versichern.

___Bündnis 90/Die Grünen können sich über eine Wahlempfehlung im Rahmen der Kampagne "#diesmalgruen" mit Mitwirkenden wie Balbina, Bela B. (Die Ärzte), Judith Holofernes (Wir sind Helden) oder Tiefschwarz freuen. Offenbar findet der "Schulterschluss zwischen Politik und Kultur" bei den Grünen derzeit schon statt, während die SPD diesen erst nach der Wahl mit einem "bundesweites Kulturplenum" realisieren will. Was sagt es über die Politik der SPD, wenn prominente Protagonisten aus der Popkultur, die gemeinhin ein jüngeres Publikum ansprechen, sich eher für die Grünen anstatt für die SPD aussprechen?

Naja, natürlich gibt es wie in der Gesamtbevölkerung auch, unter Künstlerinnen und Künstlern unterschiedliche politische Präferenzen. Ich sehe durchaus viel Unterstützung für das sozialdemokratische Zukunftsprogramm und für unseren Kandidaten Olaf Scholz. Klaus Staeck hat auch in diesem Wahlkampf viele engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer aus der Kultur, der Wissenschaft und der Gesellschaft gesammelt. Das ist ein toller Rückenwind, der eine Tradition hat, die bis zu Willy Brandt zurückreicht. Mit dem Kulturforum der Sozialdemokratie, das ich leiten darf, haben wir darüber hinaus einen beinahe einzigartigen Raum des Austauschs zwischen Politik und Kunst. Kann der noch enger und intensiver werden? Auf jeden Fall. Aber er existiert kontinuierlich.

___Bündnis 90/ Die Grünen hat nicht nur mit Angeboten wie der Gewährung eines Existenzgeldes für Künstlerinnen, Künstler und Kreative in Höhe von 1180 Euro (Baden-Württemberg) bereits gezeigt, dass sie in Bezug auf Hilfen für diese Klientel auf eine pragmatische Politik setzen. Ebenso wie die Grünen hat auch die Partei Die Linke diese Variante der Hilfe in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Im Wahlprogramm der SPD indes heißt es unter anderem zur "besseren sozialen Sicherung von freischaffenden Künstler*innen werden wir Mindestgagen und Ausstellungshonorare fest etablieren." Für den Bereich der institutionell geförderten Kulturbetriebe gewiss ein guter Vorschlag, für den Bereich der nichtgeförderten Kulturbranche eher eine Herausforderung. Fehlt es innerhalb der SPD an Verständnis und Kenntnis für die kleinteiligeren und nichtgeförderten Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft oder wie sonst kommen derartige Forderungen ins Wahlprogramm ihrer Partei?

Wenn wir über Mindestlöhne und gute Arbeit reden, dann gilt das überall. Auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Und ich nehme es auch durchaus so wahr, dass die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in diesen Branchen daran ein großes Interesse haben. Dass es nicht sein kann, dass künstlerische Freiheit mit Prekarität bezahlt werden muss, gilt überall. Gerade im Kulturbereich bedeutet das, dass wir auch Fördersysteme so ausgestalten müssen, dass die Bezahlung anständiger Gagen möglich ist. Das ist auch eine Grundlage dafür, dass soziale Sicherung funktioniert, die sich ja oft am Einkommen orientiert. Wenn wir wollen, dass hier alle Solo-Selbstständigen besser abgesichert sind, dann muss ihre Arbeitsleistung auch angemessen honoriert werden, ganz gleich ob es ein gefördertes oder ein nicht gefördertes Projekt ist. Im Übrigen: Wer ein Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler fordert, der fordert auch, dass der Staat festlegen muss, wer bezugsberechtigter Künstler oder bezugsberechtigte Künstlerin ist. Mit meiner Vorstellung von der Freiheit der Kunst geht das nicht zusammen.

