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Burghausen und Kawelke sprechen über Sexismus in Deutschrap und Musikindustrie

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit den Journalist*innen Lina Burghausen und Jan Kawelke über Sexismus im Deutschrap.

23.09.2021 11:45 • von
Expert*innen in Sachen Deutschrap: Lina Burghausen und Jan Kawelke (Bild: Diana Sommerbrise/Nils vom Lande, Montage: MusikWoche)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit den Journalist*innen Lina Burghausen und Jan Kawelke über Sexismus im Deutschrap.

_Warum hat #DeutschRapMeToo hierzulande eine Welle losgeschlagen - obwohl sexuelle Übergriffe und Belästigungen seit langem bekannt sind und auch medial thematisiert wurden? Wieso gibt es nun eine andere Dynamik?

Lina Burghausen: Tatsächlich ist die Debatte um Sexismus im ­Deutschrap keine neue: Wir führen diese Diskussionen im Schnitt alle zwei Jahre, immer dann, wenn ein neuer Fall ans Licht kommt über einen großen Rapper, der eines übergriffigen Verhaltens beschuldigt wird. Dann gibt es eine große Welle der Solidarität; diejenigen HipHop-Medien, die sich tendenziell kritischer innerhalb der Szene äußern, schreiben wichtige Kommentare und positionieren sich klar gegen Sexismus; und ein großer Teil der Szene schreit, es müsse sich etwas ändern, während andere den Mund halten. Nach wenigen Wochen ist diese Debatte aber stets wieder im Sande verlaufen.

Diesmal sind die Ausgangsbedingungen andere: Schon bevor @DeutschrapMeToo in den Medien präsent war, hatte sich eine Gruppe HipHop-Aktivist*innen organisiert mit dem Ziel, Betroffenen von sexualisierter Gewalt im HipHop beizustehen. Nachdem vor rund drei Monaten eine Influencerin einen bekannten Rapper beschuldigte, sie missbraucht zu haben, bekam das Thema wieder einmal mediale Brisanz - die dank den Akteur*innen von @DeutschrapMeToo diesmal jedoch nicht direkt wieder abflaut. Sie haben in den vergangenen Wochen ­unzählige Betroffene sexualisierter Gewalt im Deutschrap-Kosmos miteinander vernetzt, ihre Geschichten anonymisiert veröffentlicht und arbeiten auch an den Rahmenbedingungen, Opfer juristisch zu unterstützen. Das schafft natürlich eine völlig neue Dynamik und sorgt dafür, dass das Thema ernster genommen wird.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige männliche Akteure der HipHop-Szene, die versuchen, aus @DeutschrapMeToo Profit zu schlagen - entweder, indem sie Shitstorms provozieren und den Aktivist*innen drohen, oder indem sie vermeintliche Täter outcallen, um sich selbst zu profilieren.

Jan Kawelke: Ich habe das Gefühl, bei großen Umbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen braucht es immer verschiedene Faktoren, die zusammenfließen: Es muss schon ein grundlegendes Verständnis ­geben, eine bestimmte Masse an Menschen, die für ein Unrecht sensibilisiert ist, Betroffene wie Verbündete, Konsument*innen und Prominenz, es muss Aufmerksamkeit geben in den ­Medien und Angebote, um sich zu bilden - und dann immer wieder Ereignisse, die das berühmte Fass füllen, damit es irgendwann überläuft. Durch einen Tropfen, der kein Tropfen ist, sondern ein Schwall. Ein Ereignis, das so eindrücklich und plastisch und überschreitend ist, dass jedes Wegsehen sofort als ­unsolidarisch markiert wird. Die Musikwissenschaftlerin Nava ­Zarabian hat im Interview mit der »Zeit« ­außerdem auf den verstärkenden Effekt von Social Media hingewiesen, wo es Betroffenen leichter gemacht wird, ihre Geschichten zu teilen.

_Frau Burghausen, Sie sind auch als A&R beim PIAS-Label 365XX tätig, wie gehen Sie mit grenzüberschreitenden Texten um?

Burghausen: In gewisser Weise haben wir bei 365XX ja einen Sonderstatus, weil wir ausschließlich mit Artists arbeiten, die sich als weiblich, inter oder trans identifizieren. Natürlich können grenzüberschreitende Texte aber unabhängig vom Geschlecht der Musiker*innen fabriziert werden. Mit meinen Acts spreche ich schon in den ersten Signing-Gesprächen über Inhalte. Sexistische, rassistische, antisemitische, antimuslimische oder andersartig diskriminierende Textzeilen soll und wird es bei 365XX nicht geben. Da sind sich meine Kolleg*innen von PIAS Germany und ich einig. Das ist den Künstlerinnen beim Signing dann auch klar.

_Das klingt simpel, warum greift solch ein Mechanismus nicht bei anderen Labels?

Burghausen: In meinen Augen hat das damit zu tun, dass Sexismus für viele noch immer ein Kavaliersdelikt ist. Die meisten Labels würden sich - zum Glück - wohl weigern, einen durchweg rassistischen Song zu veröffentlichen, auch wenn es auch hier leider immer wieder grenzüberschreitende Lines gibt. Sexismus ist für viele dagegen scheinbar von der Kunstfreiheit gedeckt. Mir geht es nicht um Zensur, Rapper*innen sollen natürlich über alles rappen, was sie wollen. Die Frage ist aber doch, welchen Inhalten wir als Musikindustrie eine große Bühne geben wollen und welchen nicht. Das betrifft nicht nur Labels, sondern ganz besonders auch Playlist-Kurator*innen, Veranstalter*innen und natürlich auch Managements.

_Herr Kawelke, glauben Sie, dass die Aufmerksamkeit größer als sonst war, da sich hier auch Männer positioniert haben?

Kawelke: Ich denke, das gehört auch zu diesem beschriebenen Prozess dazu. Die Unterdrückenden müssen sich ihrer Machtposition bewusst werden und sie aufrichtig aufgeben wollen. In diesem Fall müssen wir Männer uns mit unseren Denkmustern, unserem verinnerlichten Sexismus und Verhalten auseinandersetzen. Wir müssen lernen und reflektieren wollen. Und wir müssen es anmahnen - öffentlich und im privaten Kreis bei unseren Freunden und »Brüdern«. Dass das überhaupt passiert, und ich diese Gedanken hier zusammenstammle, liegt aber natürlich an der Arbeit, die in dem Bereich bereits von Frauen gemacht wurde und seit Jahren gemacht wird - von Sookee, Lady Bitch Ray, Visa Vie, Salwa Houmsi, Helen Fares, Miriam Davoudvandi, Jule Wasabi und vielen weiteren - und an den mutigen Frauen, die bereit sind, (öffentlich) ihre Geschichten zu teilen.

_Ist es neu, dass männliche Verbündete auf starken Gegenwind gestoßen sind?

Kawelke: Es ist neu, weil es diese männlichen Verbündeten gerade überhaupt erst gibt und sie nun offenbar für die Ewiggestrigen eine Bedrohung darstellen. Der Gegenwind, die Abwertung funktioniert ja über ähnliche Denkmuster. Da wird dann eben die «Männlichkeit« abgesprochen, man wird als »weiblich«, »weich« oder »schwul« bezeichnet, so als wäre das was Schlimmes. All das entspringt demselben verqueren Bild von Männlichkeit.

_Wie weicht man die strukturellen Probleme innerhalb der Branche auf?

Burghausen: Ich fürchte, da ­müssen wir an verschiedenen Fronten ansetzen. In meiner Wahrnehmung ändert sich schon viel, wenn mehr potenziell von Sexismus betroffene Personen in Entscheidungspositionen sind - also sogenannte Gender Minorities; Frauen, Inter- und Transpersonen. Die Musikindustrie ist einfach wahnsinnig männer­dominiert und gerade in den Chefetagen ein ziemlicher Jungsclub. Innerhalb der Kulturbranche gibt es kaum eine männlicher geprägte Subindustrie - außer der Gamingbranche und vielleicht der Porno-Industrie. Wären Frauen selbstverständlicher vertreten in Verhandlungen, ­Backstages, auf Bühnen und in ­Redaktionen, würde das vieles ändern.