___Olaf Scholz und auch Ihnen ist es zu verdanken, dass es den "Sonderfond sKultur" gibt. In der Praxis hingegen zeigt sich nun, dass komplexe Ausschluss- oder Förderkriterien dazu führen, dass potenzielle Nutznießer dieses Förderinstrument gar nicht erst in Anspruch nehmen können oder wollen. So sollen freiwirtschaftliche Konzertveranstalter:innen im Zusammenhang mit dem Ausfallfond einen Eigenanteil in Höhe von 20 Prozent aufbringen, was sich aber die wenigsten Unternehmen nach anderthalb Jahren der Pandemie-bedingten Einschränkungen überhaupt leisten können. Anders hingegen sieht es bei geförderten Kultureinrichtungen oder Projekten aus, deren Finanzierung in der Zeit der Pandemie gesichert ist. Unabhängig davon wurde im Zusammenhang mit anderen Hilfs- oder Förderprogrammen bereits deutlich, dass gut gedachte Förderziele aufgrund rechtlicher sowie bürokratischer Anforderungen mitunter ihre Wirkung verfehlen. Selbst in ihrem Beitrag in der Zeit findet sich der Satz "Politik hat sich zu oft zu sehr auf das Funktionieren der Systeme konzentriert." Ist diese Erkenntnis nicht sogar entscheidend dafür, dass es mehr als nur ein Kulturplenum braucht, um systemische Fehler zu korrigieren und zu beheben?

Das Kulturplenum soll helfen, Förderstrukturen besser aufeinander abzustimmen. Es ist ein Baustein einer Bundeskulturpolitik, die nicht nur auf Förderung guckt, sondern kreativwirtschaftliche Ordnungspolitik mit in den Blick nimmt. In Hamburg haben wir das seit längerem in einer Behörde unter einem Dach und es ermöglicht uns, viel präziser nicht nur zu fördern, sondern Rahmenbedingungen zu gestalten. Aus diesen Gesprächen mit der Branche ist auch die Idee des Sonderfonds entstanden. Bei solchen neuen Instrumenten ist es wichtig, dass auch agil nachgesteuert werden kann, wenn etwas noch nicht so funktioniert, wie es zunächst alle - auch die beteiligten Branchenvertreterinnen und -vertreter - gedacht haben. Aktuell kommen die sich schnell ändernden Bedingungen und neue Optionen wie 2G/3G-Wahlmodelle noch hinzu. Die Länder haben daher BKM Bund eine Reihe von Vorschlägen geschickt, wie bei dem Sonderfonds nachgesteuert werden sollte. Noch warten wir da auf eine Antwort.

zur Person:

Als "Chef-Lobbyist" des Theaters bezeichnet die "FAZ" unlängst Carsten Brosda, den Hamburger Kultursenator, der zugleich ihn Personalunion der Präsident des Deutschen Bühnenvereins sowie der Vorsitzende des Kulturforums der SPD ist. Interessanter allerdings ist zu erwähnen, dass Brosda derzeit in den Medien als die potentielle Wachablösung für das Amt des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gehandelt wird,

Noch hat Monika Grütters besagtes Amt im Kanzleramt inne, noch muss sich der SPDler Brosda mit der Kandidatenrolle begnügen. Sollten aber die aktuellen Meinungsumfragen zur Bundestagswahl halbwegs zutreffen, könnte Brosda, so denn Olaf Scholz auf Angela Merkel folgt, alsbald als Nachfolger auf Grütters folgen.

Der Gelsenkirchener und promovierte Journalist amtiert seit 2017 in der Hansestadt als Senator für Kultur und Medien, wo er sich bislang kulturpolitisch nicht nur im Spannungsbogen zwischen der Elb-Philharmonie und dem Golden Pudel Club verdingt. In seiner Funktion als mutmaßlicher Spitzenkandidat des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, der zwar auf keinen Wahlzettel zu finden ist, dennoch ein Anlass Brosda zu Wort kommen zu lassen.

Auch wenn Brosda in den gängigen TV-Polit-Talkshows nicht gesehen ward, in den Feuilletons und sonstigen Kulturaffinen Medienformaten hingegen schon. Zum auffälligsten Indiz eines weiteren Schrittes auf der Karriereleiter des redegewandten Politikers avancierte ein gemeinsamer Grundsatzartikel von Brosda und Scholz in der Wochenzeitung "Die Zeit" unter der Überschrift "Kulturpolitik der SPD - Für den Schulterschluss von Geist und Macht"