Es darf aber nicht nur an den Frauen liegen, was zu verändern: Es braucht männliche Allies, die diese ständigen Kämpfe gegen Sexismus mittragen, weil vielen Betroffenen über die Jahre die Luft ausgeht. Denn nach wie vor ist es nun mal leider so, dass Männer eher auf andere Männer hören, wenn diese signalisieren, dass sexistisches Verhalten und Übergriffigkeiten nicht tolerierbar sind. Das liegt daran, dass wir in einer patriarchalen Welt leben, einer Welt von Männern für Männer, die zugleich die Benachteiligung anderer Geschlechter ermöglicht und normalisiert. Ich wünsche mir, dass mehr Männer ihre Positionen nutzen, um eine Veränderung zu bewirken.

Ich würde mir außerdem von allen Unternehmen und Institutionen der Musikindustrie Anlaufstellen für Betroffene von Sexismus und sexualisierter Gewalt innerhalb des Unternehmens und der Branche wünschen. Bisher werden Opfer in der Regel allein gelassen und haben kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren. Das ist kein Zustand.

_Ist Rap gerade der Fußabtreter für das Sexismus-Problem?

Burghausen: Es ist natürlich ein Leichtes für die Unterhaltungsbranche, jetzt mit dem Finger auf HipHop zu zeigen und die eigenen Probleme mit Sexismus weiter zu ignorieren. Dabei zieht sich Sexismus wie ein roter Faden durch die Branche und unsere ganze Gesellschaft. Mir ist es aber auch wichtig, klar zu sagen: Ja, HipHop hat ein großes Sexismusproblem und das müssen wir als HipHop-Szene auch benennen und vor allem angehen. Im Rap ist Misogynie auch deutlich sichtbarer und damit omnipräsenter als in anderen Musikrichtungen, allein durch die Textdichte und Explizität in vielen Lyrics. Wir werden Sexismus in der Rapmusik aber nicht besiegen können, während in anderen Genren weiterhin fröhlich zu Texten geschunkelt wird, die regelmäßig von sexuellen Übergriffen erzählen - Stichwort Schlager.

_Glauben Sie, dass es richtig ist, dass die Thematik hauptsächlich im Rap-Kosmos behandelt wird?

Kawelke: Nein, Sexismus, Frauenhass, Gewalt gegen Frauen, sexueller Missbrauch sind gesamtgesellschaftliche Probleme. Sie finden sich in allen Genres, im Schlager genauso wie im Punk und natürlich generell in der Musikindustrie, aber auch im Film, dem Theater und Tanz, im Journalismus, im Sport, in der Politik.

_Haben Sie Ideen, warum sich nur wenige Künstler solidarisiert haben?

Kawelke: Was große politische Umbrüche oder Erschütterungen angeht, ist die Deutschrap-Szene im internationalen Vergleich immer ein paar Dezibel leiser. »Warum so wenig?« Das hat man sich bei Hanau gedacht, bei Halle, bei den Black-Lives-Matter-Protesten und jetzt auch wieder bei MeToo. Es herrscht offenbar viel Verunsicherung und Angst vor Positionierung. Sookee hat in einem Text für das Magazin »Edition F« auch davon gesprochen, dass »Cis-Männer, die Cancel Culture auf ihre eigenen Bro-Codex-Verstrickungen anwenden und Verantwortung übernehmen werden müssen«. Es ist eben nicht mehr so einfach getan. Eine schwarze Kachel zu posten, wird nicht funktionieren. Wenn man es wirklich will, muss da schon ein bisschen mehr kommen und das ist halt einfach auch anstrengend. Deswegen sollte man nicht aufhören, die sexistischen Strukturen in der »eigenen« Kultur zu bekämpfen, aber man sollte sich auch nicht dazu hinreißen lassen, die Probleme dorthin abzuwälzen und zum reinen Rap-Problem zu machen, weil es bequem ist. Der Diskurs wird an dieser Stelle dann oft auch von Rassismus und Klassismus begleitet, es wird der Eindruck vermittelt, es wären vor allem migrantische Männer, die für dieses Problem verantwortlich sind, was natürlich absoluter Unsinn ist.

_Was ist der Ausblick?

Burghausen: Wie viele andere Frauen, Inter und Transpersonen habe auch ich die Befürchtung, dass das Thema Sexismus im Deutschrap bald wieder von der Bildfläche verschwindet und die viele Energie, die solche Debatten kosten, keine wirkliche Veränderung erzielen konnte. Dass neben @DeutschrapMeToo auch weitere Initiativen wie Music Women Germany, Keychange sowie zahlreiche (queer-)feministische Kollektive innerhalb der Branche es sich zur Aufgabe gemacht haben, an den verschiedensten Fronten gegen Sexismus zu kämpfen, das stimmt mich hoffnungsvoll.

_In der idealen Welt, welche Veränderung bringt es nun mit sich?

Kawelke: Die Initiatorinnen von DeutschrapMeToo haben mal gesagt: »Wir haben einfach die Hoffnung, dass weiblich-gelesene Personen die Chance bekommen, an Konzerten, Veranstaltungen und Partys teilzunehmen und ihr Leben führen zu können, ohne Angst haben zu müssen, übergriffiges Verhalten zu erleben.« Das ist ja ein sehr bescheidener Wunsch, der aufzeigt, wie weit wir noch von einer Welt entfernt sind, in der sich Frauen sicher fühlen können. Das schöne an der HipHop-Kultur ist ja eigentlich: Jede und jeder kann teilhaben und Teil sein, etwas einbringen und sie mitgestalten. Sie unterstützt in ihrer Grundidee die Schwachen und Ausgegrenzten, gibt denen eine Stimme, die keine haben. Die Kultur kann ja auch vorneweg gehen, sie kann avantgardistisch sein und besser als der Rest der Gesellschaft. Im HipHop ging es immer um Referenzen und Einflüsse, je vielfältiger die sind, desto besser ist am Ende die Kunst.

Interview: Stefanie Kim

_zur Person

Lina Burghausen alias Mona Lina ist Preisträgerin des International Music Journalism Awards und A&R-Managerin des All-Female-Rap-Labels 365XX, einem Sub-Label von PIAS. Dort stehen unter anderem Die P, Yetundey, Mariybu, Skuff Barbie und PALAS unter Vertrag. Sie ist eine von sechs ausgewählten deutschen Teilnehmerinnen am Keychange Programm 2020/2021. Bereits 2014 hat sie ihre eigene PR-Agentur gegründet und arbeitet als Musikpromoterin und -managerin, freie Autorin und DJ in Leipzig. Gemeinsam mit ihrem vierköpfigen Team unterstützt und berät sie vor allem Independent-Artists in Sachen Pressearbeit, Social Media und Marketingfragen, textet und gibt Workshops. Als HipHop-Head seit Kindertagen steckt sie tief in der Szene und ist bereits seit ihrem 16. Lebensjahr journalistisch aktiv. Seit November 2018 räumt Mona Linas Blog-Reihe »365 Female MCs« das Internet auf: Unter www.365femalemcs.com und in der zugehörigen Spotify-Playlist stellt sie täglich neue Rapperinnen vor, beweist, dass Frauen am Mikrofon keine Randerscheinung sind, und macht die Vielseitigkeit von HipHop-Künstler*innen aus der ganzen Welt sichtbar. Hierbei leitet sie ein Team aus etwa 40 ehrenamtlichen Autor*innen, Illustrator*innen und Organisator*innen. Für dieses Projekt wurde sie 2018 mit dem International Music Journalism Award in der Kategorie »Beste musikjournalistische Arbeit unter 30 Jahren« ausgezeichnet.

_zur Person

Jan Kawelke, Grubenenkel, 1992 aus einer Bleistift-Miene gespitzt, ist die HipHop-Hälfte vom »Machiavelli«-Podcast. Da streiten sich Politik-Journalist Vassili Golod, Popkultur-Stimme Salwa Houmsi und Kawelke alle zwei Wochen über Rap & Politik. Dazwischen moderiert er die musikalische Weltreise von COSMO, den »Soundcheck« und lernt nicht nur Künstler*innen, sondern gleich ganze Genres kennen, von deren Existenz er bisher nichts ahnte: Fuji, Gqom, Kawaii. Seine erste Liebe wird aber der Stift bleiben: Er schreibt für Zeitungen und Magazine, für Geld und vor allem für immer. Ab Herbst steht er auch für Arte vor der Kamera.

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977 in Westfalen geboren. In Köln betreute sie Brand Partner-ships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC Giga. 2000 ging sie für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI. 2005 wechselte Kim vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels/Virgin/Mute. 2010 gründete sie KimKom. Neben Künstlern und Brands finden sich auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag der Agentur. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.